Frankfurt 26. März 2019

Turgenjews „Väter und Söhne“: Die Geschichte eines Zeitwandels, also einer Zeit, in welcher die Väter die Welt ganz anders sehen, als die Söhne. (Über Mütter und Töchter dachte man damals noch nicht viel nach.) Das letzte mal, dass wir im Westen so einen Zeitwandel durchlebten, war in den sechziger Jahren. Seither haben die Söhne nicht mehr gegen die Väter rebelliert. Die nächste Trennlinie ist vielleicht die technologische Revolution, doch scheint sie Generationen nicht wirklich zu trennen.
Der Roman spielt in der Zeit der großen Umbrüche in Russland. Erste sozialistische Ideen; Landwirtschaftsreform; Freilassung des Gesindes … Der Sohn ist ein Nihilist, lehnt also alle Werte und Autoritäten ab. Nur das Praktische ist ihm Maßstab. Der Vater ist ein „Romantiker“; ihm sind die Kunst und die Natur, aber auch die althergebrachte Ordnung wichtig. Der Sohn lehnt das alles ab. Die Natur sei naturwissenschaftlich zu verstehen; die Kunst nach ihrem praktischen Wert zu beurteilen; die Ordnung nur zu akzeptieren, wo sie ihm praktische Vorteile verschaffe.
Ich stecke genau in der Mitte des Buchs. Der Nihilismus des Sohnes beginnt zu wanken.

Gestern ein zufälliges Treffen mit einer alten Freundin an der Konferenz, sowie ein gutes, amüsantes und somit angenehmes Abendessen mit Kunden.

Frankfurt, 25. März 2019

So kommt mir das Zentrum von Frankfurt vor (wo ich schon sehr oft war, kumuliert monatelang, ohne die Stadt wirklich kennengelernt zu haben): Hebt man den Blick in die Höhe wähnt man sich in einer grauen Arbeitslandschaft. Überall bohren sich Bürotürme in den Himmel. Banken und andere Arbeitgeber, welche ihren Angestellten im Tauschgeschäft für deren Zeit zu relativem Wohlstand verhelfen. Mittendrin steht auch das riesige Messegelände. Diesem „oberen Stockwerk“ der Innenstadt steht eine Sekundärinfrastruktur zur Verfügung, bestehend aus Restaurants, Hotels und Coffeeshops. Es gibt aber auch die unteren Etagen: Einfache Wohnblöcke, billige Imbisse, Wettbüros. Es ist ein zweigeteiltes Zentrum, welches an amerikanische Städte erinnert, nicht nur wegen der Wolkenkratzer.
Am Sonntag sind die Straßen tot. Die wenigen Passanten unterhalten sich in vielen verschiedenen Sprachen, vor allem arabisch. Teure Autos brausen vorbei.
Die Fußgängerzone ist so unpersönlich, dass man sich nicht an sie erinnern kann. Es gibt nichts, woran sich das Gedächtnis festklammern könnte. Sie glänzt aber mit einigen teuren Läden.

Frankfurt, 24. März 2019

Aus dem Flugzeug gibt es nicht viel zu berichten, außer vielleicht, dass mir die südamerikanischen Flugbegleiterinnen (der neuen Airline LATAM) sehr westlich vorkamen. Die Damen waren zum Teil europäischer Herkunft, in manchen Gesichtszügen überwog aber auch das Südamerikanische. Das Westliche, dass ich in ihnen zu erkennen glaubte, hatte also nichts mit dem Aussehen zu tun.

Das Flugzeug war ein Dreamliner, weshalb mir ein Bildschirm mit Filmauswahl zur Verfügung stand. Ich wollte mir eigentlich „A Star is Born“ mit Lady Gaga anschauen, einen Oskargewinner. Aber, wie ich bald feststellte, sollte man sich diesen Musikfilm (oder überhaupt Kinofilme) nicht auf einem kleinen Bildschirm im Flugzeug anschauen, ständig den Motorenlärm im Ohr, immer wieder von Ansagen aus dem Cockpit unterbrochen. Außerdem habe ich seit einiger Zeit sehr wenig Geduld mit Filmen. Wenn etwas nach Diversion und Unterhaltung riecht, rümpfe ich die Nase.
Ich las also ein wenig im Sloterdijkschen Notizbuch (ein Gigant von einem Philosophen) und schaute mir dann, als mir die Augen zu zufallen drohten, zwei Kapitel von „Friends“ an. Es war lustig. Neunziger Jahr Nostalgie. Einiges hat sich verändert seit damals: man durfte sich noch über einiges lustig machen, was heute verboten wäre.

Dann war ich im Hugendubel, der größten Buchhandlung Frankfurts. Natürlich ging mein Weg vom Flughafen (mit einem kurzen Abstecher im Hotel) geradewegs dahin. Ich stöberte in den Klassiker- und Philosophieabteilungen. Beide sind recht klein. Der Winwin in Gossau hat da mehr zu bieten, als die größte Buchhandlung der Goethestadt.
Ganz zufällig fiel mir Iwan Turgenjews „Väter und Söhne“ in die Hände. Im Hotelzimmer begann ich mit der Lektüre.

Madrid, 22. März 2019

Zum Kaffee im Notizbuch von Sloterdijk gelesen (“Zeilen und Tage – Notizen 2008 – 2011”). Hiebe nach links und rechts, nach oben und unten. Ein paar Auszüge:

“Sie wissen nicht, im Enddarm des Satan duftet es wie in einem fabrikneuen Lexus oder in einem frisch renovierten Finanzberatungsbüro.”

“Die Anthropologie des bedingungslosen Grundeinkommens erhebt eine Trias aus Arbeitslosen, Strafgefangenen und Bohemiens zur Daseins-Norm in der westlichen Welt. An diesen Forderung ist eine gewisse Toleranz lobenswert: Denen, die mehr leisten und verdienen wollen, wird das gute Recht zugestanden, die Gesellschaft der bedingungslos Versorgten zu alimentieren.”

“Man sollte im übrigen endlich zugeben, dass es keinen Nobelpreis für Literatur mehr gibt. Es werden drei Nobelpreise für gute Absichten verliehen – einen, den man gewinnt, wenn man die guten Absichten mit literarischen Mitteln ausgedrückt hat, einen, den gewinnt, wer gute Absichten aktivistisch beweist (Friedensnobelpreis), und einen, den bekommt, wer die guten Absichten in mathematische Formeln verkleidet (Wirtschaftsnobelpreis).”

So legt sich der sogenannte Zeitdiagnostiker mit vielen an. Seine Hiebe im Dialog zu parieren, wird manchen Angegriffenen zu riskant sein. Da bliebe nur das Diffamieren, die Unterstellung böser Absichten.


Madrid, 21. März 2019

Heute Morgen eine Meditationsübung aus dem Waking-Up Course (Sam Harris). Mit offenen Augen meditieren. Das Wahrgenomme als Teil des Bewusstseinsfeld erkennen, wie das Gehörte und auch die auf- und niedertauchenden Gedanken. Dann der Blick zurück vom Äußeren auf sich selbst, auf das eigene Gesicht, welches nie im Bewusstseinsfeld auftaucht. Wie sieht es mit dem Verhältnis des Kopfs zur Umgebung aus? Ist die Umgebung draußen und man selbst im Kopf drin? Oder ist alles Teil desselben Feldes?