Helden ohne Bösewichte

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Adolf Muschg ist mir seit Jahrzehnten ein Begriff. Als ich ein Kind war, saß er in gelehrten TV-Runden und referierte über allerlei Themen. Muschgs Ansichten waren, wenn ich mich richtig erinnere, “branchenüblich”, wie man sie halt von einem Intellektuellen erwartete: die Schweiz muss sich gegen Europa hin öffnen, Einwanderung als Chance für unser Land und so weiter. Wenig kontrovers, aber durchdacht und sprachgewandt vorgetragen. Mich beeindruckte damals, dass Muschg auch im deutschen Fernsehen zu deutschen Themen seine Meinung äußerte. Es muss sich bei ihm um einen bedeutenden Intellektuellen handeln, dachte ich immer. Im Dorf wurde manchmal die Frage gestellt, weshalb einer, nur weil er Berufs wegen Geschichten erfinde, glaube, alles besser zu wissen und zu dies und jenem seinen Senf dazugeben zu müssen, aber irgendwie waren wir doch stolz auf unseren Muschg, der mit Schweizer Akzent den deutschen ihre Politik erklärte. (Immerhin war er kein “Nestbeschmutzer” wie Jean Ziegler, der andere TV-Intellektuelle mit Ausstrahlung über die Landesgrenzen hinaus.)

Unter dem Bild Muschgs stand jeweils “Schriftsteller”, aber über seine Bücher wusste man wenig, sie wurden selten besprochen. Über Dürrenmatt, Frisch und auch Bichsel hörte man an der Schule – sie waren auch Nichtlesern ein Begriff. Muschg aber kannte man nur als Gesicht aus dem Fernseher.

Nun, dreißig Jahre später, hab ich also meinen ersten Muschg gelesen. “Eikan, du bist spät”, ein zufällig in der Gebrauchtbuchhandlung der deutsch-evangelischen Gemeinde in Madrid gekauftes Buch.

Es geht um den Cellisten Andreas Leuchter und seine Beziehung zu Sumi, einer Japanerin, die ebenfalls Cello spielt. Das Buch besteht eigentlich aus zwei Teilen: Im ersten wird die relativ kurze Zeit beschrieben, die Andreas mit Sumi verbringt und die mit dem mysteriösen Verschwinden seiner japanischen Freundin endet; für den zweiten Teil springen wir fünfzehn Jahre nach vorn: Andreas erhält von Sumi ein Zeichen (er wird in die Jury eines Cello-Wettbewerbs eingeladen) und reist nach Japan. Ob es zur Wiederbegegnung kommt, soll hier nicht verraten werden.

“Eikan” ist ein Buch über ein Künstlerleben und die Klippen und Brüche in einem solchen (im zweiten Teil des Buches ist Andreas nicht mehr Musiker sondern Musikstudio-Besitzer), ein Buch über Japan (Muschg ist eine Art Japan-Spezialist) und auch ein Liebesroman (Muschg ist in dritter Ehe verheiratet – mit einer Japanerin versteht sich). Muschgs Liebe zur Sprache und seine Bildung (es gab neben dem Intellektuellen und dem Schriftsteller Muschg auch noch Prof. Muschg welcher an der ETH angehenden Ingenieuren deutsche Literatur näher brachte – kein Job um den man ihn beneidetete, ungefähr mit unserem Philosophen an der HSG vergleichbar) – Muschgs Liebe zur Sprache und seine Bildung also glänzen auf jeder Seite wie Tau auf der Wiese im Morgenlicht. Dieser schöngeistige Nimbus in Verbindung mit meinem Interesse für die Themen des Buches sorgten dafür, dass es mir gut gefiel. (Ich habe mir Muschgs neustes Buch bereits vorgemerkt – es geht um zwei Bergwanderungen im Wallis: eine unternommen vom Schreibenden selbst, die andere von einem gewissen Goethe.) Ein breites Publikum hat aber “Eikan” wohl nicht gefunden. Zwar entwickelt die Handlung eine gewisse Spannung (Wiederbegegnung oder nicht), sie ließe sich aber, um mit David Mamet zu sprechen, ungefähr so zusammenfassen: mildly interesting things happen to mildly interesting people. Wer erzählerisches Adrenalin sucht, kommt nicht auf seine Rechnung. Wer Geschichten mag, in denen etwas Großes auf dem Spiel steht auch nicht.

Eins ist mir noch aufgefallen. Etwas, dass mir in literarischen Büchern öfters auffällt: Der “Held” – also der Cellist Andreas Leuchter – stand sich selbst im Weg. Es gab keinen Bösewicht; der berühmten Antagonist des Dramatikers, der gegen einen schrecklichen Drachen ins Feld ziehende Held der Mythen fehlte. Leuchter legt sich alle Steine selbst in den Weg. Er trinkt zu viel; tut was er es unterlassen sollte; unterlässt was er es tun sollte. – Warum sind Protagonisten, die sich selbst Steine in den Weg legen so beliebt in der „ernsthaften Literatur“? Warum denkt man manchmal for God’s sake, just sort yourself out! (um es mit Jordan Peterson zu sagen). Sort yourself out und die Geschichte ist zu Ende.

Vielleicht ist der Grund dieser wiederkehrenden Selbstsabotage literarischer Helden darin zu suchen, dass es sich bei den Autoren fast immer um gebildete, weiße, westliche Männer handelt, Vertreter einer Bevölkerungsgruppe also, denen niemand Steine in den Weg legt. Menschen die es gewohnt sind, widerstandslos zu leben. Und weil es Steine und Hindernisse und Gegner und Bösewichte braucht, um eine Geschichte zu erzählen, wird dem Held ein Dämon auf die Schulter gesetzt.

Googlekratie

Mein Freund D. ist, was Big Brother anbelangt, vorsichtig – um es Milde zu sagen. Er hat über die NSA gelesen, “Snowden” gesehen, usw. Er glaubt, wir würden ständig überwacht und das behagt ihm gar nicht. Man kennt solche Menschen: Sie kleben die Kamera ihres Computers zu, meiden Google und searchen auf DuckDuckGo; sie löschen ihr Facebook-Konto und haben die Ortungsdienste für alle Apps auf ihrem Mobiltelefon permanent deaktiviert. Manchmal sprechen sie davon, ihr Smartphone wieder gegen ein Nokia einzutauschen. Kurz gesagt: D. hinterlässt so wenig digitale Spuren wie möglich.

Vor einigen Tagen trafen wir uns und, damit wir ihn und seine Familie fänden, stellte er kurz den Ortungsdienst auf seinem Handy ein und schickte mir seine Location per WhatsApp. Seine Präsenz im digitalen Raum dauerte ein paar Minuten, dann trafen wir uns und er verabschiedete sich wieder aus dem Netz. Später bestellten wir bei mir zuhause Pizza. Ich bestellte sie mit meinem Computer über mein Wifi.

Am nächsten Morgen, als D. online Zeitung las, wurde er mit Werbung von jenem Pizza-Lieferdienst bombardiert, bei welchem wir am Vorabend bestellte hatten.

Wie hat Googles Algorithmus diese Verbindung hergestellt? Die WhatsApp-Map sieht etwas anders aus, als Google Maps, aber es könnte sein, dass WhatApp Googles Map Services in Anspruch nimmt, oder einfach dass die beiden Firmen Information austauschen. Auf alle Fälle wusste Google, dass D. mir eine Location geschickt hatte, oder dass wir uns zumindest für kurze Zeit am selben Ort befanden. Alles andere hat Google sich selbst zusammengerechnet. Vielleicht hat Google aufgrund der Tatsache, dass ich zwei Familienpizzen bestellt hatte, den Schluss gezogen, dass wir nicht alleine waren und dass mit höchster Wahrscheinlichkeit D. und seine Familie unsere Gäste waren. Wie dem auch sei: Google weiß nicht nur, was wir ihnen durch Suchanfragen oder die Inanspruchnahme anderer Dienstleistungen mitteilen, sondern sie kombinieren alle möglichen Daten, um unser Leben zu berechnen.

Dystopie? Oder sieht so die Demokratie der Zukunft aus? Man stelle sich “einen Algorithmus” vor, von dem wir uns freiwillig beobachten lassen, genauso wie Google und Facebook das bereits heute tun, aber viel umfassender. Er (“der Algorithmus” in Kombination mit einer hack-sicheren Blockchain-ähnlichen Technologie) wird uns besser kennenlernen, als wir uns selbst kennen. Er wird sich weder von Instinkten noch von Ängsten und Hoffnungen leiten lassen, sondern unser Leben nüchtern betrachten und zu rationalen Entscheidungen in unserem besten Interesse fähig sein. Dieser Algorithmus wird – so das digital-utopische Gedankenexperiment – zu unserem ganz persönlichen digitalen Parlamentsabgeordneten. Das heißt, er verhandelt für uns mit allen anderen persönlichen Algorithmen aller anderen Bürger des Landes. In der digitalen Welt wäre eine Entscheidungsfindung zwischen Millionen von Abgeordneten durchaus möglich. Nicht Lobbys oder Populisten würden bestimmen, sondern das Interesse jeder Bürgerin und jedes Bürgers stünde im Zentrum der “Debatten”.

Schockiert? Weshalb? Unser Demokratie-Algorithmus wäre doch eigentlich nur ein etwas kompliziertes GPS welches, sämtliche Verkehrsinformationen in Anspruch nehmend, den schnellsten Weg von A nach B für uns findet. Oder ist der Abgeordnete XY von der Partei Z wirklich der geeignetere Vertreter unseres Willens?

Unsere Zukunft wird entweder digital oder sie wird gar nicht. Ob dystopisch oder utopisch wird sich zeigen. Vermutlich weder noch, sondern sowohl als auch. Und vielleicht wird die neue Grenze zwischen dem “globalen Süden und dem globalen Norden” die Trennlinie zwischen digitaler Utopie und digitaler Dystopie sein.

 

Three Billboards, Mary Magdalena und Annihilation

Leinwand

Ich war drei Mal im Kino. Zweimal in meinen Lieblingskinos an der Plaza de España (Golem bzw. Renoir) und einmal in Abels Heimkino hoch über Madrid, im elften Stock eines auf dem höchsten Hügel der Stadt gelegenen Wohnblocks.

„Annihilation” sah ich bei Abel. Alex Garlands neuer Science-Fiction-Film hatte in Spanien keine Kino- sondern eine Netflixpremiere. Abel meinte, das sei kein gutes Zeichen, aber Garland hatte sich bereits als Drehbuchautor von „28 Days Later”, „Sunshine” und „Never Let Me Go” und seines eigenen Regiedebuts „Ex Machina” (2015) ausgezeichnet. Ich hatte also trotz der Netflixpremiere einige Erwartungen an “Annihilation”.

„Annihilation” adaptiert zwar einen Roman von Jeff VanderMeer für die Leinwand (ich habe nichts von VanderMeer gelesen; mein Vorsatz, dieses Jahr SF zu lesen, trägt noch wenig Früchte), aber Garlands Vorbild war offensichtlich „2001 Space Odyssey”. Wie Kubricks Meisterwerk und andere große SF-Filme (man denke an Tarkowski und sogar „Metropolis”) nimmt uns „Annihilation” mit auf eine Reise in eine unbekannte Welt, deren Regeln man nur ganz allmählich zu verstehen beginnt. Mehr als die Handlung und die Logik sind es die Bilder, welche uns in ihren Bann ziehen. Bei „Annihilation” handelt es sich um eine Entdeckungsreise in ein Stück Land im Süden der USA, welches militärisch abgesperrt wurde, weil dort Merkwürdiges geschieht. Eine Art Schimmer liegt über den verlassenen Sümpfen und Urwäldern und alle bisherigen militärischen Expeditionen in die gesperrte Zone hinein sind spurlos verschwunden. Wir folgen im Film vier Frauen, der ersten nicht militärischen sondern rein wissenschaftlichen Expedition, in dieses merkwürdige Gebiet. Dort begegnen wir mutierten Pflanzen und Tieren. Irgendeine Kraft scheint Lebensformen zu kopieren und mit anderen zu verbinden und dadurch eine Art von lebenden Collagen zu schaffen, welche zwar sprießen und blühen, aber aus menschlicher Sicht unverständlich bleiben und keiner Logik folgen. Bekanntes löst sich auf um sich als Unbekanntes wieder zu konstituieren. Die vier Wissenschaftlerinnen bleiben von dieser Kraft nicht verschont: auch sie beginnen im chaotischen Wuchs ihren inneren und äußeren Zusammenhalt zu verlieren.

Das hört sich für mich eigentlich alles sehr interessant an, aber der Film ließ mich trotzdem kalt. Ich habe nie – weder auf intellektueller noch auf intuitiver Ebene verstanden – worum es eigentlich ging. Die Bilder taten ihre Wirkung nicht. Das mag auch daran gelegen haben, dass ich zwei der vier Protagonistinnen klischeehaft fand, eher in einen konventionellen Film passend, als in ein Werk mit avantgardistischen Ansprüchen. Vielleicht fanden die Filmemacher, dass man mit einem fortschrittlichen Diversitätskonzept diesen Ansprüchen Genüge getan habe: alle Heldinnen sind Frauen – das sieht man wirklich nicht oft. Leider aber genügt dieses progressive Casting nicht, um uns für die Figuren warm werden zu lassen.

Auf dem Heimweg in der Metro überflog ich ein paar Kritiken. Man gibt sich begeistert, aber auch die wohlmeinenden Kritiker bleiben in ihren Ausführungen sehr vage – so vage, dass man den Schreibenden nicht immer glaubt, ob sie den Film wirklich so sehr mochten, oder einfach dachten, sie müssten ihn lieben.

Auch „Mary Magdalene” beeindruckte mich nicht sonderlich. Während man aber in „Annihilation” im Dunkeln tappt, wird bei „Mary” schnell klar, was die Filmemacher im Sinne haben. Maria Magdalena war eine Apostelin … sagt man das? Vielleicht nicht, denn mehr als zweitausend Jahre lang gab es nur Apostel. Auf alle Fälle wurde Maria Magdalena erst im Jahre 2016 zum Apostel benannt. Vorher galt sie einfach als Prostituierte, die Jesus folgte und das obwohl sie die erste war, der Jesus nach seiner Auferstehung vom Grab begegnet war. Der Film hat sich also vorgenommen, diese Korrektur, welche per päpstlichem Bulletin vorgenommen worden ist, einer weiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen. Kurz gesagt geht das so: Peter und die anderen Apostel glauben, dass Jesus gekommen sei, um die weltlichen Machtverhältnisse auf den Kopf zu stellen (sprich: die römischen Besetzer zum Teufel zu jagen), während seine Jüngerin Maria begreift, dass der Herr vom Königreich im Innern spricht. Nach dem Kreuztod des Messias glauben die Jünger, welche wütend sind, dass der Auferstandene sich zuerst einer Frau gezeigt hatte, dass sie ausziehen müssten, um das Wort Jesus auf disziplinierte und organisierte Art und Weise in die Welt hinauszutragen (sprich: die Kirche zu gründen), während Maria aufbricht, um eben jenes Königreich in sich selbst zu finden und es durch ihr Leben in der Welt leuchten zu lassen. Ich finde diese Neuinterpretation von Maria Magdalena zwar im Ansatz gelungen, sie kommt aber leider viel zu seicht daher. Ich bevorzuge die Maria aus „The Last Temptation of Christ” – und auch Scorseses Christus hat es mir mehr angetan.

Der dritte Film gefiel mir am besten: „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri”. Von der Handlung möchte ich nicht viel verraten. Es geht um einen unaufgeklärten Mord an einem Mädchen in Ebbing, Missouri und eben drei Reklametafeln außerhalb jener Kleinstadt, auf welchen die Mutter der Vergewaltigten und Ermordeten, das Polizeidepartment anklagt, die Ermittlung nicht ernst genug zu nehmen. Wie bei den anderen beiden Filmen haben wir es also wiederum mit einer Heldin zu tun, in der für mich eindrucksvollsten weiblichen Hauptrolle der drei Filme. Frances McDormand hat für ihre Darstellung einer kämpfenden Mutter den Oscar gewonnen.

Frances McDormand … das läßt einem an die Coens Brothers denken, und tatsächlich erinnert der Film an „Fargo”. Der Regisseur Martin McDonagh ist ohne Zweifel ein Nachfolger der Coens. Ich mag McDonagh, welcher sich zunächst als sehr erfolgreicher Theaterautor einen Namen gemacht hatte, schon seit seinem ersten Film „In Bruges”. Seine Filme sind unvorhersehbar. Wir haben gewisse Erwartungen, wie Filmgeschichten sich zu entwickeln haben. So wissen wir zum Beispiel bei fast allen Filmen, wie sie ausgehen werden (gut) und ob sich die Heldin für jenen Mann, den sie am Anfang nicht mag, der aber im Grund ein gutes Herz hat, doch noch erwärmen wird (ja). Nicht so bei McDonagh. Man weiß nie, woran man ist. Gewisse Storylinien brechen abrupt ab, oder laufen einfach ins Leere. Erwartungen werden nicht erfüllt. Oder besser gesagt: Nicht immer. Das Gute gewinnt nicht – oder nur manchmal.

Der Titel macht einem Glauben, dass es sich bei „Three Billboards” auch um einen Film über Amerika handele – doch dem ist nicht so. Amerika ist für McDonagh das neue Irland. Als Kind irischer Einwanderer in London geboren, hatte er sich als der irische Dramatiker gestylt. All seine Stücke spielten in einem streit- und trinksüchtigen Irland, welches aber (gemäß meinem irischen Freund James) fast gar nichts mit dem eigentlichen Irland gemein hat. Genauso verfährt McDonagh mit Amerika. Amerika, seine Sprache und Klischees dienen McDonagh als Rohmaterial, nicht um amerikanische Geschichten zu erzählen, sondern um über das Leben selbst zu schreiben. Leben, wie es irgendwo stattfinden könnte. Dramatisches Leben voller Unvorhersehbarem, Gewalt und Hass. Viel Pech – aber manchmal auch Glück und Liebe. Über „Billboards” sollte man nicht zu viel lesen, sondern sich einfach hineinsetzen und überraschen lassen.

[Bild: Abel, welchem “Annihilation” nicht gefallen hat, lässt die Leinwand noch während der von “2001” inspirierten Schlusssequenz bereits wieder hochfahren.]

Die Renaissance und das Zeitalter von AI

Renaissance

Bernd Roeck erzählt in „Der Morgen der Welt“ auf 1,300 Seiten die Geschichte der Renaissance.

In etwas weniger Worten geht das ungefähr so: Im vierten Jahrhundert, nach dem Zusammenbruch des römischen Reichs in Westeuropa (das von der Hauptstadt am Bosporus aus regierte Ostrom blieb noch tausend Jahre lang bestehen), geriet das Wissen des europäischen Altertums in Vergessenheit. Die erstaunlichen geistigen und praktischen Errungenschaften der beiden antiken Hochkulturen Griechenlands und Roms (ganz grob gesagt: die Errungenschaften griechischer Theorie und römischer Praxis) gingen im tausendjährigen Trubel des Mittelalters unter. Die Kirche war über die Jahrhunderte zu einem machthungrigen Monster herangewachsen und hatte sich Rom, die Stadt, in der Christen früher Löwen zum Fraß vorgeworfen worden waren, unter den Nagel gerissen. Von dort aus unterdrückte sie tausend Jahre lang das freie Denken, den freies Denken gefährdet Dogma und somit die Daseinsberechtigung der Dogmatiker. Auch die weltlichen Herrscher auf dem Kontinent hatten alle Hände voll zu tun, um nicht aus ihren Sätteln zu fallen. Es blieb ihnen wenig Zeit und Muse für intellektuelle Eskapaden.

Aber wie immer ist das Bild nicht schwarz und weiß: Die Kirche unterdrückte das Wissen des Altertums nicht nur – in ihrem Schoß wurde es auch bewahrt. In den Klöstern wurden die alten Schriften von Hand abgeschrieben und kopiert und auch kommentiert, allerdings immer in den Fesseln der katholischen Doktrin. Noch viel mehr als die katholischen und byzentisch-orthodoxen Klöster trug aber das Muslimische Reich zur Überlieferung der alten Schriften bei. So stand zum Beispiel das muslimische Spanien al-Andalus (711 und 1492) dem klassischen Denken und Wissen viel offener und freier gegenüber als das katholische Europa. Die grössten Bibliotheken der Welt wurden damals von Muslimen geführt: Sie standen in Alexandria und Bagdad.

So überlebte das antike Wissen die dunklen Jahrhunderte und erwachte zu Beginn der Renaissance aus einem tausendjährigen Schlaf. Auf die Frage warum es in Europa (genauer gesagt: in Italien) wiederentdeckt wurde – weshalb dort und weshalb dann? – und in der Folge die Welt veränderte, gibt es keine einfache, in ein paar Punkten zusammenfassbare Erklärung. Vieles kam zusammen: Der Untergang des Byzantischen Reichs im Osten und die Flucht der östlichen Intellektuellen in den Westen (die Eroberer, Muslime, hatten damals ihren intellektuellen Höhepunkt bereits überschritten – zu Zeiten von al-Andalus hätte man die Intellektuellen wohl nicht in die Flucht geschlagen); die politischen Umstände in Italien, wo einige mächtige Staatstaaten entstanden, welche große finanzielle Überschüsse erzielten; eine Zeit des Temperaturanstiegs, welche die landwirtschaftliche Produktion erhöhte; aber auch die Pest, welche den Kontinent entvölkerte, so dass den Überlebenden wieder genug Ressourcen zur Verfügung standen; schließlich natürlich auch die Erfindung des Buchdrucks … Vieles gäbe es noch hinzuzufügen. – Wer wochenlang in den Seiten Roecks versinkt, wird sich bewusst, dass wir kurze Erklärungen zwar lieben (dafür hat wohl die Evolution gesorgt, den unser Überleben hing Jahrtausende lang von unserer Fähigkeit ab, Ursachen und Wirkungen schnell zu verstehen), dass aber in Tat und Wahrheit alles kompliziert und vernetzt und nur ansatzweise verständlich ist.

Ohne also Roecks Ausführungen zusammenfassen zu wollen (das macht Wikipedia bestimmt besser), springen wir in Jahrundertschritten vorwärts: in der Renaissance liegen die Wurzeln der Amerikafahrt des Kolumbus (der Ursprung der Globalisierung, bei welcher es sich eigentlich um die Europäisierung der Welt handelt), der Entstehen von Nationalstaaten, den ersten empirisch-wissenschaftlichen Versuchen, der Aufklärung, der Industriellen Revolution. Weiter geht’s vom Britischen Imperium zu den Vereinigten Staaten von Amerika, zur globalisierten Welt nach westlichem Model. Dann folgt die technologischen Revolution. Und heute steht uns das Zeitalter der Künstlichen Intelligenz bevor: die mögliche Ablösung des Menschen als der intelligentesten unten den bekannten Lebensform.

Roecks Buch über die Renaissance listet akribisch alle Beteiligten auf: die Philosophen, Akademiker, Architekten, Künstler usw., die während den Jahrhunderten der Renaissance das alte Wissen ausgegraben, interpretiert, weitergesponnen und angewandt haben. Auch diejenigen die eine solches ermöglichten: Fürsten und Forscher, Erfinder und Entdecker; und natürlich auch die vielen Verhinderer: die Dogmatiker und die Inquisitoren. Und trotzdem: Obwohl es einem fast schwindlig wird vom wochenlangen Lesen von Namen, Zahlen und Fakten (oft droht man vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr zu sehen – zum Glück wendet Roeck den Blick zwischendurch immer wieder auf das große Ganze) sind es doch nur sehr wenige gewesen, welche in der Renaissance ihren Beitrag dazu geleistet hatten, das menschliche Wissen weiterzuentwickeln und damit Stein um Stein den Weg zu pflastern, der uns dahin geführt hat, wo wir heute sind.

99% der Europäer jener Jahrhunderte der Wiederentdeckung, oder wohl besser gesagt: 99’999 von 100’000 aller Menschen, die damals zwischen Gibraltar und dem Nordkap lebten, haben von dem, was wir heute unter dem 15. und 16. Jahrhundert verstehen (eben jener magischen Zeit der Renaissance) nichts mitgekriegt. Sie wurden geboren und starben ein paar Jahrzehnte später wieder – meist amselben Ort. Manchmal herrschte Frieden, manchmal Krieg, manchmal hatten sie Hunger und manchmal volle Bäuche, aber ihre Welt veränderte sich kaum. Was wir auch in 1’300-seitigen Büchern über jene Jahrhunderte erfahren, hat nichts mit dem Leben der Menschen von damals zu tun. Alles was uns beschäftigt, ist die Geschichte einer verschwindend geringer Anzahl von Menschen. (Das soll keine Kritik am Buch oder der Geschichtsforschung sein: natürlich interessiert uns da Vinci mehr als irgendein Bauer. Für den Bauer ist, wenn überhaupt jemand, der Romancier nicht der Historiker zuständig.)

Und wie sieht es heute aus? Wir leben in einer Zeit in der jedem Menschen (der über einen Internetanschluss verfügt) sämtliches Wissen aller Zeiten zugänglich ist. Und trotzdem hat sich die Situation nicht verändert. Wenn die Geschichte unserer Zeit einmal geschrieben werden wird (falls sie einmal geschrieben werden wird), wird sie – so glaube ich – als der Beginn des Zeitalters der Künstlichen Intelligenz beschrieben werden.

Künstliche Intelligenz (AI – artificial intelligence), muss man sich vor Augen führen, ist die Schaffung einer neuen Lebensform, welche der menschlichen hoch überlegen sein wird. Wenn AI einmal der Sprung (oder besser gesagt: die Vernetzung) zu GAI gelingen wird (general artificial intelligence – das heißt, dass „eine Maschine“ (oder besser gesagt: ein Algorithmus) den Menschen nicht mehr nur beim Schachspielen oder beim Berechnen und Ausführen von Operationen am Finanzmarkt oder bei der Plannung politischer Kampagnen überlegen sein wird, sondern in jedem Bereich – wenn AI sich also zu GAI vernetzt, wird die GAI selbst ihre eigene Weiterentwicklung übernehmen. Die Fähigkeit von GAI wird ab dann progressiv ansteigen – steil in die Höhe schießen! – und der Graben zwischen menschlicher und künstlicher Intelligenz wird in kürzester Zeit so groß sein, wie derjenige zwischen einer Raupe und einem Menschen.

Der Mensch hat sich Gott geschaffen, hört man manchmal (schließlich haben Menschen die Bibel geschrieben und Kirchen gebaut). Im Zeitalter der GAI aber, wird dieser Ausdruck eine ganz neue Bedeutung erlangen. GAI – ob mit Bewusstsein ausgestattet oder nicht, darüber streiten sich die Experten, wobei die Mehrheit auf die Bewusstseinserlangung von AI tippt – wird dem Menschen als eine Art Gott erscheinen müssen.

Wir leben also – so glaube ich – ganz am Anfang des Zeitalters der Künstlichen Intelligenz. Und wie schon in der Renaissance zieht diese Entwicklung über die Köpfe fast aller Menschen hinweg. Wir zahlen für die Entwicklung indem wir die Produkte der Firmen brauchen, welche AI vorantreiben (die fünf Vorreiter sind Firmen, welche diejenigen von uns, die mehr als dreißig Jahre alt sind aus dem Nichts entstehen gesehen haben: Google, Microsoft, Facebook, Amazon und Apple), aber unser Einfluss auf die Entwicklung ist gleich null. Man schätzt dass weltweit ungefähr 10’000 Menschen die technologischen Fähigkeiten haben AI auf höchstem Niveau voranzutreiben. Auch wenn dazu nochmals 100’000 Investoren und Ermöglicher und Spitzenanwender kommen, sind nur 0,00001% der Menschheit an dieser Entwicklung beteiligt.

Im Gegensatz zum gewöhnlichen Renaissance-Menschen (damit meine ich nicht the renaissane man: also einer, der alles wusste, was man wissen konnte, sondern einen Menschen, der während der Renaissance gelebt hatte), haben wir heute aber immerhin die Gelegenheit, die Entwicklung von AI – und damit die Entstehung einer neuen Welt – live mitverfolgen zu können. In den Zeitungen ist davon kaum je etwas zu lesen, aber das Internet und natürlich die Bibliotheken sind voller Ressourcen.

Über Murakami und seinen Commendatore

Kyoto

Seit vielen Jahren wird Haruki Murakami (oder wie Kenner sagen: Murakami Haruki – ausgesprochen wie in einem Samurai-Film) als Nobelpreiskandidat gehandelt. Die Chance, dass er eines Tages gewinnen wird, stehen nicht schlecht. Zwar wird der bescheidene Japaner nächstes Jahr siebzig, aber er treibt Sport, isst maßvoll, arbeitet diszipliniert, liest, hört Musik und geht früh zu Bett. Er wird noch lange schreiben.

Wäre Murakami ein verdienter Nobelpreisträger? Vielleicht, schließlich ist er ein Phänomen, das Leser süchtig macht. Andererseits aber glaube ich, dass Murakamis Bücher in hundert Jahren vergessen sein werden. Dem Nobelpreis stünde das natürlich nicht im Weg. In Stockholm, wie überhaupt im Leben, irrt man sich oft. Die Zeit ist der einzige Juror, welcher über den Einzug in den Kanon entscheidet. In diesem Sinn ist dieser Beitrag nicht mehr als die Reflexion eines Unwissenden.

An all die Murakami-Bücher zurückdenkend, die ich in den letzten fünfzehn Jahren gelesen habe, interessieren mich vor allem zwei Fragen. Erstens: Wie hat es der literarische Schriftsteller Murakami geschafft, zum globalen Bestsellerautoren zu werden, dessen Verkaufserfolge sogar manchen Genre-Giganten aus der Schublade X oder Y neidisch werden lassen? Zweites: Was entscheidet darüber, ob ein Schriftsteller auch in hundert Jahren noch gedruckt und gelesen werden wird?

Zum ersten Punkt: Murakamis Erfolg. Ich glaube dass dieser auf den folgenden drei Säulen ruht: Murakami schreibt (1) in einer einfachen, präzisen Sprache, welche den Leser bei der Hand nimmt und in (2) das Leben eines Helden einführt, der den Verwirrungen und Irrungen des modernen Lebens mit bewundernswertem Stoizismus gegenübertritt. Der Held, der eigentlich keine Held ist (nicht mal ein Antiheld, sondern einfach ein recht gewöhnlicher Mensch) geht “drei Mal in der Woche schwimmen”, „bereitet sich einfach Mahlzeiten zu” (beides klassische Murakami-Handlungen), und schafft es, sich ohne allzu große Anstrengung dem zeittypischen Virus des Immer-mehr-wollens zu entziehen. Trotzdem läuft im Leben des Helden natürlich etwas schief – schließlich muss die Geschichte an irgendeinem Haken hängen! Diese Schräglage konfrontierend kommt der Held dann (3) mit dem Mystischen in Kontakt. Er (und oft auch sie) und die Leser und Leserinnen werden mit einer anderen Welt konfrontiert, welche nur hauchdünn von der unseren getrennt ist. Eine mysteriöse Welt. Eine Welt die den Zauber und damit vielleicht sogar eine Art Sinn in unseren materialistischen Alltag zurückbringt. Diese drei Zutaten genügen, um einen Literaturkuchen zu backen, von dem Leser aus der ganzen Welt nicht genug kriegen können.

Aus Murakamis Buch über das Schreiben („Von Beruf Schriftsteller”) und auch aus seinem Buch über das Laufen (in welchem es natürlich auch ums Schreiben geht: „Wovon ich spreche wenn ich vom Laufen spreche”) haben wir eine ungefähre Vorstellung davon, wie der Schriftsteller sich diese andere Welt erschließt: Er setzt sich frühmorgens an seinen Schreibtisch, wo er konzentriert und ohne Ablenkung die schwere Tür zu seinem Unterbewusstsein aufstößt, hinter welcher er auf ebendiese mystische Welt trifft, die dann im Text das gewöhnliche Leben des gewöhnlichen Helden in Beschlag zu nehmen beginnt. Murakami geht dabei ohne Plan vor. Oder besser gesagt: Sein Plan ist nicht die auf Spannung und subtext ausgelegte Outline, sondern die Konzentration und das beharrlich Graben in den Tiefen des Unbewussten. Dort wo das Rationale und das Logische den mythischen Bildern Platz macht. Murakamis Geheimnis liegt nicht in der Idee, sondern im Prozess.

Zum zweiten Punkt: Murakamis Überlebensfähigkeit. Wird er in hundert Jahren noch gedruckt und gelesen werden? Auf diese Frage gibt es eine kurze Antwort: Keiner mehr der heute schreibt, wird in hundert Jahren noch gelesen werden! Und bei den ganz wenigen Ausnahmen ist nicht nach einer allgemeingültigen Erklärung zu suchen, sondern nach dem Einmaligen und Einzigartigen jeder Ausnahme, welche die sprichwörtliche Regel bestätigt. Mit meiner Wette auf die These, dass Murakami ein paar Jahrzehnte nach seinem Tod in Vergessenheit geraten wird, habe ich also – Millionenauflagen und Nobelpreisaussichten hin oder her – (beinahe sicher) bereits gewonnen.

Aber trotzdem. Einige haben überlebt. Zum Beispiel ein von Murakami hoch geschätzter Autor. Einer dem er einen Buchtitel und in seinem neusten Buch einen Kapiteltitel gewidmet hat. Einer der auch fast hundert Jahre nach seinem frühen Tod immer noch im Kopf vieler Leserinnen und Leser herumgeistert. Die Rede ist natürlich von Franz Kafka. Kafka hat neben seinen Kurzgeschichten, Briefen und Tagebüchern nur drei Romane geschrieben, aber alle drei kann und will man immer wieder lesen.

In Sachen Verkaufserfolg war Kafka das genaue Gegenteil von Murkami: Nur wenige seiner Geschichten wurden zu seinen Lebzeiten publiziert und ich bin mir nicht einmal sicher, ob seine Romane überhaupt dazugehörten, oder ob diese erst postum erschienen. Wie Murakami hat auch Kafka Bilder und Visionen aus seinem Unterbewusstsein beschrieben. Des Nachts, nach vollbrachtem Tagewerk als Versicherungsangestellter und anschließendem Tagebuchschreiben, ist er tief in seine Ängste und Obsessionen abgetaucht und hat seine Helden (ebenfalls gewöhnliche Menschen, Murkami-Helden nicht unähnlich – aber nun befinden wir uns im Prag des späten neunzehnten Jahrhunderts), hat er seine Helden also in ein Labyrinth hineingeschubst, aus welchem es kein Entkommen gab. Ich glaube, dass Kafka damit, vermutlich ohne es bewusst darauf angelegt zu haben, die kollektive menschliche Erfahrung seiner Zeit beschrieben hat. Einer Zeit, die lange vor ihm begann und bis heute andauert. In der Renaissance liegt der Keim des modernen Nationalstaats, welcher die Religion in ihre Schranken zu weisen vermochte und schließlich der Reformation, der Aufklärung und der industriellen Revolution den Weg ebnete. Als Kafka geboren wurde, war die Zeit reif. Er lebte kurz vor dem Erwachen “der Maschine”. Kurz vor dem Erwachen des Frankensteins aus Technologie, Bürokratie und Ideologie (die Religion war besiegt, Faschismus und Kommunismus strömten ins Vakuum). Kafka muss geahnt haben, dass die Maschine kurz vor ihrem ersten, schrecklichen Auftritt stand. Er wäre 57 Jahre alt gewesen, als gut 400 Kilometer westlich von seinem Geburtshaus Auschwitz in Betrieb genommen wurde. Die Chancen dass er als Jude dort geendet hätte (wäre er nicht vorher an der Tuberkulose gestorben), wären nicht klein gewesen. Und die Zeit der Maschine dauert an: Der Kapitalismus wird immer unübersichtlicher, die Technologie immer selbstständiger und die Ideologien immer schriller. Kafka hat uns also immer noch etwas zu sagen. Sein Werk kommt mir deshalb vor, wie ein weggeworfener Apfel: Eine Frucht, die auf dem Boden verrottet (Kafka wollte, dass seine erfolglosen Schriften nach seinem Tod verbrannt werden), aus dessen Kernen aber ein großer Baum gewachsen ist, der jedes Jahr Früchte trägt und an dem ganze Generationen sich erfreuen. Die Frage ist, womit man Murakamis Werk vergleichen soll. Mit einem verrotteten Apfel sicher nicht, dafür ist Murakami viel zu berühmt. Ob es aber lebendig ist und den Kern für ein langes Leben in sich trägt, bleibt dahingestellt.

Schauen wir uns sein neustes Buch an, diesen halben Roman namens “Die Ermordung des Commendatore Band 1: Eine Idee erscheint”. Es hat mir gefallen, obwohl es, wie viele andere Murakami Bücher, kaum offene Fragen hinterlassen hat. Trotzdem war es ein page-turner wie nur Murakami ihn schreiben kann. Man will wissen, wie es weitergeht, obwohl eigentlich nur sehr wenig passiert: Ein Porträtmaler zieht sich nach seiner Scheidung in ein einsames Berghaus zurück, wo die Auftragsarbeit eines Millionärs ihm hilft, seinen eigenen Stil zu finden und vom Lohnmaler zum Kunstmaler zu avancieren. Dabei begegnet er, wie der Titel sagt, einer „Idee”, welche in Form eines mysteriösen kleinen Männleins, dass nur er sehen kann, daherkommt. Allzu viel lässt sich über diese Idee in diesem ersten Teil des Romans nicht sagen, außer, dass sie, die Idee, zu Kafkas Zeiten sich in Prag herumgetrieben zu haben scheint. Auch die Ermordung eines Nazis im ins Reich heimgekehrten Wien spielt irgendwie hinein.

Wiederum sind es die gewohnten Element, die einem bei der Hand nehmen: die Klarheit der Sprache, das Stoische des Helden, das Auftreten von etwas Geheimnisvollem aus einer anderen Welt. Saubere Beschreibungen und offene Fragen geleiten einem durch das Buch. Man will wissen, wie es weitergeht, aber nicht wie in einem geschickt konstruierten Thriller. Bei Murakami liegt die Spannung in den kleinen Details. Den kleinen Ungereimtheiten, die der Aufklärung bedürfen. Ich mochte dieses Buch und ich werde Band 2 lesen, sobald er erscheint. Trotzdem glaube ich nicht, dass es mich nach abgeschlossener Lektüre weiter begleiten wird. Murakami lesen ist mehr Medizin als Therapie. Mehr Kuchen als Apfel.

[Foto von James Carey: Chinesische Touristinnen in Geisha-Kleidung am Fushimi Inari Taisha Schrein in Kyoto, Japan]