Wochengedicht

Ich lese “Der Stift und das Papier“, ein autobiographischer Roman von Hanns-Josef Ortheil. Als Kind begann Ortheil unter Anleitung seines Vaters, tägliche Notizen über den Tagesablauf anzulegen. Irgendwann schlug der Vater vor, Wochengedichte zu basteln. Bub Hanns-Josef schrieb einzelne Sätze aus den Tagesblättern ab und stellte sie zu holprigen Wochengedichten zusammen.

Ich lege das Buch zur Seite und tue dasselbe. Meins ist noch holpriger als das von Bub Hanns-Josef, aber es macht Spaß, alle Wocheneinträge nochmals zu überfliegen (und dabei ein paar Fehler zu korrigieren), Sätze zu copy-pasten, dann zu kürzen, umzustellen, da und dort ein Wort einzufügen und die Zeitformen von ein paar Verben zu ändern.

Hier also mein erstes Wochengedicht:

Les Alqueries,

der Morgen:

als hätte sich die Zivilisation wie ein Pilzbefall über die Landschaft gelegt:

Lager- und Gewerbehallen,

wuchernde Einfamilienhäuser und Wohnblöcke,

Orangen- und Mandarinenhaine.

Les Alqueries,

der Abend:

Chengs chinesische Nudelsuppe, gekochte und frittierte Eier.

Wir sprechen

über Zukunftspläne:

Das Schreiben von Büchern, das Gründen von Firmen.

über die Jugend:

Bauernhöfe in Trondheim, in Canterbury.

über Filme.

Wenn ich könnte:

Pro Woche einmal ins Kino gehen,

ein Buch lesen.

Ich kann nicht, aber ich werde

mein Bestes geben

um doch ein wenig zu können.

 

 

 

08.01.2016

Heute, an einem Freitag (und merkwürdigerweise nicht gestern, am Tag nach Reyes), kehrt Paul in den Chindsgi (Kita) zurück. Er freut sich riesig. Kurz vor neun Uhr fahre ich los, mit dem Ziel, um halb zehn in der Bibliothek zu sitzen und an meinem Roman “Metropolis M50” weiterzuarbeiten, aber ich finde die Tür verschlossen vor. Nicht die der Escuelita sondern die der Bibliothek. Sie lädt erst am Montag wieder zur stillen Arbeit ein. Anstatt unter Examen-vorbereitenden Studentinnen und Zeitung-lesenden Senioren, sitze ich nun in einem jazzig-lauten Starbucks vor einem Tall Latte mit Kokosnussmilch. An M50 ist hier nicht zu denken. Unterwegs habe ich mir deshalb den País gekauft, welchem heute der Kulturführer Guía del Ocio beiliegt. Ich nutze die Gelegenheit, um den vor mir liegenden Kinomonat zu planen, auf dass 2016 ein besseres Kinojahr werde, als das vergangene, in dem ich nur zwanzig Mal im Tempel saß (zuhause schaue ich mir selten Filme an).

Das folgende habe ich verpasst:

  1. The Tale of the Princess Kaguya (einer von drei animierten Filmen auf Kermodes Liste)
  1. The Ecstasy of Wilko Johnson (“Julian Temple is one of the best music film makers … a film that is genuinely transcendent”)
  1. Sunset Song (“Terrence Davies, one of the UK’s greatest auteurs”)
  1. Brooklyn (Drehbuch von Nick Hornby)
  1. The Song of the Sea (der zweite animierte Film auf der Liste … “I really think we go through a golden age of animation”)
  1. The Falling (“a film, which isn’t afraid to be ambiguous”)
  1. Carol (die Adaption eines Patrica Highsmith Romans; sieht aus, als müsste ich mehr von ihr lesen)
  1. Girlhood (der erste nicht englischsprachige Film … “a fantastic Parisian tale of girls in the hood”)
  1. A Girl Walks Home Alone at Night (ein US-Iranischer Horrorwestern)
  1. Inside Out (a Pixar movie … “I’ve seen it more times than is healthy”)

Ich habe dieses Jahr also keinen einzigen von Kermodes Lieblingsfilmen gesehen. Ich glaube, dass so etwas, seit ich ihn kenne, noch nie vorgekommen ist.

Aber natürlich habe ich noch viel mehr verpasst. Eine schnelle Googlesuche legt das gesamte Ausmaß des Desasters offen. Von den Filmen, die auf den meisten best-of-2015 Listen auftauchen, habe ich nur Whiplash und Birdman gesehen. Verpasst habe ich:

  • Selma
  • Inherent Vice (Paul Thomas Anderson)
  • Foxcatcher
  • A Piegon Sat on a Bank Reflecting on Existence (Roy Andersson)
  • Mad Max Fury Road
  • Listen Up Philip (will ich unbedingt noch sehen)
  • Hard to Be a God (muss ich ebenfalls sehen)
  • James Bond Spectre
  • Tangerine (“shot entirely on an iPhone”)
  • Room (der dritte, der verpassten Filme, den ich noch sehen will)
  • ’71
  • Anomalisa

Ich könnte die Liste noch weiterführen, aber sie ist bereits länger, als wir in einem Jahr Heimkino bewältigen können. Für Fernsehserien haben wir überhaupt keine Zeit und das obwohl seit einigen Jahren vor allem in den USA und in Großbritannien soviel Sehenswertes produziert wird, dass ich ganz auf Bücher und Kino verzichten müsste um in Sachen TV-Shows auf dem Laufenden zu bleiben.

Obwohl mir, wie an dieser Stelle klar geworden sein sollte, jegliche Kompetenz fehlt, um über das vergangene Kinojahr zu schreiben, folgt hier doch noch mein Senf (sprich meine Top-Five-Liste):

  1. Winter Sleep (Kino Golem, Madrid)
  2. Heimat (Kino Renoir, Madrid)

Ein türkischer und ein deutscher Film. Beide Geschichten entfalten sich langsam in einer eisigen Winterlandschaft. Beide sind über drei Stunden lang und hätten für mich noch viel länger dauern können.Winter Sleep ist ein wenig vergleichbar mit Rolf Lapperts Über den Winter“.

3. Los Exilados Románticos (Kino Renoir, Madrid)

Ein ganz kleiner spanischer Film. Der Regisseur, Jonas Trueba, Spross eines spanischen Filmemacher-Clans (Vater Fernando hat einen Oscar über dem Kamin stehen), tat, was viele junge Filmemacher schon vor ihm versucht haben: Er unternahm mit ein paar Schauspieler-Freunden, einer Kamera und vermutlich einem eher losen Drehbuch einen Roadtrip (in diesem Falle nach Paris) und drehte unterwegs einen Film. Die ersten paar Minuten lang, den spanischen Hipster-Klischee-Dialog über mich ergehen lassend, dachte ich “oh Gott”, aber dann begann mir der Film immer mehr zu gefallen und wurde schließlich sogar zu einem der wenigen Kinohighlights des Jahres. Als die Lichter angingen, hörte ich hinter mir ein geseufztes “que flojo” (“so was von lahm”) und ich verstand den Kommentar. Los Exilados Románticos vermittelt ein Lebensgefühl, für das man empfänglich sein muss. Ich war es, da der Film mich ganz wage an lang vergessene Stimmungen aus meiner eigenen Jugend erinnerte.

4. Relatos Salvajes (Kino Renoir, Madrid)

Eigentlich eine Ansammlung von vier oder fünf argentinischen Kurzfilmen. Die Episoden “El bombitas” und “La novia” gehören zum amüsantesten, was ich seit Langem im Kino gesehen habe.

5. Ex Machina (Kino Yelmo Icaria, Barcelona)

Ein Science-Fiction-Film, der sich auf spannende und intelligente Weise mit dem Thema AI (künstliche Intelligenz) auseinandersetzt.

Und zum Abschluss noch eine Arbeitsliste. Filme, die zur Zeit in Madrid im Kino laufen, die ich sehen muss oder zumindest gerne sehen würde:

  • Bridge of Spies (Spielberg, also ein Muss)
  • Steve Jobs (Sorkin und Boyle, natürlich ebenfalls ein Muss)
  • Sweat Red Bean Paste (kein Muss, aber die Nummer drei)
  • Taxi Tehran
  • 45 Years (war auf einigen 2015 Bestenlisten)
  • Macbeth (war ebenfalls auf den 2015er-Listen zu finden)
  • Star Wars
  • The Walk
  • La Novia

Wenn ich könnte, würde ich dieses Jahr pro Woche ein Buch lesen und einmal ins Kino gehen. Ich kann nicht, aber ich werde mein Bestes geben um doch ein wenig zu können.

Schreiben über das Lesen

Ich habe ein Goodreads-Account, welches ich vor ungefähr zwei Jahren eröffnet hatte und seither brach liegen ließ, in Betrieb genommen und möchte auf diese Weise Protokoll über mein Lesen führen. Wie aber soll man über Bücher schreiben? Ich bin gerade dabei, Rolf Lapperts neustes Buch “Über den Winter” fertig zu lesen und habe ein paar Rezensionen des Buches überflogen, mit denen ich nicht viel anfangen konnte. Ich mag Literaturkritik, welche das Buch als Sparringpartner betrachtet. Beim Sparring ringt man immer mit sich selbst, nie mit dem Gegner.

Ich lese sehr wenige Kritiken und wenn, dann meistens von Filmen und fast nie von Büchern. Wenn ich eine Kritik lese (oder mir anhöre), ist es mir wichtig, dass ich zur Kritikerin eine persönliche Beziehung habe (wenn auch eine einseitige). Das Daumen-hoch oder Daumen-runter einer unbekannten Person zu einem unbekannten Objekt (Buch, Film, usw.) interessiert mich wenig. Zwar kann die Kritik amüsant sein, wenn gut geschrieben, oder nervig, wenn sie als Selbstdarstellung einer für mich uninteressanten Person daherkommt, aber sie sagt in der Regel nicht viel darüber aus, wie der Konsum ihres Subjekts auf mich wirken könnte.

Ein positives Beispiel ist für mich ist der englische Filmkritiker Mark Kermode, den ich vor allem über seinen Podcast mit Simon Mayo kenne (er schreibt aber auch für den Guardian). Kermode ist für mich wie ein Freund, allerdings einer, der von meiner Existenz nichts weiß. Kermode fällt oft harsche Urteile (er ist sogar berüchtigt für seine Verrisse (the Kermode rants))es kann aber durchaus vorkommen, dass er einen Film zerreißt und ich ihn trotzdem sehen will, oder umgekehrt. Ich weiß eben, was Kermode mag und nicht mag, kenne seine Stärken und Schwächen. In der Welt der Bücher, habe ich keine Kermode, da lasse ich mich lieber von meinen eigenen Instinkten leisten. Allerdings bin ich gerade auf diesen reading man gestoßen, mit dem ich es einmal probieren werde.

Ich selbst werde dieses Jahr über alle Bücher, die ich fertig lese, eine kurze Rezension auf Goodreads schreiben. Die Sterne, die man dort vergeben muss, sagen zwar nicht viel über die Qualität eines Buches aus, aber sie helfen zumindest mit der Kategorisierung: Fünf Sterne = hat mich begeistert (selten); vier Sterne = hat mir sehr gut gefallen (vermutlich der größere Teil der Bücher, die ich fertig lese); drei Sterne = war interessant genug um fertig zu lesen, hat mich aber nicht sehr bewegt oder zum Denken angeregt. Bücher denen ich zwei Sterne geben würde, lese ich normalerweise nicht fertig, weshalb ich auch nichts über sie schreibe. Kritiken die einem Buch einen Stern geben, sind zu 99% Kritiken, die selbst auch nur einen Stern verdienen.)

Rolf Lappert: “Über den Winter”

Ich habe dieses Buch sehr gerne gelesen. Es geht um Salm, einen 49-jährigen Künstler (dessen “moderne Kunst”, würde sie wirklich existieren, ich nicht ausstehen könnte), der zur Beerdigung seiner Schwester  aus New York in seine Heimatstadt Hamburg zurückkehrt und dort während eines außergewöhnlich kalten Winters langsam, Schritt für Schritt, sein Leben als Künstler hinter sich lässt, ohne einen Zukunftsplan zu haben.

Ich finde, dass dieses Buch hervorragend geschrieben ist. Dank der detailbesessenen Sprache, glaube ich, Salm wirklich kennenzulernen. Ich fühle mich, als hätte ich selbst ein paar Tage im bescheidenen, vereisten Hamburger Quartier verbracht, in dem die Geschichte größtenteils spielt.

Ich mag dieses Buch, weil es über Menschen schreibt und Themen behandelt, die mich persönlich sehr interessieren:

  1. Ich liebe Geschichten über einsame Männer (dieses Buch hat nicht viel mit einem Murakami-Roman zu tun, außer vielleicht, dass Salm ähnlich einsam, introvertiert und weltentfremdet ist, wie ein Murakami-Protagonist)
  2. Ich liebe Geschichten über die Arbeit und vor allem über Menschen, welche in einem ungewöhnlichen Beruf ihr Auskommen suchen. Normalerweise mag ich Bücher oder Filme, in denen der Held besessen seiner Arbeit nachgeht und versucht, eine Karriere auf die Beine zu kriegen; hier allerdings geschieht das Gegenteil: Schritt für Schritt demontiert Salm seinen alten Beruf
  3. Ich liebe Geschichten über Menschen, die an einen Wendepunkt in ihrem Leben gelangen und herauszufinden müssen, welchen Weg sie nun einschlagen sollen. In Büchern die mir gefallen, tritt der Held dieser Herausforderung oft mit existentialistischem Kampfgeist gegenüber, während Salm sich hier einfach treiben lässt, während sein altes Leben von einer Flut, die er weder versteht noch zu analysieren die Mühe macht, weggeschwemmt wird

Ich kann mir vorstellen, dass dieses Buch gewissen Lesern zu langsam oder langweilig ist. Es geschieht im Grunde nicht sehr viel. Der Antiheld verhält sich so lethargisch, wie ich es eigentlich nicht ausstehen kann (weder in Geschichten noch im Leben). Trotzdem aber fand ich das Buch und vor allem die stets über Salm schwebende Frage, was von ihm und seinem Leben übrig bleibt, wenn der Auflösungsprozess vollzogen ist, oder ob aus der Asche sogar neues Leben entstehe kann   – sehr spannend. Ich war fast traurig, als die Lektüre zu Ende war; würde Lappert (was er natürlich nicht tun wird), einen Fortsetzungsroman schreiben, der den Faden dort aufnähme, wo dieses Buch aufhört, würde ich ihn ohne zu zögern kaufen.

(Ich habe “Über den Winter” lieber gelesen als “Nach Hause schwimmen” und “Auf den Inseln des letzten Lichts”. Die älteren Bücher von Lappert kenne ich nicht.)

[Diese Kritik habe ich auch auf Goodreads veröffentlicht.]

Gedanken und Beobachtungen am Dreikönigstag

Reyes ist in Spanien der Tag der Geschenke. Zwar beginnt Papa Noel auch Spanien zu erobern (zusammen mit Halloween und seit zwei oder drei Jahren auch Black Friday – als weltkapitalistischer Stoßtrupp sozusagen) aber in den meisten Familien findet die Bescherung noch am Morgen des Dreikönigstags statt.

Die Stadt Madrid hat seit einem knappen Jahr eine linke Regierung. Eigentlich eine linksextreme Regierung, aber das Wort “extrem” hört sich etwas zu extrem an; es tönt nach Kampf und Zerstörung, wenn doch in Tat und Wahrheit die neue Bürgermeisterin von Madrid eine nette ältere Dame ist, dem Anschein nach eine sehr intelligente Frau (sie ist ehemalige Richterin) die ihr Amt mit den besten Vorsätzen angetreten hat. Ihr geht es vor allem um eine gerechtere Stadtpolitik, welche den tausenden von Menschen und Familien, die während der seit fast zehn Jahren andauernden spanischen Wirtschaftskrise in Not geraten sind, helfen will. Trotzdem muss man ihre Partei wohl als “linksextrem” bezeichnen – oder auch einfach nur als “links” im klassischen Sinn. Ihre Partei heißt “Ahora” und ist eine Filiale der neuen nationalen Linkspartei “Podemos”, welche klugerweise die in kürzester Zeit im ganzen Land entstehenden Lokalparteien nicht gleich in ihre Strukturen eingebunden, sondern sich erst einmal lose in einer Art Filialensystem mit ihnen verbunden hatte. Auch Barcelona wird von einer Bürgermeistern, welcher einer solchen Filiale angehört, regiert. Die beiden Damen – die jüngere in Barcelona und die ältere in Madrid – planen für dieses Jahr sogar einen temporären Städtetausch.

Die nationale Partei Podemos wird geführt von Pablo Iglesias einem “neuen Linken” im Stile von Slavoj Zizek. Pablo Iglesias will den Kapitalismus abschaffen. Er ist “anti-sistema”,  wie man in Spanien sagt. Er spricht sowohl die Sprache des unzufriedenen Volkes, als auch die Spezialsprache der Linken (welche mich an die Spezialsprache von Theologen erinnert. Beide Jargons haben gemein, dass sie ihr Weltbild als tatsächliche Beschreibung der Zustände in der Welt oder, im Falle der Theologie sogar im Universum, betrachten und ihr Sprechen darauf aufbaut. Man akzeptiert also z.B. Geschichte als Klassenkampf oder das Alte Testament als von Gott beeinflusste Geschichte als Tatsache und argumentiert auf dem Boden derselben. Dieses Interview gibt eine gute Übersicht über das Denken von Pablo Iglesias. Das Gespräch findet in der erwähnten Spezialsprache statt.)

Gestern fand in Madrid die traditionelle Cabalgata (de Reyes Magos), der Dreikönigsumzug, statt. Dieses Jahr aber, unter der Leitung von Bürgermeisterin Carmen Manuela, war alles ein wenig anders. Letztes Jahr noch hatte Madrid eine Bürgermeistern, welcher dem ranzig-konservativen Partido Popular angehört. Als Angetraute des ehemaligen Präsidenten Aznar gehört Ana Botella (Ana Flasche) zum innersten Zirkel der alten Kaste. So wurde der schwarze König Balthasar letztes Jahr noch wie eh und je von einem schwarz angemalten Spanier dargestellt (und das obwohl in Madrid vor jedem Supermarkt ein Afrikaner steht und die Konsumenten freundlich begrüßt und verabschiedet – shout out to Yusuf). Dieses Jahr aber soll die Cabalgata mehr einem multikulturellem Karnevalsumzug geglichen haben. Die Bürgermeisterin verzichtete auch auf die Teilnahme von Tieren am Umzug – üblicherweise ziehen Kamele und, wenn ich mich nicht irre, sogar Elefanten durch die Straßen Madrids. Dies Abwendung von der Tradition hat in Spanien eine große Diskussion ausgelöst. Die Bürgermeistern tweetete, dass sie die Tradition am Leben erhalten, indem sie sie der modernen Realität anpasse (Tierrechte, eine multikulturelle Stadt, eine immer weniger religiöse (oder nur noch folkloristische-religiöse) Bevölkerung. Kritiker haben sich sehr an dem neuen Konzept gestört und warfen der Bürgermeisterin vor, der Bevölkerung ihr Weltbild aufzuzwingen.

In diesem in neuen und alten Medien geführtem Streit, kommen viele tief in die spanische Geschichte zurückreichende Rivalitäten zum Ausdruck: Kirche gegen Säkularismus, Tierrechte gegen Tradition, Traditionen gegen Moderne, sogar Monarchie gegen Republik. Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Weltbildern, Lebensformen und politischen Systemen gibt es überall, aber in Spanien gehören sie zur DNA des Landes.

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Zwei Bahnhöfe in Deutschland.

Der HB München vor wenigen Monaten. Die ersten Flüchtlingszüge aus Österreich und Ungarn kommen an. Menschen klatschen. Deutschland zeigt Herz.

Der HB Köln vor einer Woche. Tausend junge Männer rotten sich am Bahnhof zum Saubannerzug zusammen. Männer grapschen. Deutschland zeigt sich schockiert.

Die Achse des Guten tobt. Andere finden man dürfe dann doch nicht so sein, es werde ja auch am Oktoberfest gegrapscht.

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Zwei Apps die ich ausprobiere: Headspace und Way of Life. Headspace ist eine Meditations-App und Way of Life hilft einem, Vorsätze (z.B. täglich meditieren) zu tracken. HT Tim Ferriss und Kevin Rose.

 

Die Landschaft in Castellón

Wie erwähnt stand unser Haus merkwürdigerweise auf der Insel eines Kreisverkehrs, oder genauer gesagt auf der Insel des kleineren eines Doppelkreisels. Auf der einen Seite lag hinter dem das Anwesen umgebenden Zaun ein großer Kreisel und auf der anderen ein kleiner. Hinter dem kleinen Kreisel erstreckte sich eine Orangenplantage. Die Landschaft um das Haus war ein merkwürdiges Flickwerk. Sie lud nicht zum Spazieren ein, außer man streifte durch die Orangenplantage, was Jouni mit seinem Dobermann Juho tat, oder man ginge einer der Straßen ohne Bürgersteig entlang.

Ich betrachtete die Landschaft aus dem Auto und aus der Bahn  heraus und stellte fest, dass der gesamte Küstenstreifen zwischen Valencia und Castellón oberflächlich betrachtet vor allem aus Dreierlei besteht: aus Lager- und Gewerbehallen (meist ungepflegt; auf den sie umgebenden Plätzen und Feldern liegt oft Geröll und Gerümpel); wuchernden und scheinbar ohne Raumplanung entstandenen Einfamilienhäusern und Wohnblöcken; sowie Orangen- und Mandarinenhainen, welche sämtliches nicht bebautes Land in Anspruch zu nehmen scheinen (mit der Ausnahme wilder Hügel die sich in einiger Entfernung der Küste entlang zogen).

Die Gegend erinnert mich an Louisiana in “True Detective”. Nicht dass das Wenige was ich von der Landschaft in Valencia und der in Louisiana gesehen haben, wirklich vergleichbar wäre, aber an beiden Orten kommt es mir vor, als hätte sich die Zivilisation wie ein Pilzbefall über eine schöne und wilde Landschaft gelegt, mit dem Resultat, dass ein zufälliges Bild aus Natur, Landwirtschaft, Gewerbe und Siedlung entstand. Es kommt mir vor, als werde die Landschaft nicht als öffentlicher Raum gesehen, die als Gesamtheit einen Wert besitzt, sondern als komme es nur auf die einzelnen Parzellen in ihr an. Jede Parzelle erfüllt ihre Funktion, wobei das Füllland zwischen den Parzellen sich selbst überlassen wird und das Gesamtbild zufällig entsteht und keine Rolle spielt. Trotz diesem Fokus auf das Privatterritorium aber, herrscht mancherorts auch bei der Pflege derselben der “südliche Schlendrian”: man sieht viel Halbfertiges und Unaufgeräumtes. Im Allgemeinen aber merkt man, dass die Orangenindustrie und der Tourismus Geld in die Gegend bringen (obwohl mancherorts auch bescheidene oder sogar ärmliche Häuser und Quartiere zu sehen sind). Die beiden Strände die wir gesehen haben waren ein wenig heruntergekommen, hatten aber einen rauen Charme. Am einen aßen wir Paella, und am anderen beobachteten wir Surfer. Am Surferstrand stand ein heruntergekommenes Hotel (Hotel Aloha), in dem man nicht Urlaub machen will und dem anderen entlang zog sich eine Häuserreihe; sämtliche Häuser hatten zum Meer hin eine kleine Veranda, sie wirkten aber alle verlassen.

Trotz diesem flickwerkartigen Aufbau aber, ist die Gegend eigentlich sehr schön anzusehen, vor allem wegen der farblichen Mischung aus den orangen Hainen, dem blauen Himmel und Meer und den grün-brauen Hügeln im Hintergrund. Und wie oft in Spanien, findet man das Schöne nicht im Gesamtbild sondern im Detail: In den Menschen, den Café, den Restaurants und hundert anderen Dingen.