Madrid, 4. Dezember 2019

Anhaltende Niederschläge, weiterhin kalt. Heute morgen mit Goethes Faust begonnen, zum ersten Mal komplett von vorn bis hinten. Schon zu meiner Schulzeit hatte man uns das nicht mehr zugetraut.

“Von allen Geistern die verneinen,
Ist mir der Schalk am wenigsten zur Last.”

Madrid, 1. Dezember 2019

Am Abend in der Küche. Regen, Regen, Regen. Ich öffne das Fenster einen Spalt, um das Plätschern im Innenhof noch besser zu hören. “Der trockenste Herbst seit Menschengedenken” hätte eine bessere Schlagzeile für den morgen in Madrid beginnenden Klimagipfel geliefert. Tausende fliegen ein; die Restaurants und die Taxifahrer freuen sich, dass ab Morgen hier das Klima gerettet wird.

Madrid, 30. November 2019

Gestern auf Arte “In den Gräben der Geschichte – Der Schriftsteller Ernst Jünger”. Visuell sehr ansprechend. Natürlich konnte nur die eine Frage behandelt werden: Wegbereiter der deutschen Katastrophe, oder nicht? Ein Befassen mit Jüngers Literatur und Philosophie ist nur in Subgruppen möglich, in der Öffentlichkeit noch nicht. Zu präsent sind immer noch die Geister der Vergangenheit. Aber gut gemacht; die Diskussion sehr ausgeglichen. Nachher: “The Kid” von Charlie Chaplin. Heute: San Andrés. Die Geschichte meines Namens begann mit der Aufforderung: “Komm mit, ich mache dich zum Menschenfischer!”

Madrid, 29. November 2019

In der Resi Lektüre im „Jung/Steiner“. Jungs Weg (Individuation genannt): die Integration des Unbewussten ins Bewusste. Ansonsten wird das Unbewusste unser Leben bestimmen„und wir nennen es Schicksal“. Jung ist ein Kartograf des Unbewussten. Ein Mungo Park der Anderen Welt. Steiner hingegen sucht nicht die Bewusstmachung des Unbewussten. Zwar sucht er nach Erkenntnis, aber auf einem dritten Weg. Nicht auf dem rationalen Weg, nicht auf dem mystischen Weg und auch nicht durch die rationale empirische Erforschung des Mystischen (Jung), sondern eher auf Goethes Weg des klaren Sehens der Anderen Welt. Goethe sprach davon, dass er die Urpflanze klar vor sich sehe (Schiller glaubte ihm nicht). Die Kathedrale von Straßburg teilte Goethe, nachdem er diese lange betrachtet hatte, ein Geheimnis mit. Das ist der dritte Weg der Erkenntnis.

Madrid, 26. November 2019

Zur Rolle des Außenseiters in der Wissenschaft: Echte Grundlagenforscher, die unabhängig arbeiten, sind selten geworden. James Lovelock ist dafür das Paradebeispiel. Unorthodoxe Denker und Autoren hingegen gibt es viele. Oft verkaufen sich ihre Theorien besser als die orthodoxen. Aber längst nicht jeder Außenseiter ist Avantgarde. Die meisten sind einfach nur gescheiterte Aspiranten des Betriebs. Aber nicht alle! Der Betrieb neigt dazu, neben den “Spinnern” auch die für das Vorwärtskommen notwendigen Genies abzulehnen, denn er ist eine Art Glaubensgemeinschaft samt Glaubensbekenntnis und Inquisition. Das Volk hingegen stellt sie oft aufs Podest. Allerdings gibt es nur wenig Perlen und sie sind nicht einfach zu finden. Daher wäre viel Skepsis angebracht, aber im Wissen um die Probleme des Betriebs.

Madrid, 25. November 2019

Am Morgen Fahrt durch dichten Nebel, dazu “The Portal” von Eric Weinstein gehört. Heute mit Vitalik Buterin, einem Mitbegründer von Ethereum. – Blockchain communities: Labore für künftige Gesellschaftsmodelle. Untergemeinschaften welche im Schatten heranwachsen; Visionen für Zeiten schwindender Staatsmacht. Gemeinschaft nicht mehr aufgrund geografischer Nähe und erst recht nicht aufgrund ethnischer Bindung, sondern aufgrund einer gemeinsamen Neukultur und Neusprache. – Vision: Das sich Erheben über Tagespolitik und Brot und Spiele; trotzdem das geografisch-physische Verwurzeltsein: Garten, Stadt, Wald, Literatur; aber gleichzeitig: die Vernetzung in globalen Gemeinschaften.