Immer noch sonniges Wetter. Nachts kalt, tagsüber für die Jahreszeit recht warm. Pollenallergien machen Vielen zu schaffen – die Luft bedarf eines reinigenden Regenfalls.

Am Morgen lese ich jetzt das letzte Tagebuch von Ernst Jünger (“Siebzig Verweht V”), geschrieben zwischen seinem fünfundneunzigsten und hundertsten Geburtstag. Er denkt öfters über den Tod nach, der ihm keine Angst zu machen scheint. Er sieht ihn mehr als Formübergang denn als Ende. “Der Tote kam in seiner wesentlichen Existenz, die wir nicht mehr oder nur in höchst seltenen Fällen wahrnehmen.” Toten kann man so im Tiefschlaf begegnen, oder in Extremzuständen: Trauer, Angst, Einsamkeit.

Ich lese auch eine Erzählung von Paul Nizon, wohl meinem Lieblingsschriftsteller unter den Lebenden. Er wird dieses Jahr neunzig. “Untertauchen. Protokoll einer Reise.” Es geht um den endgültigen Abschied des Autors aus der bürgerlichen Welt. Er verlässt Frau, Kinder, die NZZ, wo er arbeitete. Alles wegen einer gewissen Antonia, einer Tänzerin in einem Nachtclub in Francos Barcelona. “Und ich dachte ans Reisen. ‘Reisen als Rezept’ schrieb ich über mein Blatt, und dann schrieb ich bis spät in die Nacht, ohne das Geschriebene nachzulesen, nur begierig, diesen Zustand von Verlieren und Haben, ohne zu besitzen, diesen harmlosen Zustand – Untertauchen, um endlich vorhanden zu sein.” (Erlebt 1962, aufgeschrieben zehn Jahre später.)

Während ich am Morgen, vor der Arbeit oder wenn ich etwas downtime habe, also Stillstandszeiten, Geschichten und Tagebücher lese, versuche ich am Abend noch in einem Werk zu lesen, dass mehr Konzentration und Zeit erfordert, am liebsten Historisches oder Klassisches. Gestern begann ich mit einem Buch über die Französische Revolution. Kann ein Volksaufstand je gut gehen, sich nicht in ein Terrorregime verwandeln? Die Geschichte verneint dies – mit ein paar Ausnahmen. Volksaufstände können funktionieren, wenn ein großer, etablierter, wohlhabender Bruder das Volk bei der Hand nimmt. Helmut Kohls Bundesrepublik zum Beispiel. Meist aber spielt sich irgendein Verrückter zum großen Bruder auf: Robbespierre, Stalin, Pol Pot, Mao. Dass Kuba, verglichen zu den Schreckensherrschaften dieser Gestalten, so gut funktioniert, scheint einem kleinen Wunder gleichzukommen. Vielleicht lag es an der Figur Fidels.

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