By Andreas Eigenmann

St. Gallen, 21. Juli 2019

Beim Gang durch die Stadt stelle ich fest, dass das Restaurant Dufour nun “Brauwerk” heißt. Jahrelang, jahrzehntelang sogar, hatte sich das alte Dufour als wenig einladende aber gemütliche Spelunke gehalten, während das restliche Gastgewerbe der Stadt schrittweise für das 21. Jahrhundert zurecht renoviert wurde. Nun sieht das Dufour einladend aus, gemütlich ist es vermutlich nicht mehr. Dass man den einmaligen Namen des Generals aus dem Sonderbund-Krieg dem generischen “Brauwerk” geopfert hat, zeugt von der Provinzialität der St. Galler Agenturen. Irgendetwas-Werk hat man vor zwanzig oder dreißig Jahren neue Lokalitäten in Berlin genannt. Unterdessen heißen so nur noch Quartier-Coiffeure: Von Frisör Sandro zu Haarwerk.

Alcorcón, 14. Juli 2019

“Vormittags an der Arbeit wie gewöhnlich. Dabei wenig bestellt. Es geht ja doch einmal dahin. Wichtiger als die Leistung ist die meditativ verbrachte Zeit.” Notiert in “Siebzig Verweht I”, 1968 in Rom.

Alcorcón, 13. Juli 2019

Am frühen Morgen im “Olé” (so nenne ich es, weil Kike, der Besitzer, jedes Mal “bote” ruft (“Trinkgeldkasse”), wenn man ihm ein paar Münzen im Rückgeldtellerchen lässt – ich dachte aber wochenlang, er rufe “olé”) das Einlaufen der Stiere an San Fermín in Pamplona geschaut. Es wird jeden Morgen um sieben Uhr im Fernsehen übertragen. Interessante Synchronizität, mit der Hemingway-Nostalgie, die mich vorgestern Morgen kurz streifte.

Zarathustra VIII

Hier spricht Zarathustra VON DEN PREDIGERN DES TODES – den Massen, die nicht zum Übermenschen taugen. Sie zeichnen sich durch eine tiefsitzende Negativität aus. Alles ist ihnen mühsam. Aber auch in anderen Kleidern kommen sie daher. Da sind die Kindischen, die zum Zuckerwerk greifen – Ablenkung suchen –, denn das Leben hängt ja doch nur an einem Strohhalm. Da sind auch die Übereifrigen, die sich selbst vergessen wollen, indem sie immer nach dem Neuen, Schnellen und Fremden suchen.
Zarathustra grenzt hier negativ aus, wer nicht zum Übermenschen taugt: die Negativen, die Kindischen, die Übereifrigen. Sie sind nur Trieb, Ablenkung – und Selbstzerfleischung.

Zarathustra VII

Hier begegnen wir zum ersten Mal einem Jüngling, der zum Übermenschen strebt. Er ist wie der BAUM AM BERGE: keines Menschen Hände vermögen ihn zu schütteln, aber der Wind, den wir nicht sehen, biegt ihn, wohin er will. Die unsichtbaren Kräfte sind es, die uns bewegen! (Jung war natürlich Nietzsche-Leser.)
Und noch eine Baum-Metapher: Je höher ein Baum hinaus will, ins Helle, desto tiefer streben seine Wurzeln erdwärts – ins Dunkle, ins Böse. Denn wenn der Geist in die Höhe strebt, ins Freie, wenn er alle Ketten sprengt, dann wollen auch die schlimmsten Triebe, die wilden Hunde im Keller ins Freie.
So warnt Zarathustra den Jüngling, der zum Übermenschen strebt: „wirf den Helden in deiner Seele nicht weg! Halte heilig deine höchsten Hoffnungen!“

Zarathustra VI

Hier ist die Rede VOM LESEN UND SCHREIBEN.
Nur wer mit Blut schreibt, schreibt. Und auch der Leser ist gefordert. Zarathustra verachtet den lesenden Müßiggänger, denn „einst war der Geist Gott, dann wurde er zum Menschen und wird er gar noch zum Pöbel.“
Beim Schreiben Konzentration auf die Berggipfel, nicht auf die Täler. Ganz oben, wo die Luft dünn ist und die Gefahr nahe, ist der Geist voll einer fröhlichen Botschaft. Dort auf dem Berggipfel sieht Zarathustra (und wohl auch der Leser, der ihn erklommen) die schweren, schwarzen Gewitterwolken weiter unter sich – sie fallen uns nicht anheim!