Corona Tag 39

Heute wurde ich im Traum aufgefordert, mich zur Europäischen Union zu bekennen. Ich saß in einem Hörsaal an der Universität, wo ich mich als Außenseiter fühlte, da ich angezogen war, wie ein Geschäftsmann; ich trug ein weißes Hemd und ein Jackett, während meine Kommilitonen, von denen ich keinen kannte, wie Studenten gekleidet waren. Außerdem saß ich streberhaft in der ersten Reihe. Die Vorlesung wurde von John Gray gehalten, einem Philosophen an der London School of Economics, dessen Bücher ich alle gelesen habe. Es geht in ihnen vor allem um die Unmöglichkeit des menschlichen Fortschritts und die Illusion der Zivilisation, welche hauchdünn und zerbrechlich unseren Planeten umhüllt. John Gray ist ein Anti-Genesis-Denker. Und so schuf Gott den Menschen nach seinem Ebenbilde als frommes Wunschdenken oder sogar als Hirngespinst, auf dem die ganze Illusion des menschlichen Spezialfalls gründet. Gray ist somit, paradoxerweise, auch Anti-Atheist; ein Anti-Pinker zum Beispiel, welcher zwar Gott und den Mythos abgeschafft, aber den Menschen trotzdem nach biblischem Vorbild in den Mittelpunkt allen Seins gestellt hat (Humanismus genannt), als Architekt des kommenden Reiches, nicht aus Gottes Gnaden, sondern gebaut auf den Ecksteinen Verstand, Wissenschaft und Fortschritt. Professor Gray also, dieser Philosoph des Nichts, hielt die Vorlesung. Plötzlich fragte er die Studenten, einen nach dem anderen, wie sie es denn mit der Europäischen Union hielten. Es war wie eine Parlamentsabstimmung mit Namensaufruf zu einem hochbrisanten Thema. Die Bekenntnisfrage im Traum-Hörsaal erinnerte mich an eine Session im Schweizer Parlament in den neunziger Jahren, in welcher über die Existenz der Armee beraten wurde. Entweder bekannte man sich zu ihr und somit zur Eidgenossenschaft, oder man setzte sich mit diesem Bartli Andreas Gross in das Boot der Landesverräter. Alle Studenten bekannten sich zu EU! Als die Frage mir immer näherrückte, überlegte ich fieberhaft, wie ich mich ausdrücken sollte. Das einfachste wäre ein vorbehaltloses Bekenntnis gewesen, aber mich drängte es nach einer differenzierten Antwort, nach einem „ja, aber“ … Doch der Druck der Masse, die Konformität forderte und ein „Ja!“ nach dem anderen in den Raum schleuderte, wurde immer größer. Bevor ich an der Reihe war, erwachte ich.