Der Deutschlerner

Der dicke Mann in der Bibliothek … Er sieht noch recht jung aus, höchstens fünfunddreißig obwohl er eine Glatze hat und einzig ein etwas ungepflegter Haarkranz seinen runden Kopf schmückt. Er ist unrasiert, trägt eine Brille, seine Augen glänzen, als habe er Fieber. Jetzt späht er manchmal zu mir hinüber, als ob er ahne, dass ich ihn beschreibe. Er trägt ein blaues Poloshirt, welches aber nur die oberen zwei Drittel seines runden Bauches bedeckt. Der herausquellende Wanst ist haarig. Der Mann ist in der Bibliothek, um Deutsch zu lernen. Ich sehe seine selbstgeschriebene Vokabelliste und seinen gelben Langenscheidt auf dem Tisch liegen. Merkwürdigerweise geht er aber schon seit fast einer Stunde schwerfällig und langsamen Schrittes zwischen den immer selben Büchergestellen auf und ab. Ab und zu greift er mechanisch nach einem Buch und guckt hinein, man merkt aber, dass er sich das Buch nicht wirklich anschaut. Weshalb setzt er sich nicht und beginnt endlich mit dem Deutschlernen? Vielleicht zwingen ihn seine Eltern, die nicht wissen, was sie mit dem phlegmatischen Sohn, der noch immer im Kinderzimmer wohnt, anfangen sollen, zum Deutschlernen. “Vielleicht findest du Arbeit bei einer deutschen Firma”, höre ich sie sagen, wobei sie aber selbst nicht an ihren Plan glauben. Er ist jeden Tag in der Bibliothek, aber erst gestern hatte ich ihn zum ersten Mal genauer betrachtet. Gestern hatte er recht beflissen studiert. Vielleicht hat er heute ja wirklich Fieber. Vielleicht wird er am Montag wieder fleißig deutsch lernen. Vielleicht kommt er ja wirklich bald bei Siemens unter.

El Loco

Heute Morgen beim Frühstück in Heron City. C. erzählte uns die Kurzversion seiner Lebensgeschichte. Er kommt aus einem Dorf bei Salamanca, wo sie ihn El Loco, den Verrückten, nannten, wie er nicht ohne stolz bemerkte. Tatsächlich liegt in seinen intensiv starrenden Augen ein Hauch von locura, aber ich mag ihn, er ist ein Suchender. Er studierte Bellas Artes und stieg dabei schnell zu einer Art Starstudent auf, wurde dann Künstler, vor allem Bildhauer, und Universitätsprofessor. Irgendwann wurde ihm der Kunstbetrieb zu viel. Auf dem Flug nach Amsterdam an eine Ausstellung, vielleicht seiner ersten internationalen, kam er sich plötzlich mehr wie ein Geschäftsmann als wie ein Künstler vor, begann zu befürchten, dass Kunst, vor allem teure, in Galerien gehandelte Kunst, auf deren Schiene er selbst geraten war, die Mächtigen zu tragen helfe. Er gab alles auf, beschloss das eigene Leben zum Kunstwerk zu machen und baute zehn Jahre lang von eigener Hand in Villaviciosa ein Haus. Daran zerbrach seine erste Ehe. „Am Anfang wohnten wir im Haus noch ohne Fenster“, sagte C. „Und deine Frau hat dich wirklich verlassen?“, witzelte ich. Alle lachten, etwas gequält sogar C. Tatsächlich aber erinnerte mich das mit dem Hausbau an David Lynch oder Cormac McCarthy, was ihn mir noch ein wenig sympathischer machte. Nach dem Hausbau fiel C. dem apokalyptische Denken anheim. Vier Pfeiler würden zusammenbrechen, erzählte er uns: Die Wirtschaft, das Klima, die Ernährungsindustrie und die Ressourcenindustrie, vor allem das Öl (Stichwort Peak Oil). Er wurde zu einem ‚Prepper’, wie man in den USA Menschen nennt, die sich auf das Überleben nach dem Zusammenbruch der Zivilisation vorbereiten. Fünf Jahre lang suchte er zusammen mit anderen Familien eine Finca auf dem Land, wo sie sich einrichten wollten, um auf das Ende der Welt zu warten. Die Gruppe fiel schließlich auseinander. Unterdessen hat C. mit der Hilfe einer Heilerin gelernt, dass sein Projekt aus der Angst hinaus geboren wurde und somit zum Scheitern verurteilt war. Er wird das Projekt wieder aufgreifen, aber von einer positiven Plattform ausgehend, „von der Liebe ausgehend“, wie er meinte. Soviel also zu C. Ein farbiger Charakter, mit dunklen Flecken.

Blade Runner 2049

Ich habe eine lang Kritik von ‚Blade Runner 2049’ geschrieben, die sich aber beim Wiederlesen als langatmig und umständlich herausgestellt hat, deshalb hier nur dies:

‚Blade Runner 2049’ wurde als Sequel von ‚Blade Runner’ verkauft, ist aber eigentlich ein Remake. Eine ähnliche Geschichte, dieselbe Frage: Es geht um menschengleiche Roboter, oder genauer um Menschen, die nicht geboren, sondern fabriziert wurden. Ein solcher Roboter arbeitet als Kopfjäger um Artgenossen, welche gegen ihre Sklavenschaft rebellieren, zu ‚pensionieren’, sprich zu töten. Die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Bewusstsein und (Menschen-) Rechten, vielleicht sogar zwischen Bewusstsein und Seele wird gestellt. Das hatten wir 1982 bereits gesehen, damals ein richtungweisender, unter Schwierigkeiten entstandener Film. Das 2017er Remake ist ein Hollywood-Projekt mit angesagtem Regisseur (Denis Villeneuve, ‚The Arrival’) und den besten Art und Sound Designern etc., mit einem Ende das Fortsetzungen zulässt, ja, im Falle finanziellen Erfolges solche sogar fordert. Gut gemacht also, aber nichts Neues, für mich sogar recht langweilig.

Der Kinobesuch hat in mir aber die Lust geweckt ‚Metropolis’ (1929, Fritz Lang), diesen Gründungsakt des dystopischen Science Fiction Genres, wieder zu sehen, vielleicht sogar zum ersten Mal im Kino. Ob ich Glück habe und die Filmoteca oder ein anderes Programmkino ihn wohl bald zeigen?

Madrid, 2. November 2017

Nun ist er endlich bezwungen der spanische Sommer, der seine Herrschaft über Madrid dieses Jahr bis weit in den Oktober hinein verteidigt hatte. Der Herbst hatte seine Ansprüche nicht mit Gewalt geltend gemacht, sondern geduldig gewartet, wie die russische Armee auf den Winter, um, als es soweit war, ruhig und ohne großes Aufsehen seinen angestammten Platz einzunehmen. Es ist nun kühl, der Himmel ist bedeckt und die Bäume haben innerhalb einer Woche viel von ihrem Blattwerk verloren. Das Laub bedeckt den Asphalt. Noch fehlt das Wasser, aber in der Nacht soll es regnen.

Trotz des gestrigen Feiertages fuhren die Schwiegereltern nicht auf den Friedhof. Sie erholen sich von einem Spitalaufenthalt und verschoben die alljährliche Aufwartung bei den Eltern und Vorfahren auf einen späteren Zeitpunkt. Da deswegen keine Chauffeurdienste anfielen, arbeitete ich am Morgen. Zum Mittag fuhren wir dann mit James nach Móstoles. Diego lud zu seinem Geburtstag zum Sushi-Essen ein. GoSushing, ein Kettenrestaurant mit unglücklichem Namen (GehSushen?) und guter Küche. Diego hielt sich auf seine typische (und auch typisch argentinische) Art beim Essen zurück und kümmerte sich darum, dass alle anderen genug auf dem Teller hatten. Es schmeckte uns allen, auch den Kindern. Paul und Lucía sind schon seit längerem beste Freunde. Er lag auf ihr und beide lachten um die Wette. „In ein paar Jahren würde mir das nicht mehr gefallen”, meinte Cristina. Nach dem Essen gingen wir in den Park spazieren. ‘El Soto’ steckt wie ein großer, grüner Stachel im südwestlichen Madrider Großraum. Auf der einen Seite ist alles dicht bebaut, während sich hinter dem Park die Stadt nur noch fleckenartig ausbreitet: dort liegen das Xanadú, eine Mall mit künstlicher Skipiste in einer riesigen Kühlhalle, verstreute Einfamilienhaussiedlungen wie Parque Coimbra und Arroyomolinos, und schließlich Navalcarnero, wohin die Vorortsbahn wegen der Krise von 2008 immer noch nicht reicht, weshalb es seinen spanischen Kleinstadtcharakter bewahrt hat und nicht mehr zum Madrider Metropolitanraum zu rechnen ist. Aufgrund dieser peripheren Lage gehört El Soto nur den Mostoleños. Andere Bewohner des Madrider Südens haben von ihm kaum Kenntnis.

Wir sahen einen großen Storchenschwarm in Keilformation über uns hinwegfliegen. Mindestens dreißig Tiere unterwegs Richtung Süden.

Madrid, 1. November 2017

Allerheiligen. In Madrid wird nicht gearbeitet. Viele Familien besuchen den Almudena-Friedhof, mit fünf Millionen Gräbern der größte Europas und einer der größten der Welt. Hier werden die Grabsteine nicht wie bei uns nach einigen Jahrzehnten wieder entfernt; sie stehen auf alle Ewigkeiten oder zumindest solange bis die Mauren wieder in Madrid einfallen werden. Wie man immer noch Platz für neue Tote findet, ist mir ein Rätsel. Meine Schwiegereltern haben ihre letzte Ruhestätte auf alle Fälle schon seit Jahren reserviert und bezahlen auch regelmäßig die Quoten ihrer Beerdigungsversicherung, so dass den Töchtern, wenn einmal die letzte Glocke schlägt, keine Kosten anfallen werden.

Gestern Abend Halloween, ein ‚Fest’, das auch hier unterdessen bekannter ist als Todos Santos. Auf dem Weg in die Akademie begegnete ich den Partygängern. Es handelt sich um mit Plastiktüten bewaffnete Jugendliche. In diesen transportierten sie den Alkoholproviant, üblicherweise bestehend aus einer großen Flasche Coca Cola, einer Flasche billigen, hochprozentigen Alkohols, meist Rum oder Whisky, Eiswürfeln und Plastikbechern. Sie sind unterwegs zu Parks und Plätzen, um sich dort vor der Halloween-Party einzutrinken. Man sieht drei Typen von Halloween-Verkleidungen: die Minimalisten, die Konformisten und die Kreativen. Die Minimalisten sind in der Überzahl. Sie kaufen sich schnell etwas beim Chinesen an der Ecke (Eck- und Trödelläden heißen hier ‚Chinos’). Man will es nicht glauben, aber die alte Guy-Fawkes-Maske ist tatsächlich immer noch sehr beliebt. Die Konformisten geben sich etwas mehr Mühe. Sie ziehen sich schwarz an und bemalen ihre Gesichter, sehen aber alle sehr ähnlich aus. Am beliebtesten unter den Konformisten ist die ‚schöne Hexe’ – Mädchen also, die sich als Hexe verkleiden, aber eben immer als schöne Hexe mit roten Lippen und schwarzen Fingernägeln. Warzen sieht man selten. In der Minderheit sind die Kreativen, welche sich eine originelle Verkleidung zusammengebastelt haben. Sie gehen im Meer der Guy-Fawkes-Masken und der schönen Hexen unter. Trotz dieser Mischung aus schwarz-weißen Verkleidungen, glaube ich aber auch festgestellt zu haben, dass Halloween an Boden verliert. Nicht wenige Jugendliche verzichten ganz auf die Verkleidung und geben sich nur durch die Alkohol-Plastiktüten als festwillig zu erkennen.