Estland 3

Gegen neun Uhr an einem Samstagmorgen sitze ich in einem Café an der Rüütli-Straße in Tartu. (Rüütli heißt Ritter.)

Gestern sind wir bis in die frühen Morgenstunden in der Stube gesessen. Um zehn Uhr traf Kristina aus Tallinn kommend mit zwei weiteren Gästen im Schlepptau ein. Ich hatte sie seit vielen Jahren nicht mehr gesehen. Sie hat sich überhaupt nicht verändert, außer dass Sie jetzt Rektorin einer Universität und Politikerin ist. Ich würde sie bedenkenlos wählen. Sie sieht Politik als Dienstleistung am Land, am Ort, an dem man lebt, den man mitgestaltet. Politik ist zivilisiert hier in Estland – im Gegensatz zu Spanien, wo die Lager sich bitterfeind sind. Der große Feind kam und kommt in Estland von außen: Die Bedrohung aus Russland vereint das Land. In Spanien saß und sitzt der Feind im eigenen Land; Politik wird zum Kampf um Ressourcen.

Wir sprachen unter anderem über Infrastruktur. In Estland ist der öffentliche Verkehr billig und stark subventioniert. Dies hängt auch damit zusammen, dass Estland es sich nicht leisten kann, dass Tallinn zum Wasserkopf wird und sich Teile des Landes, vor allem der Osten, entvölkern. Die weiten Wälder an der Grenze zu Russland müssen bewohnt sein. „Sonst verteidigt niemand unser Land, wenn die Russen wieder angreifen“, sagt Kristina. Zum Zwecke der Verteidung der eigenen Stadt und der eigenen Region existiert hier neben der regulären Armee eine große, territoriale Milizarmee, deren Truppen auf die Verteidigung der eigenen Stadt und Region spezialisiert sind. Es überrascht mich zu hören, dass ein russischer Angriff hier eine echte Sorge ist. Aber die Estländer haben ihre Geschichte; und die Bedrohnung ist real. Nur die NATO verhindert eine erneute Okupation. Und natürlich ist die NATO-Stabilität relativ. (Oft lassen wir uns von der angeblichen Stabilität täuschen, da unser Leben schneller dahinfliesst, als die Verhältnisse sich verändern. Zumindest in ruhigen Zeiten. Doch hat man immer öfters das Gefühl, dass der Lauf der Dinge an Tempo zunimmt. Die rasende Technologie bringt die Welt auf Trab, so dass sie sich immer schneller dreht; schneller als unser Leben.)

Gestern waren wir in einer russischen Sauna. Sie wurde zu Sowjetzeiten gebaut; unterdessen hat man sie renoviert. Es gibt Badehäusern, wie man auf Russisch sagt: eins für Männer und das andere für Frauen. Die Männeranlage besteht aus einer Umkleidekabine, aus einem großen Waschraum und natürlich aus der Sauna, die im Vergleich zum Waschraum nicht sehr groß ist. Sie besteht aus Holzbänken auf drei Stufen. Höchstens ein Dutzend Männer haben darin Platz. Der Waschraum, ein hoher, rechteckiger Raum ist viel größer, fast so gross wie eine kleine Turnhalle. Auf der einen Seiten befinden sich die Duschen, welche durch Abschrankungen voneinander getrennt, aber nach hinten offen sind. Ansonsten stehen im ganzen Saal Steinbänke, welche je zwei Personen Platz bieten. Sie sind regelmäßig über den ganzen Raum verteilit wie Schulbänke. Ich habe sie nicht gezählt, aber es sind ungefähr vier in der Breite und zwölf in der Länge. In der Umkleidekabine erhält jeder Besucher ein Waschbecken. In dieses legt man Seife, Schwamm, Rasiermesser und so weiter und stellt es dann auf eine freie Bank im Waschraum. Viele Männer haben auch getrocknete Birkenäste dabei, mit denen sie sich in der Saune auf die Haut schlagen. Sie peitschen auf die eigenen Arme, Beine, den Rücken und den Bauch. Sitzt man neben jemandem, der sich gerade mit den Birkenästen bearbeitet, wird man von einem heißen Luftstorm erfasst, der fast nicht auszuhalten ist. Überhaupt ist die Sauna feuchter und heißer, als moderne Saunen, wie man sie aus Fitnesszentren kennt. Ich schätzte die Temperatur auf mindestens 120 Grad; sie fühlte sich viel heißer an, als eine typische 100-Grad-Sauna. Die Birkenäste, so erklärt mir Kristina, die halbe Russin ist, schneidet man im Frühling vom Baum und lässt sie im Sommer an der Sonne trocknen, so dass sie im Winter für die Sauna bereit sind. Solche Saunas sind eine russische Tradition. Diejenige, die wir besuchten steht in einem ärmlichen Quartier der Stadt, mit alten Blöcken. Viele Russen wohnen hier. In der Saune hörte man Russisch und Estländisch ungefähr zu gleichen Teilen.

Nach mehreren Saunagängen wäscht und rasiert man sich im Waschraum. Man füllt das Becken mit heißem Wasser, setzt sich auf eine Steinbank und seift sich gemächlich von oben bis unten ein. Dabei widmet man jedem Körperteil große Aufmerksamkeit. Jeder Finger wird einzel eingerieben. Manche Männer sitzten den ganzen Körper voller Seifenschaum auf der Bank. Alles geht sehr gemächlich vor sich. Es wird kaum gesprochen. Ab und zu fällt ein Wort; oder man nickt einem Bekannten zu. Man sieht viele Männer einfach nur auf der warmen Bank sitzen, den Blick auf den Boden oder ins Leere gerichtet. Die Lebenszeit bleibt hier drin stehen. Der Alltag bleibt draussen.

Natürlich sind alle nackt. Man trägt auch kein Tuch um die Hüften, wenn man langsam zur Saune oder zur Dusche geht. Auch die Obsession der Fitnesssaunen, alle Sitzflächen mit einem Tuch abdecken zu müssen, kennt man hier nicht. Man setzt sich nackt auf die Bank, und in der Sauna auch aufs Holz, obwohl dieses so heißt ist, dass nur die alten Russen und Estländer es aushalten. Man sieht allerlei Körper und gewöhnt sich schnell an die vom Leben gezeichneten Füße, die hängenden Bäuche oder die haarigen Schultern. Jeder Saunabesucher wird zum Tier.

Im Waschraum wird kaum gesprochen, aber draussen in der Umkleidekabine sitzen die Männer immer noch nackt in Gruppen zusammen. Sie diskutieren auf Russisch und Estländisch und lachen. Man trinkt Bier aus großen Dosen. Mancher hat drei, vier oder fünf Dosen mitgebracht. Mir gegenüber packt ein alter Russe einen getrockneten Fisch aus. Er reißt kleine Stücke ab und stopft sie sich in den Mund. Natürlich spült er das ganze mit Bier hinunter.

Nachdem ich Obiges geschrieben hatte, auf dem Rückweg vom Café, traf ich Kristina, die unterwegs zu einer offiziellen Zeremonie war, an welcher teilzunehmen sie der Manager der Wahlkampagne gemahnt hatte. Ich begleitete sie. Es handelte sich um ein Treffen in einem Park am Fluss. Beim Denkmal eines estländischen Helden – einem großen, starken Mann mit nacktem Oberkörper und Schwert – standen zwei Soldaten in Paradeuniform; auf der Seite standen patriotische Studentenverbindungen mit Fahnen und davor eine kleine Gruppe von Politikern, Parteipräsidenten, Militärs usw. Man gedachte einem hundertjährigen Friedensvertrag mit dem bolschwistischen Russland. Die Nationalhymne wurde gespielt (und etwas zöglich auch gesungen), Kränze wurden abgelegt, Reden wurden gehalten. Ich machte ein paar Fotos von den Parteivertretern von Eesti 200 vor dem Denkmal.

Später wieder Sauna. Dieses Mal handelt es sich um ein Hausboot im Fluss, welches zur Sauna umgebaut wurde. Adrian hatte sie gemietet. Wir waren zu viert, spielten Backgammon, tranken Bier, gingen in die Saune und kletterten danach durch ein Loch im Eis in den zugefrorenen Fluss.

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