First Man

„Die werden niemals auf dem Mond landen“, soll mein Opa gesagt haben, aber sie haben es geschafft. Am 20. Juli 1969 erreichte die Apollo 11 Mission den Mond. Der Eagle ist gelandet. Die ganze Welt schaute zu. First Man erzählt die Geschichte dieser ersten Mondlandung aus der Sicht von Neil Armstrong, dem ersten Mann auf dem Mond. Es ist kein Film über die Mondlandung als gigantisches Unternehmen einer noch jungen Weltmacht und noch viel weniger ein Film über die Mondlandung als Meilenstein der Menschheitsgeschichte, sondern ein Film über Neil Armstrong. Die Wissenschaftler und die Mathematiker und die ganze Maschine, welche die Mondlandung möglich gemacht hatten, kriegt man als Zuschauer kaum zu Gesicht. Unsere Perspektive ist diejenige des ersten Mannes auf dem Mond. Sogar die Raketenstarts sind selten aus der Totale gefilmt. Meistens befinden wir uns in der engen Pilotenkabine und erkennen kaum etwas, weil weil wir so durchgeschüttelt werden; oder, wenn Neil Armstrong nicht selbst fliegt, befinden wir uns mit ihm in seiner dunklen Stube, wo er die Testflüge seiner Kollegen auf dem Fernsehbildschirm mitverfolgt. Viele von ihnen werden von diesen nicht zurückkehren.

Neil Armstrong wird als eigenbrötlerischer, schweigsamer Mann dargestellt, der für seine Frau und seinen beiden Söhnen kaum Zeit hatte. Seine Braut ist die NASA. Er will auf den Mond. Zur Apollo-Mission hatte er sich gemeldet, nachdem seine kleine Tochter an Krebs gestorben ist. Auf dem Mond erinnert er sich an sie und entlässt ihr Armband, dass er als Erinnerung behalten hatte, in den schwarzen Himmel. Falls Neil Armstrong das wirklich getan hat, treibt es wohl immer noch irgendwo durch den Weltraum. First Man ist nicht die Geschichte eines strahlenden Helden, sondern eines sonderbaren Mannes, der sein junges Leben ganz einem eigentlich unmöglichen Ziel verschrieben hatte.

Neil Armstrong hat keine Augen für die Welt, die ihn umgibt. So erreicht uns auch als Zuschauer die Außenwelt nur selten. Manchmal erfahren wir, von den frühen Erfolgen der sowjetischen Kosmonauten; einmal werfen wir einen kurzen Blick auf die Aufmärsche der Nachfolgegeneration. Bereits wird gegen den Vietnamkrieg protestiert, aber auch die fieberhaft betriebene Mondmission ist nicht ohne Kontroverse. Warum fliegen wir auf den Mond, wenn in unserem Land so viele Leute in Armut wohnen und die Afroamerikaner immer noch um ihre Bürgerrechte kämpfen? – Auch wenn wir alles aus der Sicht des an Gesellschaft und Politik nicht interessierten Neil Armstrong sehen, werden wir uns doch bewusst, dass die Mondlandung die Leistung einer vergangen Welt war. Es war eine Leistung der Vereinigten Staaten von Amerika, einer noch jungen Weltmacht, vor Selbstvertrauen strotzend; aber auch einer Hochzeit, deren Ende sich bereits abzuzeichnen begann. Der Höhenflug eines Landes kann nie viel länger als eine Generation dauern, höchsten zwei. In den USA waren das die sogenannte Greatest Generation, aufgewachsen in der Großen Depression (Geburtsjahre 1910 bis 1924), und die Silent Generation (Geburtsjahre 1925 bis 1945). Neil Armstrong wurde 1930 geboren. Nachher kamen die Baby Boomers, die Generation der 68er, die Generation, die die moderne Welt geschaffen hat. Ihr Thema war (und ist) die Gleichheit und die Gerechtigkeit. Das Heldentum eines Neil Armstrong ist ihr suspekt.

Tostado

Am Sonntagmorgen, noch im Bett liegend, höre ich den Regen leise und unregelmäßig an den Rollladen klopfen. Um Viertel vor acht stehe ich auf. Carolina und Paul schlafen noch. Ich habe das Gefühl, dass man in jeder Wohnung im ganzen Block noch schläft. Draußen ist es noch lange dunkel.

Ich sitze auf dem Lesesofa in der Stube und trinke den von gestern übriggebliebenen Kaffee. Jeder Kaffeeliebhaber würde wohl behaupten, Kaffee von gestern schmecke nicht, aber ich mag mit ein paar Tropfen Milch gemischten, in der Mikrowelle aufgewärmten Kaffee ebenso gut wie frisch gebrauten. Manchmal schmeckt der aufgewärmte sogar besser. Überhaupt finde ich Kaffee-Chauvinismus recht lächerlich. In einem St. Galler Kaffeehaus hat der Chef-Kaffeeröster mir sogar einmal weismachen wollen, dass man für jeden Kaffee nur Espressos verwenden dürfe und diesen dann für gewisse Kaffees mit heißem Wasser strecken müssen. Auch über Kaffeemühlen hatte er gesprochen, dass man für eine solche mindestens tausend Franken bezahlen müssen, ansonsten geschehe mit den Kaffeebohnen dies und das. Das ist natürlich alles Blödsinn.

Am liebsten mag ich den Kaffee in Frankreich und in Spanien. In Spanien vor allem den tostado, also den billigen, mit Zucker gerösteten Kaffee. Das hat man im Bürgerkrieg so gemacht, damit der wenige Kaffee, den man hatte besser schmeckte und nicht so dünnflüssig war. Noch heute wird der Kaffee mit Zucker geröstet. Vor allem älteren Spaniern schmeckt er so immer noch am besten. Mir auch. Einer der besten Kaffees in Las Rozas gibt es in der Cafeteria des Altersheims.

Träume

[Donnerstag] Der Himmel ist bedeckt; die Luft ist schwanger mit Feuchtigkeit. Viel Verkehr auf der M50. Bei der Ausfahrt 82 begann es zu tröpfeln. Vor der Schule spricht ein Vater, einer der alles glaubt, was man ihm erzählt, vor allem wenn der Erzähler sich gegen das System ausspricht, dass er gestern einen Vortrag gehört habe. Um ethisches Geld, oder so etwas Ähnliches, soll es gegangen sein. Der Vortragend hatte davon gesprochen, dass in fünf Jahren, vielleicht sogar schon in drei, unser monetäres System zusammenbrechen werde. Ich will den, der alles glaubt, darüber aufklären, dass man grundsätzlich jemanden, der konkrete ökonomische Prognosen macht („in zwei Jahren geschieht dies oder das“), nicht ernst nehmen solle, komme aber nicht dazu, weil jemand anders mich nach dem schweizerischen politischen System mit seinen Referenden fragt.

Noch immer, dies am Morgen schreibend, der Kaffee ist bereits getrunken und tut seine Wirkung, sind ein paar nächtliche Traumbilder nicht ganz verflossen. Vor allem an das Folgende kann ich mich noch erinnern: Ich saß mit H. in einer Beiz, nein eher in einem guten Restaurant. Vor uns lag ein Teller, darin Brotscheiben mit Olivenöl. Die Brotscheiben waren aber auch Papier, darauf ein Text, ein Manuskript. Ich erinnere mich, dass ich im Traum eine Brotscheibe aus nächster Nähe betrachtet hatte, darauf aber keine Buchstaben erkennen konnten. Trotzdem wusste ich, dass das Brot ein Romanmanuskript ist. Dann aber kam die Kellnerin und nahm uns den Teller weg. Sie war ungehalten: Seht ihr nicht, dass das Öl das Tischtuch verschmutzt, sagte sie und trug den Teller mit dem Brot/Manuskript in die Küche, wo es auf Nimmerwiedersehen verschwand. Als sie zurückkehrte beschwerte ich mich: Sind sie sich eigentlich im Klaren darüber, dass das kein gewöhnliches Brot sondern ein Romanmanuskript war? Sie schaute mich mit großen Augen an. Ach, das tut mir aber leid, dass wusste ich nicht. Ich ärgerte mich, wollte ein großes Aufsehen machen, aber H. hielt mich zurück.

Ein anderes Bild aus dem Traum, an dass ich mich erinnere: Der Himmel ist voller Flugzeuge. Sie alle vollführen wahnsinnige Manöver. Ein Airbus macht einen Looping; eine Boeing dreht sich um die eigene Achse; eine Gruppe von Skydivern segelt durch die Luft. Ich wunderte mich, dass nichts passierte, dass keines der Flugzeuge abstürzt. Dann aber höre ich in einiger Entfernung eine Explosion, ein dunkler Rauchpilz steigt in die Luft. Später aber stellte sich heraus, dass es kein Flugzeugabsturz war, sondern nur ein harmloser Autounfall.

An ein drittes Bild, erinnerte ich mich erst, als ich mit Paul über die Autobahnbrücke ging. Wie bei touristischen Brücken, zum Beispiel der Pont Saint-Michel in Paris, hängen auch hier zwei Vorhängeschlösser. Das haben zwei Menschen, die sich gern haben, hier hingehängt, sagt Paul. – Ich erinnerte mich, dass auch in meinem Traum Vorhängeschlösser vorkamen, wusste aber nicht mehr, in welchem Zusammenhang.

Unfall

Heute Hinweise auf einen großen Unfall auf der A6. Marisa kommt zu spät, sie steht im Stau. Der Parkplatz der Schule ist noch fast leer. In der Cafeteria sind die Lichter aus. „Ich weiß nicht, was passiert ist, aber der Wagen hat schlimm ausgesehen“, sagt eine Putzfrau. Paul ist heute der erste im Kindergarten, gleich danach kommen Celine und Dodo. Paul hängt an den Beinen kopfüber an einer zwischen zwei Bäumen gespannten Holzleiter. Er kletterte auf einen Ast. Das Leben geht für uns weiter, für jemanden anderen ist vielleicht das ganze Universum, welches seit Milliarden von Jahren pulsiert, zum Stillstand gekommen.

Ich habe gestern den Radetzkymarsch zu Ende gelesen. Wie immer lese ich die letzten Seiten wie im Rausch, will das Buch bezwingen. Die letzten Szenen tragen zu diesem Rauschgefühl bei … Die Zeit drehte sich immer schneller im zerfallenden Habsburgerreich … Es ist, als bräche ein Fieber aus, welches die alte, bunte Monarchie schließlich dahinrafft. Zunächst ein Fest an der Grenze, ein Fest von kubrikschem Ausmaß, Eyes Wide Shut tief im Osten. Carl Jospeh von Trotta desertiert, versucht sich ein paar Wochen lang in einem klandestinen Zivilleben, dass er aber nicht zu meistern vermag. Mit sieben Jahren begann seine militärische Laufbahn und ohne Uniform ist er niemand. Dann die ersten Gerüchte von den Ereignissen in Sarajevo. Tatsächlich: Franz Ferdinand wurde erschossen. Der Krieg bricht aus. Chaos, vor allem in den Randzonen, wo die Österreichische Armee sich bereits in Auflösung befindet. Carl Joseph kehrt in die Kaserne zurück. Bald darauf fällt er. Als er versucht an einem Fluss Wasser für seine Truppe zu besorgen, wird er von einer Kugel getroffen. Das war ein Schock für mich, weil ich glaubte, im zweiten Buch über die Familie Trotta (Die Kapuzinergruft) gehe es ebenfalls um Carl Joseph. Aber ich nehme dieses zweite Buch sogleich zur Hand und beginne es abends um zehn zu lesen. Es stellt sich heraus, dass die Hauptfigur des Nachfolgebüchleins ein anderer Trotta ist. Ein Vetter zweiten Grades von Carl Joseph. Es ist ganz anders geschrieben, kurze Kapitel, ein Ich-Erzähler. Man treibt im Fluss der Worte und spürt, dass Joseph Roth diese Bücher im Rausch geschrieben hatte; ganz wörtlich auch im Alkoholrausch, denn in den dreißiger Jahren war er bereits Alkoholiker.

Jetzt habe ich gerade meinen Kaffee im Rodilla in Las Rozas fertig getrunken. Draußen ist der Himmel bedeckt. In der Nacht hat es geregnet. Ein richtiger Herbsttag. Ich höre einen Presslufthammer und das pressende Geräusch des Dampfhahns an der Kaffeemaschine, mit welcher die Milch erhitzt wird. Ich höre die Stammgäste, die sich kurz mit den jungen Frauen an der Theke unterhalten. Hinter mir sitzt eine Frau, die ihrer Freundin erzählt, man hätte ihr diesen Monat den Lohn nicht ausbezahlt.

Elster II

Heute habe ich sie wieder gesehen. Sie lebt immer noch! Sie kann nicht mehr fliegen, aber sie kämpft. Sie humpelt umher, lebt vorwiegend auf dem Parkplatz hinter dem Markt. Sie hatte eine aufgerissene Tüte gusanitos (so etwas ähnliches wie Flips) gefunden, sich eins geschnappt, und ist unter ein Auto gehüpft. Paul bückte sich, um der armen Elster beim Essen zuzuschauen.