Lauf übers Land

Ich hatte mit L. abgemacht, am Morgen laufen zu gehen. Tatsächlich standen wir beide am Samstagmorgen um acht Uhr auf der Straße. Es war kalt, zwei Grad, aber wir waren gut angezogen und es war windstill und die Sonne wärmte. Nach ein paar Minuten ließen wir das Dorf hinter uns und liefen auf einem Wanderweg (El Camino del Don Quijote) durch die Felder. Das Land ist flach. Weinbau soweit das Auge reicht. Auf der einen Seite wuchsen junge Reben, welche sich an Holzpfählen hochwanden. Die Felder auf der anderen Seite des Weges lagen brach; nur die Stümpfe abgeschlagener Weinreben waren zu sehen. Ein paar Bauern waren bereits bei der Arbeit. Sie kamen uns auf Traktoren entgegen gefahren, machten sich mit Rechen in den Feldern zu schaffen, und guckten uns mitleidig an: Wer an einem Samstagmorgen laufen geht, erledigt wohl sonst keine körperliche Arbeit.

Nach wenigen Kilometern drehten wir um. Ich hätte noch lange weiterlaufen können, aber L. machte sein Darm zu schaffen; ich ließ ihn schließlich zurück. Beim Dorfeingang dehnte ich bei einem alten Brunnenloch. Ich fühlte mich, als wäre ich gar nicht gelaufen, freute mich aber trotzdem über meine Stunde an der Morgensonne.

Heuschrecken aus der Sahara

Nach dem Mittagessen fuhren wir 140 Kilometer in den Süden der Provinz Toledo. Wir entschieden uns für die parallel zur regulären A4 verlaufende Maut-Autbahn. Wir hatten die Straße fast für uns selbst. Der Wind blies so stark über die weiten Ebenen der La Mancha, dass ich das Lenkrad an manchen Stellen mit beiden Händen umklammerte, um nicht von der Straße gefegt zu werden – so zumindest fühlte es sich an.

Vom Dorf El Toboso – wo wir das Wochenende in einer Casa Rural mit fünf befreundeten Familien verbringen – habe ich noch nicht viel gesehen, nennenswert ist einzig eine riesige, von einem Sandsturm aus der Sahara nach Spanien getragene Heuschrecke. Zuerst wollte ich es nicht glauben, aber diese Heuschrecken sollen tatsächlich aus Nordafrika stammen. In Albacete, ungefähr von 150 Kilometer von hier, wo zwei unserer, hier das Wochenende verbringende Freund, wohnen, hatte es letzte Woche Sand geregnet. Der Regen, von dem man erwarten würde, dass er reinigt, hinterließ eine dicke Sandspur auf den Straßen.

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El Toboso liegt in einer flachen, trockenen Landschaft. Der Besitzer des Hauses, in welchem wir zwei Nächte verbringen, hat uns gesagt, dass hier vorwiegend Wein angebaut wird (ich habe mir bereits eine Flasche davon im Dorfladen gekauft). Die Straßen des Dorfes sind leer. Es gibt kaum Verkehrshinweise, Seitenlinien, oder Fußgängerstreifen; es ist als seien die Straßen einfach der zwischen den Häusern frei gebliebene Platz. Es ist trotz der Sonne und des Südwindes kalt. Die Häuser sind verschlossen. Die aus Plastikstreifen oder dicken Schnüren bestehenden Vorhänge vor den Eingangstüren der Häuser, die im Sommer wenn die Türen offen bleiben vermutlich als Sicht- und auch Insektenschutz dienen, flattern nutzlos im Wind.

In diesem Dorf soll die Freundin des tragischsten Helden der Literatur gewohnt haben, dieses typischen Spaniers, der aber auch das menschliche Schicksal überhaupt repräsentiert: Don Quijote. Ich schreibe dies, ohne dieses Meisterwerk der Weltliteratur gelesen zu haben. Aber je länger ich in Spanien wohne, desto mehr Lust habe ich, mich in dieses Buch zu vertiefen. Morgen werde ich mir das Haus anschauen, indem die Dame gelebt haben soll. Natürlich war sie eine Figur der Fiktion – ich weiß nicht ob Cervantes aber eine tatsächlich existierende Frau in einem bestimmten Haus beschrieben hat, oder ob man einfach irgendein Haus im Dorf in ein Museum verwandelte, weil Cervantes das Dorf eben im Buch erwähnte. Morgen werde ich herausfinden.

03.03.2016

Am Morgen hab ich’s ausnahmsweise einmal nicht aus dem Bett geschafft (erst um halb acht, als auch P. und C. aufstanden), dafür bin ich am Nachmittag, vor dem Mittagessen gelaufen. Um zwei Uhr stand ich unten auf der Straße, lief zum Park und drehte dort eine große Runde (knapp neun Kilometer). Es war sonnig und es herrschte eine angenehme Temperatur: die Sonne wärmte die Haut, aber der Wind war noch winterlich kühl. Ich bin unterwegs ein paar Mal stehen geblieben um Fotos von den Feldern, dem Himmel, der Skyline Madrids und den schneebedeckten Bergen am Horizont zu machen (Instagram).

Polvoranca run

Am Morgen hatte ich wie immer in der Bibliothek des Parque Coimbra geschrieben. Vermutlich eine der besten, weil ruhigsten und am wenigsten besuchten Bibliotheken in der ganzen Comunidad Madrid, oder zumindest im Einzugsgebiet der Stadt (in den Dörfern draußen gibt’s vermutlich ähnlich verlassene Bibliotheken). Meine Bibliothek ist aber nicht nur ruhig, sondern auch gepflegt und es herrscht allgemein ein angenehme Atmosphäre. Die beiden Bibliothekare (ein dicker Mann und eine Frau, die wie ein Bibliothekarin aussieht) ertappt man zwar, obwohl sie kaum etwas zu tun haben, nie beim Lesen, aber sie geben sich trotzdem Mühe ihre Bibliothek schön zu gestalten. Immer gibt’s zwei “Ausstellungen” mit Buchvorschlägen, zur Zeit: Gesundheit und Liebesromane, und sogar zum 100sten Geburtstag von Ruben Darío liegen ein paar Bände des Poeten auf einem Tischchen.

Wenn ich am Morgen die Bibliothek betrete, lese ich stehend immer die Schlagzeilen von “El Pais”, “El Mundo”, und “Marca” (Fußball interessiert mich nicht, aber Real Madrid, dieses Weltunternehmen, dieses zur Zeit sich in leichter Seenot befindliche Schiff fasziniert mich, der Kult, welcher hier und weltweit um diesen Verein herum herrscht. Ich lese mehr Artikel über Real Madrid, als ich mir Spiele des Clubs anschaue). Zeit die Zeitungen zu lesen, habe ich nicht. Das ist bedauerlich, gerne würde ich jeden Morgen mit einer Stunde Zeitungslektüre beginnen, nicht nur die spanischen, auch die deutschen, die schweizerischen und die englischen Blätter. Obwohl ich um fünf Uhr aufstehe, klappt das aber leider nicht. Ich trainiere, schreibe Tagebuch (aus welchem gewisses auf diesem Blog landet), schreibe meinen Roman, arbeite um Geld zu verdienen, verbringe Zeit mit P. und C., lese Bücher. Dann ist’s Abend und ich falle ins Bett.

Nach dem Lauf habe ich gedehnt, bin die zwei Kilometer vom Park zu Fuß zurück nach Hause gegangen und habe mir dabei Dave Rubin und Gad Saad angehört. Ein schwuler Jude und ein jüdischer Libanese (und jetzt Kanadier). Beide vereint im Kampf gegen die “regressive Left”, die alles niederschreienden politisch Überkorrekten. Danach habe ich gearbeitet.

Im AVE von Atocha bis zur M50

Notizen für meinen Roman “M50” (am Bahnhof Atocha und während der Stadtausfahrt):

Ich sitze in einem Café in der oberen Etage des AVE Terminals. Der Kaffee (descafeinado) hat 2.30 Euro gekostet (medio, es gäbe auch zwei andere Größen: classico und grande). Es ist kein sehr guter Kaffee.

Ständig wird über die Lautsprecheranlage auf Spanisch und Englisch über Züge die bereit zum Einsteigen sind informiert.

Ein älterer Herr trägt spitze Schuhe, solche von denen ich dachte, dass man sie nicht mehr trägt. Er setzt sich in einen Sessel neben mir. Ihn näher anschauend fällt mir auf, dass er vielleicht gar nicht viel älter ist als ich. Vielleicht noch nicht einmal fünfzig. Mein erster Eindruck war aber, einen älteren Herrn zu sehen.

Eine beängstigende Polizeipatroullie: drei Polizisten, sich nach allen Seiten umsehend, als suchen sie etwas, gehen am Café vorbei. Einer der Polizisten, der mit seinem buschigen Bart einem amerikanischen Fernsehpolizisten aus den 80er Jahren gleicht, hat ein Maschinengewehr umgehängt. Obwohl es um seinen Hals hängt, hält er es mit beiden Händen fest, hebt es ein wenig an und vom Körper weg. Es macht den Eindruck, als schieben sie nicht Dienst nach Vorschrift, sondern erwarten wirklich bald einem Terroristen zu begegnen.

Beschreibung des Terminals: Der Terminal ist ein langer Raum, der sich der gesamten Breite aller Geleise entlang zieht. Insgesamt gibt es zwölf oder dreizehn Geleise. Der Raum ist, verglichen mit seiner Länge, recht schmal. Vorne besteht er aus Glas, durch das man auf die Gleise herunter sieht. Über jedem Gleis hat es eine automatische Schiebtüre und einen kleinen Schalter, wo man vor dem Einsteigen die Fahrkarte (ausgedruckt, im klassischen Papierformat oder auf dem Handy) herzeigen muss.

In der Mitte des Raum stehen Pfeiler, an denen vier Bildschirme hängen, von allen Seiten her einsehbar. Um die Pfeiler herum sind Sessel angebracht. Es handelt sich um individuelle Sessel mit einem kleinen Abstand dazwischen aber einer geteilten Armlehne. Es gibt auch ein paar Tischchen. Hinten im Terminal sind die Cafes, Restaurants, Läden und Toiletten. Die meisten Reisenden sitzen mit ihren Koffern in den Sesseln; einige stehen in Trauben vor den Bildschirmen in Erwartung der Ankündigung ihres Zuges. Das wäre nicht nötig, den alle zum Einsteigen bereiten Züge werden aufgerufen.

Das Einsteigen geht zügig vor sich. Mein Zug wurde aufgerufen und fünf Minuten später sitze ich bereits in meinem Sessel. Ich fahre in der Klasse „Turist Plus“, im Erstklasswagen (allerdings kriegen wir Turist-Plüsler kein Frühstück. Ein starker Duft von Damenparfüm liegt in der Luft. Die Dame in der Sitzreihe vor mir trägt es. Sie hat „Hola“ und „Diez Minutos“ gekauft, zwei Heftchen mit Geschichten und Bildern über Prominente. Viele Homestorys. Sie ist dick und hat eine merkwürdige Frisur, nicht wie eine normale Señora (blonde Haare die immer aussehen, als käme sie gerade vom Friseur) sondern rechte kurze Haare, die sie braun gefärbt hat, mit Ausnahme der Fransen auf der linken Seite, die weiß sind.

Der Wagen (ich sitze im Wagen Nummer 3) ist – was auch sonst? – ein langer Schlauch. Auf der einen Seite des Korridors gibt es zwei Sitze, auf der anderen einen. In der Touristenklasse sind es vier Sitze pro Reihe mit geteilter Armstütze; hier aber habe ich meine eigenen hoch- und runterklappbare Armstütze und es gibt ein winziges Tischchen zwischen den Sitzen. Die Sitze sind aus Leder (oder Kunstleder). Es ist 0917. Noch immer gehen draußen vor dem Fenster Passagiere auf dem Weg zu ihren Wagen vorbei. Mein Wagen ist ungefähr zu einem Drittel voll. Der Platz neben mir ist noch leer.

Der Boden besteht aus einem Spannteppich. Insgesamt ist es mir in diesem Zug sehr wohl. Ich lebe wirklich in einer Luxuswelt, einer Luxuszeit.

Jetzt fährt der Zug aus. Zuerst sehe ich zu meiner Linken einen großen Parkplatz, dahinter die großen Blöcke, aus denen die Wohnquartiere Madrids bestehen. Einer nach dem Anderen. Auch auf der anderen Seite sehe ich eine Blocklandschaft. Noch rollt der Zug langsam dahin. Ein anderer Zug, ebenfalls ein AVE, überholt uns. Der Bildschirm bleibt noch schwarz. Die Geschwindigkeitsanzeige ist auf 51kmh, steigt stetig langsam an. Jetzt sind wir etwas erhöht, sehen über ein Stadtquartier (Vallecas?) hinweg. Am Horizont immer noch die Blocklandschaft. Nun gewinnen wir an Geschwindigkeit: 96kmh. In den Kurven neigen wir uns leicht. Immer noch fahren wir durch breite Gleissysteme. 115kmh. Eine große spanische Fahne vor einem Fuhrpark von Muldenwagen.

Nun unterqueren wir die M50.

Links die südlichen Vorstädte, rechts Hügel. Das Gleis frisst sich ins Gelände. Die Felder sind überwachsen mit niedrigen Büschen, durchzogen von Wegen. 212 kmh. Wir sind nun auf dem Land. Die Stadt liegt hinter uns. Weitere Vorstädte. Neue Blöcke. Exurbs, nicht mehr direkt mit der Metropolis verbunden. Am Horizont die schneebedeckten Berge der Sierra.

Am Sonntag nichts Neues

In Stefan Zweigs “Die Welt von Gestern” warten nur noch etwas mehr als hundert Seiten auf mich; es wird Zeit, mich um neuen Lesestoff zu kümmern, vor allem auch weil ein Wochenende in einer Casa Rural ansteht. (Mit mindestens einem Dutzend Freunden in “ein Landhaus fahren” ist in Spanien ein beliebtes Wochenend-Vergüngen. Wir werden mit Kindern mehr als 25 sein …)

Es wird Zeit, wieder einmal einen amerikanischen Roman zu lesen. Ich habe mich für “The Moviegoer” von Walker Percy entschieden. (“Der Kinogeher“, von Peter Handke ins Deutsche übersetzt, wie ich gerade sehe.)

Ich bin mit Walker Percy nicht vertraut, bin aber in letzter Zeit beim Online-Lesen einige Male auf ihn gestoßen. Der Kipppunkt war erreicht, als ich ihm auch auf Ryan Holidays Reading List begegnet bin.