By Andreas Eigenmann

Madrid, 7. Dezember 2019

Individuationsträume. Tunnels, hohe Türme, große Gefahren. Die Individuation ist eine Wiedergeburt, deshalb im Traum auch Nacktheit. Johnny Cashs “The Wanderer” kommt mir in den Sinn, das ich 1993 auf einer Asienreise zum ersten Mal hörte (von einer Kassette im Walkman):
“I went out walking with a Bible and a gun
The word of God lay heavy on my heart
I was sure I was the one.”

Madrid, 6. Dezember 2019

Die Schaffung eines Kunstwerks erfordert drei Schritte. Der erste ist die Verarbeitung der Welt und der zweite das Schaffen des Werks. Das sind zwei Prozesse, die sich mehr oder weniger überschneiden können. Dabei reicht das Spektrum von fast identisch bis zu klar getrennt. Im Fall der Trennung bietet sich das Bild der Raupe und des Schmetterlings an. Der dritte Schritt ist die organisierende Hand: der Lektor, der Kurator, der Produzent. Wer auf den ersten Schritt verzichtet, schafft keine Kunst, sondern einfach ein Objekt oder ein Produkt; wer auf den zweiten verzichtet, unterliegt der Illusion, alles sei Kunst. Ohne den dritten Schritt bleibt das Werk im Orbit des Künstlers gefangen.

Madrid, 5. Dezember 2019

Im nachtschwarzen Niemandsland zwischen zwei Vorstädten warten wir im Auto. Ein Grashügel verdeckt den Blick auf die M50, welche zwei Vorstädte voneinander scheidet. Im Sommer sehen wir hier Hasen, aber im Herbst lassen sie sich nicht blicken. Weiter vorne zeigt sich uns ein kleiner Abschnitt der Ringautobahn, auf dem sich die Lichtscheiben nur stockend vorwärts bewegen. – Nach der Übergabe fahre ich zurück und gehe dann zu Fuß durch den kalten Nieselregen. In den Pfützen spiegelt sich das Licht der Straßenbeleuchtung. Menschen, deren Gesichter dunkel bleiben, stehen mit hochgeschlagenen Krägen an der Bushaltestelle. Zwischen Bäumen leuchtet einladend das Tankstellencafé. Dahinter das helle Schild des noch leblosen Supermarktes. Am Horizont ein schimmernder Streifen, darüber dunkle Wolken. Die Posada liegt vor mir. Ich stecke die Mütze in die Jackentasche und betrete sie. “Hola joven, cómo estás hoy?”

Madrid, 4. Dezember 2019

Anhaltende Niederschläge, weiterhin kalt. Heute morgen mit Goethes Faust begonnen, zum ersten Mal komplett von vorn bis hinten. Schon zu meiner Schulzeit hatte man uns das nicht mehr zugetraut.

“Von allen Geistern die verneinen,
Ist mir der Schalk am wenigsten zur Last.”

Madrid, 1. Dezember 2019

Am Abend in der Küche. Regen, Regen, Regen. Ich öffne das Fenster einen Spalt, um das Plätschern im Innenhof noch besser zu hören. “Der trockenste Herbst seit Menschengedenken” hätte eine bessere Schlagzeile für den morgen in Madrid beginnenden Klimagipfel geliefert. Tausende fliegen ein; die Restaurants und die Taxifahrer freuen sich, dass ab Morgen hier das Klima gerettet wird.

Madrid, 30. November 2019

Gestern auf Arte “In den Gräben der Geschichte – Der Schriftsteller Ernst Jünger”. Visuell sehr ansprechend. Natürlich konnte nur die eine Frage behandelt werden: Wegbereiter der deutschen Katastrophe, oder nicht? Ein Befassen mit Jüngers Literatur und Philosophie ist nur in Subgruppen möglich, in der Öffentlichkeit noch nicht. Zu präsent sind immer noch die Geister der Vergangenheit. Aber gut gemacht; die Diskussion sehr ausgeglichen. Nachher: “The Kid” von Charlie Chaplin. Heute: San Andrés. Die Geschichte meines Namens begann mit der Aufforderung: “Komm mit, ich mache dich zum Menschenfischer!”