Was gibt es Gemütlicheres als im Winter in einem schönen Haus zu sitzen und Tagebuch zu schreiben, einige Arbeiten zu erledigen und Kaffee zu trinken? Im Ofen, einer Art Kachelofen, der in die Wand eingelassen ist, brennt das Feuer; über mir bläst die Klimaanlage warme Luft auf mich herunter; im Garten vor dem Fenster liegt viel Schnee. Da vorgestern die Kaffeemaschine kaputt gegangen ist, habe ich den Kaffee auf alte polnische Art gebraut. Zu kommunistischen Zeiten – so erklärte mir Adrian – machte man in Polen den Kaffee so, dass man Kaffeepulver im heißen Wasser ziehen ließ, darauf wartete, bis das Pulver sich am Tassenboden setzte und den Kaffee dann vorsichtig trank. Ich habe zusätzlich noch ein Küchensieb benutzt, um den Kaffee in eine zweite Tasse zu leeren und den gemahlenen Kaffee rauszusieben, aber ich glaube das war ein Fehler, da er nun beim Trinken nicht mehr weiter zieht und etwas wässrig geworden ist.
Gestern fuhren wir mit der Bahn von Tallinn nach Tartu. In dem modernen Bähnchen, das aus kleinen, kompakten „Regionalbahnwagen“ besteht („Ostwind“…), dauert die 200-Kilometer-Fahrt zwei Stunden. In der ersten Klasse kostet sie fünfzehn Euro. Sie führt durch unendliche, schneebedeckte Tannenwälder. Manchmal lichtet sich der Wald und man sieht ein paar Häuser mit rauchenden Schornsteinen. Die Infrastruktur ist überall modern und neu. Estland ist wie Finnland eines der erfolgreichsten Länder Europas. Weshalb? Weshalb muss man, sobald man südlich die Grenze nach Lettland überquert, in eine Lotterbahn umsteigen? Wieso gibt es hier, im Gegensatz zu anderen aus der Sowjetunion entlassenen Ländern, weder Kriminalität noch Korruption? (Man kommt sich hier wie in einer alten Schweiz vor – wie sie vor Jahrzehnten existiert haben mochte, als noch unfreundliche Grenzwächter ihre Arbeit taten und die Winter noch Winter waren – eine alte, idyllische Schweiz, die schadlos in moderne Zeiten katapultiert wurde.) Der Banker von gestern erklärt sich das durch die hervorragende estländische Genetik … Das ist wohl heute keine sehr populäre Theorie mehr. Adrian meinte, dass Estland erfolgreicher sei, als seine südlichen Nachbarn, da es atheistisch sei (nur sechs Prozent der Bevölkerung gehören einer lutherianischen Kirche an), im Gegensatz zu den Katholiken im Süden. Diese Erklärung ist vermutlich nicht ganz falsch. Protestanten sind fast überall erfolgreicher als Katholiken. Max Webers Protestantische Ethik erklärt sich dies durch die Weltbezogenheit der Protestanten, im Gegensatz zu den vom Jenseite (Himmel oder Hölle) träumenden Katholiken . Und vielleicht ist ja die „genetische Erklärung“ doch nicht ganz falsch: Die Estländer sind ein kaltblütiges finnougrisches Volk, während im Süden bereits das heißere slawische Blut waltet. (Adrian erklärte mir übrigens, dass es jenseits der Ostgrenze noch viele andere finnougrische Völker existierten, welche aber das Pech hätten, in Russland zu wohnen und nie zu eigenen Staaten geworden wären. Wikipedia bestätigt dies.)

Tartu ist ein schönes Städtchen mit 90’000 Einwohnern, dass einem aber viel kleiner vorkommt als St. Gallen. Es hat eine renovierte Altstadt, viele Neubauten, da die Rote Armee die von den Nazis besetzte Stadt bomardierte, und kleine Häuschen, wie dieses, in dem ich nun sitze. – Die Kinder sind alleine aufgestanden und zur Schule spaziert, welche natürlich gleich um die Ecke liegt. Von Adrian keine Spur – er ist vielleicht im Büro. Kristina, die Präsidentin einer neuen Partei ist (und wenn bei den Wahlen im März alles nach Plan geht, ins Parlament und die Regierung einziehen wird – man sagt, sie werde Erziehungsministerin, oder sonst Oppositionsführerin), ist auf dem Hauptquartier der Partei in Tallinn. – Ich muss noch erwähnen, dass ich gestern eine Wurst aß, welche ein befreundeter Jäger gemacht hat. Sie besteht aus Elch- und Biberfleisch. Auch einen Bär hatte er gejagt, aber Adrian war nicht sicher, ob der mit in die Wurst eingearbeitet wurde.

Lektüre: Ich habe gestern im „Three-Body Problem weitergelesen“ und über Technospiritualismus und Religion nachgedacht – dazu vielleicht später mehr. Ich habe mir auch ein interessantes Buch von Adrian angeschaut: „Iban Fadlan in the Land of Darkness“ – der Bericht eines arabischen Reisenden, der zur Jahrtausendwende den Wikingern begegnete.

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