„Joker“ ist ein bedrückender Film, dramaturgisch sehr gut aufgebaut mit einer großartigen Schauspielleistung von Joaquin Phoenix. Ich vergleiche ihn mit „1917“, der natürlich auch bedrückend ist, aber trotzdem hinterlässt „Joker“ einen anderen, viel bittereren Beigeschmack. Weshalb? „1917“ beschreibt die Hölle einer vergangenen Zeit und den Gang eines Helden durch dieselbe. Es ist eine archetypische Geschichte, wie sie uns seit der Frühzeit durch die Epochen begleitet. Eine Heldengeschichte. Ohne den Sessel des Kinosaals zu verlassen, brechen wir mit dem Helden in die Zone des Chaos auf, die irgendwo außerhalb unserer, durch die Mauer der Zivilisation geschützten Lebenssphäre liegt. Aus sicherer Distanz sehen wir, wie einer der Unseren auch im Chaos da draußen den Kern der Menschlichkeit heiligzuhalten vermag. Am Schluss triumphiert der Wille des Guten, wenn es auch nur ein persönlicher Sieg ist, der das Rad der Zeit nicht aufzuhalten vermag.

Auch „Joker“ spricht vom Schutzwall der Zivilisation. Aber anstatt uns aus sicherer Distanz das Chaos auf der anderen Seite zu zeigen, belagert er unsere Stadt und beginnt sie dann zu invadieren. Einen Helden gibt es nicht. Im Gegenteil: der Anführer der Belagerer ist der Protagonist des Films. Er fällt mit seinen Clowns in unsere Stadt ein. Der Kinosaal bietet uns keinen Schutz mehr. Das Chaos kommt zu uns. Wie macht der Film das? Indem er einige uns bekannte Elemente des Chaos aufgreift und übersteigert: Zunehmende soziale Ungleichheit auch innerhalb unserer Lebenssphäre (Marx); das Fehlen einer Geschichte, welche unser Leben in einen größeren, metaphysischen Zusammenhang stellt (Nietzsche); außer Kontrolle geratene Protestbewegungen (Greta); die Unterhaltungsindustrie der Ablenkung (Netflix); die Sinnlosigkeit des Konsumismus, symbolisiert durch Abfallberge (Black Friday); ein reicher Mann, der sich über das “innere Proletariat” lustig macht und in die Politik drängt (Trump). Obwohl der Film ästhetisch in den Siebziger Jahren spielt, kommt uns das alles sehr bekannt vor. Zu bekannt. Das Chaos dringt in die Stadt ein. Ein Retter ist nicht in Sicht. Der Held ist der Anführer der Zerstörer. Wir haben die Wahl, uns ihm anzuschließen und selbst zu Aktivisten des Chaos zu werden, oder im selben unterzugehen. – „Joker“ ist eine negative Version der Hypermodernität. Ein Anti-Pinker.

Nach Mitternacht verlasse ich das Kino. Es ist sehr kalt. Die Stadt ist ungewöhnlich leer, kaum mehr Menschen auf der Gran Vía, wenige Fahrzeuge sind unterwegs. Ein Motorradfahrer mit einem Glovo-Würfel auf dem Rücken rast vorbei, um irgendwo eine Pizza oder sonst eine Mischung aus Fett und Kohlehydraten abzuliefern. Vor mir geht ein junger, eigentlich normal aussehender Mann im Zickzack-Kurs und lacht laut, als wolle er sich dem Joker anschließen. Er scheint nicht betrunken, sondern einfach nur verrückt zu sein. Ein starker Wind bläst einen Karton über das breite Trottoir. Über mir türmen sich die drei neuen Luxushotels der Plaza de España. Kaum Lichter brennen in hunderten von Fenstern. Sie scheinen verlassen. – Wie so oft nach guten Filmen, invadiert das Kino für kurze Zeit die Realität.