Corona Tag 4

Lektüre dieser Tage: “Enlightenment Now” von Stephen Pinker und “Christentum und Analytische Psychologie” von Gerhard Wehr. Zwei Bücher ohne Schnittmenge. Wehr wäre in den Augen Pinkers zu 100% “magical thinking”, selbstverständlich die Religion, aber auch die Jungsche Psychologie. Wehr hätte gegen Pinker im Grunde wenig einzuwenden, sähe in ihm aber einen Jünger des Materialismus, welcher die innere Welt ausblendet oder – wie Pinker es in “How the Mind Works” tatsächlich tut – als Nebenprodukte der Gehirnaktivität abtut. Mich mahnt Pinkers Optimismus-Pamphlet, das Baby Demokratie und Fortschritt, nicht mit dem Badewasser auszuschütten; ich habe aber doch Bedenken, die explosionsartige Verbesserung der menschlichen Lebensumstände seit der Aufklärung fortschrittsgläubig in die Zukunft zu projizieren. Vor allem die Zerstörung der Umwelt nimmt Pinker zu sehr auf die leichte Schulter. Beinahe deterministisch glaubt er, dass auf dem Pfad Aufklärung, Technologie und Markt, der wacker voranschreitende Mensch unweigerlich auf Lösungen für diese Probleme stossen wird. Ojalá, würde man in Spanien sagen.

Corona Tag 3

In Sevilla wird ein Fest angekündigt: Crown Virus, lass dich anstecken! Mittlerweile droht das Spitalsystem zusammenzubrechen. Elektronisch schießt die “Information” hin und her, baut sich auf, wird aufgebauscht, “Fakten” und Thesen und “Gegenfakten” und Gegenthesen, jeder gibt seinen Senf dazu. Ein Blutbad auf den Märkten und Crypto, so stellt sich heraus, ist auch kein sicherer Hafen.

Madrid, 9. Februar 2020

Gestern Morgen mit Paul und Jouni über den Dächern der Stadt. Bis weit in die Vororte hinaus liegt ein hauchdünner, weißer Nebelschleier über dem Häusermeer. Heute hat er sich gelichtet. Im Park triefende, grüne Wiesen, braune Bäume, ein grauer Himmel aus dem fast unmerklich der Nieselregen fällt.

1917 und Joker

„Joker“ ist ein bedrückender Film, dramaturgisch sehr gut aufgebaut mit einer großartigen Schauspielleistung von Joaquin Phoenix. Ich vergleiche ihn mit „1917“, der natürlich auch bedrückend ist, aber trotzdem hinterlässt „Joker“ einen anderen, viel bittereren Beigeschmack. Weshalb? „1917“ beschreibt die Hölle einer vergangenen Zeit und den Gang eines Helden durch dieselbe. Es ist eine archetypische Geschichte, wie sie uns seit der Frühzeit durch die Epochen begleitet. Eine Heldengeschichte. Ohne den Sessel des Kinosaals zu verlassen, brechen wir mit dem Helden in die Zone des Chaos auf, die irgendwo außerhalb unserer, durch die Mauer der Zivilisation geschützten Lebenssphäre liegt. Aus sicherer Distanz sehen wir, wie einer der Unseren auch im Chaos da draußen den Kern der Menschlichkeit heiligzuhalten vermag. Am Schluss triumphiert der Wille des Guten, wenn es auch nur ein persönlicher Sieg ist, der das Rad der Zeit nicht aufzuhalten vermag.

Auch „Joker“ spricht vom Schutzwall der Zivilisation. Aber anstatt uns aus sicherer Distanz das Chaos auf der anderen Seite zu zeigen, belagert er unsere Stadt und beginnt sie dann zu invadieren. Einen Helden gibt es nicht. Im Gegenteil: der Anführer der Belagerer ist der Protagonist des Films. Er fällt mit seinen Clowns in unsere Stadt ein. Der Kinosaal bietet uns keinen Schutz mehr. Das Chaos kommt zu uns. Wie macht der Film das? Indem er einige uns bekannte Elemente des Chaos aufgreift und übersteigert: Zunehmende soziale Ungleichheit auch innerhalb unserer Lebenssphäre (Marx); das Fehlen einer Geschichte, welche unser Leben in einen größeren, metaphysischen Zusammenhang stellt (Nietzsche); außer Kontrolle geratene Protestbewegungen (Greta); die Unterhaltungsindustrie der Ablenkung (Netflix); die Sinnlosigkeit des Konsumismus, symbolisiert durch Abfallberge (Black Friday); ein reicher Mann, der sich über das “innere Proletariat” lustig macht und in die Politik drängt (Trump). Obwohl der Film ästhetisch in den Siebziger Jahren spielt, kommt uns das alles sehr bekannt vor. Zu bekannt. Das Chaos dringt in die Stadt ein. Ein Retter ist nicht in Sicht. Der Held ist der Anführer der Zerstörer. Wir haben die Wahl, uns ihm anzuschließen und selbst zu Aktivisten des Chaos zu werden, oder im selben unterzugehen. – „Joker“ ist eine negative Version der Hypermodernität. Ein Anti-Pinker.

Nach Mitternacht verlasse ich das Kino. Es ist sehr kalt. Die Stadt ist ungewöhnlich leer, kaum mehr Menschen auf der Gran Vía, wenige Fahrzeuge sind unterwegs. Ein Motorradfahrer mit einem Glovo-Würfel auf dem Rücken rast vorbei, um irgendwo eine Pizza oder sonst eine Mischung aus Fett und Kohlehydraten abzuliefern. Vor mir geht ein junger, eigentlich normal aussehender Mann im Zickzack-Kurs und lacht laut, als wolle er sich dem Joker anschließen. Er scheint nicht betrunken, sondern einfach nur verrückt zu sein. Ein starker Wind bläst einen Karton über das breite Trottoir. Über mir türmen sich die drei neuen Luxushotels der Plaza de España. Kaum Lichter brennen in hunderten von Fenstern. Sie scheinen verlassen. – Wie so oft nach guten Filmen, invadiert das Kino für kurze Zeit die Realität.

Madrid, 1. Januar 2020

Die erste Lektüre des Jahres, noch im Bett auf dem Handybildschirm: der Linguist, Psychologe und Autor populärer Wissenschaftsbücher Steven Pinker in der “Financial Times“: Trotz der anhaltenden negativen Schlagzeilen (von Klimakatastrophe zu Demokratiezusammenbruch) besteht Grund zum vorsichtigen Optimismus. In hunderten von Statistiken zeigen die Graphen nach oben. – Ich beschränke meine Zeitungslektüre größtenteils auf Wirtschaftsblätter, vor allem die Financial Times. Wer die Wirtschaft versteht, erhebt sich über die Trumps und Boris und Gretas und beginnt Zusammenhänge auf einer höheren Ebene zu verstehen. Natürlich muss man auch gegensteuern, doch dabei sind linke Postillen wie die “New Left Review” oder künstlerische Weltuntergangszeitszeitschriften wie “The Dark Mountain Project” Tageszeitungen vorzuziehen.

Madrid, 25. Dezember 2019

Damals wie heute … Im Auerbacher Keller zu Leipzig gibt sich das Volk billigen Vergnügen hin, als Mephistopheles und der Doktor Faustus die Kneipe betreten. Die Zecher scherzen über die beiden, denn …

“Den Teufel spürt das Völkchen nie,
Und wenn er sie beim Kragen hätte.”