Mit Houllebecq in Tarkowskis Zone

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Wer über Houllebecqs „Unterwerfung“ schreiben will, sieht sich einem Minenfeld gegenüber. Vergeblich sucht man das Feld nach einer sicheren Passage ab. Stattdessen stößt man überall auf Warnschilder und Stacheldraht. Der einzige sichere Weg führt außen herum. So folgt man also der Peripherie und betrachtet das Minenfeld aus sicherer Distanz. Nervös lächelnd nennt man Houllebecq einen provacteur und erklärt sein Buch zur Satire. Zur eigenen Sicherheit wirft man noch ein paar versöhnliche Worte in Richtung Zone: „Hey, Zone, das war doch ein großer Spaß. Satire halt. Zum Glück habt ihr Humor!“

Wer sich aber, aus welchen Gründen auch immer, trotzdem dazu entschließt mittendurch zu gehen, betritt ein gefährliches Gebiet. Es erinnert mich an „die Zone“ in Tarkowskis Film „Stalker“. Ihr Ursprung liegt im Dunkeln und über die Vorgänge in ihrem Inneren ist nur wenig bekannt. Man weiß nur, dass es unter Strafe verboten ist, sie zu betreten. Das Gebiet um die Zone herum ist weiträumig abgesperrt und militärisch gesichert. Einzig der “Stalker”, ein zwiespältiger Pfadfinder, weiß die Absperrungen zu umgehen.

In diesem Sinne ist Houllebecq unser Stalker, der sich mit uns am frühen Morgen in einer schäbigen Bar trifft, um uns in die verbotene Zone zu führen. Bei Tarkowski sind “der Schriftstellers“ und “der Professor” mit von der Partie. Houllebecq stellt uns eine Person zur Seite, welche beides ist: François, ein schreibender Literaturwissenschaftler und Universitätprofessor.

Die verbotene Zone von der Houllebecq spricht wird aber nicht wie bei Tarkowski vom sowjetischen Militär geschützt, sondern von der „öffentlichen Meinung“. In die Zone gesperrt werden die Tabus der Zeit. Die Themen, welche in der Öffentlichkeit nur mit Samthandschuhen angefasst werden dürfen. So navigieren die Unglücklichen, die aus welchen Gründen auch immer ein solches Thema nicht vermeiden können, auf vorgegebenen Wegen und ohne nach rechts und links zu blicken, um es herum. Eines dieser Tabuthemen wird von wohlmeinenden Politiker, zum Beweis, dass sie nicht daran denken, das Verbot der Zone zu missachten, gerne die „Religion des Friedens“ genannt . Und um diese geht es in Houllebecq’s Roman „Unterwerfung“. Um den Islam in Europa.

Oder geht es um etwas Anderes?

Auf den ersten Blick scheint tatsächlich der Islam im Mittelpunkt zu stehen. Die Makro-Story lässt sich ungefähr so zusammenfassen: Im Vorfeld der französischen Präsidentschaftswahlen 2022 verlieren die traditionelle Parteien weiter an Boden . Es kommt zum Kopf an Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Mariane Le Pen und dem (fiktiven) Vorsitzenden der Muslimischen Bruderschaft Frankreichs, Mohammed Ben Abbes. Um die Machtergreifung des Front National zu verhindern, unterstützen die ehemals tonangebenden aber nun altersschwachen und chancenlosen Parteien den muslimischen Kandiaten. Ben Abbes wird französischer Präsident und beginnt den Umbau der Grande Nation in einen moderaten Gottesstaat.

Wie schafft es Houllebecq einen solchen Roman zu schreiben, ohne von allen Seiten verrissen zu werden? (Unter Polizeischutz steht er natürlich, aber das ist eine andere Geschichte.)

Zunächst denkt man daran, dass sich mit einem Houllebecq Millionen verdienen lassen. Das sichert dem enfant terrible der französischen Literatur eine gewisse Vogelfreiheit zu. Er ist halt ein notorischer provcateur. Man darf was aus seiner Feder fließt, nicht zu allzu ernst nehmen. Satire eben, nennt man es.

Interessanter wird es aber bei genauerem Hinsehen. Man stellt fest, dass es in „Unterwerfung“ nämlich gar nicht um den Islam geht, sondern um Europa und noch genauer gesagt: um Frankreich und um seine Intellektuellen. Natürlich liefert der Islam den Rahmen, vor welcher der Protagonist sich bewegt. Aber Houllebecqs Religionsprovokation hält sich in Grenzen. Einigermaßen realistisch beschreibt er, was geschehen könnte, käme es tatsächlich zu diesem Le-Pen-Verhinderungsszenario. Natürlich bedient er sich dabei des Elements der Beschleunigung: Die Miniröcke verschwinden nach Ben Abbes Machtergreifung etwas zu schnell aus Paris und die Polygamie findet innerhalb weniger Wochen gesetzliche Akzeptanz, um zwei Beispiele seiner erzählerischen Akkzlerationen zu nennen. (Es gibt da noch den Turbo-Exodus der jüdischen Bevölkerung nach Israel, aber der scheint auch zeitlich recht realistisch dargestellt, hat er doch schließlich in der realen Welt bereits begonnen.) Damit ist Houllebecq eben kein Satiriker, sondern ein Realist. Einer, der einem Szenario (nicht dem wahrscheinlichsten, aber vielleicht dem interessantesten) gnadenlos auf den Grund geht. Ein provacteur ist er damit allerdings sehr wohl: Gibt es eine größere Provokation als auf etwas zu stoßen und konsequent weiter zu graben?

Und Houllebecq provoziert eben nicht die Anderen, sondern seinesgleichen. Nicht den Islam nimmt er aufs Korn, sondern die Schwäche Europas , vor allem die kraftlose, sich selbst zensierende Intelligentisa. Wie in Tarkowskis „Stalker“ geht es in „Unterwerfung“ nämlich nicht um die verbotene Zone selbst. Was dort liegt, mag unsere Fantasie anregen, ist aber eigentlich nicht besonders interessant. Was Houllebecq (ebenso wie Tarkowsis) interessiert sind die Kunden des Stalkers: diejenigen die mit dem Verbotenen in Kontakt kommen. Houllebecq seziert ihr Verhalten und Metamorphose.

Dabei geht es in erster Linie um die Frage nach der Gültigkeit unserer Werte. Kann ein kraftloses Europa, das nur noch am Konsum richtig Freude findet, noch für seine über Jahrhunderte gewachsenen Werte einstehen? Oder haben sich die Europäer endgültig in jene sichere Zone zurückgezogen, wo „halt alles relativ ist“? Indirekt wird die Frage gestellt: Wie tolerant sind wir mit der Intoleranz? Ist Toleranz ein westlicher Begriff, der im vertikalen Nebeneinander aller Kulturen gleichberechtigt neben der Intoleranz steht, diesem Bollwerk gegen das nihilistische anything goes? Und was geschieht mit den westlichen Werten, wenn andere, im kulturvertikalen Weltbild ebenso gültige Kulturen hierzulande an Einfluss gewinnen – gar im Élysée-Palast einziehen?

Und wie steht es um den Krieg der –ismen? Muss wer nicht des Eurozentrismus oder gar Rassismus (oder zumindest des rechten Denkens) angeklagt werden will, einen gewissen Antisemitismus und Sexismus in Kauf nehmen?

Eine andere Frage, die das Buch stellt, ist auch die nach den Überlebensstrategien der Intellektuellen. Nur wenige wagen es, sich gegen den Zeitgeist zu stellen, den wer sich gegen die wahre Macht im Staate stellt, verliert seine Lebensgrundlage. Dabei geht es sowohl um die Gleichschaltung mit der finanziellen Macht (im Buch wird die traditionsreiche aber serbelnde Sorbonne von Saudi Arabien übernommen und wieder auf Vordermann gebracht), als auch darum, sich bei Tabuthemen der Selbstzensur zu unterwerfen.

„Unterwerfung“ ist ein Roman über Europa. Hat es die Kraft zu widerstehen, wenn es auf die Probe gestellt wird, oder wird es sich unterwerfen? Wer dabei der Versucher ist, bleibt zweitrangig. Den Islam dafür auswählen, macht im Frankreich unsere Zeit Sinn. Aber wir leben in einer Zeit der stetigen Beschleunigung und wer weiß, was noch alles auf uns zukommen wird.

[Zeichnung von Carolina Lainez]

Wieder einmal in Oviedo

Asturien war im Gegensatz zum restlichen Spanien nicht Teil von al-Andalus, diesem muslimischen Reich in Europa, mitverantwortlich für die Bewahrung der antiken Text  bis zu ihrer Wiederentdeckung in der Renaissance. Auch heute noch hat Asturien eine besondere Aura, eine Aura des Anderssein: Es ist modern und doch auf eine gewisse Art und Weise vom Sog der Zeit verschont geblieben.

Hardware Sound Design

Gestern Kuchen bei Nachbarn (selbstgebacken, ohne Gluten versteht sich). Sie sind zu dritt: die Eltern und eine Tochter in Pauls Alter. Eine kleine Wohnung: ein winziger Eingangsbereich, links geht’s in die Küche, geradeaus in die Stube; von der Stube aus führt ein Gang zu den drei Schlafzimmern, zwei rechts mit Fenstern zur Straße, eins links mit einem Fenster zum Lichthof; daneben das Bad. Die Wohnung ist überlastet (könnte man sagen). Nicht von unserem Besuch, sondern von Dingen. Der Grund dafür ist zunächst der Beruf des Vaters: Er ist Musiklehrer und die Hälfte der kleinen Stube wird von einem gewaltigen schwarz-lackiertem Flügel eingenommen (der freie Platz unter und hinter dem Flügel ist mit Dingen verstellt, welche in die Besenkammer gehören würde, wäre eine solche vorhanden); der Grund dafür ist auch das Hobby des Vaters: Sound Design alter Schule – dazu später mehr. Zunächst fällt der Blick aufs Büchergestell: Zwei Billyregale von unten bis oben voll gestopft. Viel Altes – Zugefallenes? Geerbetes? Die beiden Tolstoi-Bände mit goldenen Lettern sehen eher nach repräsentativen Bibliotheksbüchern aus, weniger nach aus Interesse gekaufen Büchern. Sicher nicht selbst gekauft, sondern von irgendwoher übernommen. Das soll nicht heißen, dass sie ungelesen geblieben sein müssen. Den Gastgebern ist ein Interesse am russichen Meister durchaus zuzutrauen. Daneben stehen aber auch unlesbare Bücher und Bücherreihen vom Typ Enzklopädie. Das Urteil ist recht schnell gefällt: Gelegentliche Leser y nada más. Die CD-Wand ist um einiges besser bestellt. Vor allem Jazz und Klassik. Einiges von der “Deutschen Grammophon”-Kollektion. Sieht gut aus, aber ich wage kein Urteil. Auch Filme sind viele zu finden, vor allem Klassiker.

Aber doch noch zum bereits erwähnten Hobby des Vaters: Sound Design. Ein ganzes Zimmer ist mit Hardware vollgestellt. Dutzende von Modulen bestehend aus Buchsen und Kippschaltern und Reglern. Alles ist mit Kabeln verbunden und darunter hängen noch viel mehr Kabel griffbereit, zum schnellen Herstellen neuer Verbindungen. Die Module hat der Künstler selbst eingebaut, zum Teil sogar selbst gebaut. Das ist Sound Design wie es in den Neunziger Jahren betrieben wurde, als elektonische Musik noch mit Hardware anstatt mit Software komponiert, gespielt und aufgenommen wurde. Der Künstler demonstriert mir seine Arbeit ungefähr eine halbe Stunde lang. Das Keyboard wird mit einem Modul verbunden, welches ein elektrisches Signal aussendet, das dann über Kabel von Modul zu Modul geschickt wird. Jedes Modul wirkt auf eine bestimmt Weise auf den Ton ein. Man verstellt die Länge, die Stärke, den Rythymus. Der Künstler steckt Kabel ein und um, dreht an Reglern und so entsteht langsam ein Klangbild. [Richard Devine soll die Emminenz unter “Hardware-Musikern” sein. So sieht das aus.]

Der Künstler bestätigt mir, was ich erwartet habe: Die Qualität des Soundes ist am Schluss dieselbe, wie wenn man die Musik auf einem Mac mit Softwaremodulen produziert hätte. Aber der Prozess ist ein anderer, weshalb andere Stücke entstehen. Es ist wie beim Schreiben. MS Word hat das Schreiben verändert. Schreibt man auf der Schreibmaschine, ensteht gezwungenermaßen alles im Kopf (zumindest der erste Entwurf). Am Computer entsteht der Text vor den Augen des Autors: Man schreibt mal was hin, streicht dann, löscht, schiebt herum, probiert aus … So entsteht eine andere Sprache, oder eben ein anderes Musikstück.

 

Zitat #5

Eric Weinstein, founding member of the intellectual dark web:

“The call to adventure is incredibly meaningful. The key problem for most people is not that they don’t have anything meaningful to do. It’s that they are getting their meaning from the fact that they are feeding a family by doing something repetitive. If that repetitive thing can now be automated let’s imagine, do we still want them to get their meaning from some repetitive thing, or do we want them their meaning from searching for something that is new. Try creation.”

Das Ende der Arbeit, von dem angesichts des am Horizont lauernden Zeitalters der künstlichen Intelligenz oft gesprochen wird – meist mit negativem Unterton –, besorgt mich nicht. Die Erde im Schweiße unseres Angesichts bearbeiten zu müssen, dieser “Strafe Gottes” (die natürlich aus einer Beobachtung der realen Umstände des Menschen ihren Eingang in die alten Mythen der Juden gefunden hatte) mag in absehbarer Zeit tatsächlich der Vergangenheit angehören. Was darauf folgt, ist die Bürde der Sinnessuche, welche natürlich ebenfalls im Schweiße unseres Angesicht zu erfolgen haben wird. So werden wir der Arbeit nicht entkommen – zum Glück.