By Andreas Eigenmann

Madrid, 16. Dezember 2019

Heidegger: die Grundwissenschaft ist nicht mehr die Philosophie, sondern die Kybernetik. Dem könnte man hinzufügen: auch nicht mehr die Physik, sondern der Algorithmus. Sollte die Urformel existieren und einmal entdeckt werden, dann nicht von einem Physiker, sondern von einem autonom sich selbst verbessernden Computerprogramm.

Madrid, 15. Dezember 2019

Zitat in “Philosophie der Maschine” (Martin Burckhardt). Robert Oppenheimer soll gesagt haben, man soll die Welt nicht sehen, wie sie ist, sondern wie sie sein könnte. Dieser kurze Satz wäre ein solider Boden für jede Kindererziehung. Nicht wie sie ist, nicht wie man sie sich wünscht, sondern wie sie sein könnte.

Madrid, 10. Dezember 2019

Heute Morgen im “Faust” gelesen. Erstaunen darüber, wie freundschaftlich der Herr mit Mephisto umgeht. Über das hierarchische Verhältnis bestehen keine Zweifel. Im Umgang mit den Menschen aber lässt der Herr ihm freie Hand. So stellt er sich dem Faust vor:

“Ich bin der Geist der stets verneint!
Und das mit Recht, denn alles was entsteht,
Ist wert, dass es zugrunde geht.
Drum besser wär’s, dass nichts entstünde,
So ist denn alles was ihr Sünde,
Zerstörung, kurz, das Böse nennt,
Mein eigentliches Element.”

Später begegne ich ihm im Altersheim. Die große Weihnachtskrippe dort, den halben Korridor versperrend und von einer großen Scheibe geschützt, ist recht ansehnlich. Ein Zettel verkündet, sie habe sogar einen Preis als schönste Altersheim-Krippe gewonnen. Hinter einer Öffnung unten in der Scheibe, liegt ein Schalter, daneben ein Schild, das verkündet, dieser diene dem Einschalten eines Tag-Nacht-Effektes. Ich betätige ihn. Ein Höllenlärm platzt in die stillen Gänge. Ich bin mir sicher, dass die Insassen, sofern sie noch hören, in ihren Zimmern aus dem Schlaf gerissen werden. Erst nach einiger Zeit stellt man fest, dass es sich um ein Weihnachtslied handelt, dass in Diskobeats niedrigsten Ranges gehüllt wurde. Sofort versucht man, dem grotesken Spektakel durch erneutes Betätigen des Schalters ein Ende zu setzten, doch dann erblickt man auf dem Schildchen die hämischen Worte: “Stellt selbst ab”. In dieses Krippenspiel ist er gekrochen, denn alles was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht.

Madrid, 9. Dezember 2019

In der Cafeteria des Fernbusbahnhof Madrid-Süd sitzt ein dicker Mann dessen tief hängender Bauch ihn dazu zwingt, mit weit gespreizten Beinen auf dem Stuhl zu sitzen. Vor ihm auf dem Tisch steht ein Teller mit drei Sandwiches; daneben stehen zwei Dosen Süßgetränk: eine Cola und ein Fanta. Eine Frau setzt sich ihm gegenüber. Auf ihrem Tablet befinden sich noch ein Sandwich und zwei Stück Kuchen. Die beiden stützen die Ellbogen auf den Tisch, falten die Hände zum Gebet und senken den Kopf. Fast eine Minute lang danken sie Gott für das gute Essen. Dann legen sie genüsslich los. Bevor ich die beobachtete Szene fertig notiert habe, ist alles verputzt.

Madrid, 7. Dezember 2019

Individuationsträume. Tunnels, hohe Türme, große Gefahren. Die Individuation ist eine Wiedergeburt, deshalb im Traum auch Nacktheit. Johnny Cashs “The Wanderer” kommt mir in den Sinn, das ich 1993 auf einer Asienreise zum ersten Mal hörte (von einer Kassette im Walkman):
“I went out walking with a Bible and a gun
The word of God lay heavy on my heart
I was sure I was the one.”

Madrid, 6. Dezember 2019

Die Schaffung eines Kunstwerks erfordert drei Schritte. Der erste ist die Verarbeitung der Welt und der zweite das Schaffen des Werks. Das sind zwei Prozesse, die sich mehr oder weniger überschneiden können. Dabei reicht das Spektrum von fast identisch bis zu klar getrennt. Im Fall der Trennung bietet sich das Bild der Raupe und des Schmetterlings an. Der dritte Schritt ist die organisierende Hand: der Lektor, der Kurator, der Produzent. Wer auf den ersten Schritt verzichtet, schafft keine Kunst, sondern einfach ein Objekt oder ein Produkt; wer auf den zweiten verzichtet, unterliegt der Illusion, alles sei Kunst. Ohne den dritten Schritt bleibt das Werk im Orbit des Künstlers gefangen.