Madrid, 9. März 2019

Auf dem Heimweg geriet ich in die Frauendemonstration: “Manolo, Manolito, la cena tu solito!” Ein lustiger Slogan, eine Nachricht an die Väter und Großväter; die Ankündigung einer Kulturwende. Etwas zynisch meint C., dass die meisten der skandierenden Studentinnen in zehn Jahren auch einen Gilipollas geheiratet haben werden. Unrecht hat sie damit nicht. Auf der Straße in festlicher Atmosphäre “die Gesellschaft” zum Wandeln aufzufordern ist einfacher, und damit auch weniger wirksam, als die Sache vor der eigenen Haustür anzugehen. Trotzdem: Ich musste über den Slogan lachen, vor allem weil ich auch den einen oder anderen Manolo kenne.

Im Vorortszug lese ich “Afrikanische Spiele” von EJ. Ich habe die Biographie für die Lektüre dieser Erzählung unterbrochen. Eine Abenteuergeschichte aus den letzten Jahren vor dem großen Krieg. Träume und Symbole, aber auch scharfe Beobachtungen.

Als ich mich bei der Einfahrt in den Bahnhof “Vier Winde” erhebe, ein “gracias” an die Sitznachbarin, die mir Platz macht. “Bitte”, antwortet sie auf deutsch – sie hat mein Buch gesehen. Ein kurzes Gespräch entsteht. Eine unerwartete Begegnung: Spanierinnen in einem gewissen Alter, die fast akzentfrei deutsch sprechen, sieht man selten.

Madrid, 8. März 2019

Die rational erforschbare Wirklichkeit ist nur eine Erscheinungsform des Seins. Es ist die Erscheinungsform unseres Zeitalters. Als Erschafferin der modernen Welt bringt sie Fortschritt und auch Zerstörung. Supermärkte und Erderwärmung. Techno-Utopie und AI-Apokalypse. – Entgleiten uns dabei die Zügel? Das Studium anderer Erscheinungsformen des Seins wären dann wieder gefragt.

Madrid, 7. März 2019

Gestern trieben heftige Windstöße dunkle Wolken über Madrid. Zum Teil starke Regenfälle. In der Nacht dann Träume aus dem tiefsten Unterbewusstsein. Sechs Fragmente vermochte ich am Morgen festzuhalten. Heute wieder Sonnenschein, aber kälter. In Kiesels EJ-Biographie stoße ich auf den Begriff der “zweckfreien Reflexion der Zeiterfahrung”.

Berlin, 1. März 2019

Nach drei Tagen ist die Arbeit abgeschlossen. Ich sitze im Hotelzimmer und lese. Da es an der Industrieausstellung an jedem Stand etwas zu essen gab, habe ich immer noch keinen Hunger. Ein Restaurant habe ich mir auf dem Spaziergang zum Hotel aber bereits ausgesucht – falls der Hunger noch kommt.

Nach der Arbeit hatte ich noch einen anderen Kunden besucht. Wir saßen im 25. Stock des Allianz-Turms mit schönster Aussicht auf Berlin. Jetzt Konferenzraum, war das große Zimmer (auf zwei Seiten mit Fenstern vom Boden bis zur Decke) bei der Gründung der Firma noch Direktorenbüro gewesen. Ein würdiger Platz für einen Direktor alter Schule. Man stellt sich vor, wie er Whisky getrunken und Zigarren geraucht hat.

Neue Bücher habe ich keine gekauft. Mit Faszination lese ich die EJ-Biographie. Selten hat mir eine literarische Biographie so sehr gefallen. Die letzte war wohl vor fast dreißig Jahren die von EH (Hemingway). Beide Autoren haben einiges gemein. Ihre Teilnahme an beiden Weltkriegen, ihr Männlichkeitswahn, der sie heute zu unmodernen Autoren macht – zumindest EJ, vermutlich auch EH. Eine dritte Biographie, die mir in den Sinn kommt ist die von Jack London. Ich hatte sie gelesen, als ich Rekrut war. Auch sein Wahn schlägt in dieselbe Kerbe: Natur, Abenteuer, Rausch, obwohl alle drei Schriftsteller ganz unterschiedliche Männer waren.

Berlin, 28. Februar 2019

Mein Hotel preist sich als „im Zentrum des Trendquartiers Neu-Kölln“ gelegen an – eigentlich aber ist es eher abgelegen. Südberliner Niemandsland. So kommt es mir zumindest vor. Das “trendige” Neu-Kölln liegt zu Fuss mindestens eine halbe Stunde weiter nördlich. Zumindest das Neukölln, das ich kenne. Berlin verändert sich schnell und ich mag mich in nächster Nähe von dies oder jenem befinden, ohne davon Kenntnis zu haben. Die Straßenzüge sind hier typisch berlinerisch. Die Menschen auf der Straße bunt gemischt, was nicht nur heißt aller Hautfarben, sondern auch aller Lebenskonzepte. Yuppies und Hippsters (beide Begriffe sind wohl passé, beschreiben aber zwei dominierende Typen von Berlin-Neuzuzüglern recht gut) fehlen allerdings. Die wären wohl weiter nördlich zu finden. Viele Kopftücher. Man hört allerorten arabisch-türkisch beeinflusstes Neudeutsch, dieser Akzent, der das alte Berlinerisch verdrängt hat.

Nach der Arbeit fuhr ich zu Dussmann, in der Absicht einige zeitgenössische Romane zu erstehen. So saß ich bald mit einem Stapel Bücher (es müssen an die zehn gewesen sein) in einem dieser Lesesessel, die seit zehn oder fünfzehn Jahren zu jeder Buchhandlung gehören (früher, z.B. im alten Rösslitor, musste man noch auf Leitern Platz nehmen). Leider stand kein Tischchen zur Verfüng, so dass der Stapel auf meinen Oberschenkeln wackelte. Einmal fiel er mir gar auf den Boden. Ich blättere durch die Bücher, wurde aber zunehmend unsicherer. Will ich mich wirklich mit Zeitgenössischem beschäftigen? So viele historische Lücken, so viele noch ungelesene Klassiker. Schlußendlich – und ohne wirklich eine Entscheidung getroffen zu haben – wurde mir das ganze zuviel. Ich ging nochmals zu den Klassikern und stieß zufällig auf eine Ernst Jünger Biographie, die ich mir kaufte. Zudem “Die Zukunft der Menschheit” des Oxford-Philosophen Nick Bostrom. In Zweiterem las ich in der S-Bahn und später in einem gemütlichen griechischen Restaurant bei schlechtem Licht. In Ersterem im Hotelzimmer. Leider war ich wegen des Ouzo, der mir mit der Rechnung angeboten wurde, etwas zu müde und schlief bald ein. – Die Entscheidung, ob ich doch noch ein paar zeitgenössische Romane kaufen werde, steht noch aus.