Frankfurt, 24. März 2019

Aus dem Flugzeug gibt es nicht viel zu berichten, außer vielleicht, dass mir die südamerikanischen Flugbegleiterinnen (der neuen Airline LATAM) sehr westlich vorkamen. Die Damen waren zum Teil europäischer Herkunft, in manchen Gesichtszügen überwog aber auch das Südamerikanische. Das Westliche, dass ich in ihnen zu erkennen glaubte, hatte also nichts mit dem Aussehen zu tun.

Das Flugzeug war ein Dreamliner, weshalb mir ein Bildschirm mit Filmauswahl zur Verfügung stand. Ich wollte mir eigentlich „A Star is Born“ mit Lady Gaga anschauen, einen Oskargewinner. Aber, wie ich bald feststellte, sollte man sich diesen Musikfilm (oder überhaupt Kinofilme) nicht auf einem kleinen Bildschirm im Flugzeug anschauen, ständig den Motorenlärm im Ohr, immer wieder von Ansagen aus dem Cockpit unterbrochen. Außerdem habe ich seit einiger Zeit sehr wenig Geduld mit Filmen. Wenn etwas nach Diversion und Unterhaltung riecht, rümpfe ich die Nase.
Ich las also ein wenig im Sloterdijkschen Notizbuch (ein Gigant von einem Philosophen) und schaute mir dann, als mir die Augen zu zufallen drohten, zwei Kapitel von „Friends“ an. Es war lustig. Neunziger Jahr Nostalgie. Einiges hat sich verändert seit damals: man durfte sich noch über einiges lustig machen, was heute verboten wäre.

Dann war ich im Hugendubel, der größten Buchhandlung Frankfurts. Natürlich ging mein Weg vom Flughafen (mit einem kurzen Abstecher im Hotel) geradewegs dahin. Ich stöberte in den Klassiker- und Philosophieabteilungen. Beide sind recht klein. Der Winwin in Gossau hat da mehr zu bieten, als die größte Buchhandlung der Goethestadt.
Ganz zufällig fiel mir Iwan Turgenjews „Väter und Söhne“ in die Hände. Im Hotelzimmer begann ich mit der Lektüre.

Madrid, 22. März 2019

Zum Kaffee im Notizbuch von Sloterdijk gelesen (“Zeilen und Tage – Notizen 2008 – 2011”). Hiebe nach links und rechts, nach oben und unten. Ein paar Auszüge:

“Sie wissen nicht, im Enddarm des Satan duftet es wie in einem fabrikneuen Lexus oder in einem frisch renovierten Finanzberatungsbüro.”

“Die Anthropologie des bedingungslosen Grundeinkommens erhebt eine Trias aus Arbeitslosen, Strafgefangenen und Bohemiens zur Daseins-Norm in der westlichen Welt. An dieser Forderung ist eine gewisse Toleranz lobenswert: Denen, die mehr leisten und verdienen wollen, wird das gute Recht zugestanden, die Gesellschaft der bedingungslos Versorgten zu alimentieren.”

“Man sollte im übrigen endlich zugeben, dass es keinen Nobelpreis für Literatur mehr gibt. Es werden drei Nobelpreise für gute Absichten verliehen – einen, den man gewinnt, wenn man die guten Absichten mit literarischen Mitteln ausgedrückt hat, einen, den gewinnt, wer gute Absichten aktivistisch beweist (Friedensnobelpreis), und einen, den bekommt, wer die guten Absichten in mathematische Formeln verkleidet (Wirtschaftsnobelpreis).”

So legt sich der sogenannte Zeitdiagnostiker mit vielen an. Seine Hiebe im Dialog zu parieren wird manchen Angegriffenen zu riskant sein. Da bliebe nur das Diffamieren, die Unterstellung böser Absichten.


Madrid, 21. März 2019

Heute Morgen eine Meditationsübung aus dem Waking-Up Course (Sam Harris). Mit offenen Augen meditieren. Das Wahrgenomme als Teil des Bewusstseinsfeld erkennen, wie das Gehörte und auch die auf- und niedertauchenden Gedanken. Dann der Blick zurück vom Äußeren auf sich selbst, auf das eigene Gesicht, welches nie im Bewusstseinsfeld auftaucht. Wie sieht es mit dem Verhältnis des Kopfs zur Umgebung aus? Ist die Umgebung draußen und man selbst im Kopf drin? Oder ist alles Teil desselben Feldes?

Madrid, 20. März 2019

Lob des Morgens. Schon die Tatsache, dass das Leben aus einer langen Reihe von Mörgen besteht, macht es lebenswert. Wenn man sich den Morgen für Kaffee, Notizen und Lektüre freihalten kann, ist das Leben schon gewonnen.

Heute Morgen Kaffee in der “Residencia”. Dort mit einem peruanischen Astrophysiker gesprochen. Er hat mir das Konzept von Wurmlöchern erklärt, die im Hyperuniversum als Tunnel vom einen ins andere Universum dienen könnten. Natürlich – zur Zeit – nur theoretisch. Der Astrophyisker sucht nach der “exotischen Materie”, welche, wie die Mathematik zeigt, benötigt würde, um ein Wurmloch offen zu halten. – Wenn man sich das Hyperuniversum als den Bereich des Möglichen vorstellt, ist das Wurmloch der Wille zum Leben – also der Wille um von einem real-existierenden in einen gewünschten Zustand zu gelangen. Die exotische Materie wäre demzufolge der Geist, der den Willen zum Leben speist.

Barcelona, 16. März 2019

Sehr früh aufgestanden; zum Bahnhof Atocha gefahren. Der Taxifahrer war wieder einmal Andrés; wieder hat er sich die ganze Fahrt lang über Uber und die Bananenrepublik Spanien, welche diesen Piraten keinen Riegel vorschiebt, ausgelassen. Am Ziel haben wir beschlossen, das nächste Mal über etwas Angenehmeres zu sprechen. Dann mit dem 0620 AVE nach Barcelona.

Lektüre im Zug: Zuerst Bostroms Essay-Sammlung zur Zukunft der Menschheit fertig gelesen. Der letzte Aufsatz zur Frage, ob wir in der realen Welt oder einer Computersimulation leben. Die Schlussfolgerung (verkürzt) lautet: Vermutlich in einer Computersimulation. Die Argumentation: Wenn fortgeschrittene Zivilisationen üblicherweise das Stadium erreichen, in dem “Ahnensimulationen” (also Simulationen des menschlichen Lebens vor der posthumanen Ära) möglich sind, ist es statistisch sehr viel wahrscheinlicher, dass wir in einer solchen leben, als in der “ersten Realität”. Falls wir in der “ersten Realität” leben, ist es wahrscheinlich, dass unsere Zivilisation untergehen wird, bevor wir das posthumane Zeitalter erreichen (weil es eben sonst sehr unwahrscheinlich wäre, dass wir in der “ersten Realität” lebten). Das ist alles recht logisch. Das Argument scheitert meiner Meinung nach nur daran, dass statistisch gesehen auch die Annahme, dass die Wahrheit hinter unserer Realität genau so aussehen würde, als entstamme sie der Welt, die wir in diesen Jahren am Aufbauen im Begriff sind, ebenfalls ein unglaublicher Zufall wäre. Also: Computersimulationen sind jetzt aktuell, also leben wir in einer. Das hört sich sehr nach “die Erde ist auf einer Schildkröte, (weil es bei uns im Sumpf viele Schildkröten gibt)” an.

Nachher weiter in der EJ-Biographie. Ich stecke im Dritten Reich fest, noch vor dem Krieg, obwohl ich schon weit über die Mitte des Buches hinaus bin (und es ja ein Jahrhundertleben, 1895 bis 1998, beschreibt). Der braune Sumpf fordert seinen Tribut an Seiten und auch an meiner Geduld. Viel “konservative Revolution” und “nationalistischen Eifer” vertrage ich nicht mehr, und das obwohl EJ’s “innere Emigration” bereits begonnen hat. Vor allem am frühen Morgen im Zug drücken diese Jahre aufs Gemüt. Ich werde die Kriegsjahre wohl überfliegen. Ich kenne sie ja bereits aus den Tagebüchern. Die Depression. Die Lektüre und die Philosophie, die Kunst und die Natur, die darüber hinweggeholfen haben. Ich merke aber beim Lesen, wie sehr die ruhige und zurückgezogene zweite Lebenshälfte von den beiden Kriegen aber auch den Irrtümern, denen EJ dazwischen erlegen ist, geprägt war. Wieso hatte er, fragte ich mich oft, das Wunder der Bundesrepublik nach der totalen Zerstörung nie würdigen können? Er war nach dem Erlebten dazu psychologisch nicht mehr fähig.

Draußen das leere Spanien. Am weiten, orange leuchtenden Horizont stehen klein wie Blumen die riesigen Windräder.

Madrid, 13. März 2019

Das allnächtliche Abtauchen ins Unterbewusste sieht zum Beispiel so aus: Ich befinde mich in einem altmodischen Supermarkt aus den achtziger Jahren. Die Kassen befinden sich im Erdgeschoss; merkwürdigerweise sitzen nur Männer hinter denselben. In der Mitte des Raumes eine Rolltreppe, die in den Keller führt, von wo herauf das weiche Licht der schlarafenland-ähnlichen Ladenfläche lockt. Ich stelle mich auf die Rolltreppe und lasse mich hinuntertragen. – Das Unterbewusstsein als großer Laden wo man mit allen Produkten des täglichen Bedarfs eingedeckt wird. Man kauft und konsumiert, ohne sich darüber bewusst zu sein. Nur wer die nötigen Anstrengungen unternimmt, vermag die Produkte aus dem Supermarkt an die Oberfläche zu tragen. Dort, im Tageslicht, kann man das im Unterbewussten erworbene dann in aller Ruhe betrachten.

Am Morgen lese ich in der Bar “Amigos”. Zunächst einige Figuren und Capriccios aus dem “Abenteuerlichen Herzen” (EJ). Dann beginne ich mit der Lektüre eines neues Essay in “Die Zukunft der Menschheit” (Nick Bostrom). Es handelt sich um eine Diskussion zum Transhumanismus und der Menschenwürde. Das Argument, ob bei der Ausschaltung aller menschlicher Schmerzen (körperlich und psychisch), das Leben als Weg und Prüfung und Vorbereitung (auf etwas Unbekanntes, dass auch ein Nichts sein könnte) nicht seinen Wert verlöre, wird nicht besprochen. Natürlich fehlt dafür die wissenschaftliche Basis. Nur wenn man solche Fragen außerhalb der Fakultäten bespricht, kann auch der Mythos und die Mystik mit einfließen, ohne dabei aber die wissenschaftlichen Erkenntnisse zu vernachlässigen. Zwei Seiten derselben Münze. – Während ich lese, rieseln vom Fernseher an der Wand hoch über mir die Aktualitäten des Tages auf mich herab (im “Amigos” plärrt der Fernseher ausnahmsweise nicht): bald sind Wahlen; Zirkus in Katalonien. Unwichtiges, zumindest im Lichte der Prognosen Bostroms, der die Gefahr, dass ein katastrophales Ereignis noch vor dem Ende dieses Jahrhunderts den Kurs der menschlichen Zivilisation entgleisen wird, auf nicht weniger als 25% einschätzt. Rechts steht ein Glückspielkasten; ein Relikt aus den neunziger Jahren oder aus noch früherer Zeit. Aus seinem Inneren fordert eine weibliche Stimme zum Spiel auf; dazu Melodien und Geräusche wie aus einem “Spielsalon”. So nannte man die dunklen und in schlechtem Ruf stehenden Höhlen, in denen ebensolche Melodien und Stimmen einen Geräuschteppich bildeten, der das Gefühl einer abgeschlossenen, vom Alltag gänzlich getrennten Welt entstehen ließ. In St. Gallen gab es das “American”, das “Papillon” und einen anderen an der Bahnhofstraße, der ganz in italienischer Hand war und deshalb als gefährlich galt. Zurück im “Amigos”: das verlockende Brummen der Kaffeemaschine, während der schwarze Doppelstrahl in die Tassen fließt; das heftige Ausklopfen des Kaffeesatzes; das pfeifende Braußen des Dampfhähnchens in der Milchkanne. Stimmen. Kurze Gespräche bevor man das Tagwerk in Angriff nimmt: Fussball (der Atleti ist ausgeschieden), Wahlen, Arbeit, wie geht’s den Kindern?