Bird Box und Roma

Ich habe zwei Filme gesehen. „Bird Box“ von Susanne Bier und „Roma“ von Alfonso Cuarón. „Bird Box“ basiert auf einem postapokalyptischen Roman von Josh Malerman – ein Genre, das ich sehr mag, auch wenn ich lesend kaum dazu komme, sondern mich eher in Filmen in solche Welten begebe. Es handelte sich um einen kommerziellen, auf Effekte ausgerichteten Film. Trotzdem ist er sehr gut gemacht. Ein Kinogänger, wie natürlich auch ein Leser, prägte dem Film (dem Buch) die eigene Leseart auf. So findet sich die tiefere Bedeutung einer Geschichte – und zwar jeder Geschichte – immer im Zuhörer oder der Zuhörerin. Dies ist auch in Genregeschichten der Fall, deren erstes Ziel eben nicht das Verkünden tieferer Wahrheiten, sondern das Auslösen eines Schock- oder Spannungseffekts ist. So sind gerade auch Horrorgeschichten, schürft man nach Bedeutung, oft recht ergiebig. Sie sprechen vom ewigen Kampf gegen das Böse und den Tod. Jemand – vielleicht war es David Mamet – hatte einmal gesagt: „Stories are not about the message. If I have a message, I send an email.“

„Roma“ ist in einem gewissen Sinne das Gegenteil von „Bird Box“. Ein persönlicher, autobiographisch inspirierter Film des Mexikaners Alfonso Cuarón. Es geht um seine Kindheit im gehobenen Mittelklassequartier Roma in der Stadt Mexico. Die Hauptperson ist die Hausangestellte einer Familie – eine „India“, die auch noch die alte Sprache spricht. Sie stammt aus einem armen Dorf im Hinterland und hat wohl nur wenige Jahre an der Schule verbracht. Trotzdem und trotz ihren Lebensumständen, welche von der Arbeit und vom Dienst bestimmt sind, und ihr nur wenig Zeit für sich selbst lassen, erweist sie sich als ein Fels in der Brandung, an dem die Familie, der sie dient, Halt findet in den anscheinend stürmischen siebziger Jahren in Mexico. Sie verfügt über Besonnenheit und Mut. „Roma“ ist ein Film, in dem die Männer sich vor der Verantwortung drücken und Krieg spielen, während die Frauen dafür sorgen, dass das Leben auch unter schwierigen Umständen weitergeht.

Bálamo

Am Freitag im Bálamo zum Zweiten, dieses Mal mit Carol. Bilanz: ein toller Ort, um einen Abend mit Freunden zu verbringen, aber etwas zu laut und geschäftig für ein Essen zu zweit. In dem Falle wäre die Intimität eines kleineren Restaurants vorzuziehen. Die Küche ist gut, es gibt genügend Kellner, so viele, dass die Organisation fast militärisch aufgestellt ist, mit Bereichsleitern, die Befehlsgewalt über gewöhnliche Fußsoldaten haben, und freien Agenten, die durch die verschiedenen Bereiche patrouillieren, um nach Gästen Ausschau zu halten, deren Wünsche durch die Maschen der Netzte der regulären Truppen gegangen sind. Man kann also nicht sagen, das Personal sei nicht aufmerksam. Trotzdem ist der Service, obwohl gut geplant, noch nicht perfekt. Natürlich handelt es sich um Massenabfertigung, wenn auch in schöner Umgebung. Die Wand des Restaurants besteht aus einem riesigen vertikalen Garten, dem „größten Europas in einem Restaurant“, wie man uns mitteilt.

Wir bestellten: Camarónes, Chipirónes, Langostinos a la plancha und zwei Austern. Zum Dessert: Einen Schokoladenbrownie mit Glacé und Käsekuchen. Camarónes sind winzige, frittierte Krevetten, die man samt Schale, Kopf und Beinchen isst. Sie sind gut, aber einen ganzen Teller teilte man besser an einem größeren Tisch, da es einem zu zweit schnell zu viel wird. Die Chipirónes waren wunderbar. Es handelt sich dabei um kleine, grillierte Tintenfische (nicht die Arme, sondern nur der Rumpf). Langostinos sind Riesenkrevetten, die man, im Gegensatz zu den Camarónes, natürlich schält. Die Austern schmeckten, als öffnete man mitten im Meer den Mund. Das Dessert war gut, wenn auch nicht hervorragend – der Zucker tat auf alle Fälle seine Wirkung.

Das neue Restaurant hat in der Region südöstlich von Madrid in kürzester Zeit eine große Bekanntschaft erlangt. Jeder spricht davon; wer noch nie dort war, hat vor, es bald nachzuholen. Ganze Lastwagen voller Fische und Meeresfrüchte müssen hier wohl jeden Morgen abgeladen werden. Mag die spanische Politik konfus sein, die EU in einer Krise stecken, und unser Wirtschaftssystem vor Umbrüchen stehen, aber noch wird getafelt wie im alten Rom und zwar nicht nur am Hofe, sondern auch in der Agglomeration. Der nicht mehr ganz junge Mann am Nebentisch lässt für sich und seine Begleiterin nach zwei Stunden Abendessen noch eine Portion Pulpo auftragen, die sie dann aber nicht mehr anrühren. So demonstriert er auf dieser ersten (oder vielleicht schon zweiten) Verabredung, dass er sich eine gewisse Dekadenz durchaus leisten kann. Die Tafel und das Bild, das sich uns bietet, spricht von einer blühenden Zeit. (Aber natürlich ist es, so, dass mancher aus den umliegenden Blöcken, sich ein Essen im Bálamo nicht leisten kann. Doch das ist kaum zu sehen; Prekarität trägt man in Spanien nicht nach außen. Solche Situationen werden innerhalb der Familie geregelt. Es gibt Familien, in denen sämtliche Kinder und Enkel von der Pension des Großvaters leben.)

Schweine

Gestern auf der Heimfahrt von der Schule an einer Tankstelle gehalten, um Wasser zu kaufen. Schon beim Heranfahren über die weitläufige Betonfläche, welche die Tankstelle von der Autobahn trennt, sah ich den Schweinetransporter bei einer Zapfsäule stehen. Sonst war niemand am Tanken. Ich hielt an, wir stiegen aus. In einiger Entfernung rauschte leise die Autobahn. Auf der anderen Seite der Tankstelle ein weites, einsames Feld. Ein kalter Wind strich über Tankstelle und Feld. Weit draußen bewegten sich sanft die Bäume. Der Himmel war tiefblau. – Die Schweine quiekten. Hinter den Gittern des Lastwagens, in dem sie ihre erste und letzte Reise angetreten, standen sie dich aneinandergedrängt. Als fänden sie einfach keine bequeme Position, wendeten und schüttelten sie sich unentwegt. Irgendwo im Innern des Lastwagens begann ein Kampf. Ein Stampfen und Holpern und Quieksen erfüllt die Luft. Der mächtige Lastwagen schaukelte hin und her. Wir gingen schnell am Schweinetransporter vorbei in den Laden der Tankstelle. Dort kaufte der Chauffeur des Lastwagens Coca-Cola, Schokoriegel und Brot. Wir kauften eine Falsche Wasser und fuhren nach Hause.

BJJ

Gestern nach langer Zeit des Zögerns zum ersten Mal eine BJJ-Klasse in der DK Team-Akademie in Alcorcón besucht. Die Akademie in Batán hatte mir durchaus gefallen, aber wer will schon am Abend nochmals auf die Metro, wenn man eine Akademie gleich um die Ecke hat? Im DK Team geht es rauer zu und her als bei IAM; es wird dort auch geboxt, man trainiert MMA, viele Studenten nehmen an Wettkämpfen teil. Die Akademie liegt in einer sogenannten nave, einer Blechhalle im Industriequartier. Auf dem Weg dorthin erblickte ich eine andere nave, die mein Interesse regte: Einen Ort, wo man sich eine Werkbank und die entsprechenden Werkzeuge mieten kann, um an einem eigenen Projekt zu arbeiten, um sich zum Beispiel ein Möbel zu bauen. Da würde ich gerne einmal mit Peps hin, vielleicht um mir ein Büchergestell zu zimmern. Eine tolle Sache, wenn man in einer Wohnung wohnt und über keine Werkbank in der Garage oder im Keller verfügt. Dann kam ich zur Halle, derentwegen ich in die Kälte hinausgegangen war. Dunkel lag sie da, hinter einem einzigen Fenster schimmerte ein Licht. Drin waren Schläge auf Säcke und Polster zu hören, wie sie für einen Ort, wo man den Kampf trainiert, üblich sind. Ich trat ein, wechselte ein paar Worte mit der kleinen Person an der Rezeption und erhielt gleich einen Sack mit einem schwarzen BJJ-Kimono drin in die Hand gedrückt. Ich zog mich um und gesellte mich zur kleinen Gruppe auf der Matte. Der maestro heißt Sergio. Ein echter Kämpfer, das sah ich gleich an seinen Blumenkohlohren, wie man auf Englisch sagt (cauliflower ears): zerdrückte und auch permanent geschwollene Ohren. Wenn man auf der Straße einen Kampf anzetteln will, soll man sich vor Menschen mit Blumenkohlohren fernhalten! Aus einem Musikturm ertönte recht laut amerikanischer Hip Hop. Im hinteren Teil der Halle wurde geboxt. Im oberen Stock, einer Art Mezzanin, stand ein Ring. Auch dort wurde geboxt. Dahinter an der Wand hing die spanische Fahne, und daneben, wie in allen BJJ-Akademien üblich, die brasilianische, denn BJJ kommt aus Brasilien. Die Klasse lief so ab, dass wir uns zuerst warm machten (ungefähr 10 Minuten), dann bestimmte Griffe und Positionen übten (50 Minuten), und zum Abschluss „rollten“, sprich kämpften, immer mit wechselnden Partnern, fünf Minuten „rolling“, eine Minute Pause (das Ganze dauerte nochmals 30 Minuten). Ich war erstens der Älteste in der Klasse und zweitens derjenige mit der geringsten Erfahrung. Zumindest bin ich groß, doch die Größe hatte gegen BJJ-Technik wenig Chancen. Ich wurde eins nach dem anderen Mal ausgetappt, sprich, dass meine Opponenten mich in eine Position rangen, in welcher sie mir entweder die Blutzufuhr zum Gehirn hätten abschneiden oder einen Arm hätten ausrenken können. Beim letzten Kampf war ich ziemlich am Ende meiner Kräfte. Trotzdem gefiel mir die Sache gut, so dass ich beschlossen habe, an diese Akademie zu wechseln, die viel näher liegt

Noch ein paar Gedanken zur Lektüre, zu der ich gestern wenig Zeit hatte, so dass sowohl die Bibel als auch das Lektürenbuch unangetastet blieben. Heute Morgen dann aber im Seume gelesen. Sein Reisebericht, der jetzt über zweihundert Jahre alt ist, ist ungewöhnlich, zumindest für den modernen Leser. Er schreibt sprunghaft, lässt vieles aus, um dann aber anderes in großer Detailtreue zu beschreiben. Gerade war er in Wien, das ihm orthodox und stocksteif vorgekommen ist. Noch über hundert Jahre lang sollte im katholisch-kaiserlichen Habsburgerreich alles dem Kaiser und seinem Beamtenstaat unterstellt bleiben, der peinlichst auf die Einhaltung der Sitten und des rechten Denkens achtete. Es schien kaum Bewegung im Lande zu sein, weshalb sich dann mit dem Ersten Weltkrieg alles sang- und klanglos auflöse, wie ein langer Traum, der sich kurz vor dem Aufwachen noch in einen kurzen aber intensiven Alptraum hineinsteigert, dann verpufft, sobald man die Augen aufschlägt. Darüber habe ich ja in den Büchern von Joseph Roth gelesen. Von Wien aus zieht Seume weiter nach Graz durch die Steiermark, wo es von Räubern und Wegelagerern nur so wimmeln soll. Sein Begleiter entschließt sich, ob all der Berichte über die Gefährlichkeit des Weges, die Reise abzubrechen. Er ist Familienvater und kann sich den Tod nicht leisten. Seume, nur sich selbst gegenüber verantwortlich, lässt sich nicht abschrecken. Sein Vater, ein Bauer mit eigenem Gehöft, hatte in einer Wirtschaftskrise alles verloren und starb dann früh. Die Familie war arm. Seume war aber mit viel Talent und Intelligenz gesegnet, weshalb er dank der Sponsorschaft eines Adeligen gute Schulen besuchen durfte. Dann wurde er aber zum Studium der Theologie gezwungen, das Interesse an derselben er sich aber durch die Lektüre von aufklärerischen Autoren verdarb. Er brannte durch, fiel unzimperlichen Soldatenwerbern in die Hände und wurde an die britische Armee verkauft, die ihn zur Bekämpfung der amerikanischen Revolutionäre nach Halifax verschiffte. Später diente er einem russischen General im besetzen Polen. Der „Spaziergang“ nach Sizilien war also das erste Unternehmen, das er ganz aus freien Stücken unternahm und er ließ es sich von niemandem verderben. Lieber Räubern in die Hände fallen, als die Reise abzubrechen. Was hatte er schon zu verlieren? Seinen Homer und ein paar andere Bücher, nicht mehr. – Er schaffte es problemlos nach Graz. Unterwegs begegnet er vielen vom vor Kurzem beendeten Krieg mit Napoleon heimkehrenden Soldaten, die sich in den Wirtshäusern der Steiermark betranken, immer bereit, einen Streit vom Zaum zu brechen.

Seume

Gestern war der letzte Weihnachtsfeiertag in Spanien (da Drei-Könige dieses Jahr auf einen Sonntag fiel); heute, an einem sonnigen, kalten Tag, kehrt der Alltag zurück.

Lektüre dieser Tage: Immer noch Eine Geschichte des Lesens. Darin über Walt Whitman gelesen. Vergleiche zwischen dem Lesen eines Textes und dem „Lesen der Welt“ – der Interpretation von all dem, was in der Welt ist. Die Dinge in der Welt sind Symbole, welche auf eine tieferliegende Wahrheit hindeuten. Wie Buchstaben ist auch die Welt Code. Whitman war der Meinung, dass man ein Buch am richtigen Ort lesen müsse, vielleicht um so die Chiffren des Textes und der Welt in Einklang zu bringen. – Auch mit Spaziergang nach Syrakus von Johann Gottfried Seume begonnen. Ich hatte vorher noch nie Seume gelesen, wohnte aber einmal in Berlin an der Seumestraße. Darin die Schilderung einer langen Fußreise von Leipzig nach Syrakus (Sizilien) und zurück im Jahre 1801. Die napoleonischen Koalitionskriege dauern an, aber gerade wurde zwischen Österreich und Frankreich Friede geschlossen; auch Italien wird umgestaltet. (Die Eigenossenschaft ist zu jener Zeit von Frankreich kontrollierte Republik.) Seume wandert durch unsichere Gegenden, es wimmelt, wie in Kriegszeiten üblich, von Räubern, aber er hat keine Angst: „Ich gehe getrost vorwärts und verlasse mich etwas auf einen guten, schwerbezwingbaren Knotenstock, mit dem ich tüchtig schlagen und noch einige Zoll in die Rippen nachstoßen kann. Freund Schnorr wird auch das seinige tun, und so müssen es schon drei gut bewaffnete, entschlossene Kerle sein, die uns anfallen wollen. Wir sehen nicht aus, als ob wir viel bei uns trügen, und auch wohl nicht, als ob wir das Wenige, das wir tragen so leicht hergeben würden.“ Im Gegensatz zu Goethes Italienreise, die fünfzehn Jahre früher stattfand, schaut Seume nicht nach innen; er schaut sich die Welt an. Wo Goethe den Geist der Antike und das Romantische Italiens suchte und fand, sieht Seume Not und Armut.