Dante

Seit einigen Wochen der Wunsch, Dantes Göttliche Komödie zu lesen. So beginnt sie in der Übersetztung von Ida und Walther von Wartburg, die mir auf den ersten Blick gut gefällt:

Auf halbem Weg des Menschenlebens fand
Ich mich in einen finsteren Wald verschlagen,
Weil ich vom rechten Weg mich abgewandt.
Wie schwer ists doch, von diesem Wald zu sagen,
Wie wild, rauh, dicht er war, voll Angst und Not;
Schon der Gedank erneuert noch mein Zagen.

30. November 2018

Tan ist bei uns. Gestern hatten wir Paul zusammen vom Chindsgi abgeholt. Zuerst war er sich nicht sicher: weiter „wild“ herumrennen (meistens spielen er und seine Freunde irgendwelche Treibjagdspiele, welche sie in die hintersten Winkel des Geländes führen) oder Tan begrüßen? Schließlich konnte er sich nicht zurückhalten und kam hergelaufen, um seine Tan zu umarmen.

Heute Morgen Krisentagebuch-Lektüre. Unterstrichenes: „Als Autor muss man auch bei den Malern in die Schule gehen – vor allem im „Drüberarbeiten“, in der Kunst immer neuer und feinerer Auftragungen auf den groben Text.“  Und, ebenfalls über das Schreiben: weniger von Gedanken und mehr von Bildern Gebrauch machen. Zuletzt noch etwas, das Jünger bei Huxley gelesen hat: „Man sollte niemals einem Übel, das man sich nahen fühlt, einen Namengeben, sonst liefert man dem Schicksal ein Modell, nach dem es die Ereignissegestalten kann.“ Dazu fällt mir ein, dass in Spanien gegenwärtig vom Herannahen der nächsten Krise gesprochen wird. Auch aus anderen Ländern habe ich Ähnliches vernommen. Dabei wird dem latenten Gefühl, dass etwas nicht stimmt, ein Namen gegeben.

Im Día Organensaft und einen Apfel gekauft. Vor mir an der Kasse eine Chinesin mit vielen Discount-Zetteln. Ganz die Kauffrau besorgt sie Produkte für ihren kleinen Eckladen. Sie richtet ein paar Fragen an den Kassier, der sich solches bereits gewohnt ist. Auf dem Handy rechnet sie schnell aus, was sich lohnt und was nicht. Dann notiert sie einiges in ein Heft. Für mich unverständliches Gekritzel, eine Mischung aus chinesischer und lateinischer Schrift und arabischen Ziffern. Ein erstaunliches Volk. Bereits die erste Generation von Einwandern vermag die Kinder an teure Privatschulen zu schicken. In den Geschäften von Chinesen sieht man immer öfters auch Spanier arbeiten; sie sind für weniger Geld zu haben, als andere Chinesen, die selbst Geschäfte betreiben. Vom sozialen Brennpunkt Chinatown hat man noch nie gehört.

Krisentagebuch

Am Morgen Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt, doch es scheint die Sonne. Paul geht mit seiner Klasse auf einen Ausflug in die Sierra. Ich lese vor der Arbeit im Café in Jüngers zweitem Pariser Kriegstagebuch. Es ist antimodern und trotzdem von großer Aktualität; nicht aber so, dass sich das Antimoderne in sein Gegenteil verkehrte, also nicht hochmodern, sondern zeitlos – über der Moderne schwebend. Vielleicht könnte man mit dem Neuen Testament sogar schreiben: In der Welt, aber nicht aus der Welt. Das Kriegstagebuch ist ein Krisentagebuch – wie könnte es anders sein? Das Ritual des täglichen Notierens als gangbarer Weg durch die Trümmer der Zeit. Das Tagebuch zur Abwehr gegen das Chaos, welches wie Dauerregen auf die nur kläglich geschützten Menschen niederprasselt. Jünger beschreibt seine Zeit weniger als Teilnehmer sondern mehr als Beobachter. Natürlich können wir Nachgeborenen dies kritisieren. Hätte man nicht flüchten müssen wie Thomas Mann, gar zugrunde gehen wie Joseph Roth? Aber Jünger ist nicht passiv. Es ist nicht die Furcht, die ihn zurückhält. Als Besatzungsoffizier spaziert er täglich in der gefährlichen Dunkelheit des Stadtwaldes. Am Fenster seines Zimmer stehend, beobachtet er die ersten Bombengeschwader über Paris. Er setzt sich für Bekannte ein, die in Gefängnissen verschwinden wie in schwarzen Löchern. Er weiß, dass auch ihn dasselbe Schicksal treffen könnte. Trotzdem beginnt er die Arbeit an der Schrift Der Friede.

Seine Verankerung in der Muse, der Philosophie und der Ästhetik sorgt dafür, dass er auch in der vom Wirrwarr des Alltags aufgewühlten See, nicht untergeht. Er weiß, dass der Sturm nur an der Oberfläche rührt. Das Tieferliegende, das Tragende bleibt Jünger wichtig. So etwa am 17. August 1943: Ein Paragraph über die Zerstörung Hamburgs. „Die Standesämter sind unfähig mitzuteilen, wieviele Menschen umkamen“; dann im nächsten Paragraphen Stilgedanken zur deutschen Sprache.

Drei Träume

Eine Nacht der Träume. An drei kann ich mich erinnern.

Ein Flugzeugabsturz. Wie immer erlebe ich diesen als staunender Beobachter vom Boden aus. Das Schaudern des unbeteiligten Zuschauers, nicht der Schrecken des Betroffenen. Der Traum beginnt aber damit, dass ich ein UFO am Himmel sehe. Es sieht nicht wie eine Untertasse aus, sondern ist eigentlich ein VW-Bus. Ich mache Carol darauf aufmerksam, aber sie scheint das VW-Bus-ähnliche Flugobjekt gar nicht zu sehen; sie glaubt, ich meine den IKEA, der in einiger Entfernung zu sehen ist; er sieht aus wie eine riesige Mondlandefähre. Das ist doch kein UFO, denke ich, UFOs sind unbekannt und unheimlich; das ist eine menschliche Mondlandefähre. Die Mondlandefähre ist ein Symbol des Technischen, des Funktionierenden par excellence. Die Spitzenleistung der westlichen Zivilisation. UFO hingegen sind das unbekannte Andere. Ich sage aber nichts.

Später mit den Banerjees. Wir beobachten merkwürdige Flugbewegungen am Himmel. Zwei Abfangjäger tauchen auf. „These are two (…). What’s going on up there?“, sagt Atul. Dann fällt plötzlich ein Wrackteil vom Himmel, eine Art Reifen, der zu einer Turbine gehören könnte. Ich sage: „In Filmen folgt auf das erste, kleine Wrackteil immer ein größeres!“ Die anderen sehen das ein. Wir kriechen unter eine Bank. Nur für Atul bleibt kein Platz; er liegt in gefährlicher Position neben der Bank.

Der zweite Traum gleicht der Handlung des Haneke-Films Funny Games, ist also eine Art Albtraum, obwohl meine Albträume immer sehr milde ausfallen, mich in eine gewisse Unruhe, nie aber in eine Stimmung der echten Panik versetzen. Merkwürdig ist noch, dass mir der Traum im Traum vorangekündigt wird. Ich glaube es ist Nezim, der mir sagt: „Dieser Traum ist wie ein Haneke-Traum!“ Nezim als der Chor des griechischen Dramas. Erst nach dieser kurzen Ankündigung geht’s los: Wir sind in einem Airbnb, einer schönen Wohnung (die sich später in unser Haus an der T2 verwandelt). Die Besitzerin der Wohnung ist eine junge Frau. Carol und ich bringen Unordnung in die Wohnung; irgendetwas geht in Brüche; wir stellen die vollen Abfallsäcke in eine Ecke, anstatt sie zu entsorgen, usw. Dann klingelt es. Schnell noch will ich ein wenig Ordnung schaffen, aber es ist zu spät. Ein lachender, oberflächlich freundlicher aber eigentlich sehr bedrohlich wirkender junger Mann steht auf der Matte und betritt die Wohnung. Der Besuch wird, wie in Funny Games, bald zum Alptraum. Es stoßen Freunde des jungen Mannes hinzu, später auch die Besitzerin der Wohnung. Irgendwann sind wir alle nackt. Da wir jetzt nicht mehr im Airbnb, sondern in Gossau sind, rufe ich die Polizei an. Ich sehe sie als meine Verbündete, schließlich befinde ich mich auf heimischem Territorium, während die bedrohlichen, nackten Eindringlinge Fremde sind. Noch bevor dem Eintreffen der Streife endet der Traum.

Aus dem dritten Traum, erinnere ich mich nur noch an das wichtigste Bild: Ein offenes Güllenloch mitten in der Stadt. Ein Kind soll reingefallen sein. Erschrocken denke ich daran, dass in diesen Straßen gestern noch Paul gespielt hat! Was würde ich tun, wenn er reinfallen würde. Ich müsste dann wohl selbst in die Gülle springen, wo wir bestimmt beide ertrinken würden.

*

Bei der Traumdeutung muss ich zwischen Stoff und Bedeutung unterscheiden, genauso wie in der realen Welt zwischen Materie und Meaning unterschieden werden sollte (was heute, in Zeiten des Primats der Materie, allerdings nicht mehr modern ist). Der Stoff kommt aus dem Alltag und der Erinnerung; die Bedeutung ist eine ganz andere Sache.
Katastrophen am Himmel: Die Angst vor dem Defekt der Maschine; die Maschine ist unsere Gesellschaft; die Angst vor dem gesellschaftlichen Zusammenbruch also. Immer erlebe ich diese aus der Distanz, vom Boden aus, schaue fasziniert hin, bin aber selbst nicht betroffen (außer durch herunterfallende Wrackteile – aber davon träume ich eigentlich selten).
Und die UFOs? Auch sie sind seltene Gäste in meinen Träumen. Und es war heute Nacht auch kein Angsttraum: das UFO war ja nur ein VW-Bus! Trotzdem deuten sie wohl auf den Einbruch des Anderen in unsere Gesellschaft oder unser Leben hin. Träume von ins Haus eindringenden Käfern, die ich recht oft habe, schlagen in die gleiche Bresche.
Der Haneke-Traum. Auch hier geht es um die Gefahr, die vom bedrohlichen anderen ausgeht. Nur bin ich in diesem Traum selbst der Gast im Raum, zumindest am Anfang (Airbnb), und die Eindringlinge die eigentlichen Besitzer.
Güllenloch-Traum. Die Deutung fällt hier nicht schwer. Es geht um den stinkenden, ja tödlichen gesellschaftlichen Untergrund. Oben die civitas – die Stadt, die Zivilisation, vielleicht auch einfach das geordnete Leben – darunter die Gülle. Man muss sich vor diesen Löchern in acht nehmen, vor allem aber auch die Kinder vor ihnen schützen. Wenn sie klein sind ganz direkt, durch Kontrolle, später durch anerzogene Selbstdisziplin.

*

Ich denke in letzter Zeit oft an mein Leben im karmischen Kontext. Solche Gedanken sind natürlich esoterische Hirngespinste. Ich verlasse den Raum des materialistisch-rational abgesicherten und des in der liberalen civitas erlaubten. Aber wer sich Bedeutungsfragen stellt, verlässt nun einmal das das Physische und betritt metaphysischen Boden, und dort, im Metaphysischen, sind die Gedanken, im Gegensatz zum Physischen, frei. Von Nöten ist natürlich eine klare Trennungslinie zwischen den Bedeutungs- und Deutungsphantasien und einigermaßen gesicherten Wissen. In diesem Sinne erinnert das Metaphysische an einen Roman, das Physische an eine gut recherchierte Biographie.

Gossau II

Tief geschlafen, dann Kaffee. Der Kaffee an der T2, seit Jahren aus derselben Tasse getrunken, ist einer meiner Lieblingskaffees. Zuerst das Kreischen der Mühle, dann fließt ein kräftiger Strahl in die wartende, heiße Milch. Er hat genau die richtige Länge, welche so schwer zu finden ist, wenn man den Kaffee nicht selber macht. Natürlich trank ich den Kaffee lesend, anders geht es nicht.

Gang zum WinWin, vorbei an meinem Kindergarten, an einem Haus, über das ich in Lichter schreibe. Noch bevor ich die Secondhand-Buchhandlung betrete, wundere ich mich wieder einmal über die Breite und Qualität ihres Sortiments. Ich kenne keine qualitativ vergleichbare Secondhand-Buchhandlung. Auch nicht in Zürich oder Berlin oder London oder Madrid. Vielleicht liegt das daran, dass sich in den Großstädten mehr Suchende herumtreiben, auf der Lauer liegend, schnell zugreifend, und so die Entstehung eines Sortiments verhindernd. Es mag auch daran liegen, dass eben auch in der Provinz bürgerliche Haushalte mit entsprechenden Bibliotheken bestehen, welche bei der Auflösung dem WinWin zufließen. Die Nachkommen haben kein Interesse mehr an diesen verstaubten Werken. Natürlich hat das Sortiment aufgrund seiner landbürgerlichen Herkunft einen etwas konservativen Bias, manchmal sogar etwas bieder. So schien es früher in Gossau viele Liebhaber Teilhard de Chardins gegeben zu haben … Auch Hesse war natürlich sehr beliebt. (Ich schreibe „war“, weil das Klassikersortiment des WinWin ein Blick zurück in die sechziger und siebziger Jahren ist – die Bücher sind älter, aber die Auflagen stammen aus jener Zeit.) Ich kaufte ungefähr zwanzig Bücher.

Nach dem Mittagessen, zu dem auch die Onkel Walter und Hans eingeladen waren, Bahnfahrt nach Zürich. Dabei mit den Tagebuchaufzeichnungen Ernst Jüngers aus Paris begonnen, wo er als Offizier bei der besetzenden Truppe diente. Erstaunlicherweise besteht sein Freundeskreis zu einem großen Teil aus Franzosen. Auch über Hitler schreibt er, den er Kniébolo nennt, wohl zum eigenen Schutz, falls die Tagebücher gefunden und beschlagnahmt würden. Genützt hätte es nichts. Es war klar, wen er meinte. Kniébolo ist der vor dem Teufel (diablo) kniende.

Zürich ist festlich geschmückt. Es ist kalt. Überall Weihnachtsmärkte.Viele Menschen. Allen scheint es gut zu gehen. An der Bahnhofstraße treffe ich Jouni, etwas später stößt Cheng dazu. Jouni und ich trinken einen Glühwein, während Cheng von einem Laden in den nächsten geht. Wir müssten schnell ein Lokal finden, meint Jouni, sonst stünden wir noch lange wartend vor irgendwelchen Luxusläden und Drogerien. So landen wir im Oliver Twist, das ich schon seit mehr als zwanzig Jahren kenne. Es hat sich in dieser Zeit nicht verändert. Wir trinken zwei Guinness und gehen danach spanisch essen. Wir sprechen über seine neue Firma (zu deren Aufbau ich einen kleinen Beitrag leistete) und darüber, was seit Mai, als wir uns in Berlin getroffen hatten, alles so passiert war. Jouni und seine Familie sind von Helsinki in die Schweiz gezogen.– Ich war dabei, als in ihm der Wunsch, Geschäfte zu machen und zu reisen spross und wuchs. Das war 1999 in Bangalore. Wir hatten jeden Tag zusammen zMittag gegessen und über die Zukunft gesprochen. Die Namen der Restaurants habe ich vergessen: Zwei, drei Inder, ein Chinese, ein Europäer, eine Straßenküche. Egg Biryani, Gobi Manchurian. Ich weiß nicht mehr, ob wir dazu jeden Tag Bier tranken oder nur am Freitag. Neunzehn Jahre später ist Jouni reich. Ansonsten unterhalten wir uns, als sei keine Zeit vergangen.

Jounis Fahrer, welcher mit der wenig vertrauenserweckenden Nachricht “I’m drinking” eine kleine Verspätung meldete, bringt mich zum Bahnhof. (Es stellt sich heraus, dass er “I’m driving” schreiben wollte.) Im Zug nach Hause lese ich wieder in den Tagebüchern Jüngers.