Corona Tag 33

Manchmal beobachtet man vom Fenster aus Gesetzesbrecher. Vor ein paar Tagen, zu Beginn des längsten Wochenendes des Jahres, der Semana Santa, schleppte eine Frau einen Koffer über den Parkplatz. Man sah ihren Bewegungen das Streben nach Heimlichkeit an. Doch dann – sie muss etwas für die Fahrt Wichtiges im Koffer vergessen haben – sieht sie sich gezwungen, diesen auf den Boden zu legen, zu öffnen und in ihm herumzuwühlen, sodass man von allen Fenstern aus sah, dass sie wegfahren will, vielleicht zu ihrem Haus im Dorf. Das ist verboten. Alle Ausfallautobahnen werden von der Guardia Civil kontrolliert. Doch mancher probiert’s und einigen wird es wohl gelingen, durchs Netz zu schlüpfen. Im Dorf erwartet sie dann der Herausforderung zweiter Teil: viele Dörfer haben sich abgeschottet, die Dorfpolizei vor dem Dorfeingang in Stellung gebracht. Man will die Madrider nicht; nur die sogenannten Kinder des Dorfes (hijos del pueblo) haben eine Chance, durchzukommen. Wochenendhausbesitzer ohne familiäre Wurzel im Dorf werden es schwerer haben. Heute Morgen um sechs Uhr eine Runnerin, die erste seit Wochen. So ist das Laufen spannend, immer auf der Ausschau nach Polizeistreifen.

Corona Tag 32

In der Nacht … Für wenig Geld kaufen Carol und ich Pouletflügeli. Einen ganz Ofen voll. Wir öffnen ihn und finden Dutzende von Flügeli … nein, es handelt sich um ganze Hähnchen! Einige sind noch fast weiß, andere schwarz verbrannt. Wir entschließen uns, die dunklen zu essen und die andere zu behalten, schließlich muss man in Zeiten der Pandemie genügend Vorräte an Lebensmitteln anlegen. Später dann bin ich an der Schule, um Paul abzuholen. Comix taucht auf. Ich frage ihn wie es Mira geht, die in einem Spital arbeitet. Er antwortet mir nicht. Auch sonst fallen nicht viele Worte. Wir stehen stumm nebeneinander und erinnern uns der Zeiten, als wir in den St. Galler Beizen Bier tranken.

Corona Tag 31

Der momentane Konsumunterbruch, auch wenn er noch monatelang andauern wird, ist nicht das Ende der Weltwirtschaft. Er mag manches Unternehmen und sogar ganze Sektoren in den Abgrund treiben, aber die Sehnsucht des westlichen Menschen und seiner Mittelklasse-Cousins in anderen Regionen der Welt nach Unterhaltung, Ablenkung und Konsum ist ungebrochen; sie wird nach dieser Episode sogar noch anwachsen und der Weltwirtschaft, zumindest den Unternehmen, die auf dem richtigen Kurs sind und in dieser Zeit des wechselnden Windes die Segel entsprechend zu setzen vermögen, den nötigen Antrieb verleihen. Auch an Geld wird es nicht fehlen. Dafür sorgen die Zentralbanken.

Heute meldet zum Beispiel die NZZ: „Kurz vor Ostern hat die britische Zentralbank bekannt gegeben, sie gewähre der Regierung die Möglichkeit, direkt bei ihr Geld in beliebiger Höhe zu beziehen.” – Das letzte Tabu ist somit gebrochen. Solches geschah bisher nur im Krieg. Die Zentralbanken finanzieren die Regierungen, und diese wiederum „retten“ Menschen und Unternehmen mit einem Geldregen. Der Rubel muss rollen, um jeden Preis. Und am Horizont lauert das Gespenst Hyperinflation.

Genug Geld für alle zur Verfügung stellen, gleichzeitig aber die Geldentwertung in Schach halten. Das ist die Kunst der Zentralbanker, in deren Hand das Schicksal der Weltwirtschaft liegt.

Corona Tag 30

Welche Menschentypen beobachte ich in meiner Umgebung? – Man könnte sie so einteilen: die Ängstlichen, die Wissenden, die Ignoranten und die Realisten. Schnittmengen sind möglich, sogar wahrscheinlich.

Die Ängstlichen fürchten sich vor dem Ende ihrer Welt, oder zumindest davor, dass ihre Welt, nie mehr dieselbe sein wird. Nicht dass ihre Welt besonders aufregend gewesen wäre, und eigentlich ist sie immer noch dieselbe: Arbeit, Supermarkt, Konsum und Serien. Es gibt Ängstliche, die von apokalyptischen Bildern heimgesucht werden; und andere, die einfach den Jobverlust fürchten.

Die Wissenden haben’s schon immer gewusst. Unser Konsum, unser Kapitalismus, unsere hoch-fragile globalisierte Welt: dieses Kartenhaus musste doch einmal zusammenbrechen. Eine Untergruppe dieser Wissenden sind die Linken, welche schon lang von Fantasien über das Ende des Kapitalismus geplagt worden sind, ohne dass ein solches je in Sicht gewesen wäre. Nun plötzlich: was Andere als winter is coming interpretieren ist ihnen Licht am Ende des Tunnels. Eine andere Untergruppe sind die Rechten, die tagein tagaus vom Anbruch einer Zeit warnen, in der totalitäre Überwachungsstaaten uns unsere geliebten individuellen Freiheiten entreißen.

Dann die Ignoranten. Eine große Menschengruppe, die gar nichts denkt. Viele von ihnen haben den Zug des Lebens schon lang verpasst. Andere sitzen in einem Abteil zweiter Klasse und starren auf den Handybildschirm. Viele von ihnen fühlen sich sogar gestärkt, da es plötzlich normal geworden ist, den ganzen Tag lang auf dem Sofa zu sitzen. Alle sitzen jetzt den ganzen Tag lang auf dem Sofa – zumindest in der Vorstellung der Ignoranten.

Schließlich die Realisten. Sie beobachten die Situation. Viel Information aufnehmend (aber echte Information, nicht Schlagzeilen), oder sich anderem zuwendend (der Lektüre, dem Garten, den Freunden, den Kindern …), im Wissen, dass alle Information zurzeit nur temporäre Gültigkeit hat und kaum Material für handfeste Prognosen liefert. Realisten mögen zum Optimismus oder zum Pessimismus neigen, aber sie vermeiden Meinungen. Sie tun, was sie tun müssen.

(Ortheils Typen: http://www.ortheil-blog.de/2020/04/08/zeitenwende-in-zeiten-des-coronavirus-29/)

Corona Tag 29

In der Nacht … Irgendwo auf einem Feld beginnt die Olympiade. Einige der Sportler stehen da und lauschen der amerikanischen und anderen Nationalhymnen. Es handelt sich aber nicht um eine Medaillenverleihung, sondern eher um die Eröffnungszeremonie. Ein kleiner amerikanischer Sportler steht stramm, aber andere schauen sich um, kommen gar zu spät oder stören sonst die Zeremonie durch ihre Unaufmerksamkeit. Ich ärgere mich über diese unseriösen Sportler, die in ihren unverständlichen Sprachen miteinander flüstern. Ich selbst bin nämlich mit von der Partie; ich nehme am olympischen Schwimmwettbewerb teil! Leider bin ich aber nicht gut darauf vorbereitet. Sportlich schon. Ich bin zwar nicht Favorit, aber wer weiß, vielleicht gelingt mir eine Überraschung und ich schaffe es auf einen Medaillenplatz. Doch mir fehlt das Material. Als wir uns nämlich umziehen gehen, finde ich in meiner Sporttasche einzig eine wabbelige Surferbadehose; eine Schwimmbrille habe ich nicht dabei und auch die Wasserschuhe, welche an diesem Wettbewerb scheinbar obligatorisch sind, fehlen. Zum Glück leiht mir Atul, der so etwas wie mein Trainer ist, seine Badehosen, Wassserschuhe und Schwimmbrille. Plötzlich merke ich, dass sich alle Schwimmer bereits umgezogen haben und schon wieder draußen sind und am Becken auf den Start warten, nur ich noch nicht. Werde ich es überhaupt noch schaffen, bevor der Startschuss fällt? Ich ärgere mich: Überall bin ich immer der Erste, schießt es mir durch den Kopf, nie bin ich zu spät, aber ausgerechnet hier, als Teilnehmer der Olympiade, schaffe ich es nicht, rechtzeitig am Start zu sein.

Corona Tag 26

In der Nacht … Ich bin unterwegs nach Bologna, wo ich eine Konferenz besuche. Die Reise wird von einem Italiener organisiert, den ich in Berlin kenne. Von der Schweiz aus, wo ich wohne, fliege ich nach Berlin. Der Italiener hat dort ein Auto gemietet, mit dem wir durch ganz Deutschland nach Italien fahren sollen. Ich rege mich sehr über diese Reiseroute auf. Warum lässt du mich nach Berlin fliegen, um dann durch ganz Deutschland zurück in die Schweiz zu rasen? Warum nicht direkt nach Bologna? Während die anderen Reiseteilnehmer (gesichtslos, aber ich kenne sie) ihre Koffer verladen und ins Auto steigen, überlege ich hin und her, ob ich meine Teilnahme an der Konferenz absagen soll oder nicht. Bei meinen Kunden handelt sich um die Firma X … Was soll’s, denke ich, das sind sowieso C-Kunden, unwichtig! Ich entschließe mich zur Absage und lade meinen übergroßen Koffer wieder aus. Der Italiener versteht mich. Er fahre halt gern Auto, erklärt er. Nun bin ich also alleine in Berlin. Ich ziehe mich in ein Gebäude zurück, um zu überlegen, was ich als nächstes tun soll. Dort aber verliere ich, wie Kafkas Amerikafahrer Karl Roßmann in „Der Verschollene“, meinen Koffer aus dem Auge. Ich suche ihn in alten, heruntergekommenen Berliner Wohnhäusern und Hinterhöfen, aber der Koffer bleibt verschollen.