Alcorcón, 19. Juni 2016

Die Zeit schreitet voran – der Juli, und mit ihm die Hitze, kommt in großen Schritten auf uns zu. Aber noch sind die Nächte kühl. Gestern hatten wir einen Bioobst- und Gemüsegarten im Südosten der Stadt besucht. Noch sind die Tomaten nicht reif, was ungewöhnlich ist. Es soll eben an diesen immer noch kühlen Nächten und auch am außergewöhnlich nassen Frühling liegen. (Das die erste Jahreshälfte wirklich sehr regnerisch war, zumindest für spanische Verhältnisse, ist am Grün zu erkennen, dass sich um Madrid herum breit macht. Als ich im Mai von London her kommend im Landeanflug über die Felder vor den Toren der Stadt flog, hatte ich den Eindruck, mich viel weiter nördlich zu befinden. Drei Wochen später, erneut von London her zurückfliegend, hatte die Landschaft bereits einen gelblicheren Ton angenommen, aber noch hielt sich das Grüne, was ein gutes Zeichen ist. Ich hoffe, dass sich im Gegenzug der regenlose Sommer nicht als Kompensation bis weit in den Herbst hinein breit machen wird, wie vor ein paar Jahren geschehen, als im Oktober dichte Staubschichten über der ganzen Region lagen und die Hochhäuser Madrids vom Park aus kaum mehr erkennbar waren.)

Der Besuch im Biogarten war aufschlussreich. Auf der M50 umrundeten wir die Metropolregion im Süden und waren nach einer halben Stunde in Velilla de San Antonio, einem Dorf, welches eigentlich noch im Einzugsgebiet der Stadt liegt (die Einfamilienhäusersiedlungen zeugen davon, dass von hier aus gependelt wird), von diesem aber durch eine steile Felswand getrennt ist. Hinter dem Felsen ragten die Dächer von urbaneren Vororten auf; die Ausläufer des urmadrider Quartiers Vallecas liegen nur knappe fünfzehn Autominuten entfernt.

Der Biobauer erklärte uns, dass um Madrid herum Landwirtschaft nur noch als Nebenberuf betrieben wird, da sich die gesamte Produktion an die Küsten verlagert habe, vor allem weil man dort Arbeitskräfte für 30€ am Tag finde, während rund um die Hauptstadt herum, wegen alternativer Verdienstmöglichkeiten, bis zu 80€ am Tag für die Feldarbeit bezahlt werde. Auch die Logistik soll von den Küsten aus einfacher zu handhaben sein, obwohl mir nicht ganz klar ist, weshalb dies der Fall ist (wird das Gemüse etwa auf Schiffen verfrachtet?)

Die größte Herausforderung bei der Bewirtschaftung dieses sechs Hektar großen Biogartens ist die Bekämpfung der Plagen, vor allem der mala hierba (des Unkrauts) und des Ungeziefers. Als Biobauer ist man fortwährend damit beschäftigt, diese abzuwenden. Hierin gründen die höheren Preise, die man für Bioprodukte bezahlt: mehr Arbeit ist gefordert, um die Früchte und das Gemüse zu schützen und trotzdem muss oft ein Teil der Ernte abgeschrieben werden, weil der Kampf gegen die Natur nur mit natürlichen Mitteln geführt wird. Letztes Jahr zum Beispiel ward die gesamte Apfelernte von neunhundert Kilo an eine Apfelfliege verloren. Trotzdem ist es nicht teuer, Bioprodukte zu essen. Von diesem Biogarten erhält man für 15€ im Monat wöchentlich einen Fünfkilokorb frischen Obstes und Gemüses nach Hause geliefert.

Wenn man sieht, wie in Biogärten gearbeitet wird und hört, wie Supermarktobst produziert wird, nicht nur mit abwaschbarem Pestizid auf den Früchten sondern auch auf immer verseuchteren und unnatürlicheren Böden, vergeht einem die Lust, irgendetwas anderes als Bioprodukte zu konsumieren. Aber es wird einem auch klar, dass solche ein Luxus sind, welchen wir uns leisten können, weil die herkömmliche und die industrielle Landwirtschaft, für die Versorgungssicherheit sorgen: Kartoffelplagen verursachen in Europa keine Hungersnöte mehr. Kein den Reichen vorbehaltener Luxus – auch in einem krisengeschüttelten Land wie Spanien, könnten sich die meisten Menschen Bioprodukte leisten – sondern ein Luxus weil die industrielle Landwirtschaft uns den Rücken freihält.

Paul hat der Tag auf dem Land gefallen. Er hat Käfer gejagt und Fallobst gesammelt und von Wölfen gesprochen, die er in den nahen Wäldern vermutete. Das Wort “kaufen”, dass er seit einigen Wochen wie besessen wiederholt, wenn wir an einem der vielen chinos (chinesichen Ramschläden) vorbeigehen – “Taxi kaufen, Feuerwehrauto kaufen, Ballone kaufen, etc.” – ist in Velilla nicht ein einziges Mal gefallen. Wäre nicht der Sog der Stadt zu stark, müssten wir eigentlich aufs Land ziehen. Könnte man nicht auf dem Land wohnen und sich in der Stadt ein kleines Studio halten – ein pied-a-terre wie die Franzosen sagen? Schade nur, dass die Region, die uns am besten gefällt, die regenreichen Hügel der nördlichen Küstenregionen, etwas zu weit von Madrid entfernt liegt. – Aber wenn ich es mir richtig überlege und mir selbst nichts vormache, mag ich eben doch nur das Stadtleben: Vielleicht liegt das daran, dass ich gerne alleine bin (obwohl ich diese Tag eigentlich nie mehr alleine bin – a non-practising loner), dies aber nur, wenn um mich herum, oder zumindest in den Straßen des nicht allzu weit entfernten Stadtzentrums, die Menschenmaßen ihren Geschäften und Vergnügungen nachgehen. Der Gedanke an die dörfliche Idylle, oder sogar die Einsiedlerei zieht mich nur theoretisch an, wäre für mich aber nicht praktikabel.

Alcorcón, 16. Juni 2016

“Five Short Novels” von Tschechow, oder Chekhov. Ich lese die Chronologie: Geburt 1860, Tod 44 Jahre später an Schwindsucht. In Russland rumort es. Marx schreibt das Kapitel; Lenin wird geboren; die erste Russische Revolution folgt. Von ärmlichen Bauern ist die Rede, sogar von Leibeigenen – Tschechows Vater war ein solcher. Einer durch ein schlechtes Erntejahr verursachten Hungersnot fallen eine Million Bauern zum Opfer. – So waren die Zeiten immer, für die meisten Menschen. Der Wohlstand in dem ich geboren bin und lebe, ist die Ausnahme, nicht die Regel, obwohl er uns als der Normalfall vorkommt. – Und was kommt? Auf der einen Seite die Technologisierung des Zerstörerischen; auf der anderen Seite die Hoffnung auf Rettung durch Technologie. Der technologische Fortschritt ist nicht zu stoppen, die Frage ist nur, ob unsere Zivilisation die Raupe auf dem Blatt, oder die aufgehende Blüte ist.

Alcorcón, 15. Juni 2016

Nachgedanken zu London

Eigentlich wollte ich am Freitagabend mit Atul und Faheem essen gehen, fühlte mich aber verpflichtet, nach getaner Konferenzarbeit den Abend mit meinem Team – also mit Fen, Elvira und Steve – zu verbringen. Als wir uns an unserem üblichen Tisch setzten, vor neugierigen Blicken geschützt ganz am Ende des Hotelrestaurants, machte Steve aber einen sehr müden Eindruck: mit gekrümmtem Rücken stützte er sich auf den Tisch; sein Gesicht sprach von zwei Konferenzen direkt hintereinander, einer Atlantiküberquerung und, wegen frühmorgendlichen Kundenmeetings, viel zu kurzen Nächten. Schließlich schüttelte er unsere Hände, bedankte sich für unsere Arbeit und verabschiedete sich.

Es blieben also Fen, Elvira und ich und wird machten uns auf die Suche nach einem Restaurant. Ein in Russland geborener und in Amerika zur Schule gegangener Russe – Maksim – schloss sich uns an. Nahe des Hotels sahen wir ein chinesisches Restaurant welches wir probieren wollten; gleichzeitig schwärmte Maksim von einem anderen Restaurant, wo er bereits zwei Mal gegessen hatte. Fen liebt es, zu essen – so kam es, dass wir zwei Mal in zwei verschiedenen Restaurants zu Abend aßen.

Der Chinese hatte sich in einem Gebäude, eingeklemmt zwischen einer Durchfahrtsstraße und dem einem Wasserbecken, auf dessen anderer Seite der City Airport lag, eingenistet. Hier war garantiert mit keiner Laufkundschaft zu rechnen. Faheem und ich hatten bereits am Dienstag ins Auge gefasste, dort zu Abend essen, hatten aber den Eingang nicht gefunden. Am Freitag aber stießen wir etwas weiter ins Niemandsland vor und erklommen schließlich die Treppen zum Restaurant. Erstaunlicherweise war dieses sehr gemütlich und fast voll. Eine große Fensterwand auf der einen Seite gewährte einen Blick auf startende und landende und lärmende Flugzeuge. Fen spricht, obwohl in New Jersey aufgewachsen, Chinesisch, wenn nach eigenen Angaben auch nicht sehr gut – genügend aber, um eine hervorragend Selektion chinesischer Gerichte zu bestellen, abseits der üblichen Schüsselchen mit süß-saurem Pouletreis. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir der Schweinemagen – pork belly, von dem wir, bevor wir uns auf den Weg ins zweite Restaurant machten, noch einen zweiten Teller bestellten – to nibble on, wie Fen vorschlug.

Das zweite Restaurant lag etwa eine Meile weiter westlich. Wir gingen dem Wasserbecken entlang, von dem ich zuerst glaubte, es handle sich um die Themse. Das Wasser floss aber nicht, wie wir bald feststellen, und ein Blick auf Google Maps förderte zutage, dass es sich natürlich nicht um den Fluss, sondern um ein aus diesem gespeisten Wasserbecken handelte. Das hatte seinen Sinn – schließlich befanden wir uns in den Docklands. Dem Wasser entlang stehen noch die alten aber renovierten Ladekräne, aber natürlich nur noch zur Dekoration. Ansonsten liegen auf beiden Seiten des Wasserbeckens Hotels, Bürogebäude, die Konferenzhallen, in denen wir gearbeitet hatte und neue Wohnblöcke. Wo noch Platz ist, wird gebaut.

Im zweiten Restaurant (hieß es Top One?) wurde weiter gegessen. Wir bestellten Tuna Tartar, Steaks, und Monkfish. Bedient wurde wir von einem schlaksigen und erstaunlich inkompetentem jungen Litauer welcher in einem merkwürdigen Ostlondoner Akzent sprach. Wir verstanden uns aber sehr gut mit ihm – außer Maksim, der seine nette, hübsche Kellner von den Vortagen vermisste. Der Litauer erfasste, trotz fehlender Kellnerkenntissen, den Vibe unseres Tisches schnell und beschrieb die Suppe, welche Fen am Schluss noch bestellte als “I don’t know what it is, but it’s weird”. Unrecht hatte er nicht: die Suppe wurde in einer Flasche serviert, die man selbst in den Teller zu leeren hatte.

Ein Amerikanerin mit Chinesischen Wurzeln (sie lebt in einer Loft in West Oakland), ein Russe ohne festen Wohnsitz mit amerikanischem Akzent (er hatte seine Wohnung in Odessa vor kurzem aufgegeben und zieht nun als Nomade durch die Welt), eine in London wohnhafte Mazedonierin und ich, ein Swiss-German, der nicht nicht sehr Swiss-German ist (some Swiss-Germans are really, well, Swiss-German, meinte Maksim, der mit der Schweiz Erfahrung hatte: er erzählte von einem Bad im Walensee … ): Wir waren ein merkwürdige Gruppe und haben den ganzen Abend lang viel gelacht. Ich war schon eine Weile auf keiner Konferenz mehr, auf der ich soviel Spass hatte.

Wieder denke ich an die globale Mittelklasse, einem Stamm, über den ich bereits an früherer Stelle geschrieben habe. Rasse, Herkunftsland oder Religion spielen keine Rolle – was zählt ist die gemeinsame Sprache (Englisch) und die geteilte Erfahrung in der globalen Gesellschaft, welche die Erfahrung des eigenen kulturellen Hintergrundes wie ein Mantel umhüllt. An den unterschiedlichsten Orten aufgewachsen, versteht man sich sofort. Man hat nicht die geringste Mühe, gemeinsame Bilder und Referenzen zu finden – viele davon würde der nur sich lokal definierende Nachbar nicht verstehen.

London, 8. Juni 2016

Durch die nasse Scheibe des nicht zu öffnenden Hotelfensters sehe ich die halbe Start- und Landebahn des City Airports. Dazwischen liegt ein aus der Themse gespeistes Wasserbecken und auf Betonpfeilern die Hochbahn der Docklands Light Railway. Über Teile der Stadt zieht ein Gewitter. Der Donner rollt manchmal durch die dreifachverglaste Scheibe zu mir ins Zimmer. Ansonsten höre ich nur die Regentropfen auf der Scheibe und das leise Surren der Klimaanlage.

Im Flugzeug hatte ich SPQR von Mary Beard gelesen. Das ist jetzt schon die zweite Geschichtsbuchlektüre in Folge, bei der mir bewusst wird, auf welch dünnen Beinen unser Vergangenheitsbild steht, aber auch, welch außergewöhnlichen Leistungen Historiker vor allem der Alten und Vorgeschichte erbringen, wenn sie, oft basierend nur auf ein paar in Stein gemeißelten Worten und einigen Tonscherben, ein lebendiges Bild der Welt, wie sie einmal war, zeichnen.

Später, während ich im Hotel ein paar Arbeiten erledige, welche nicht viel Konzentration bedürfen, höre ich mir die letzte halbe Stunde von Joe Rogan’s Gespräch mit Sam Harris an. Harris spricht wieder einmal über AI und wieder einmal wird mir bewusst, dass wenn mein Sohn so alt sein wird wie ich jetzt – vielleicht auch schon früher; sicher nicht viel später, falls nicht wegen eines katastrophales Großereignisses, der Lauf unserer Zivilisation ins Stocken kommen sollte – wir in einer Zeit leben werden, die sich so sehr von der heutigen unterscheiden wird, dass aus jener Zukunftsperspektive zwischen dem Heutigen und der klassischen Römischen Welt kein größerer Unterschied bestehen wird, als zwischen zwei Käfern. Der Grund dafür ist der Aufstieg der Künstlichen Intelligenz. Ist AI einmal in jeder Beziehung fähiger als wir Menschen sein – in wenigen Jahrzehnten also – wird sich diese Intelligenz selbst weiterentwickeln können und so in immer kürzerer Zeit immer größere Sprünge nach vorn machen (compound effect of technology). Hier mag man ans alte Beispiel vom Schachbrett denken, auf dessen erstes Feld man einen Cent legt, und diesen dann auf jedem nachfolgenden Feld verdoppelt um so in Kürze einen unvorstellbar hohen Betrag vor sich liegen zu haben. Auch die AI wird sich so schnell weiterentwickeln, dass wir uns bald Göttern gegenüber sehen werden. Wieder schaffen sich die Menschen ihren Gott, dieses Mal aber einen, der keine Atheisten mehr dulden wird.

Die Frage ist, ob diese Künstliche Intelligenz Bewusstsein haben wird oder nicht. Der materialistische Standpunkte müsste es sein, ihr Bewusstsein zuzuschreiben, denn sitzt dieses nicht im Gehirn und ist ein Folge der dort vor sich gehenden Datenverarbeitung? Mein persönlicher Standpunkt ist kein materialistischer und trotzdem neige ich zum Bewusstseinsglauben für AI.

Sam Harris gibt auch zu, dass nicht jeder Wissenschaftler seine Sorgen teilt. David Deutsch zum Beispiel, einer der Väter des Quantum-Computing, glaubt, dass diese erwachende Technologie kein neues Wesen auf Erden sein wird, sondern dass wir mit ihr verschmelzen werden (oder zumindest die Eliten unter uns) und so nicht Gefahr laufen, vernichtet zu werden. Auch dies würde eine ganz neue Welt zur Folge haben – eben die Singularität, in welcher mir wegen der Verbundwirkung technologischer Entwicklung, bald bis zu den Grenzen des Universums vordringen würden.

Diese spekulative Welt ist so ganz anders, als die Welt des Waldgängers, aber es muss möglich sein, die Technologieentwicklung auch aus dem Walde zu beobachten. Sich von der Hoffnung der Unsterblichkeit, welche beim Spekulieren aufkeimen mag, lossagen, den der Waldgänger sucht nicht die Unsterblichkeit des Fleisches, sondern des Geistes und auch diese ist nur Ahnung und nicht Gewissheit. Wissen wollen, ohne sich vom Wissen abhängig zu machen.

Ich glaube James Lovelock hat das beste Buch zur Sache geschrieben: AI als Evolution.

Alcorcón, 5. Juni 2016

Vor zwei oder drei Nächten hatte ich einen intensiven Traum, den ich nun allerdings, da ich keine Notizen vom Geträumten gemacht hatte, fast vollständig vergessen habe. Ich erinnere mich einzig an ein Traumgespräch, in welchem ich mich mit meinem Vater über Bürgerkriege unterhielt. Wie es in Träumen manchmal vorkommt, ging es um fundamentale Ideen, die an der Traumoberfläche aber unwirklich und auf den ersten Blick nicht sehr tiefsinnig ausgespielt wurden. Besagtes Traumgespräch ist mir aber in Erinnerung geblieben, weil ich am nächsten Morgen gleich nach dem Aufstehen – draußen war es noch dunkel, so dass der Übergang von der Traum- in die Tagwelt fast unbemerkt vor sich ging – einen Tagebucheintrag von Ernst Jünger gelesen habe (Siebzig Verweht), in welchem Jünger unser Traumgespräch sozusagen kommentierte. Es war nicht so, dass Jünger schon an früherer Stelle über ähnliches Geschrieben hatte – das Geträumte war keine Reaktion auf am Vortag Gelesenes. Es hat also jemand 1965 einen 2016 geträumten Traum kommentiert. Man weiß, dass in der Traumwelt die Zeit nicht existiert und ahnt manchmal, dass sie auch in der Tagwelt nur eine Illusion ist.