By Andreas Eigenmann

Madrid, 19. Mai 2019

Accelerationism! Das Angebot ist grenzenlos! Die Zeit dreht sich immer schneller und spuckt Dinge aus wie ein Maschinengewehr Patronen. Der Berg türmt sich immer höher, wächst immer schneller an. Daneben erblasst sogar der Mount Everest. Hundert Leben reichten nicht, ihn zu bezwingen. Er besteht nicht nur aus Materiellem, nicht nur aus Billigprodukten vom Bazar, sondern auch aus unzähligen Angeboten, die um unsere Zeit werben. Zum Beispiel Youtube: Tarkovsky, Buñel, Fellini … auf Knopfdruck auf unseren Bildschirmen.

Gestern Abend schauten wir uns auf diesem Kanal einen Dokumentarfilm aus dem Jahre 1922 an: „Nanook of the North“.

Der amerikanische Polarreisende Robert J. Flaherty dokumentiert und dramatisiert darin das Leben von Nanook und seinem Clan. Nanook war ein Eskimo. Er lebte zusammen mit 300 anderen Inuk auf einem Gebiet ganz im Norden Kanadas. Ein Gebiet so groß wie England, bestehend aus Festland und Eismeer. Nanook und die Seinen lebten von der Jagd und vom Handel mit Fellen. Ihre Welt war das Gegenteil der heutigen. Die Akzeleration hatte 1922 das weiße Dach der Erde noch nicht erreicht. Ihre Welt bestand aus einem Kanu, einem Speer und einem Messer; aus Schnee und Tieren – Polarfüchse, Wallrösser, Roben. Sie gingen auf dem gefrorenen Meer auf die Jagd. Wenn sie dabei erfolgreich waren, aßen sie. Für die Nacht bauten sie sich in weniger als einer Stunde eine Schneehütte. Damit sie nicht zu düster war, setzten sie ein „Fenster“ aus Eis ein, das Nanook aus dem Meer schnitt. Neben das Eisfenster stellte er einen Schneeblock, der zusätzliches Sonnenlicht in die Hütte hinein reflektierte. – Menschen, wie du und ich, wie wir seit hunderttausend Jahren über die Erde streifen!

Madrid, 15. Mai 2019

Merkwürdige Gedanken zur Bedeutung von Objekten, aus Yukio Mishima’s “The Frolic of the Beasts“. Es geht um einen wrench, einen Schraubenschlüssel.

Much later in prison, Kōji repeatedly reflected on the discovery he made at that moment. That wrench was not merely something that had been dropped there; rather it was the manifestation of a material phenomenon making its sudden entry into his world. To all appearances, the wrench, which lay on its side half-buried in the overgrown lawn exactly on the border with the concrete driveway, looked all the more natural in its present position – as though it ought to be there. However, this was merely a splendid deception, for it was undoubtedly some other indescribable substance that had provisionally assumed the form of a wrench. Some form of substance that, having been excluded from this world’s order, at times suddenly manifests itself in order to upset the very foundation of hat order – the purest of pure substances. It was that substance that must have taken the shape of a wrench.

We normally consider „will“ to be something intangible. Take, for instance, a swallow that skims past the eaves, the strangest shapes of bright clouds, the sharp ridgeline of a tiled roof, lipstick, a lost button, a single glove, a pencil, or the hard fastener of a flexible curtain. We don’t normally refer to such objects by the term „will“. However, if we assume that not our will, but the will of „something“ exists, then it would come as no surprise to find that „something“ manifesting itself as some form of material phenomenon. While consciously working to upset our even, everyday sense of order, it becomes stronger, more unifying, waiting for the moment when it can integrate us into its own inevitable full and jostling system, and while it normally scrutinizes us from some invisible form, at the most critical moment it takes on shape and manifests itself as tangible material object. Where do they come from? Kōji often conjectured, while brooding in his cell, that such objects probably came from the stars.

Objekte, die in unserer Welt auftauchen, als Ausdruck des Willens von “Etwas”. Der Wille von “Etwas” der Form annimmt und sich materiell in der Welt manifestiert. Der Wille von “Etwas” der direkt in uns wirkt, denn was für uns zählt ist nicht das Objekt in der Welt, sondern seine Repräsentation in uns. – Der englische Schrauenschlüssel in Mishimas Roman wird später zur Waffe werden.

Madrid, 13. Mai 2019

An einem kühlen Tag sank die Boeing der American Airlines durch eine dicke, dunkle Wolkendecke. Ich landete wieder in Madrid. Mit der Frische ist es vorläufig aber vorbei: Diese Tage liefern uns einen Vorgeschmack auf die Sommerhitze. Allerdings soll es ab Donnerstag wieder kühler werden, sogar nochmals regnen.
Im Flugzeug sah ich zwei hervorragende Filme. Auf dem Hinflug “Green Book” und auf dem Rückflug “Vice”. Auch begann ich mit der Lektüre eines Buches, das ich in Phila erstanden hatte: “The Frolic of the Beasts” von Yukio Mishima. Zum Buch hingezogen hat mich der Klappentext und das Autorenfoto. “… a short novel about an affair gone wrong …” Das Foto zeigt Mishima, offenbar der bekannteste Schriftsteller der japanischen Nachkriegszeit, ein literarisches Genie, ein Patriot und Traditionalist, durch dessen Venen Samuraiblut floß, gekleidet in einen maßgeschneiderten westlichen Anzug vor einer Tokioter Skyline. Die Arme verschränkt, der Blick kriegerisch – man ist froh dem Samurai nicht als feindlicher Schwertkämpfer gegenüberzustehen. Mishima hatte 1970, mit fünfundvierzig Jahren, versucht, eine Gruppe von japanischen Offizieren, von der Kaiserlichen Armee zu den sogenannten “Selbstverteidigungsstreitkräften” umerzogen, zum Aufstand zu bewegen. Er wollte Japans Willen zur Macht wieder erwecken. Es existiert ein Video auf Youtube von dieser Rede. Das gelang ihm nicht, weshalb er noch am selben Tag Seppuku beging – rituellen Selbstmord. Ein Mann aus einer anderen Welt und anderen Zeit also, dessen Literatur aber der Dostojewskis verglichen wird.

Philadelphia, 6. Mai 2019

Butcher & Singer liegt an der Walnut Street. Atul und ich treten kurz vor fünf Uhr durch die Tür. Ich hatte nicht zu Mittag gegessen, er ist erst vor ein paar Stunden in Philadelphia gelandet, für ihn ist es zehn Uhr abends. Es hat den ganzen Tag lang geregnet, die Straßen sind nass. Aus den Schachtdeckeln steigt Dampf, wie in einem Film Noir. Passanten gehen schnell und mit eingezogenen Köpfen. Die Obdachlosen sitzen nass und resigniert unter Vordächern. Ab und zu hört man eine Polizeisirene, wie sie zum Soundtrack amerikanischer Großstadt gehören. Kaum betritt man Butcher & Singer ist man in einer anderen Welt. Die Maître D’ begrüßt uns mit einem freundlichen Lächeln. Nicht zu aufdringlich, nicht zu aufgesetzt. Sie freut sich wirklich uns zu sehen – so kommt es einem vor. Sie führt uns durch einen großen Saal zu unserem Tisch. Zu dieser frühen Abendstunde sind erst wenige Tische besetzt, aber man kommt sich nicht vor, als sei man zu Unzeiten eingedrungen. Der Betrieb ist nicht am Anlaufen, er läuft bereits wie geschmiert. Nirgendwo sieht man einen Kellner oder einen Koch gähnen, sich insgeheim über die zu frühen Gäste ärgernd. Die Tageszeit verliert in diesem Saal ihre Macht. Die Decke ist sehr hoch und wird von marmorbestückten Säulen getragen. Die Fenster sind hoch wie in einer Kirche. Sie sind weiß, man sieht nicht hinaus, aber sie leuchten hell. Der Saal ist ins genau richtige Licht getaucht, ebenfalls wie eine Kirche, nicht zu düster, aber gemütlich dunkel. Es könnte sich auch um einen gehobenen Londoner Gentlemen’s Club handeln. Der Saal ist aber nicht mit Ledersesseln bestückt, sonder mit weißgedeckten, runden Tischen. Die Tische sind groß, großzügig mit jeweils nur vier Stühlen und Gedecken – es würden auch sechs Personen an einen Tisch passen. Der Kellner begrüßt uns, wie in Amerika üblich, mit seinem Namen. Er heißt Jake und man merkt nicht, ob es ihm heute gut oder schlecht geht, denn er ist ein Schauspieler. Er spielt die Rolle des perfekten Kellners und er spielt sie perfekt. Wir bestellen einen Salat mit Meeresfrüchten, ein Steak und gebratenen Blumenkohl. Wir teilen alles, denn die Portionen sind natürlich groß. Es wird uns anstandslos auf zwei Tellern serviert. Natürlich schmeckt alles hervorragend, das Steak schmilzt einem auf der Zunge. Nach dem Essen hat man Lust noch sitzen zu bleiben, um einen Kaffee zu trinken oder lieber noch einen Whisky.

Madrid, 27. April 2019

Die Regenfront ist weitergezogen, zum ersten Mal seit Tagen scheint heute wieder die Sonne.
In den letzten Wochen habe ich die folgenden Bücher gelesen:
Christian Kracht “Die Toten”, Frido und Christine Mann “Es werde Licht”, “Sieben Nächte” von Simon Strauss, und “Das Glück, wie es hätte sein können” von Véronique Olmi.
Ich lese auch “Also sprach Zarathustra”, aber in kleinen Abschnitten. Ein oder zwei Kapitel pro Tag.

Zarathustra II

VON DEN LEHRSTÜHLEN DER TUGEND: Die sogenannten Weisen lehren die Selbstüberwindung, die Versöhnung, die Suche nach Wahrheit, die Tugend. Sie lehren den Frieden und die Anpassung – man soll der Obrigkeit folgen. (Aber betrachten nicht sie selbst sich als diese Obrigkeit?) Und wozu all dies? Nur zum Zweck des guten Schlafs! Von der Wahrheit und dem Schaffen, gar vom Übermenschen und der Umwandlung aller Werte wissen sie nichts.