Madrid, 13. März 2019

Das allnächtliche Abtauchen ins Unterbewusste sieht zum Beispiel so aus: Ich befinde mich in einem altmodischen Supermarkt aus den achtziger Jahren. Die Kassen befinden sich im Erdgeschoss; merkwürdigerweise sitzen nur Männer hinter denselben. In der Mitte des Raumes eine Rolltreppe, die in den Keller führt, von wo herauf das weiche Licht der schlarafenland-ähnlichen Ladenfläche lockt. Ich stelle mich auf die Rolltreppe und lasse mich hinuntertragen. – Das Unterbewusstsein als großer Laden wo man mit allen Produkten des täglichen Bedarfs eingedeckt wird. Man kauft und konsumiert, ohne sich darüber bewusst zu sein. Nur wer die nötigen Anstrengungen unternimmt, vermag die Produkte aus dem Supermarkt an die Oberfläche zu tragen. Dort, im Tageslicht, kann man das im Unterbewussten erworbene dann in aller Ruhe betrachten.

Am Morgen lese ich in der Bar “Amigos”. Zunächst einige Figuren und Capriccios aus dem “Abenteuerlichen Herzen” (EJ). Dann beginne ich mit der Lektüre eines neues Essay in “Die Zukunft der Menschheit” (Nick Bostrom). Es handelt sich um eine Diskussion zum Transhumanismus und der Menschenwürde. Das Argument, ob bei der Ausschaltung aller menschlicher Schmerzen (körperlich und psychisch), das Leben als Weg und Prüfung und Vorbereitung (auf etwas Unbekanntes, dass auch ein Nichts sein könnte) nicht seinen Wert verlöre, wird nicht besprochen. Natürlich fehlt dafür die wissenschaftliche Basis. Nur wenn man solche Fragen außerhalb der Fakultäten bespricht, kann auch der Mythos und die Mystik mit einfließen, ohne dabei aber die wissenschaftlichen Erkenntnisse zu vernachlässigen. Zwei Seiten derselben Münze. – Während ich lese, rieseln vom Fernseher an der Wand hoch über mir die Aktualitäten des Tages auf mich herab (im “Amigos” plärrt der Fernseher ausnahmsweise nicht): bald sind Wahlen; Zirkus in Katalonien. Unwichtiges, zumindest im Lichte der Prognosen Bostroms, der die Gefahr, dass ein katastrophales Ereignis noch vor dem Ende dieses Jahrhunderts den Kurs der menschlichen Zivilisation entgleisen wird, auf nicht weniger als 25% einschätzt. Rechts steht ein Glückspielkasten; ein Relikt aus den neunziger Jahren oder aus noch früherer Zeit. Aus seinem Inneren fordert eine weibliche Stimme zum Spiel auf; dazu Melodien und Geräusche wie aus einem “Spielsalon”. So nannte man die dunklen und in schlechtem Ruf stehenden Höhlen, in denen ebensolche Melodien und Stimmen einen Geräuschteppich bildeten, der das Gefühl einer abgeschlossenen, vom Alltag gänzlich getrennten Welt entstehen ließ. In St. Gallen gab es das “American”, das “Papillon” und einen anderen an der Bahnhofstraße, der ganz in italienischer Hand war und deshalb als gefährlich galt. Zurück im “Amigos”: das verlockende Brummen der Kaffeemaschine, während der schwarze Doppelstrahl in die Tassen fließt; das heftige Ausklopfen des Kaffeesatzes; das pfeifende Braußen des Dampfhähnchens in der Milchkanne. Stimmen. Kurze Gespräche bevor man das Tagwerk in Angriff nimmt: Fussball (der Atleti ist ausgeschieden), Wahlen, Arbeit, wie geht’s den Kindern?

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