By Andreas Eigenmann

Corona Tag 30

Welche Menschentypen beobachte ich in meiner Umgebung? – Man könnte sie so einteilen: die Ängstlichen, die Wissenden, die Ignoranten und die Realisten. Schnittmengen sind möglich, sogar wahrscheinlich.

Die Ängstlichen fürchten sich vor dem Ende ihrer Welt, oder zumindest davor, dass ihre Welt, nie mehr dieselbe sein wird. Nicht dass ihre Welt besonders aufregend gewesen wäre, und eigentlich ist sie immer noch dieselbe: Arbeit, Supermarkt, Konsum und Serien. Es gibt Ängstliche, die von apokalyptischen Bildern heimgesucht werden; und andere, die einfach den Jobverlust fürchten.

Die Wissenden haben’s schon immer gewusst. Unser Konsum, unser Kapitalismus, unsere hoch-fragile globalisierte Welt: dieses Kartenhaus musste doch einmal zusammenbrechen. Eine Untergruppe dieser Wissenden sind die Linken, welche schon lang von Fantasien über das Ende des Kapitalismus geplagt worden sind, ohne dass ein solches je ein Ende in Sicht gewesen wäre. Nun plötzlich: was Andere als winter is coming interpretieren ist ihnen Licht am Ende des Tunnels. Eine andere Untergruppe sind die Rechten, die tagein tagaus vom Anbruch einer Zeit warnen, in der totalitäre Überwachungsstaaten uns unsere geliebten individuellen Freiheiten entreißen.

Dann die Ignoranten. Eine große Menschengruppe, die gar nichts denkt. Viele von ihnen haben den Zug des Lebens schon lang verpasst. Andere sitzen in einem Abteil zweiter Klasse und starren auf den Handybildschirm. Viele von ihnen fühlen sich sogar gestärkt, da es plötzlich normal geworden ist, den ganzen Tag lang auf dem Sofa zu sitzen. Alle sitzen jetzt den ganzen Tag lang auf dem Sofa – zumindest in der Vorstellung der Ignoranten.

Schließlich die Realisten. Sie beobachten die Situation. Viel Information aufnehmend (aber echte Information, nicht Schlagzeilen), oder sich anderem zuwendend (der Lektüre, dem Garten, den Freunden, den Kindern …), im Wissen, dass alle Information zurzeit nur temporäre Gültigkeit hat und kaum Material für handfeste Prognosen liefert. Realisten mögen zum Optimismus oder zum Pessimismus neigen, aber sie vermeiden Meinungen. Sie tun, was sie tun müssen.

(Ortheils Typen: http://www.ortheil-blog.de/2020/04/08/zeitenwende-in-zeiten-des-coronavirus-29/)

Corona Tag 29

In der Nacht … Irgendwo auf einem Feld beginnt die Olympiade. Einige der Sportler stehen da und lauschen der amerikanischen und anderen Nationalhymnen. Es handelt sich aber nicht um eine Medaillenverleihung, sondern eher um die Eröffnungszeremonie. Ein kleiner amerikanischer Sportler steht stramm, aber andere schauen sich um, kommen gar zu spät oder stören sonst die Zeremonie durch ihre Unaufmerksamkeit. Ich ärgere mich über diese unseriösen Sportler, die in ihren unverständlichen Sprachen miteinander flüstern. Ich selbst bin nämlich mit von der Partie; ich nehme am olympischen Schwimmwettbewerb teil! Leider bin ich aber nicht gut darauf vorbereitet. Sportlich schon. Ich bin zwar nicht Favorit, aber wer weiß, vielleicht gelingt mir eine Überraschung und ich schaffe es auf einen Medaillenplatz. Doch mir fehlt das Material. Als wir uns nämlich umziehen gehen, finde ich in meiner Sporttasche einzig eine wabbelige Surferbadehose; eine Schwimmbrille habe ich nicht dabei und auch die Wasserschuhe, welche an diesem Wettbewerb scheinbar obligatorisch sind, fehlen. Zum Glück leiht mir Atul, der so etwas wie mein Trainer ist, seine Badehosen, Wassserschuhe und Schwimmbrille. Plötzlich merke ich, dass sich alle Schwimmer bereits umgezogen haben und schon wieder draußen sind und am Becken auf den Start warten, nur ich noch nicht. Werde ich es überhaupt noch schaffen, bevor der Startschuss fällt? Ich ärgere mich: Überall bin ich immer der Erste, schießt es mir durch den Kopf, nie bin ich zu spät, aber ausgerechnet hier, als Teilnehmer der Olympiade, schaffe ich es nicht, rechtzeitig am Start zu sein.

Corona Tag 26

In der Nacht … Ich bin unterwegs nach Bologna, wo ich eine Konferenz besuche. Die Reise wird von einem Italiener organisiert, den ich in Berlin kenne. Von der Schweiz aus, wo ich wohne, fliege ich nach Berlin. Der Italiener hat dort ein Auto gemietet, mit dem wir durch ganz Deutschland nach Italien fahren sollen. Ich rege mich sehr über diese Reiseroute auf. Warum lässt du mich nach Berlin fliegen, um dann durch ganz Deutschland zurück in die Schweiz zu rasen? Warum nicht direkt nach Bologna? Während die anderen Reiseteilnehmer (gesichtslos, aber ich kenne sie) ihre Koffer verladen und ins Auto steigen, überlege ich hin und her, ob ich meine Teilnahme an der Konferenz absagen soll oder nicht. Bei meinen Kunden handelt sich um die Firma X … Was soll’s, denke ich, das sind sowieso C-Kunden, unwichtig! Ich entschließe mich zur Absage und lade meinen übergroßen Koffer wieder aus. Der Italiener versteht mich. Er fahre halt gern Auto, erklärt er. Nun bin ich also alleine in Berlin. Ich ziehe mich in ein Gebäude zurück, um zu überlegen, was ich als nächstes tun soll. Dort aber verliere ich, wie Kafkas Amerikafahrer Karl Roßmann in „Der Verschollene“, meinen Koffer aus dem Auge. Ich suche ihn in alten, heruntergekommenen Berliner Wohnhäusern und Hinterhöfen, aber der Koffer bleibt verschollen.

Corona Tag 25

In der Nacht … Eine Gruppe von Freunden, von denen nur eine, meine alte Londoner Freundin Beth, ein Gesicht hat, trifft sich auf ein Mittagessen, um mit der deutschen Bundeskanzlerin Abschied zu feiern. Abschied wovon? Abschied aus der Politik? Das bleibt unklar, und auch die Figur der Kanzlerin ist zwiespältig. Es handelt sich bei ihr um eine Art Mischung aus Angela Merkel und Helmut Kohl, also um eine Art Frau Kohl, aber nicht Hannelore, sondern um eine kohlartige Frau Merkel. Der Grund, weshalb sie ihren Abschied in bescheidenem Rahmen mit uns feiert, ist Beth. Beth war einmal ihre Assistentin; die beiden unterhalten eine freundschaftliche Beziehung. Um ins Restaurant zu gelangen, müssen wir erst einmal auf die andere Seite der Stadt gelangen, was heißt die Bahngeleise zu überqueren. Da wir uns in St. Galen befinden, übernehme ich die Führung. Ich verirre mich aber und wir finden erst nach einigem Suchen eine Brücke. Auf der anderen Seite sind wir nicht mehr in St. Gallen, sondern in Edinburgh. Ich sehe den Leith Walk, genau den Ort, wo die erste Szene von Trainspotting spielt. Um die anderen darauf aufmerksam zu machen, beginne ich Lust for Life von Iggy Popp zu summen, worauf aber niemand reagiert. Dann steigen wir die Treppe in ein Kellerrestaurant hinunter, wo wir einen Tisch reserviert haben. Dieser ist aber nicht bereit und der Besitzer kümmert sich trotz unseres prominenten Gastes kaum um uns. Also legen wir uns alle auf einen anderen freien Tisch und dösen vor uns hin. Das ist mir peinlich, aber Frau Kohl bleibt ruhig.

Corona Tag 23

Am Morgen, nach dem Ausgangssperre-Training, mache ich ein paar Notizen, dann gebe ich mich der musischen Lektüre hin, danach dem Studium der Wirtschaft und der Märkte. So die Routine. Heute aber hat das Tagebuch anderthalb Stunden in Anspruch genommen. Gedanken zu Virus, Wirtschaft und Gesellschaft. Bereits ist es neun Uhr, Zeit für die Arbeit. Ich nehme mir vor, am Abend in Camus “Pest” weiterzulesen.

Corona Tag 22

Diese Ausgangssperre ist ein großer Schub ins Digitale. Mit einem Fuß hatten wir auch vor CVD-19 die reale Welt bereits verlassen, nun aber werden wir alle hineingeschubst. Netflix, Zoom, Gaming-Firmen, E-Sports, home-training Youtubers und viele andere nehmen uns freundlich in Empfang. Die Financial Times nennt Amazon das Rote Kreuz unserer Zeit. Traditionelle Läden werden zu Nischenspielern. Viele kleine aber auch ein paar ganz große werden diese Wochen nicht überleben. Hier in Spanien hat das Großkaufhaus El Corte Inglés, dessen Zentren in den letzten Jahren sowieso immer leerer geworden sind (man fuhr zum Anprobieren hin, immer weniger zum Kaufen) auf Kurzarbeit umgestellt. – Doch das Gleichgewicht will hergestellt sein und auch die Gegenbewegung zum Digitalen wird Erstarken, wenn auch nicht als Massenbewegung.