By Andreas Eigenmann

Madrid, 29. November 2019

In der Resi Lektüre im „Jung/Steiner“. Jungs Weg (Individuation genannt): die Integration des Unbewussten ins Bewusste. Ansonsten wird das Unbewusste unser Leben bestimmen„und wir nennen es Schicksal“. Jung ist ein Kartograf des Unbewussten. Ein Mungo Park der Anderen Welt. Steiner hingegen sucht nicht die Bewusstmachung des Unbewussten. Zwar sucht er nach Erkenntnis, aber auf einem dritten Weg. Nicht auf dem rationalen Weg, nicht auf dem mystischen Weg und auch nicht durch die rationale empirische Erforschung des Mystischen (Jung), sondern eher auf Goethes Weg des klaren Sehens der Anderen Welt. Goethe sprach davon, dass er die Urpflanze klar vor sich sehe (Schiller glaubte ihm nicht). Die Kathedrale von Straßburg teilte Goethe, nachdem er diese lange betrachtet hatte, ein Geheimnis mit. Das ist der dritte Weg der Erkenntnis.

Madrid, 26. November 2019

Zur Rolle des Außenseiters in der Wissenschaft: Echte Grundlagenforscher, die unabhängig arbeiten, sind selten geworden. James Lovelock ist dafür das Paradebeispiel. Unorthodoxe Denker und Autoren hingegen gibt es viele. Oft verkaufen sich ihre Theorien besser als die orthodoxen. Aber längst nicht jeder Außenseiter ist Avantgarde. Die meisten sind einfach nur gescheiterte Aspiranten des Betriebs. Aber nicht alle! Der Betrieb neigt dazu, neben den “Spinnern” auch die für das Vorwärtskommen notwendigen Genies abzulehnen, denn er ist eine Art Glaubensgemeinschaft samt Glaubensbekenntnis und Inquisition. Das Volk hingegen stellt sie oft aufs Podest. Allerdings gibt es nur wenig Perlen und sie sind nicht einfach zu finden. Daher wäre viel Skepsis angebracht, aber im Wissen um die Probleme des Betriebs.

Madrid, 25. November 2019

Am Morgen Fahrt durch dichten Nebel, dazu “The Portal” von Eric Weinstein gehört. Heute mit Vitalik Buterin, einem Mitbegründer von Ethereum. – Blockchain communities: Labore für künftige Gesellschaftsmodelle. Untergemeinschaften welche im Schatten heranwachsen; Visionen für Zeiten schwindender Staatsmacht. Gemeinschaft nicht mehr aufgrund geografischer Nähe und erst recht nicht aufgrund ethnischer Bindung, sondern aufgrund einer gemeinsamen Neukultur und Neusprache. – Vision: Das sich Erheben über Tagespolitik und Brot und Spiele; trotzdem das geografisch-physische Verwurzeltsein: Garten, Stadt, Wald, Literatur; aber gleichzeitig: die Vernetzung in globalen Gemeinschaften.

Madrid, 24. November 2019

Lektüre: wieder einmal ein Genre-Buch. “Wool” von Hugh Howley aus der postapokalyptischen Gattung. Gestern las ich die ersten sechzig Seiten, die mich reingezogen, aber schon heute morgen verspüre ich einen gewissen Unwillen weiterzulesen. Vielleicht ist an der viel verspotteten deutschen Unterscheidung zwischen “Unterhaltungs”- und “ernsthafter” Literatur, die es angeblich im “angelsächsichen Betrieb” so nicht geben soll (natürlich gibt es sie), doch etwas dran. Unterhaltung: Brot und Spiele. Wer sich darüber erhebt, begeht den subversiven Akt des Ausklinkens. Das Tor zum großen Ganzen öffnet sich, wenn auch nur einen Spalt. Deshalb auch kein Netflix – und das trotz “The Wire” (und Serien von vergleichbarer Qualität) – dem Dickens des postmodernen Technologiezeitalters (auch: hypermoderinity).

Madrid, 23. November 2019

Bei Teo “cortado en taza mediana“. Lektüre dazu: “Strahlungen I: Gärten und Straßen”. Darauf komme ich immer wieder zurück. Der Spaziergang dahin könnte herbstlicher nicht sein. Der Asphalt nass glänzend; überall kleben Blätter. Der Himmel schwer und dunkel mit ein paar wenigen lichten Flecken. In einem davon liegt die kleine Mondsichel auf dem Rücken. In der Sierra liegt Schnee. So früh hat die Skisaison in Madrid selten begonnen.

Peter Sloterdijk: “Du mußt dein Leben ändern”

“Das Kunstwerk darf sogar uns, den der Form Entlaufenen, noch etwas ‘sagen’, weil es ganz offensichtlich nicht die Absicht verkörpert, uns zu beengen. ‘La poésie ne s’impose plus, il s’expose.’ [Paul Celan] Was sich selbst ausgesetzt und in der Prüfung bewährt hat, gewinnt unangemaßte Autorität. Im ästhetischen Simulationsraum, der zugleich der Ernstfallraum für Gelingen und Mißlingen des künstlerischen Gebildes ist, kann die machtlose Superiorität des Werkes auf Beobachter einwirken, die ansonsten empfindlich darauf achten, keinen Herrn über sich zu haben, keinen alten und keinen neuen.” (Seite 37)

Man ersieht schon an diesem einen Satz, dass es sich bei Sloterdijk um einen Außerirdischen handelt.