Zarathustra V

VON DEN FREUDEN UND LEIDENSCHAFTEN. Mensch, suchst du die Brücke zum Übermenschen zu überqueren, sage dich vom Katalogisieren der Tugenden los, denn, indem du sie benennst, wirfst du sie den Massen zum Fraß vor. Nenne die Kräfte in deinem Innern nicht „Tugenden“ und „Leidenschaften“, denn auch die wilden Hunde in deinem Keller sind notwendig.
„Der Mensch ist etwas, dass überwunden werden muss: und darum sollst du deine Tugenden lieben – denn du wirst an ihnen zugrunde gehen.“

Zarathustra IV

Noch eine Breitseite gegen die VERÄCHTER DES LEIBES.
Zarathustra spricht vom Ich und meint damit das Ego. Das Ich bedient sich des Geistes und des Sinnes und „was der Sinn fühlt, was der Geist erkennt, das hat niemals ein Ende. Aber Sinn und Geist möchten dich überreden, sie seien aller Dinge Ende.
Doch eigentlich steht hinter allem der Leib: Sinn und Geist sind ihm nur Werk- und Spielzeuge. Der Leib ist das Selbst. Das Ich (das Ego) ist nur eine Illusion des Selbst (des Leibes).
Hier zeigt sich Zarathustra radikal-materialistisch und scheint damit Descartes nahe zu stehen. Den religiösen Weg der Erkenntnis weist er erneut zurück: „Ich gehe nicht euren Weg, ihr Verächter des Leibes! Ihr seid mir keine Brücken zum Übermenschen!

Zarathustra III

Ein radikal weltgewandter Zarathustra spricht GEGEN DIE HINTERWELTLER, wider die heuchlerischen Verkünder und selbsternannten Pförtner des Transzendenten mit ihrem Gott und ihren Göttern.
Zarathustra wendet sich nicht nur gegen die “Pfaffen”, sondern gegen unser gesamtes religiöses Erbe. Und aus heutiger postchristlicher Sicht natürlich auch gegen die Armee der spirituellen Rauchverkäufer.
Natürlich unterlag auch Zarathustra selbst einmal der Versuchung sich mit einem Sprung in die Hinterwelt vor der Welt und dem sterblichen Leib zu retten, aber der Gott, den er dabei schuf, ward aus seiner eigenen Unvollkommenheit geboren. Und was konnte anderes dabei herauskommen als ein unvollkommener Gott?
Überhaupt ist dieser Sprung in eine Hinterwelt um dem Leiden zu entgehen etwas sehr Menschliches. Alle tun es, auch die Marxisten, die Faschisten, die modernen Liberalen …
Zarathustra aber lehrt uns, den Blick auf die Erde zu richten! Einen neuen Willen lehrt er uns. Der Wille eines gesunden Leibes: redlich, rein, vollkommen, rechtwinklig – der Hinterwelt den Rücken kehrend, der Erde zugewandt.

Madrid, 19. Mai 2019

Accelerationism! Das Angebot ist grenzenlos! Die Zeit dreht sich immer schneller und spuckt Dinge aus wie ein Maschinengewehr Patronen. Der Berg türmt sich immer höher, wächst immer schneller an. Daneben erblasst sogar der Mount Everest. Hundert Leben reichten nicht, ihn zu bezwingen. Er besteht nicht nur aus Materiellem, nicht nur aus Billigprodukten vom Bazar, sondern auch aus unzähligen Angeboten, die um unsere Zeit werben. Zum Beispiel Youtube: Tarkovsky, Buñel, Fellini … auf Knopfdruck auf unseren Bildschirmen.

Gestern Abend schauten wir uns auf diesem Kanal einen Dokumentarfilm aus dem Jahre 1922 an: „Nanook of the North“.

Der amerikanische Polarreisende Robert J. Flaherty dokumentiert und dramatisiert darin das Leben von Nanook und seinem Clan. Nanook war ein Eskimo. Er lebte zusammen mit 300 anderen Inuk auf einem Gebiet ganz im Norden Kanadas. Ein Gebiet so groß wie England, bestehend aus Festland und Eismeer. Nanook und die Seinen lebten von der Jagd und vom Handel mit Fellen. Ihre Welt war das Gegenteil der heutigen. Die Akzeleration hatte 1922 das weiße Dach der Erde noch nicht erreicht. Ihre Welt bestand aus einem Kanu, einem Speer und einem Messer; aus Schnee und Tieren – Polarfüchse, Wallrösser, Roben. Sie gingen auf dem gefrorenen Meer auf die Jagd. Wenn sie dabei erfolgreich waren, aßen sie. Für die Nacht bauten sie sich in weniger als einer Stunde eine Schneehütte. Damit sie nicht zu düster war, setzten sie ein „Fenster“ aus Eis ein, das Nanook aus dem Meer schnitt. Neben das Eisfenster stellte er einen Schneeblock, der zusätzliches Sonnenlicht in die Hütte hinein reflektierte. – Menschen, wie du und ich, wie wir seit hunderttausend Jahren über die Erde streifen!

Madrid, 15. Mai 2019

Merkwürdige Gedanken zur Bedeutung von Objekten, aus Yukio Mishima’s “The Frolic of the Beasts“. Es geht um einen wrench, einen Schraubenschlüssel.

Much later in prison, Kōji repeatedly reflected on the discovery he made at that moment. That wrench was not merely something that had been dropped there; rather it was the manifestation of a material phenomenon making its sudden entry into his world. To all appearances, the wrench, which lay on its side half-buried in the overgrown lawn exactly on the border with the concrete driveway, looked all the more natural in its present position – as though it ought to be there. However, this was merely a splendid deception, for it was undoubtedly some other indescribable substance that had provisionally assumed the form of a wrench. Some form of substance that, having been excluded from this world’s order, at times suddenly manifests itself in order to upset the very foundation of hat order – the purest of pure substances. It was that substance that must have taken the shape of a wrench.

We normally consider „will“ to be something intangible. Take, for instance, a swallow that skims past the eaves, the strangest shapes of bright clouds, the sharp ridgeline of a tiled roof, lipstick, a lost button, a single glove, a pencil, or the hard fastener of a flexible curtain. We don’t normally refer to such objects by the term „will“. However, if we assume that not our will, but the will of „something“ exists, then it would come as no surprise to find that „something“ manifesting itself as some form of material phenomenon. While consciously working to upset our even, everyday sense of order, it becomes stronger, more unifying, waiting for the moment when it can integrate us into its own inevitable full and jostling system, and while it normally scrutinizes us from some invisible form, at the most critical moment it takes on shape and manifests itself as tangible material object. Where do they come from? Kōji often conjectured, while brooding in his cell, that such objects probably came from the stars.

Objekte, die in unserer Welt auftauchen, als Ausdruck des Willens von “Etwas”. Der Wille von “Etwas” der Form annimmt und sich materiell in der Welt manifestiert. Der Wille von “Etwas” der direkt in uns wirkt, denn was für uns zählt ist nicht das Objekt in der Welt, sondern seine Repräsentation in uns. – Der Schraubenschlüssel in Mishimas Roman wird später zur Waffe werden.

Madrid, 13. Mai 2019

An einem kühlen Tag sank die Boeing der American Airlines durch eine dicke, dunkle Wolkendecke. Ich landete wieder in Madrid. Mit der Frische ist es vorläufig aber vorbei: Diese Tage liefern uns einen Vorgeschmack auf die Sommerhitze. Allerdings soll es ab Donnerstag wieder kühler werden, sogar nochmals regnen.
Im Flugzeug sah ich zwei hervorragende Filme. Auf dem Hinflug “Green Book” und auf dem Rückflug “Vice”. Auch begann ich mit der Lektüre eines Buches, das ich in Phila erstanden hatte: “The Frolic of the Beasts” von Yukio Mishima. Zum Buch hingezogen hat mich der Klappentext und das Autorenfoto. “… a short novel about an affair gone wrong …” Das Foto zeigt Mishima, offenbar der bekannteste Schriftsteller der japanischen Nachkriegszeit, ein literarisches Genie, ein Patriot und Traditionalist, durch dessen Venen Samuraiblut floß, gekleidet in einen maßgeschneiderten westlichen Anzug vor einer Tokioter Skyline. Die Arme verschränkt, der Blick kriegerisch – man ist froh dem Samurai nicht als feindlicher Schwertkämpfer gegenüberzustehen. Mishima hatte 1970, mit fünfundvierzig Jahren, versucht, eine Gruppe von japanischen Offizieren, von der Kaiserlichen Armee zu den sogenannten “Selbstverteidigungsstreitkräften” umerzogen, zum Aufstand zu bewegen. Er wollte Japans Willen zur Macht wieder erwecken. Es existiert ein Video auf Youtube von dieser Rede. Das gelang ihm nicht, weshalb er noch am selben Tag Seppuku beging – rituellen Selbstmord. Ein Mann aus einer anderen Welt und anderen Zeit also, dessen Literatur aber der Dostojewskis verglichen wird.