Madrid, 3. Februar 2018

Sonntag. Es ist kalt und nass. Leichter Schneeregen fällt, winzig kleine weiße Tropfen, später dann richtiger Schnee, der aber nicht liegen bleibt. Am Morgen sitze ich auf dem Sofa, trinke Kaffee und lese im neuen Murakami, den ich gestern Abend, nachdem ich mit Jordan Petersons “12 Rules” fertig war, begonnen hatte. Ich könnte den ganzen Tag lang so sitzen und lesen, aber die Ruhe wärt nur eine halbe Stunde lang. Dann gehe ich mit Paul in den Park um Holz zu suchen und Pfeil und Bogen zu basteln. Paul ist das einzige Kind im Park. Die Spielplätze liegen verwaist im kalten Regen. Einige Hunde welche ihre Herrchen und Frauchen ausführen, sind schemenhaft hinter dem Regenschleier auszumachen und erstaunlicher viele Runner und Radfahrer sind unterwegs – die Erkenntnis, dass der beste workout derjenige ist, den man nicht machen will, hat sich auch hier herumgesprochen. Unser Waffenbau ist erfolgreich, aber danach sind unsere Hände so kalt, dass wir wieder nach Hause fahren, anstatt wie ursprünglich geplant, Wildschwein zu jagen (wie Indianer). Eine halbe Stunde später sitze ich wieder auf dem Sofa und lese vor dem Kochen eine weitere halbe Stunde Murakami. (Später beginne ich dann auch “Unterwerfung” von Houllebecq zu lesen – ausnahmsweise lese ich wegen besonderen Umständen wieder einmal zwei Bücher gleichzeitig.) Am Nachmittag fahren wir auf einen Kindergeburtstag. Es schneit und man sieht nichts – auf der Autobahn fahren wir sechzig.

Goldgrube

Auf dem Weg zu meiner BJJ-Akademie liegt eine Bar. (Eine bar ist in Spanien eine Mischung aus Café und Kneipe, mit einem französischen Bistro vergleichbar – es gibt Kaffee, Bier, Frühstück und oft auch ein Mittagsmenü). Durch ein großes Fenster (eigentlich ein Schaufenster) sieht man hinein. Sie ist immer fast leer, wenn ich an ihr vorbeigehe. Manchmal stehen zwei, drei Männer an der Theke und trinken Bier aus kleinen Gläsern; manchmal raucht jemand draußen auf der Straße, das Bierglas neben sich auf dem Stehtischchen stehend. Die Bar ist schlecht beleuchtet – sie ist das Gegenteil von gemütlich. Der Wirt, ein sehr dicker Mann, steht nur selten hinter der Theke, über welcher seit der Katalonien-Krise eine spanische Flagge hängt. Meistens sitzt er an einem Tisch und schaut hoch zum Fernseher, den man von draußen nicht sieht, da er an Wand über den Fenstern angebracht ist – gegenüber der Flagge. Das pausenlose Gerede dreier (wie in Spanien üblich) Sportkommentatoren oder das Geschrei einer hirnlosen Sendung dringt durch die offenstehende Tür ins Freie. Die Bar macht nicht den Eindruck einer Goldgrube.

1983 ist lange her

Gemäß der neuen Routine war ich am Montag im Kino: “Call Me by Your Name”. Ein Liebesfilm, der mir ans Herz gelegt wurde. Filme über schwule Liebe, wie ebendieser, müssen heutzutage in Umgebungen angesiedelt werden, wo Schwulsein noch ein Problem ist (war), wo die Gesellschaft sich am Schwulen stößt (stieß), sonst fehlt das dramatische Rohmaterial. Zum Beispiel im amerikanischen Ghetto (“Moonlight“), oder, wie im hier besprochenen Film, im Jahre 1983. Es geht um einen Siebzehnjährigen der sein Schwulsein und die Liebe und alles was dazugehört entdeckt. Er spielt einem schönen Landhaus in Italien, wo Elio mit seinen Eltern den Sommer verbringt. (Das Metapher des Sommers wird in solchen Geschichten des Erwachens oft gebraucht.) Elios Vater ist Archäologe und lädt jeden Sommer einen Doktoranden ins Landhaus ein. Dieses Jahr ist es ein Amerikaner. Mit ebendiesem erlebt Elio sein emotionales Abenteuer. Zunächst ist man als Zuschauer etwas verwirrt: Weshalb macht der eigentlich offenherzige Amerikaner um sein offensichtliches Schwulsein so ein Theater? Weshalb hält er damit hinter dem Berg? Dann führt man sich vor Augen: Wir sind im Jahre 1983 … Man weiß es, aber merkt es kaum: Wir befinden uns in einem italienischen Städtchen –  die Häuser sind Jahrzehnte und Jahrhunderte alt; es ist Sommer und die Bekleidung ist knapp und was man trägt, wäre auch im Sommer 2018 nicht unpassend – retro. Optisch könnte der Film (beinahe) auch in der Gegenwart spielen. Deshalb ist man verwirrt: Es sieht alles aus wie heute, aber Elios Schwulsein ist vor allem für den offenherzigen Amerikaner a big thing! So wird einem bewusst, wieviel in den vergangenen 35 Jahren passiert ist – the struggle!

Ich mochte den Film, aber emotional hat er mich nicht sehr berührt. Vielleicht lag es daran, dass ich zu müde war (der Film begann nach zehn Uhr abends und ich war schon viel zu lange auf den Beinen).

“Molly’s Game” von Aaron Sorkin

Endlich wieder im Kino – am Montagabend um halb elf. Das mache ich jetzt immer so, obwohl ich die Woche gleich mit einem Schlafdefizit beginne (knappe fünf Stunden). Der Film in einem Satz: Ein Biopic – Aufstieg und Fall einer Organisatorin von high-stake Pokerspielen. Aaron Sorkin ist ein großartiger Drehbuchautor, bekannt nicht für seine Bilder, sondern für seinen Dialog. “Walk with me”, ist sein catch phrase. (Aus “West Wing”, jener Serie, welche die Minuten beschreibt, bevor der Präsident vor die Presse tritt. Walk with me – durch die Korridore des Weißen Hauses, wo der Plot besprochen wird.) “Molly’s Game” ist sein erster Film als Regisseur und die Kombination des dialogschweren Drehbuchautors mit dem unerfahrenen Regisseur Sorkin funktioniert nicht immer. Mein Freund Rahul hat es treffend zusammengefasst: “I felt like I was watching an audiobook”. Trotzdem: Ein guter Film – ich habe mich keine Minute gelangweilt.

“Die Botschaft des Ramana Maharshi”

Vor einem Jahr zum Geburtstag geschenkt erhalten, angefangen zu Lesen, untergetaucht (im Koffer) – das war der bisherige Werdegang dieses Buches. Vor ein paar Tagen hat ein Freund aber Maharshi erwähnt, Carol (nicht ich) hat sich an das Buch erinnert – so kam es zurück. Ich habe es nun gelesen.

Ramana Maharshi

Es handelt sich um die Gespräche mit einem hinduistischen “Guru”. Ein Level-3-Guru, wie ich es nenne. (Das ist ein im Entstehen begriffener Gedanke; kurz zusammengefasst: Ich stelle mir drei Stufen vor, ich nenne sie: die Objektive, die Spirituelle und die Göttliche Stufe. In der Objektiven Stufe ist der Mensch ein handelndes Objekt in der Welt. Er hat Ziele, Wünsche, Leidenschaften, Aufgaben und Pflichten. Es ist die Stufe der Wissenschaft, aber auch die Stufe der Abrahamistischen Religionen – der persönliche Gott steht dem Gläubigen auf dieser Stufe zur Verfügung, hier tummeln sich aber auch alle Agnostiker, Atheisten und Materialisten. Die zweite Stufe ist die Spirituelle. Ich (das Ego) nehme auf dieser Stufe immer noch ein zentrale Rolle ein. Aber ich weiß: Glaube versetzt Berge. Zu dieser Stufe gehört auch noch die Vorstellung, dass die Welt eigentlich ein Teil von mir ist und ich sie deshalb mit meinem Willen beeinflussen kann. Natürlich wird es hier esoterisch, aber die Quantenphysik räumt dem Beobachter durchaus die Rolle des Weltenschaffers zu. Modern gesprochen, ist es die Stufe der Matrix. Die dritte Stufe ist die Göttliche. Von dieser Stufe spricht Maharshi: Ich bin nicht mein Körper, aber auch nicht mein Geist – das Ego löst sich auf. Ich bin die Welt. Gott ist in der Welt, dementsprechende bin ich in Gott. (Übrigens: Ich meine das mit den drei Stufen nicht hierarchisch : sie stehen gleichwertig nebeneinander – nicht als absolute Wahrheiten, aber als Denkkonzepte. Es kann aber gesagt werden, dass, je höher die Stufe, desto näher das Göttliche und je tiefer, desto näher das Menschliche.) Maharshi denkt, wie gesagt, auf Stufe 3. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen – das Buch ist nur demjenigen zugänglich, dem es im richtigen Augenblick zufällt.