Madrid, 12. März 2019

Nach Abschluss der fazinierenden Novelle “Afrikanische Spiele” lese ich in Nick Bostroms Essaysammlung “Die Zukunft der Menschheit”. Wieder taucht der merkwürdige Gedanke auf, dass superintelligente Maschinen bald das Zepter übernehmen könnten. Unabhängig davon, ob diese Möglichkeit sich tatsächlich bereits diesseits des Zeithorizonts befindet, sind ihre Konsquenzen ganz einfach zu verstehen und trotzdem mit dem Verstand kaum erfassbar: “Superintelligente Maschinen könnten die letzte Erfindung sein, die wir jemals machen müssen, da eine Superintelligenz per Definition praktische alle intellektuellen Tätigkeiten viel besser erledigen kann, als ein Menschen, darunter auch strategisches oder kreatives technologisches Denken oder die wissenschaftliche Analyse.” – Das best-case scenario dieser Entwicklung wäre die Freiheit, das worst-case scenario der Untergang.

Madrid, 10. März 2019

Am Morgen blieben mir etwas mehr als drei Stunden Zeit zur Lektüre, bevor sich P. mit noch schlaftrunkener Stimme erkundigte, ob es denn bereits Morgen sei. (C. verbringt zwei Tage in Ríopar, an der Quelle des Flusses Mundo, wo, gemäß ihrem Bericht, der Sternenhimmel einen großen Eindruck auf sie gemacht haben soll.)

Zwei Devisen aus der Lektüre der “Afrikanischen Spiele”: Der Wille zum Leben, und: Die Welt als Symbol. Von der Überfahrt nach Algerien berichtet der Erzähler, der sich als Einundvierzigjähriger seiner Erlebnisse als sechzehnjähriger Fremdenlegionär erinnert: “Gegen Abend fuhren wir ab, durch die kleinen, weißen Inseln hindurch in den offenen Golf hinaus. Die Nacht war ruhig und warm; die Sternbilder zogen größer und leuchtender auf. In glücklicher Stimmung schlief ich ein und brachte, wenn ich erwachte, Stunden im träumenden Hellschlaf zu. Das Schiff fuhr nur für mich, mein Wille war es, der zu der fremden Küste trieb.” – Hier erkennt der Autor das eigene Schicksal als Produkt des Willens; der Sternenhimmel und wohl auch die Stille des nächtlichen Meers oder der Wind in den Haaren als Symbol für die Vorgänge in seinem Inneren.

Madrid, 9. März 2019

Auf dem Heimweg geriet ich in die Frauendemonstration: “Manolo, Manolito, la cena tu solito!” Ein lustiger Slogan, eine Nachricht an die Väter und Großväter; die Ankündigung einer Kulturwende. Etwas zynisch meint C., dass die meisten der skandierenden Studentinnen in zehn Jahren auch einen Gilipollas geheiratet haben werden. Unrecht hat sie damit nicht. Auf der Straße in festlicher Atmosphäre “die Gesellschaft” zum Wandeln aufzufordern ist einfacher, und damit auch weniger wirksam, als die Sache vor der eigenen Haustür anzugehen. Trotzdem: Ich musste über den Slogan lachen, vor allem weil ich auch den einen oder anderen Manolo kenne.

Im Vorortszug lese ich “Afrikanische Spiele” von EJ. Ich habe die Biographie für die Lektüre dieser Erzählung unterbrochen. Eine Abenteuergeschichte aus den letzten Jahren vor dem großen Krieg. Träume und Symbole, aber auch scharfe Beobachtungen.

Als ich mich bei der Einfahrt in den Bahnhof “Vier Winde” erhebe, ein “gracias” an die Sitznachbarin, die mir Platz macht. “Bitte”, antwortet sie auf deutsch – sie hat mein Buch gesehen. Ein kurzes Gespräch entsteht. Eine unerwartete Begegnung: Spanierinnen in einem gewissen Alter, die fast akzentfrei deutsch sprechen, sieht man selten.

Madrid, 8. März 2019

Die rational erforschbare Wirklichkeit ist nur eine Erscheinungsform des Seins. Es ist die Erscheinungsform unseres Zeitalters. Als Erschafferin der modernen Welt bringt sie Fortschritt und auch Zerstörung. Supermärkte und Erderwärmung. Techno-Utopie und AI-Apokalypse. – Entgleiten uns dabei die Zügel? Das Studium anderer Erscheinungsformen des Seins wären dann wieder gefragt.

Madrid, 7. März 2019

Gestern trieben heftige Windstöße dunkle Wolken über Madrid. Zum Teil starke Regenfälle. In der Nacht dann Träume aus dem tiefsten Unterbewusstsein. Sechs Fragmente vermochte ich am Morgen festzuhalten. Heute wieder Sonnenschein, aber kälter. In Kiesels EJ-Biographie stoße ich auf den Begriff der “zweckfreien Reflexion der Zeiterfahrung”.

Berlin, 1. März 2019

Nach drei Tagen ist die Arbeit abgeschlossen. Ich sitze im Hotelzimmer und lese. Da es an der Industrieausstellung an jedem Stand etwas zu essen gab, habe ich immer noch keinen Hunger. Ein Restaurant habe ich mir auf dem Spaziergang zum Hotel aber bereits ausgesucht – falls der Hunger noch kommt.

Nach der Arbeit hatte ich noch einen anderen Kunden besucht. Wir saßen im 25. Stock des Allianz-Turms mit schönster Aussicht auf Berlin. Jetzt Konferenzraum, war das große Zimmer (auf zwei Seiten mit Fenstern vom Boden bis zur Decke) bei der Gründung der Firma noch Direktorenbüro gewesen. Ein würdiger Platz für einen Direktor alter Schule. Man stellt sich vor, wie er Whisky getrunken und Zigarren geraucht hat.

Neue Bücher habe ich keine gekauft. Mit Faszination lese ich die EJ-Biographie. Selten hat mir eine literarische Biographie so sehr gefallen. Die letzte war wohl vor fast dreißig Jahren die von EH (Hemingway). Beide Autoren haben einiges gemein. Ihre Teilnahme an beiden Weltkriegen, ihr Männlichkeitswahn, der sie heute zu unmodernen Autoren macht – zumindest EJ, vermutlich auch EH. Eine dritte Biographie, die mir in den Sinn kommt ist die von Jack London. Ich hatte sie gelesen, als ich Rekrut war. Auch sein Wahn schlägt in dieselbe Kerbe: Natur, Abenteuer, Rausch, obwohl alle drei Schriftsteller ganz unterschiedliche Männer waren.