Elster

Gestern, als Paul und ich am frühen Abend durchs Quartier spazierten, sahen wir eine kranke Elster. Sie hatte einen riesigen Kropf, der an ihrem Hals baumelte, als hätte sie eine Kugel verschluckt; eher aber war es ein Tumor. Sie hüpfte auf einem Bein. Ich glaube nicht, dass sie noch fliegen konnte. Sie war ein Lebewesen, dessen unglückliches Ende nahe war. Ich fragte mich, wann sie geboren wurde. Wann schlüpfte sie aus dem Ei? Wann flog sie aus, um ihre eigenes Leben zu beginnen? Und hatte sie selbst gebrütet und kleine Vögel großgezogen? Wie war ihr Leben auf der Welt? Hat sie es zur Gänze in Alcorcón verbracht, oder ist sie zugewandert?

Radetzkymarsch

Radetzkymarsch von Joseph Roth ist der beste Roman, den ich seit langer Zeit gelesen habe. Vielleicht seit Bekenntnisse eines Bürgers von Sándor Márai. Allerdings war das kein Roman, sondern eine Lebenserinnerung. Beide Bücher spielen aber im selben Raum: In den letzten Jahren der Donaumonarchie und zwar weit im Osten, dort wo nur noch die Kasernen und die Bezirksämter den Kaiser (und die deutsche Sprache) vertreten.

Joseph Roth erzählt die Geschichte der Familie Trotta. Im Mittelpunkt stehen Carl Joseph Trotta und dessen Vater, Franz Trotta. Wie schon der Großvater vor ihnen, stehen beide im Dienst des Kaisers. Der Vater als Bezirkshauptmann, der Sohn als Leutnant. Aber der Kaiser ist alt und über der letzten Inkarnation des Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation kreisen bereits die Geier.

Die Soldaten an der Grenze langweiligen sich, nie wieder, befürchten sie, werden sie gebraucht werden. Allmählich aber, fast unmerklich, beginnt sich ein Gewitter zusammenzubrauen. Fabrikarbeiter streiken. Anstatt des Radetzkymarsches hört man immer öfters die Internationale. Die Völker des Reiches fordern ihre eigenen Nationalstaaten. Hinter dem Horizont lauert bereits der große Krieg, der alles zerstören wird. Man weiß: Die Soldaten werden schon bald zum Einsatz kommen, und die Chancen, dass sie diesen nicht überleben werden, sind groß.

Radetzkymarsch ist spannend wie ein Besteller, obwohl eigentlich nicht viel passiert. Carl Joseph langweilt sich in seinem Dienst als Offizier an der  russischen Grenze. Er beginnt immer mehr zu trinken. Sein Vater, durch den Tod eines alten Dieners aus der Bahn geworfen, beginnt die Anzeichen der Zersetzung der alten Ordnung zu bemerken.

Die Sprache Joseph Roths ist spielerisch, manchmal sogar rau und ungestüm; als Erzähler hält er sich nicht an die Regeln, taucht bald in diesen und bald in jenen Kopf ein, um dann wieder hoch über seinen Figuren zu schweben. Trotzdem ist es der Stil eines großen Könners. Man wird mitgenommen, als treibe man in der Donau.

Der Kern des Werkes ist die Stimmung des Untergangs. Die Welt wie sie immer war, beginnt abzubröckeln. Vater Trotta beginnt den Halt zu verlieren; Sohn Trotta, der nie glücklich war in seiner militärischen Karriere, sehnt sich nach einem neuen Leben. Es fehlt ihm aber die Erfahrung, selbst Entscheidungen zu treffen. Er kennt die Freiheit nicht.

Es ist ein nostalgisches Buch, dass einer untergegangen Welt nachtrauert, obwohl diese alte Welt keineswegs als idyllisch, sondern als steif und unbeweglich beschrieben wird. Joseph Roth schrieb es in den dreißiger Jahren in Berlin, als die Katastrophe sich bereits abzeichnete. Angesichts der Braunhemden, die durch die Straßen marschierten, sehnte er sich zurück ins Habsburgerreich seiner Jugend. Es ist ein typisches Buch für jene Zeit, die Jahrzehnte des Übergangs von der alten in die moderne Welt.

Wien II

Am Freitagmorgen hatte ich vor der Arbeit noch eine Stunde Zeit, weshalb ich mit dem Taxi direkt in eine Buchhandlung nahe dem Konferenzzentrum fuhr. Der Taxifahrer hatte einen lustigen Akzent: einen slawischen, osteuropäischen Grundton gemischt mit breitem Wienerisch. Wir sprachen kaum, aber er verfluchte murmelnd die Wiener Verkehrsbehörden und andere, langsamere, Autofahrer. Wir fuhren an den Wiener Wiesen und dem Prater vorbei, wo ich erst einmal war, auf einer Velotour von Passau nach Wien mit meinen Eltern und Schwester; ich glaube es war 1985. Damals hatte ich mich während der ganzen Fahrt auf Wien gefreut; ich liebte große Städte und Wien würde die größte sein, in die je einen Fuß gesetzt haben würde.

Die Buchhandlung, die ich vorher ausgesucht hatte, hatte gute Google-Reviews, war aber enttäuschend klein. Die Auswahl war eigentlich nicht schlecht: recht viele Klassiker, Philosophie, ein paar zeitgenössische Romane, doch es war keine Konzept zu erkennen und sie war mir auch etwas zu ungepflegt; die Bücher waren achtlos und zufällig eingeordnet; zum Teil sah man ihnen an, dass sie schon seit Jahren im Gestellt standen. Ich kaufte etwas Wienerisches: Den Radetzkymarsch und Die Kapuzinergruft von Joseph Roth, dessen Werk ich noch nicht kannte. Ich erinnere mich, dass ich seine Bücher jeweils in der winzigen Literaturabteilung der HSG-Universitätsbibliothek habe stehen sehen; vielleicht hatte ich sogar einmal eins ausgeliehen, ohne es aber zu lesen.

Unterdessen habe ich die ersten Kapitel des Radetzkymarsch gelesen. Es handelt sich um die Geschichte einer Familie in einer Zeit der Umwälzungen; in einer zu Ende gehenden Ära, in einem Land, dass bald nicht mehr existieren würde. Das Buch beginnt mit dem kaiserlichen Beamten Franz von Trotta. Sein Urgroßvater war Bauer in Galizien, jenem Gebiet in der heutigen Ukraine, wo damals auch viele Deutsch und Juden wohnten; sein Großvater war bereits Wachtmeister; sein Vater Leutnant, später Major in der Armee des Kaisers; er hatte Kaiser Franz Joseph in der Schlacht von Solferino das Leben gerettet und wurde daraufhin geadelt. Vor allem ist es aber die Geschichte von Franzens Sohn: Joseph von Trotta, dessen Jugendjahre, von denen ich zur Zeit lese, mit den letzten Jahren der Donaumonarchie zusammenfallen. Noch ist von derer baldiger Auflösung nicht viel zu spüren. Einzig die steifen Umgangsformen und die strikten gesellschaftlichen Hierarchien mögen, zumindest in der Retrospektive, darauf hindeuten, dass man sich an das Bekannte, Allhergebrachte klammert, weil man vielleicht, zumindest unbewusst, das Heranrollen der Katastrophe spürt. Immerhin reicht die Linie der Habsburg-Monarchie bis ins Heilige Römische Reich zurück, und dieses wiederum bezieht sich die klassische Zivilisation, die es im Namen trägt. Das all dies zusammenbrechen könnte und sich Wien im Verlaufe zweier Weltkrieg in die Hauptstadt eines Alpenländchens verwandeln würde, hätten sich die Trottas und später die von Trottas niemals träumen lassen.

Joseph Roth schreibt in der melancholischen Sprache von einem, dessen Kindheit ausgelöscht worden ist. Das Land, in dem er aufgewachsen ist, existiert nicht mehr. Alle Strukturen sind gefallen. Auf den Trümmern aber wurde noch nichts Neues aufgebaut. (Natürlich haben auch heute wegen der sich immer rasanter drehenden Zeit, viele Menschen ein ähnliches Gefühl.) Auf Roth aber wartete die wahre Katastrophe. Er schrieb den Roman in den dreißiger Jahren. Die Nazis zogen bereits lärmend durch die chaotischen Straßen; ein Jahr nach der Veröffentlichung des Buches sollten sie die Macht übernehmen. Roth, Jude, floh nach Paris, wo er immer mehr dem Alkohol verfiel und schließlich an diesem zugrunde ging. Er soll im Armenhaus gestorben sein.

Von Wien, im Radetzkymarsch noch als die Hauptstadt eines großen Reiches beschrieben, habe ich leider aufgrund anderer Verpflichtungen nicht viel gesehen. Aufgefallen ist mir aber das Verschwinden des Wienerischen Akzents. In der U-Bahn habe ich vor allem Hochdeutsch mit ganz leichtem österreichischem Einschlag gehört. Einzig der osteuropäische Taxifahrer hatte richtig gewienert. Der alte von Trotta würde sich darüber ärgern. Schon im Radetzkymarsch stößt ihm das Hochdeutscheln einer Hausdame sauer auf.

Wien I

Den schlafenden Paul berührt, der müden Carol einen Kuss, dann aufs Taxi zum Flughafen. Wie immer funktionierte das Radio Taxi Alcorcón wie am Schnürchen. Nie sind sie zu spät, immer warten sie bereits fünf Minuten vor dem abgemachten Termin vor der Tür. Der Taxifahrer hieß Andrés. Wir sprachen über unseren Namen und ich versuchte ihn davon zu überzeugen, dass der Name aus dem griechischen stamme und Andreas die griechische und deshalb die Originalaussprache des Namen sei. Alles andere: Andrés, Andrew, André sind sprachliche Varianten. Andrés bezweifelte die Sache.

  • „Nein, hier in Spanien kommt der Name von einem Heiligen und der hieß San Andrés.“
  • „Ja, aber San Andrés lebte in Palästina und war ein Grieche namens Andreas.“
  • „Grieche … Das bezweifle ich.“
  • „Du hast Recht, vermutlich war er nicht Grieche, sondern hellenisierter Jude. Sein Name war aber griechisch und auf Griechisch sagt man Andreas nicht Andrés.“
  • „San Andrés Grieche? Ich weiß nicht … Sind ja sowieso alles unverständliche Sprachen.“
  • „Es gibt halt viele Varianten unseres Namens, zum Beispiel André, Andrew, etc.“
  • „Ja, meine Freunde nennen mich oft Andrew, obwohl sie natürlich kein Englisch sprechen.“

An dieser Stelle brachen wir das Gespräch über unseren Namen ab.

Ich bin normalerweise pro-Über und mache mich über die protestierenden Taxifahrer in Madrid und anderswo lustig. Trotzdem interessiert mich, was die Taxifahrer von Über halten. Also frage ich Andrés nach Über: „Wie sieht’s den jetzt aus in Madrid? Sind sie verboten oder nicht?“ (Gestern Abend sah ich auf der App, dass in Alcorcón fünf Über-Fahrer auf Kunden warteten.) Ich stellte diese Frage, als wir auf die M40 auffuhren. Sein darauffolgender, teilweise recht leidenschaftlicher Monolog, größtenteils auf der Überholspur vorgetragen, dauerte genau bis zum Flughafen und endete erst, als er beim Terminal 4 beinahe einen die Straße überquerenden Fußgänger überfahren hätte.

„Siehst du den? Der kommt von da hinten? Da laden nämlich die Über-Fahrer ihre Kunden ab, weil sie nicht reinfahren dürfen. Und schau dir mal das lange Gesicht an, das er zieht. Dem hat der Fahrer im Auto bestimmt kein Wasser angeboten, wie ich dir!“ (Tatsächliche sah der vermeintliche Über-Kunde nicht sehr glücklich aus, was aber auch daran gelegen haben mochte, dass er am frühen Freitagmorgen auf den Flughafen musste …)

Andrés’ Ausführungen waren interessant und zum ersten Mal überhaupt, hat mich ein Taxifahrer mit seiner Meinung zu Über einigermaßen überzeugt. Sein Argumente waren die folgenden: Die Madrider Taxis unterliegen strikten Kontrollen. Drei Mal im Jahr muss er zur ITV um das Auto vorzuführen. Dabei wird auch der versiegelte Taximeter kontrolliert. Überhaupt soll es fünf Siegel in seinem Taxi geben, an welchen er sich nicht selbst zu schaffen machen darf. Der Preis der Taxifahren in Madrid ist genau geregelt und zwar von einem Konsortium, in welchem auch eine Konsumentenschutzgruppe einsitzt. Die Taxifahrer müssen eine „schwierige Prüfung“ ablegen, die man nicht bestehen würde, hätte man „an der Schule nicht zumindest ein bisschen aufgepasst“. Nur wenige Autos sind als Taxis zugelassen, normalerweise SEATS, also in Spanien hergestellte Autos. Er zahlt Steuern und zwar auf jede Fahrt, da alles über den Taximeter abgerechnet werden muss. Die Anzahl der in Madrid zugelassenen Taxis ist geregelt, damit die Stadt nicht überlastet wird. Und 99% der spanischen Taxifahrer sind selbstständig und fahren ihr eigenes Auto.

Über-Fahrer hingegen kann jeder werden. „Da kommt Fulanito [dieser Name wird in Spanien verwendet, um zu sagen: irgendjemand] in einem alten Fiat daher, kennt die Stadt nicht, guckt ständig auf die App und hält sich an keine Regeln. Der Preis wird je nach Nachfrage automatisch angepasst. Wenn also Real Madrid spielt wird alles teurer – auch für einen Atletico-Fan, den Real nicht im geringsten interessiert. Das ist doch ungerecht!“ Und außerdem: Über zahlt in Spanien keine Steuern, sie versteuern alles in Belgien. Und wenn ein Unfall passiert, dann musst den Über-Fahrer verklagen, der sowieso kein Geld hat; die Firma enthält sich im Kleingedruckten jeglicher Verantwortung. Die offiziellen Taxifahrer hingegen müssen eine Haftschutzversicherung abschließen, welche einen Schaden von 600’000 Euro deckt.

„Von mir aus können Sie alles deregulieren, dann kann ich den Preis mit dir direkt verhandeln und weil du Ausländer bist und zum Flughafen fährst, verlange ich natürlich mehr; und wenn deine Schwiegermutter zum Arzt muss, weigere ich mich, sie hinzufahren, da es nur 800 Meter sind und es sich für mich nicht lohnt. Dann machen wir es, wie in Amerika, zahlen kaum Steuern und wenn wir ein Bein brechen und unsere Privatversicherung sagt, im Kleingedruckten stehe aber, nur der Arm sei versichert, humpeln wir halt für den Rest unseres Lebens!“ – An dieser Stelle waren wir bereits am Flughafen und Andrés bremste scharf, um den plötzlich auf die Straße springenden Fußgänger, der vielleicht aus einem Über kam, nicht zu überfahren.

In vielem hatte Andrés recht. Die staatliche Regulierung hat gewiss Nachteile: Sie mag Ressourcen verschlingen und zum Aufbau einer Behörde führen, welche nach einer gewissen Zeit damit beginnt, mehr und mehr Vorschriften zu erlassen, um ihre eigene Existenz zu sichern. Auch sind Regulationen, wie jedes Gesetz, allgemein gefasst und schaffen im Einzelfall nicht immer optimale Zustände. Aber es ist trotzdem so, dass die Regulierung ihren Sinn hat; sie bieten den Anbietern einen gewissen Schutz (in diesem Fall die Taxifahrer zum Beispiel einen geschützten Arbeitsbereich bieten, in welchen nur eintreten kann, wer die entsprechenden Vorschriften erfüllt), verleihen den Konsumenten die Sicherheit ein bestimmte Mindestdienstleistung zu erhalten, und behalten überhaupt das Wohl der ganzen Stadt, des öffentlichen Raumes, im Auge. Bei der Internet-Deregulation (das heißt, bei neuen, dank des Internets entstanden Dienstleistung) fehlen diese von der öffentlichen Hand garantierten Sicherheiten oft. Manchmal treten die Nachteile und Probleme erst nach einer gewissen Zeit ans Tageslicht. Airbnb zum Beispiel war vor einigen Jahren eine tolle Alternative zu Hotels, welche sich oft auf ihren Sternen ausgeruht hatten. Unterdessen aber hat sich Airbnb zu einer richtigen Plage entwickelt: Ganze Wohnhäuser in den Stadtzentren sind zu Ferienwohnungswüsten geworden. Außerdem sind sie viel zu teuer geworden; und natürlich versteuert kaum ein Airbnb-Anbieter seine Einnahmen (und die Firma Airbnb versteuert wohl auch kein Geld in Spanien). Es scheint mir eine gute Entwicklung, dass es die Madrider Stadtregierung der Eigentümerversammlung berlassen will, ob in einem Gebäude Ferienwohnungen erlaubt sind, oder nicht.

*

Im Flugzeug. Beim Einsteigen las ich weiter im Houllebecq, der mich zu deprimieren beginnt. Zum Glück habe ich auch das Winterbuch mitgenommen, in dem ich noch nicht alle Geschichten und Gedicht gelesen habe. Houllebecq essayistisches Buch ist ein Nachdenken über das Altern und den Tod; die Zukunft, das Klonen und das ewige Leben, oder besser gesagt: überleben, den die Zukunft die er beschreibt, macht nicht viel her. Seine Frage ist eigentlich: Wenn die Technik den Menschen zum Neo-Menschen macht und die Leiden und Verletzlichkeit des Körpers immer mehr in den Griff bekommt, was geschieht dann mit demjenigen, der im Körper drin. Oder besser: derjenige, welcher der Körper ist. Denn, so sagt eine Figur des Buches, der Mensch ist sein Körper. Er zeigt sogar einen Zementsack voller Material vor, der die genau gleichen Stoffe enthalten soll, aus denen ein siebzigjähriger Mensch besteht. Vor allem natürlich Wasser. Er sticht hinein und unter dem Sack bildet sich eine Lache. Mit dem Körper lassen sich die Triebe erklären, aber was ist die Liebe? – Ich legte de Houllebecq fast fertig gelesen zur Seite und nahm das Winterbuch zur Hand. Darin las ich, bis wir über den Neusiedlersee flogen und kurz danach in Wien landeten.

Hinter der Mauer

Man wirft der Religion Anthropozentrismus vor. Gott als menschenähnliche Person. Vor allem im Alten Testament launisch wie ein Mensch. Im Neuen Testament dann gütig, wozu das launische und böse aber in eine andere menschenähnliche Person verbannt werden musste: den Teufel.

Interessanterweise ist auch der Technologie- und Zukunftsdialog anthropozentrisch, vor allem auch, wenn von AI die Rede ist. Man spricht von der intelligence explosion und warnt vor den möglichen katastrophalen Folgen. Katastrophal natürlich aus der Sicht der Menschheit. Die Frage, die sich aufdrängt, ist eine ähnliche, wie sich die Autoren des Alten Testaments gestellt haben: Wird sich eine Superintelligenz dem Menschen gegenüber wohl- oder übelwollend verhalten?

Hat man sich früher Gott als menschenähnliche aber allmächtige Person vorgestellt, welche wir zum Beispiel mit Opfern und Gebeten auf unsere Seite zu ziehen versuchten, sehen wir heute zukünftige superintelligente AI als eine Art gottähnliches, und damit eben auch menschenähnliches, Wesen, welches uns wohlgesinnt oder eben nicht sein wird.

Wieder sehen wir uns also einer hypothetischen höheren Intelligenz gegenüber und fragen uns, was ihre Einstellung zum Menschen ist. Wie Gott, können wir uns AI auch nur als einen überintelligenten Menschen vorstellen. (Hypothetisch da superintelligente AI noch nicht existiert und die Existenz Gottes nicht beweisbar ist.)

Auch sonst zeigt sich, dass alte religiöse Obsessionen die Technologiedebatte dominieren. Glauben wir nicht heute auf eine Mauer zu zumarschieren, hinter der etwas Unbekanntes liegt? Heute nennen wir dieses Unbekannte Superintelligenz; auch die Bibel ist besessen davon, was kommen wird, wenn diese Welt einmal dahinscheidet. Hier wie dort geht es um das Schicksal des Menschen, die Konfrontation mit einer höheren Intelligenz, das mögliche Ende und die Hoffnung auf Erlösung. Auch heute glauben wir, wie seit jeher, dass die Begegnung mit der Superintelligenz grundsätzlich nur zwei Ergebnisse haben kann: den Einzug ins Paradies (Ray Kurzweil’s Singularity) oder die Vernichtung (der Mensch als Raupe des Schmetterlings AI).

Oder ein anderes Beispiel. Es wird heute von der Möglichkeit gesprochen, dass wir in einer Computer-Simulation leben könnten. Es sei wahrscheinlich, wird argumentiert, dass eine fortgeschrittene Intelligenz (also zum Beispiel die Menschen der Zukunft), Simulationen schaffen, in welchen zu „leben“ sich wie die Realität anfühle, und statistisch gesehen, sei es wahrscheinlicher, dass wir in einer solchen Computersimulation leben, als in der realen Welt. Elon Musk hat davon gesprochen, der AI-Philosoph Nick Bostrom, oder der populäre Astronom Neil deGrasse Tyson. – Man bemerkt wieder, dass die Sache sehr anthropozentrisch und zeitbezogen ist. Im Computerzeitalter beginnt man die Welt als eine (von Menschen der Zukunft geschaffene) virtuelle Realität zu sehen. Natürlich dachten die alten Hindus schon so: Die Welt ist Illusion. Auch die Quantenphysik widerspricht dem nicht: Alles ist Information, so dass eigentlich auch die echte Realität, die allererste, in der kein Simulator mehr am Werke ist, auch nur eine Simulation ist.

Was ich zusammenfassend sagen will, ist dies: Es geht dem Menschen immer in erster Linie um sich selbst. Er kann nicht anders. So sieht beschreibt er auch die Beschaffenheit der Realität in menschlichen Begriffen, ob im Alten Testament oder in der AI-Philosophie. Es geht dem Menschen darum, was hinter der Mauer liegt – ob nach der Apokalypse oder der intelligence explosion. Es geht ihm um höhere Wesen (oder Kräfte), die Macht über ihn ausüben – ob Götter, Gott oder Maschinen. All diese Gedanken entspringen natürlich unserer Psychologie: Das Wissen um unsere Endlichkeit, bestimmt auch unser philosophieren über die Beschaffenheit der Realität. Die Mauer, auf welche die Menschheit zusteuert, ist im Kleinen der Tod des Individuums.