Mein Hotel preist sich als „im Zentrum des Trendquartiers Neu-Kölln“ gelegen an – eigentlich aber ist es eher abgelegen. Südberliner Niemandsland. So kommt es mir zumindest vor. Das “trendige” Neu-Kölln liegt zu Fuss mindestens eine halbe Stunde weiter nördlich. Zumindest das Neukölln, das ich kenne. Berlin verändert sich schnell und ich mag mich in nächster Nähe von dies oder jenem befinden, ohne davon Kenntnis zu haben. Die Straßenzüge sind hier typisch berlinerisch. Die Menschen auf der Straße bunt gemischt, was nicht nur heißt aller Hautfarben, sondern auch aller Lebenskonzepte. Yuppies und Hippsters (beide Begriffe sind wohl passé, beschreiben aber zwei dominierende Typen von Berlin-Neuzuzüglern recht gut) fehlen allerdings. Die wären wohl weiter nördlich zu finden. Viele Kopftücher. Man hört allerorten arabisch-türkisch beeinflusstes Neudeutsch, dieser Akzent, der das alte Berlinerisch verdrängt hat.

Nach der Arbeit fuhr ich zu Dussmann, in der Absicht einige zeitgenössische Romane zu erstehen. So saß ich bald mit einem Stapel Bücher (es müssen an die zehn gewesen sein) in einem dieser Lesesessel, die seit zehn oder fünfzehn Jahren zu jeder Buchhandlung gehören (früher, z.B. im alten Rösslitor, musste man noch auf Leitern Platz nehmen). Leider stand kein Tischchen zur Verfüng, so dass der Stapel auf meinen Oberschenkeln wackelte. Einmal fiel er mir gar auf den Boden. Ich blättere durch die Bücher, wurde aber zunehmend unsicherer. Will ich mich wirklich mit Zeitgenössischem beschäftigen? So viele historische Lücken, so viele noch ungelesene Klassiker. Schlußendlich – und ohne wirklich eine Entscheidung getroffen zu haben – wurde mir das ganze zuviel. Ich ging nochmals zu den Klassikern und stieß zufällig auf eine Ernst Jünger Biographie, die ich mir kaufte. Zudem “Die Zukunft der Menschheit” des Oxford-Philosophen Nick Bostrom. In Zweiterem las ich in der S-Bahn und später in einem gemütlichen griechischen Restaurant bei schlechtem Licht. In Ersterem im Hotelzimmer. Leider war ich wegen des Ouzo, der mir mit der Rechnung angeboten wurde, etwas zu müde und schlief bald ein. – Die Entscheidung, ob ich doch noch ein paar zeitgenössische Romane kaufen werde, steht noch aus.

Comments

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.