Die ersten Bücher des Jahres

In meinen kleinen Rollkoffer steckte ich vorgestern Abend die folgenden Bücher:

Rolf Lappert. “Über den Winter”. Ein Weihnachtsgeschenk. Bin zwei Drittel durch. (Bevor Paul auf die Welt kam, hatte ich noch Zeit für mehrere Bücher zwischen Weihnachten und Neujahr …) Gefällt mir sehr gut. Das Buch beschreibt ein paar Tage im Leben eines Mannes, der durch einen großen Veränderungsprozess geht – ein Künstler für den die Kunst die Ausdruckskraft verloren hat. Die ganze Spannung liegt in der Frage, wohin dieser Weg ihn führen wird.

Leonardo Padura.”Die Palme und der Stern“. Auch ein Weihnachtsgeschenk. Ich hatte von Padura schon letztes Jahr ein Buch geschenkt gekriegt. Es war ein Krimi und eigentlich mag ich keine Krimis, aber das Buch hatte mir sehr gut gefallen. (Padura hatte dieses Jahr den Premio Princesa de Asturias erhalten.) Ein Kubaner der in Kuba geblieben ist. Ein Mann der Havanna liebt und das Land seiner Herkunft und natürlich seine Menschen. Er beschreibt das Leben in Kuba ehrlich und mit Witz und Herz.

Hanns-Josef Ortheil. “Der Stift und das Papier“. Das dritte Weihnachtsgeschenk. Ortheil, der große Aufschreiber. Obwohl dieses Buch als Roman daherkommt, ist es ein Erinnerungsbuch, wie fast alles was ich von Ortheil gelesen habe. Er erinnert sich an seine Kindheit und daran, was sein Leben geprägt hat – das ununterbrochene, besessene Notieren. Seit “Die Erfindung des Lebens” bin ich Ortheil Fan.

Und nochmals Ortheil. Geburtstagsgeschenke. Zwei Bücher vom Duden-Verlag. Eins über das autobiografische Schreiben und eins über das Schreiben auf Reisen. Zwei hervorragende Ratgeber zum autobiografischen Schreiben.

Karl Ove Knausgaard. “Boyhood Island: My Struggle Book 3”. Ich habe vor einer Woche, in der Nacht nach unserer Ankunft in der Schweiz, im Literaturclub des Schweizer Fernsehens zum ersten Mal von diesem norwegischen Schriftsteller gehört. Er hat ein sechs-bändige Autobiografie unter dem dummen Titel “Min Kamp” (“My Struggle” in der englischen Übersetzung) veröffentlicht. Der Mann und seine Bücher sind ein weltweites Phänomen, weshalb ich mich wunderte, noch nie vorher von ihm gehört zu haben. Knausgaard, der nur ein wenig älter ist als ich, hat sein Leben auf 3,500 Seiten schonungslos analysiert und wurde in Norwegen zum Phänomen, später auch in deutsch- und englischsprachigen Ländern (und vermutlich auch anderswo; auch in Spanien sind seine Bücher erschienen, obwohl ich in der spanischen Presse noch nie über ihn gelesen habe). Ich habe das dritte Buch, “Boyhood Island”, für fünf Franken im Gestell mit englischen Büchern in der Secondhand-Buchhandlung WinWin in Gossau gefunden. Vor Weihnachten hatte ich darin etwa fünfzig Seiten gelesen. Noch hatte es mich nicht gepackt, aber ich begann zu ahnen, dass diese Geschichte, die das eigene Leben durch eine existentialistische Brille betrachtet und zum biblischen Drama erhöht, gewisse Leser süchtig machen kann. Ich habe Lust darauf, weiter zu lesen.

Friedrich Dürrenmatt. “Stoffe I – III”. Ebenfalls aus dem WinWin. Keine Autobiografie, aber ein Nachdenken darüber, wo er seine Stoffe (ein Wort, dass ich eigentlich nicht mag, weil es sich nach Feuilleton und eitlem Schriftstellergequassel anhört) her hat. Ich habe es gekauft, weil mich das Leben wie es einmal war sehr interessiert. Wie hat man in den Jahrzehnten vor dem Einbruch des Informationszeitalters gelebt? Die Zeiten von ungefähr 1800 bis 1980 haben es mir besonders angetan. Vor allem in der Schweiz und im weiteren deutschsprachigen Raum, aber auch in Spanien und anderswo. Weshalb interessiert mich diese Zeitperiode so sehr? Vielleicht weil meine Wurzeln bis tief in sie hineinreichen. Mein Leben baut auf dem meiner Eltern und Großeltern und Urgroßeltern auf; die Zeiten in welchen meine Vorfahren gelebt haben, sind der Boden auf dem ich stehe. Vielleicht auch, weil ich einen großen Wandel auf unsere Zivilisation zukommen sehe: der Verfall auf der einen Seite, und die Singularität auf der anderen. (Singularität ist wohl nicht das beste Wort, aber es fällt jetzt mir kein anderes ein. Dazu werde ich auf diesem Blog sicher noch viel schreiben.)

Gottfried Keller. “Die Leute von Seldwyla und Gedichte”. Schon im April letztes Jahr im WinWin gekauft, lag es bisher bei den vielen Büchern, die ich immer noch im Elternhaus aufbewahre. Ich las in den letzten zwei oder drei Jahren “Martin Salander” und “Der grüne Heinreich”, welche ich beide liebte, vor allem wegen der Beschreibungen des Lebens in der Schweiz im neunzehnten Jahrhundert.

*

Gestern Morgen war dann doch kein Platz mehr für alle – ich hatte meine Laufschuhe vergessen. Die durften nicht in der Schweiz bleiben, obwohl ich mir dringend neue kaufen muss. Knausgaard, Dürrenmatt und Keller blieben in Gossau, die geschenkten Bücher nahm ich mit.

Meistens oder immer?

Ein weitgehend ereignisloser Tag. Früh aufgestanden. Ein wenig gelesen und notiert. Dann Bahn, Flughafen, Flugzeug (Paul schläft nicht mehr im Flieger, was heißt, dass ich nicht zum Lesen komme), Gepäckband, Metro. Gegen vier Uhr schließlich Bohneneintopf (judías) bei Carols Eltern. Auspacken. Die beiden schlafen bereits. Ich sitze mit meinem Laptop auf dem Sofa und freue mich, wieder in Madrid zu sein.

Ein kurzer Gedanke zum kleinen aber entscheidenden Unterschied zwischen meistens und immer.

Was unterscheidet einen Läufer der von Montag bis Freitag jeden Morgen vor der Arbeit läuft, von einem der es meistens tut? Derjenige der es immer tut, wird unter der Bettdeck nie vom Dämonen attackiert: Ist es heute nicht zu kalt zum Laufen? Ich fühle mich schlecht! Ich bin gestern gelaufen! Ich werde morgen laufen!

Wer immer läuft, verschwendet keine mentale Energie auf Entscheidungen.

Ein anderes Beispiel: Der Autor. Wer zu einem solchen werden wolle, so hört man, müsse jeden Tag schreiben. Wer versucht jeden Tag zu schreiben, merkt aber manchmal nach einer Woche plötzlich, dass keine Zeile geschrieben wurde. Wer meistens schreibt, lädt Dutzende von Nebenbuhlern ein, welche sich um die Zeit bewerben. Die meisten von ihnen, haben einen attraktiveren Vorschlag, als alleine in einem Zimmer zu sitzen.

Die Nebenbuhler um die eigene Zeit wird man mit einer kleinen Entscheidung los: Etwas nicht meistens tun, sondern immer – z.B. immer am Morgen, am Abend, am Montag …

Der Dämon

Joe Rogan spricht öfters über Steven Pressfield und dessen Buch “The War of Art“, in welchem es um den Kampf des Künstlers mit dem inneren Dämonen geht. (Hier unterhalten sich die beiden.)

Ich habe manchmal Phasen, in denen ich Bücher dieser Art lese; nicht so wie ich üblicherweise Bücher lese (immer in Papierform), sondern indem ich sie auf meine Kindle-App herunterlade und schnell in mich aufsauge.

Von Steven Pressfield kaufte ich mir vor ein paar Wochen die eBook-Ausgabe von “Do the Work“. (Neben Joe Rogan, erwähnte auch Derek Sivers das Buch und Seth Godin schrieb das Vorwort.)

Das Buch ist aus der Sicht des Künstlers geschrieben, der etwas schaffen will (Pressfield schreibt Romane), es befasst sich aber mit der menschlichen Psychologie ganz allgemein. Kurz zusammengefasst schreibt Pressfield, dass ein Dämon gegen uns arbeite (er nennt ihn “resistance”). Dieser Dämon ist in uns. Er ernährt sich von unserer Angst. “He will kill you!”, sagte ein Rabbiner-Freund von Pressfield.

Was wir ihm entgegensetzen können ist Liebe und Arbeit.

“The opposite of fear is love – love of the challenge, love of the work, the pure joyous passion to take a shot at our dream and see if we can pull it off.”

Indem er einen Dämonen schafft, personalisiert Pressfield die Angst in uns, welche uns in den Bereichen unseres Lebens, die wir nicht im Griff haben – ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht – im Wege steht. Pressfield erhebt die dunkelsten Seiten unserer Psychologie zur Gestalt, die es zu bekämpfen gilt – durch Liebe und durch Arbeit (doing the work, wie der Titel des Buches vorschlägt).

Ich glaube, dass dieser Dämon real in uns existiert – in jedem Menschen, nicht nur im Künstler. Vor langer Zeit wurde das einmal Erbsünde genannt – ein Begriff der heute nicht mehr verständlich ist. Francis Spufford spricht von The Human Propensity to Fuck Things Up.  Konrad Lorenz vom Sogenannten Bösen.

Natürlich existiert er nicht so wie die Kardashians existieren, sondern so, wie die Brüder Karamasow existieren. Die Brüder Karamasow können uns helfen, die Welt und uns selbst in ihr zu verstehen. Wir ringen mit ihnen und sie werden real in der Welt – viel realer als die Kardashinans. Wichtig ist nicht, dass es irgendwo eine Kim in Fleich und Blut gibt und nirgendwo einen Fyodor, sondern dass Kim in uns nicht lebt, Fyodor aber sehr wohl. Im Gegensatz zu Kim könnte Fyodor nie zum Objekt echter wissenschaftlicher Analyse werden (Wissenschaft im Sinne von science, nicht im Sinne von Sozialwissenschaft usw.); er existiert aber ganz real in jedem Menschen, der sich mit ihm auseinandersetzt.

So gesehen, erkenne ich den Dämonen in mir als eine Gestalt, geboren aus meiner eigenen Angst, die mir stets weiszumachen versucht, dass sie gar nicht existiert.

Bloggen

Natürlich musste das passieren. Ich beginne zu bloggen (an jedem Wochentag ein Post ist der Vorsatz) und schon am Morgen nach dem ersten Eintrag fühle ich ich beim privaten Notieren, als gucke mir jemand über die Schulter. Schon seit längerer Zeit schreibe ich jeden Tag (meistens am Morgen) in mein Journal. Wann genau ich damit begonnen habe, weiß ich nicht mehr, es ist aber mehr als zwanzig Jahre her, wie ich einem Tagebuch entnehme, dass ich während diesen Festtagen im Hause meiner Kindheit und Jugend gefunden habe. Der erste Eintrag in jenem Schulheft beginnt folgendermaßen:

05/10/1994

Ich sitze in einem teuren Café in Paris, so teuer, dass ich einen Kaffee bestellt habe, weil es das Billigste ist. Man hat einen wunderbaren Blick auf den ins Morgenlicht getauchten Gare du Nord. Ein schöner, alter Bahnhof, groß und mächtig, in einem typischen Pariser Viertel, eher ruhig und verkehrsarm (im Vergleich). […]

Schon vor einundzwanzig Jahren also schrieb ich am Morgen und trank dazu Kaffee – meinen allerersten Kaffee überhaupt, wie ich weiß, obwohl es aus dem Eintrag nicht ersichtlich ist.

Heute ist mein Tagesablauf so, dass ich sehr früh aufstehe, etwa um fünf Uhr, um eine Stunde lang oder länger Notizen über den Ablauf des vergangenen Tages und meine Gedanken und das Zeitgeschehen usw. zu machen, bevor ich entweder in in den Park gehe um eine Runde um den See zu drehen, oder der Avenida entlang zum Gym hochlaufe, um Gewichte zu stemmen. Erst danach beginnt mein eigentlicher Tag, üblicherweise damit, dass ich meinen Zweijährigen in den Kindergarten fahre. Über die Weihnachtstage läuft das Ganze natürlich etwas anders ab (heute stand ich ausnahmsweise erst kurz vor sieben Uhr auf), aber auch hier notiere ich jeden Morgen und trinke dazu Kaffee. (Nach meinem ersten Kaffee 1994 in Paris, ging es noch lange, bis ich Kaffee wirklich zu mögen begann. Ich erinnere mich, dass mir jener Kaffee beim Gare du Nord zwar als etwas Fremdes vorkam, er aber doch ein angenehme Wirkung auf mich hatte. Erst vier Jahre später aber, im Herbst 1998, als ich gegen Ende meines Studiums noch ein Semester in Paris verbrachte, wurde der morgendliche Kaffee, den ich, zufrieden mit meinem temporären Dasein als Pariser, mit einem über den Tresen gerufenen “un express!” bestellte, zur Gewohnheit.)

Während ich also meinen ersten Kaffee trinke, merke ich, dass ich in mein Journal notiere, als würde es jemand lesen, nicht wie bisher als hemmungslos hingeworfene Gedanken in einem passwortgeschützten Dokument. Dabei sind das Notieren und das Bloggen zwei unterschiedliche Aktivitäten. Am Morgen notiere ich ohne Scheuklappen und erst nach abgeschlossener Tagesarbeit widme ich mich meinem Blog, für welchen mein privates Journal die Basis ist, welche ich aber nochmals einer gründlichen Überarbeitung unterziehe. (Zumindest stelle ich mir das so vor; Erfahrung habe ich damit noch nicht – schließlich ist dies erst mein zweiter Blog-Eintrag.)

Weshalb aber notiere ich, und weshalb blogge ich?

Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich 1998 in Paris in meinem kalten Dachzimmer saß und wieder einmal mit einem Tagebuch begann und zwar mit dem Vorsatz, mich zu verbessern und intellektuell voranzukommen und das Tagebuch als Mittel zu diesem Zweck zu verwenden. Heute sehe ich das Tagebuchschreiben weniger idealistisch. Es ist für mich einfach eine notwendige Verarbeitung der Welt und des Lebens. Weshalb ich siebzehn Jahre später, vor ein paar Wochen also, beschloss mit dem Bloggen zu beginnen, ist mir nicht ganz klar. Der Auslöser mag gewesen sein, dass ich einen Roman geschrieben habe (meinen ersten, nach einer Reihe von Drehbüchern) welcher von sämtlichen angeschriebenen Literaturagenten abgelehnt oder ignoriert worden ist und in mir dadurch der Wunsch wuchs, mich öffentlich auszudrücken, ohne mich mit den Türwächtern herumschlagen zu müssen.

Mein einziger Vorsatz für diesen Blog ist es, an jedem Wochentag zu posten und dabei die Welt und mein Leben in ihr zu erforschen, ohne dabei an mögliche Leser zu denken. So gesehen könnte man den Grund für diesen Blog darin sehen, dass ich mich zwinge, das am Morgen Niedergeschriebene, oder zumindest einen Teil davon, am Abend einem Auswahl- und Ergänzungsverfahren zu unterziehen und gewisse Gedanken nochmals zu überdenken und ihnen eine Form zu geben.

Genesis

Wenn ich meinen ältesten Freund Urs treffe und Carol, meine Frau, mit von der Partie ist, beschleicht mich ein seltsames Gefühl. Da Carol und ich in Madrid wohnen und Urs immer noch in der Ostschweiz, wo wir aufgewachsen sind, sehen wir uns nur ungefähr zwei Mal im Jahr. Meistens ohne Carol, nur Urs und ich zu zweit zu einem Abendessen. Während solchen Treffen fühle ich mich, als tauche ich in meine eigene Vergangenheit ein. Natürlich sind wir beide älter geworden; fast dreißig Jahre sind es her, seit wir uns an der Kanti St. Gallen zum ersten Mal über den Weg gelaufen sind. Und obwohl unsere Gespräche sich eher um Aktuelles als um Vergangenes drehen, versetzen sie mich in eine Stimmung, als existiere die Zeit nicht, als sei das Gestern und das Heute eine unzertrennbare Einheit. Wenn nun Carol dabei ist, wie heute Abend beim Chinesen im Schwarzen Adler, und ich mich aus ihrer Sicht zu sehen versuche, wie ich mich auf Schweizerdeutsch mit Urs unterhalte, kommt es mir vor, als werde ich vor ihr zu einem Fremden. Natürlich stimmt dies gar nicht; für Carol bleibe ich auch bei einem Abendessen mit Urs derselbe. Aber in meinen eigenen Augen sehe ich mich als merkwürdige Mischungen aus demjenigen der ich jetzt bin und denjenigen die ich einmal war. Nicht eine gerade Linie von A über B nach C usw., sondern ein seltsames Buchstabenknäuel, vierdimensional die Zeiten durchdringend.