Corona Tag 21

Regentage. Morgendliches Plätschern im Innenhof. Der Hauswart taucht weiterhin zur Arbeit auf und reinigt, wie gehabt, täglich Eingangsbereich, Lift und Treppenhaus. Er ist immer schlechter Laune, doch nie faul. Bei Camus lese ich, dass Epidemien (um nicht “Seuchen” zu schreiben) immer und überall gleich aufgenommen werden: mit Ungläubigkeit und Ablehnung bis man mitten drinsteckt. Die Auftritte unseres spanischen Chefarztes, der im Namen der Regierung das Zepter führt, unterschieden sich kaum von den Auftritten der Amtsärzte im Oran der “Pest”. Vor ein paar Wochen noch hat er vor Alarmismus gewarnt. Gestern wurde auch beim ihm Covid-19 diagnostiziert.

Corona Tag 20

Am frühen Morgen mit Camus im Lesesessel. Draußen, so kommt es einem vor, ist es noch stiller geworden und die Vögel pfeifen noch lauter als letzte Woche. Camus vergleicht “die Pest” mit dem Krieg. Was die Wirtschaft betrifft, hat er unrecht: die Kriegswirtschaften von früher (den eigentliche Kriege gibt es ja keine mehr) lief auf Hochtouren, um Kriegsmaterial zu produzieren; die Seuchenwirtschaft ist stotternd zum Stillstand gekommen. Ab heute darf nur noch zur Arbeit, wer “Essentielles” tut.

Corona Tag 19

Gestern der Wunsch nach weniger Kopf und mehr Muse. Am Abend im Bett anstatt Dalios “Big Debt Crisis” weiterzulesen, mit Camus‘ „Die Pest“ begonnen. Ein Roman für unsere Zeit! Er soll in den Buchhandlungen ausverkauft sein. Zum Glück besitze ich noch meine Ausgabe aus der Kantizeit. Darin stieß ich auf eine Seite mit Werbung, wie das früher in rororo-Taschenbüchern üblich war: „Kaufen Sie einen Pfandbrief bei ihrer Bank oder Sparkasse. Wenn Sie nur 100 DM investieren, können sie sich von den Jahreszinsen dieses Büchlein kaufen.” 8% Jahreszinsen! So wurden sogar bei der existentialistischen Lektüre meine Gedanken auf die Ökonomie umgelenkt!

Corona Tag 18

Wer die Weltwirtschaft beobachtet, stellt sich die Frage, ob diese gerade in ein Tal absteigt, um alsbald, kurz nach dem Ende der Coronakrise, also vielleicht schon im Sommer, oder in einem Jahr, wenn wir eine in Rekordzeit entwickelte Impfung zur Verfügung haben werden, am Ende des Tales angekommen, wie der Wanderer im dreiundzwanzigsten Psalm, ihren Kopf zu erheben und weiterzuklettern, wie sie es seit der Großen Depression in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts immer getan hat (vor hundert Jahren begannen die Börsenwerte anzusteigen und jede Wirtschaftskrise war nur eine Delle auf einer ansteigenden Kurve). Dieses Szenario beschwört die amerikanische Fed wie ein Schamane die Götter in einer Dürrezeit. Das unlimitierte Gelddruckversprechen ist der Regentanz der Zentralbanker. Ich zweifle aber, ob er den erhofften Wolkenbruch bringen wird. Ich glaube, dass wir uns am Ende eines Jahrhundertzyklus befinden. Vor uns liegen heftige Turbulenzen. Die gute Nachricht ist aber, dass wir diese schneller durchfliegen werden, als je zuvor in der Wirtschaftsgeschichte. Wir leben im Zeitalter der Beschleunigung. Alles geht immer schneller, auch Weltwirtschaftskrisen. In wenigen Jahren bereits werden wir wieder ruhig auf Flughöhe dahincruisen. Allerdings wird die Welt, in der wir schlussendlich wieder landen werden, eine andere sein. Doch nicht so anders, wie mancher sich das vielleicht vorstellt: Eine Hyperinflation mag uns erwarten und vielleicht verliert der Dollar sogar sein Reservewährungs-Privileg, aber viele Unternehmen mit einem auf die Zukunft ausgerichteten Geschäftsmodell (zum Beispiel: Amazon, Google, Netflix) werden ihren Wert behalten und auf der anderen Seite gestärkt wieder auftauchen. – Natürlich könnte ich mich mit diesen Prognosen auch auf dem Holzweg befinden. Wie der Ray Dalio sagt: Ich weiß mehr nicht, als ich weiß.

Corona Tag 17

Man stelle sich diese Krise 1999 vor … In der digitalen Revolution der vergangenen zwanzig Jahre ist die Infrastruktur entstanden, die uns nun über diese Tage der Isolation hinweghilft. Die Information der ganzen Welt ist uns in Sekundenschnelle zugänglich. Arbeit und Freundschaften laufen weiter, wie gewohnt. Zumindest für die Teilnehmer der digital-globalisierten Wirtschaft. Doch scheint es auch so, als beschleunige die Coronakrise das viel zitierte “Ende der Arbeit”. In Spanien sind zu den drei Millionen Arbeitslosen bereits eineinhalb Millionen dazugekommen. Wer nicht auf dem digital-globalen Zug sitzt, sieht sich plötzlich in die Zukunft katapultiert.

Corona Tag 16

Beobachtungen in Zeiten des Coronavirus:

Ein Mann, etwas über dreißig, dem Aussehen nach einer jener vielen Arbeitslosen, die vielleicht noch nie gearbeitet haben oder nur als Tagelöhner und demzufolge noch immer im ehemaligen Kinderzimmer der elterlichen Wohnung hausen, hat es wohl ebendort nicht mehr ausgehalten. Er drückt sich in eine Ecke zwischen zwei Wohnblöcken, raucht und spricht am Telefon mit einer jungen Frau, die er, so hört es sich an, online kennengelernt hat. Ein paar Minuten später taucht die Polizei auf – wohl von einem wachsamen Nachbarn gerufen, der nichts anderes zu tun hat, als am Fenster die Straßen zu überwachen – und nimmt ihn mit.

Ein Anderer, den es ebenfalls an die frische Luft gedrängt, geht zum x-ten Mal mit seinem Hund dieselbe Straße herunter – Gassi gehen ist erlaubt. Irgendwo geht ein Fenster auf und jemand ruft heraus: “Hey, du gehst jetzt zum fünften Mal hier vorbei. Einmal genügt dem Hund. Das ist verboten, geh sofort nach Hause!” – Vielleicht derselbe Hobbywächter, der die Polizei gerufen hatte?

Schwer beladen auf dem Weg vom Aldi nach Hause, sehe ich einen Pensionär, der wackeren Schrittes durch die Gegend spaziert. Ohne Hund und offensichtlich auch nicht auf dem Weg in den Supermarkt. Dafür hält er ein Blatt Papier in einer Sichtmappe in der Hand. Ein Polizeiauto hält neben ihm, um ihn nach Hause zu schicken. Der ältere Herr ist uneinsichtig, deutet auf sein Blatt Papier, als handle es sich um eine Sondererlaubnis. Es kommt zum Wortgefecht, solange, bis der Polizist wütend aus dem Auto steigt, um den Spaziergänger mitzunehmen. Was danach geschieht, sehe ich nicht mehr.