Estland I

In einem Hotel in Tallinn. Mein Blick geht über eine große Baustelle auf den Hafen; dahinter liegen ein paar Neubauten. Ein weiße Schneeschicht bedeckt die Stadtlandschaft. Die Straßen sind matschig und die Schneehügel am Straßenrand grau. Die Marina im Hafen ist zugefroren und die Wolken liegen dicht und grau über den Häusern. Ich habe zwei Stunden Zeit, bevor ich Adrian im Büro abhole und wir den Zug nach Tartu nehmen. Zum Frühstück trank ich einen wässrigen Kaffee; nun trinke ich noch einen Instantkaffee – man gibt sich zufrieden, mit dem was man hat.

Der Flug von Madrid nach Helsinki verläuft ruhig und ereignislos, obwohl wir im Norden Spaniens das Sturmtief “Gabriel” zu umfliegen haben. Neben mir sitzen zwei Koreaner, vermutlich Mutter und Sohn. Beide tragen jene für reisende Asiaten typischen Mund-Nasen-Masken. Noch bevor das Flugzeug abhebt, lehnen sie sich zurück und schliessen die Augen. Den Seume habe ich abgeschlossen, weshalb ich als Reiselektüre zwei Romane im Gepäck habe. Flüge sind für die Romanlektüre gut geeignet, da man einen Roman in längeren Sitzungen lesen sollte. Der erste Roman ist „Ein Leben mehr“ von der Franko-Kanadierin Joceclyne Saucier. Er ist nur zweihundert Seiten lang. Ich beginne ihn in Madrid auf dem Flughafen und schließe ihn irgendwo über der Ostsee ab. Unter mir liegt eine hügelige Wolkenlandschaft. Weiter hinten gehen die Hügel in eine flache Ebene über; auch windet sich ein Wolkenkamm wie eine lange, schmale Bergkette mitten durch die weiße Fläche. Über allem steht der blaue Himmel. – „Ein Leben mehr“ ist eine Geschichte über das hohe Alter. Eine Geschichte über Abschluss und gar Erlösung. Erlösung, die erst im hohen Alter kommt. Narben des Lebens: Hölle, Verlust, Gefängnis, Alkohol und auch nur die eintönige Gleichgültigkeit des Jahrein-Jahraus. Die Abschottung von der Welt, mit der man am Ende nichts mehr zu tun haben will. Doch in der Einsamkeit auch vorsichtige Freundschaften, die aber tief sind, vor allem auch deshalb weil man einiges aus der Vergangenheit umschifft, weil nicht alles besprochen sein muss. Dann der Auftritt von etwas Neuem. Neue Geschichten, neue Freundschaften, sogar Liebe. Schließlich geht einer in den Tod, zwei andere zurück ins Leben. Ein paar Jahre bleiben noch. Das Gleichgültige und das scheinbar Sinnlose überwindet, wer sich öffnet und teilt, so wie halt möglich.

Noch im Flugzeug denke ich über das Buch nach (mehr zeitgenössische Frauen lesen, geht mir durch den Kopf), schreibe obige Worte und nehme dann den zweiten Roman zur Hand: „The Three-Body Problem“ des Chinesen Liu Cixin. Ich lese darin bis zur Landung und später in einem Flughafenrestaurant in Helsinki, wo ich einen „nordischen Salat“ esse, während ich auf den Anschlussflug nach Tallinn warte. Der Roman beginnt mit einigen Szenen aus der schrecklichen Zeit der Kulturrevolution in China (in den sechziger Jahren). Die Kulturrevolution zeigt, dass auch Völker, deren Kultur in den Jahrtausenden verankert ist, den Verstand verlieren können. Das andere große Beispiel ist natürlich das deutsche Volk in den dreißiger und vierziger Jahren. Heute haben im Westen die politische Korrektheit und ihre Folgen und Auswüchse das Potential zum Massenwahnsinn. Wir befinden uns im Kulturkampf, von einer Kulturrevolution sind wir aber noch weit entfernt. – „The Three-Body Problem“ ist ein Ideenroman. Ich lese fast nie Genreliteratur und ich merke beim Lesen sofort weshalb: Die Figuren sind etwas hölzern und verhalten sich eben wie Genrefiguren. Trotzdem lese ich das Buch mit größtem Interesse, vor allem weil es über eine möglich Zukunft philosophiert, und auch weil aus China stammt und so unsere Welt aus einer für mich unvertrauten Perspektive betrachtet. – Auf dem 100km-Sprung von Helsinki nach Tallinn schaffe ich dann nur noch ein paar Seiten. 20 Minuten nach dem Start landen wir bereits wieder. (Wie immer kommt es mir merkwürdig vor, tausende von Kilometern von Paul und Carolina entfernt in einer kleinen Blechkiste durch die Lüfte zu düsen.)

Am Flughafen Tallinn holt Adrian mich ab. Mit einem Taxi fahren wir direkt zum neuen Haus eines ehemaligen Arbeitskollegen von Adrian. Er ist Banker und sein neues Haus ist ein typisches Bankerhaus (oder noch genauer gesagt: ein typisches Haus für einen unverheirateten Banker). Es ist groß und leer; an der Wand klebt ein großer Fernseher, davor ein großes Sofas; im Kühlschrank stehen ein paar Fertiggerichte und in der Garage steht ein zweiter Kühlschrank voller Bier. Es wird über Finanzprodukte gesprochen und ein wenig über Politik. Mein Gastgeber ist natürlich neoliberal und ärgert sich über alles Sozialdemokratische. Er ist zuvorkommend und hat interessante Ideen zu Startups und Investment. Nach zwei Bier gehen wir in die Sauna des Hauses; obwohl ich mich an Saunas nicht mehr gewöhnt bin, muss ich nicht als erster raus. Zur Abkühlung lege ich mich in die frische Schneeschicht im Garten. Der Banker trinkt mehr Bier, aber ich stelle auf Wasser um.

Später – ich ziehe immer noch mein Köfferchen nach, oder trage es meistens, da auch auf den Trottoirs Schnee liegt – gehen wir in eine Bar, wo ich einen guten, nordischen Hamburger esse. Gegen ein Uhr nachts spazieren wir dann durch die Altstadt zum Hotel, wobei Adrian und ich abwechselnd meinen Koffer tragen. In einer typisch estländischen Bar machen wir einen letzten Halt. Solche gibt es im Zentrum Tallinns sonst nicht mehr, wie überhaupt typische Bars und Kneipen und Beizen in den Zentren der Hauptstädte selten anzutreffen sind. Das Publikum dieser Bar rekrutiert sich aus den unteren Gesellschaftsschichten. Ein dicker Mann spielt Akkordeon und singt nostalgische Lieder; an der Bar sitzen viele Betrunkene, einer droht vom Sessel zu kippen. Für drei Euro trinken wir einen Whiskey.

Antike

Ich habe einen neuen Ort für meinen Morgenkaffee gefunden, eine traditionelle, kleine Bar mit einem guten, starken Kaffee. Ich trinke ihn als café con leche, aber mit sehr wenig leche. Gestern, als ich zum ersten Mal dort war, hatte ich einen cortado bestellt, da war mir die Tasse zu klein. An der Theke sitzend, las ich im Seume. Es fiel mir wieder einmal auf, wie sehr man noch vor wenigen Jahrzehnten – vielleicht bis hin zur technologischen Revolution – das klassische Altertum geliebt hatte. Auch Seume, der die Italienreise nicht unter die Beine genommen hatte, um auf Tuchfühlung mit dem Land der Römer zu gehen, sondern vielmehr um Land und einfache Leute und die sozialen Umstände zu beobachten, kommt nicht darum umhin, immer wieder auf die alte Geschichte und die alten Autoren zu sprechen zu kommen. Welcher, auch gebildete, Mensch von heute verbringt seine Tage während einer Sizilienreise damit, an Stätten alter Tempel und Schlachten über die antiken Griechen und Römer nachzudenken? Wer führt heute noch ausschließlich klassische Autoren („mein Homer“) im Gepäck? Damals war dieses Interesse an der Antike für Gebildete scheinbar ganz normal. Heute ist es zu einem Spezialgebiet an verstaubten Universitätsfakultäten verkommen. Eine Ausnahme bilden einzig die Stoiker (Epikur, Marcus Aurelius), welche sich wieder allgemeiner Beliebtheit erfreuen. Weshalb dieses Vergessen? Was ist geschehen? Steht uns heute im Zug der technologischen Revolution, in Folge derer auch das Unterhaltungs- und Literaturangebot explodierte, einfach so vieles zur Verfügung, dass die antiken Klassiker in der Masse untergehen? Kein Influencer pusht Cicero auf Instagram.

21 Lessons for the 21st Century

Am Sonntag YNH’s „21 Lessons for the 21st Century“ abgeschlossen. Die Quintessenz des Buches ist vielleicht die, dass wir trotz immer mehr und immer raffinierterer Technologie, und trotz einem wachsenden Datenberg und erleichtertem Zugang zu diesem, immer weniger wissen. Zumindest als Individuen. Die Menschheit als Ganzes und einige von der Menschheit entwickelten Organisationen und Systeme und Algorithmen, vermögen von diesem Datenzuwachs zu profitieren, als Individuen aber drohen wir uns im Datenlabyrinth zu verlieren.

Diese Situation schafft vor allem im Westen, dessen Länder sich in sogenannt freiheitlichen Demokratien organisieren, große Probleme. Das Dogma unserer Zeit und unserer Gesellschaft lautet, dass das Kollektiv der freien und gut informierten Menschen alle wichtigen Entscheidungen zu treffen hätten. Und zu treffen vermöchten. Heute ist die Welt aber so komplex geworden, dass das informierte Individuum zum Götzen geworden ist. Ein Götze, der einen natürlich nichtexistierenden Gott repräsentiert. Niemand versteht die Komplexität der Welt. Weder Stimmbürger und Wähler, noch Politiker und Regierungen. Dazu kommt, dass wir immer hackanfälliger werden. Algorithmen (zum Beispiel diejenigen sozialer Netzwerke) kennen uns oft besser als wir selbst. Sie liefern uns Information und machen uns glauben, dass wir etwas wüssten, steuern dabei aber einfach unsere Meinung in die Richtung, in der sie uns haben wollen. Natürlich geschieht dies zum Zweck des Geld- und Machtgewinns. Fazit: Die Welt ist zu schwierig um sie zu verstehen. Was sollen wir tun?

YNH schlägt die Selbstbetrachtung vor. Genauer gesagt, die genaue Beobachtung des eigenen Geistes. Als Mittel schlägt er das östliche Mittel der Meditation vor. Dem hinzu würde ich das westliche Mittel der Konzentration auf das Eigene fügen. Die christliche Aufforderung, das eigene Haus in Ordnung zu halten, ist zwar im Grundsatz eine ganz andere, als die buddhistische der Mindfulness, doch schlagen sie in die gleiche Kerbe. Anstatt auf die Welt, sollte man sich auf sich selbst konzentrieren. Dazu gehört die meditative Selbstbetrachtung wie die ganz praktische Aufforderung, auf den Balken im eigenen Auge zu achten, den ersten Stein nicht zu werfen, das eigene Haus sauber zu halten und schlussendlich eine leuchtende Stadt auf einem Hügel zu bauen. Die Welt mag zu komplex sein, um sie zu erfassen; dem Individuum bleibt als Aufgabe die Verbesserung der eigenen Rolle in der Welt. Hier kommt das östliche und das westliche zusammen.

Knausgård

“Im Winter” von Karl Ove Knausgård ist ein Buch, das wir cleveren Agenten und Verlegern zu verdanken haben. Gierig greifen sie nach jedem Text dieses Autors, werfen sie alle auf einen Haufen und nennen es ein Buch. Das der innere Zusammenhang zwischen den Texten fehlt, spielt keine Rolle, eine solche lässt sich mit einem Titel („Im Winter“), einem Programm („Im Sommer“, „Im Frühling“, usw.), und einem entsprechenden Rückklappentext („Eine Liebeserklärung an das Leben …“ usw.) schon schaffen. Das kann man nur machen, wenn der Name des Autors genügt, um Bücher zu verkaufen. Nur wenige Namen haben ein entsprechendes Gewicht, zumindest in der Literatur, die sich die ernsthafte nennt. Erstaunlich, dass es im global angelsächsisch dominierten Literaturbetrieb vor allem zwei merkwürdige ausländisch (sprich unenglisch) klingende Namen sind, die solches zustande bringen. Knausgård eben, und Murakami. Knausgård, dieser Norweger, der auf norwegisch einfach alles aufzuschreiben scheint, was ihm so durch den Kopf geht und damit Lesern in dreißig Sprachen den Kopf verdreht. Im vorderen Klappentext wird er dann gleich auch für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen. (Auch Murakami wird immer wieder als Kandidat für diesen Ehrenpreis aus Schweden gehandelt.) Man runzelt ob soviel verlegerischer Bescheidenheit schon ein wenig die Stirn. Aber das Komitee für den Literaturnobelpreis hat ja schon oft danebengegriffen. (Und natürlich gibt es neben den ernsthaften auch Genreautoren, die alles verkaufen. Und literarische Autoren (noch viel ernsthaftere), die alles, was sie so dahinkribbeln in die Veröffentlichungsmühle werfen, wenn auch nicht unbedingt verkaufen. Paul Nizon zum Beispiel. Den liest aber fast niemand. Außer mir natürlich. Ich liebe den alten Berner in Paris.)

So lese ich heute Morgen in der Küche also Knausgård (und nachher Seume). Trotz der kritischen Worte muss ich dem Norweger zugestehen, dass seine Stimme einem bei der Hand nimmt und auf einen Weg führt, den man nicht mehr verlassen will. Man geht immer weiter mit ihm, auch wenn der innere Zusammenhang fehlt. Ich mag diese kurzen Essays wirklich gerne.

Eine Geschichte des Lesens

Abgeschlossen: „Eine Geschichte des Lesens“ von Alberto Manguel. Im Nachsatz die folgenden Worte von Virginia Woolf (welche sie in einem Schulaufsatz geschrieben hatte!): „Manchmal träume ich vom Tag des Jüngsten Gerichts, an dem die großen Eroberer und Richter und Staatsmänner ihre Belohnungen empfangen – ihre Kronen, ihre Lorbeerkränze, ihre Namen unauslöschlich in unvergänglichen Marmor eingemeißelt –, dann wird sich der Allmächtige zu Petrus wenden und wird, wenn er uns mit unseren Büchern unter dem Arm kommen sieht, nicht ohne einen gewissen Neid sagen, ‚Sieh, diese brauchen keinen Lohn. Wir haben ihnen nichts zu geben. Sie haben das Lesen geliebt.‘“ Damit ist alles gesagt und ich stelle das Buch ins Büchergestell und wende mich wieder dem Seume zu, der auf seinem Spaziergang nach Syrakus unterdessen in Bologna angelangt ist.