By Andreas Eigenmann

Corona Tag 45

Seit längerem wieder einmal ein sonniger Tag. Der Countdown läuft: Ab Sonntagmorgen um neun Uhr, dürfen die Kinder wieder raus, wenn auch nur eine Stunde pro Tag und in einem Ein-Kilometer-Radius um das Zuhause.

Corona Tag 42

In der Nacht … Eine große, wichtige Firma begrüßt neu angestellte Mitarbeiter. Auf einem Platz stehen die Altmanager und um sie herum versammeln sich die Neuen, zu denen ich gehöre. Ein Mitglied der Geschäftsführung – F.H., der Bruder meines alten Freundes U. – teilt jedem Neuen einen Altmanager als Chef und Mentor zu. Dazu hält er ein Bündel Dokumente in der Hand. Auf der Vorderseite stehen die Namen der Altmanager und auf der Rückseite die der diesen zugeteilten Neulingen. Zu jeder Verkupplung spricht F.H. ein paar Sätze, um seine Entscheidung zu begründen. Mich hat er einem glatzköpfigen, recht mürrischem Mentor zugeteilt, einem Schweizer, der meinen Lebenslauf skeptisch betrachtet:
„Haben Sie nicht geführt?“, knurrt er.
„Wie geführt?“, frage ich.
„Im Militär!“, antwortet er.
„Nein“, gestehe ich kleinlaut.
Dann geht’s ins neue Büro. Es ist klein und schäbig und passt überhaupt nicht zu einem Großunternehmen. Ich betrete es festen Willens, mich in meinem neuen Job zu bewähren, trage aber leider einen biederen Pulli, was mich stört. Sofort bemerke ich, dass im Büro kein Platz für mich ist. Einzig ein rundes Stehtischchen, vor dem anstatt eines Barhockers ein viel zu niedriger Sitzklotz steht, ist noch frei. Eine Chefin tritt aus einem Nebenzimmer und fordert ein paar andere, junge Mitarbeiter, welche sich um einen Tisch drängen, dazu auf, für mich Platz zu machen.

Corona Tag 40

Gestern “El Hoyo” auf Netflix gesehen.

Serien sind Filmen heute überlegen, zumindest scheint es so. Auf dieselbe Art wie ein Roman einer Kurzgeschichte überlegen ist, oder ein großes Land einem kleinen. Die Macht des Raums. Trotzdem habe ich nie Lust, über eine Serie zu schreiben. Auch die besten, die ich gesehen habe, sind mir nur Unterhaltung (und das Wort Unterhaltung ist mir viel zu nahe am schrecklichen Wort „Zeitvertreib“ dran). Ein Film wird mir immer mehr gelten.

“El Hoyo” ist eine science-fiction/fantasy Allegorie auf die globale Nahrungskette. Normalerweise mag ich simple Allegorien nicht, welche das Offensichtliche als tiefe Erkenntnis präsentieren. Aber “El Hoyo” hat mir gefallen.

Corona Tag 39

Heute wurde ich im Traum aufgefordert, mich zur Europäischen Union zu bekennen. Ich saß in einem Hörsaal an der Universität, wo ich mich als Außenseiter fühlte, da ich angezogen war, wie ein Geschäftsmann; ich trug ein weißes Hemd und ein Jackett, während meine Kommilitonen, von denen ich keinen kannte, wie Studenten gekleidet waren. Außerdem saß ich streberhaft in der ersten Reihe. Die Vorlesung wurde von John Gray gehalten, einem Philosophen an der London School of Economics, dessen Bücher ich alle gelesen habe. Es geht in ihnen vor allem um die Unmöglichkeit des menschlichen Fortschritts und die Illusion der Zivilisation, welche hauchdünn und zerbrechlich unseren Planeten umhüllt. John Gray ist ein Anti-Genesis-Denker. Und so schuf Gott den Menschen nach seinem Ebenbilde als frommes Wunschdenken oder sogar als Hirngespinst, auf dem die ganze Illusion des menschlichen Spezialfalls gründet. Gray ist somit, paradoxerweise, auch Anti-Atheist; ein Anti-Pinker zum Beispiel, welcher zwar Gott und den Mythos abgeschafft, aber den Menschen trotzdem nach biblischem Vorbild in den Mittelpunkt allen Seins gestellt hat (Humanismus genannt), als Architekt des kommenden Reiches, nicht aus Gottes Gnaden, sondern gebaut auf den Ecksteinen Verstand, Wissenschaft und Fortschritt. Professor Gray also, dieser Philosoph des Nichts, hielt die Vorlesung. Plötzlich fragte er die Studenten, einen nach dem anderen, wie sie es denn mit der Europäischen Union hielten. Es war wie eine Parlamentsabstimmung mit Namensaufruf zu einem hochbrisanten Thema. Die Bekenntnisfrage im Traum-Hörsaal erinnerte mich an eine Session im Schweizer Parlament in den neunziger Jahren, in welcher über die Existenz der Armee beraten wurde. Entweder bekannte man sich zu ihr und somit zur Eidgenossenschaft, oder man setzte sich mit diesem Bartli Andreas Gross in das Boot der Landesverräter. Alle Studenten bekannten sich zu EU! Als die Frage mir immer näherrückte, überlegte ich fieberhaft, wie ich mich ausdrücken sollte. Das einfachste wäre ein vorbehaltloses Bekenntnis gewesen, aber mich drängte es nach einer differenzierten Antwort, nach einem „ja, aber“ … Doch der Druck der Masse, die Konformität forderte und ein „Ja!“ nach dem anderen in den Raum schleuderte, wurde immer größer. Bevor ich an der Reihe war, erwachte ich.

Corona Tag 38

Lektüre: Alan Greenspans “The Age of Turbulence”. Die Lebensgeschichte eines hochintelligenten Zahlenanalysten. Einer der die Welt in Nummern sieht. Vor allem aber eine Geschichte der freien Marktwirtschaft. Greenspan, 1926 geboren, hat drei Revolutionen durchgemacht. Die gesellschaftliche Revolution der 60er-Jahre, die er kaum wahrnahm, da sie sich ökonomisch wenig bemerkbar machte (erst als er mit Bill Clinton zu arbeiten begann, war er dem neuen Denken zum ersten Mal direkt ausgesetzt); dann die Globalisierung, die in den 90er Jahren so richtig begann und mit der digitalen Revolution einherging. Im Buch stecke ich am Anfang der Clintonzeit, also auch am Anfang der beiden genannten Revolutionen. In Echtzeit scheint die Globalisierung ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht zu haben. Von hier an geht’s abwärts, aber vermutlich nur temporär. Die digitale Revolution aber rast weiter, erhöht in der gegenwärtigen Krise sogar noch ihr Tempo.

Corona Tag 36

Zehn Stockwerke über der Stadt spazieren Paul und ich übers Dach. Es ist feucht, der Himmel dunkel verhangen. Eben ist ein kleines Gewitter über uns hinweggezogen. Paul rennt leise, auf leichten Füßen wie ein Puma, um die Nachbarn im obersten Stock nicht zu stören. Im Norden liegt die Stadt zum Greifen nahe; die nach vielen Wochen fast ohne Verkehr sowieso schon saubere Luft, vom vielen Regen noch zusätzlich gereinigt. In allen anderen Himmelsrichtungen: Blöcke, Reihenhäuschen, Parks und Industriegebiete. Ganz am Horizont im Süden Wiesen und Felder. Hier weicht Madrid La Mancha, der Heimat Don Quijotes.