Barcelona, 16. März 2019

Sehr früh aufgestanden; zum Bahnhof Atocha gefahren. Der Taxifahrer war wieder einmal Andrés; wieder hat er sich die ganze Fahrt lang über Uber und die Bananenrepublik Spanien, welche diesen Piraten keinen Riegel vorschiebt, ausgelassen. Am Ziel haben wir beschlossen, das nächste Mal über etwas Angenehmeres zu sprechen. Dann mit dem 0620 AVE nach Barcelona.

Lektüre im Zug: Zuerst Bostroms Essay-Sammlung zur Zukunft der Menschheit fertig gelesen. Der letzte Aufsatz zur Frage, ob wir in der realen Welt oder einer Computersimulation leben. Die Schlussfolgerung (verkürzt) lautet: Vermutlich in einer Computersimulation. Die Argumentation: Wenn fortgeschrittene Zivilisationen üblicherweise das Stadium erreichen, in dem “Ahnensimulationen” (also Simulationen des menschlichen Lebens vor der posthumanen Ära) möglich sind, ist es statistisch sehr viel wahrscheinlicher, dass wir in einer solchen leben, als in der “ersten Realität”. Falls wir in der “ersten Realität” leben, ist es wahrscheinlich, dass unsere Zivilisation untergehen wird, bevor wir das posthumane Zeitalter erreichen (weil es eben sonst sehr unwahrscheinlich wäre, dass wir in der “ersten Realität” lebten). Das ist alles recht logisch. Das Argument scheitert meiner Meinung nach nur daran, dass statistisch gesehen auch die Annahme, dass die Wahrheit hinter unserer Realität genau so aussehen würde, als entstamme sie der Welt, die wir in diesen Jahren am Aufbauen im Begriff sind, ebenfalls ein unglaublicher Zufall wäre. Also: Computersimulationen sind jetzt aktuell, also leben wir in einer. Das hört sich sehr nach “die Erde ist auf einer Schildkröte, (weil es bei uns im Sumpf viele Schildkröten gibt)” an.

Nachher weiter in der EJ-Biographie. Ich stecke im Dritten Reich fest, noch vor dem Krieg, obwohl ich schon weit über die Mitte des Buches hinaus bin (und es ja ein Jahrhundertleben, 1895 bis 1998, beschreibt). Der braune Sumpf fordert seinen Tribut an Seiten und auch an meiner Geduld. Viel “konservative Revolution” und “nationalistischen Eifer” vertrage ich nicht mehr, und das obwohl EJ’s “innere Emigration” bereits begonnen hat. Vor allem am frühen Morgen im Zug drücken diese Jahre aufs Gemüt. Ich werde die Kriegsjahre wohl überfliegen. Ich kenne sie ja bereits aus den Tagebüchern. Die Depression. Die Lektüre und die Philosophie, die Kunst und die Natur, die darüber hinweggeholfen haben. Ich merke aber beim Lesen, wie sehr die ruhige und zurückgezogene zweite Lebenshälfte von den beiden Kriegen aber auch den Irrtümern, denen EJ dazwischen erlegen ist, geprägt war. Wieso hatte er, fragte ich mich oft, das Wunder der Bundesrepublik nach der totalen Zerstörung nie würdigen können? Er war nach dem Erlebten dazu psychologisch nicht mehr fähig.

Draußen das leere Spanien. Am weiten, orange leuchtenden Horizont stehen klein wie Blumen die riesigen Windräder.

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