Butcher & Singer liegt an der Walnut Street. Atul und ich treten kurz vor fünf Uhr durch die Tür. Ich hatte nicht zu Mittag gegessen, er ist erst vor ein paar Stunden in Philadelphia gelandet, für ihn ist es zehn Uhr abends. Es hat den ganzen Tag lang geregnet, die Straßen sind nass. Aus den Schachtdeckeln steigt Dampf, wie in einem Film Noir. Passanten gehen schnell und mit eingezogenen Köpfen. Die Obdachlosen sitzen nass und resigniert unter Vordächern. Ab und zu hört man eine Polizeisirene, wie sie zum Soundtrack amerikanischer Großstadt gehören. Kaum betritt man Butcher & Singer ist man in einer anderen Welt. Die Maître D’ begrüßt uns mit einem freundlichen Lächeln. Nicht zu aufdringlich, nicht zu aufgesetzt. Sie freut sich wirklich uns zu sehen – so kommt es einem vor. Sie führt uns durch einen großen Saal zu unserem Tisch. Zu dieser frühen Abendstunde sind erst wenige Tische besetzt, aber man kommt sich nicht vor, als sei man zu Unzeiten eingedrungen. Der Betrieb ist nicht am Anlaufen, er läuft bereits wie geschmiert. Nirgendwo sieht man einen Kellner oder einen Koch gähnen, sich insgeheim über die zu frühen Gäste ärgernd. Die Tageszeit verliert in diesem Saal ihre Macht. Die Decke ist sehr hoch und wird von marmorbestückten Säulen getragen. Die Fenster sind hoch wie in einer Kirche. Sie sind weiß, man sieht nicht hinaus, aber sie leuchten hell. Der Saal ist ins genau richtige Licht getaucht, ebenfalls wie eine Kirche, nicht zu düster, aber gemütlich dunkel. Es könnte sich auch um einen gehobenen Londoner Gentlemen’s Club handeln. Der Saal ist aber nicht mit Ledersesseln bestückt, sonder mit weißgedeckten, runden Tischen. Die Tische sind groß, großzügig mit jeweils nur vier Stühlen und Gedecken – es würden auch sechs Personen an einen Tisch passen. Der Kellner begrüßt uns, wie in Amerika üblich, mit seinem Namen. Er heißt Jake und man merkt nicht, ob es ihm heute gut oder schlecht geht, denn er ist ein Schauspieler. Er spielt die Rolle des perfekten Kellners und er spielt sie perfekt. Wir bestellen einen Salat mit Meeresfrüchten, ein Steak und gebratenen Blumenkohl. Wir teilen alles, denn die Portionen sind natürlich groß. Es wird uns anstandslos auf zwei Tellern serviert. Natürlich schmeckt alles hervorragend, das Steak schmilzt einem auf der Zunge. Nach dem Essen hat man Lust noch sitzen zu bleiben, um einen Kaffee zu trinken oder lieber noch einen Whisky.

Comments

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.