BJJ

Gestern nach langer Zeit des Zögerns zum ersten Mal eine BJJ-Klasse in der DK Team-Akademie in Alcorcón besucht. Die Akademie in Batán hatte mir durchaus gefallen, aber wer will schon am Abend nochmals auf die Metro, wenn man eine Akademie gleich um die Ecke hat? Im DK Team geht es rauer zu und her als bei IAM; es wird dort auch geboxt, man trainiert MMA, viele Studenten nehmen an Wettkämpfen teil. Die Akademie liegt in einer sogenannten nave, einer Blechhalle im Industriequartier. Auf dem Weg dorthin erblickte ich eine andere nave, die mein Interesse regte: Einen Ort, wo man sich eine Werkbank und die entsprechenden Werkzeuge mieten kann, um an einem eigenen Projekt zu arbeiten, um sich zum Beispiel ein Möbel zu bauen. Da würde ich gerne einmal mit Peps hin, vielleicht um mir ein Büchergestell zu zimmern. Eine tolle Sache, wenn man in einer Wohnung wohnt und über keine Werkbank in der Garage oder im Keller verfügt. Dann kam ich zur Halle, derentwegen ich in die Kälte hinausgegangen war. Dunkel lag sie da, hinter einem einzigen Fenster schimmerte ein Licht. Drin waren Schläge auf Säcke und Polster zu hören, wie sie für einen Ort, wo man den Kampf trainiert, üblich sind. Ich trat ein, wechselte ein paar Worte mit der kleinen Person an der Rezeption und erhielt gleich einen Sack mit einem schwarzen BJJ-Kimono drin in die Hand gedrückt. Ich zog mich um und gesellte mich zur kleinen Gruppe auf der Matte. Der maestro heißt Sergio. Ein echter Kämpfer, das sah ich gleich an seinen Blumenkohlohren, wie man auf Englisch sagt (cauliflower ears): zerdrückte und auch permanent geschwollene Ohren. Wenn man auf der Straße einen Kampf anzetteln will, soll man sich vor Menschen mit Blumenkohlohren fernhalten! Aus einem Musikturm ertönte recht laut amerikanischer Hip Hop. Im hinteren Teil der Halle wurde geboxt. Im oberen Stock, einer Art Mezzanin, stand ein Ring. Auch dort wurde geboxt. Dahinter an der Wand hing die spanische Fahne, und daneben, wie in allen BJJ-Akademien üblich, die brasilianische, denn BJJ kommt aus Brasilien. Die Klasse lief so ab, dass wir uns zuerst warm machten (ungefähr 10 Minuten), dann bestimmte Griffe und Positionen übten (50 Minuten), und zum Abschluss „rollten“, sprich kämpften, immer mit wechselnden Partnern, fünf Minuten „rolling“, eine Minute Pause (das Ganze dauerte nochmals 30 Minuten). Ich war erstens der Älteste in der Klasse und zweitens derjenige mit der geringsten Erfahrung. Zumindest bin ich groß, doch die Größe hatte gegen BJJ-Technik wenig Chancen. Ich wurde eins nach dem anderen Mal ausgetappt, sprich, dass meine Opponenten mich in eine Position rangen, in welcher sie mir entweder die Blutzufuhr zum Gehirn hätten abschneiden oder einen Arm hätten ausrenken können. Beim letzten Kampf war ich ziemlich am Ende meiner Kräfte. Trotzdem gefiel mir die Sache gut, so dass ich beschlossen habe, an diese Akademie zu wechseln, die viel näher liegt

Noch ein paar Gedanken zur Lektüre, zu der ich gestern wenig Zeit hatte, so dass sowohl die Bibel als auch das Lektürenbuch unangetastet blieben. Heute Morgen dann aber im Seume gelesen. Sein Reisebericht, der jetzt über zweihundert Jahre alt ist, ist ungewöhnlich, zumindest für den modernen Leser. Er schreibt sprunghaft, lässt vieles aus, um dann aber anderes in großer Detailtreue zu beschreiben. Gerade war er in Wien, das ihm orthodox und stocksteif vorgekommen ist. Noch über hundert Jahre lang sollte im katholisch-kaiserlichen Habsburgerreich alles dem Kaiser und seinem Beamtenstaat unterstellt bleiben, der peinlichst auf die Einhaltung der Sitten und des rechten Denkens achtete. Es schien kaum Bewegung im Lande zu sein, weshalb sich dann mit dem Ersten Weltkrieg alles sang- und klanglos auflöse, wie ein langer Traum, der sich kurz vor dem Aufwachen noch in einen kurzen aber intensiven Alptraum hineinsteigert, dann verpufft, sobald man die Augen aufschlägt. Darüber habe ich ja in den Büchern von Joseph Roth gelesen. Von Wien aus zieht Seume weiter nach Graz durch die Steiermark, wo es von Räubern und Wegelagerern nur so wimmeln soll. Sein Begleiter entschließt sich, ob all der Berichte über die Gefährlichkeit des Weges, die Reise abzubrechen. Er ist Familienvater und kann sich den Tod nicht leisten. Seume, nur sich selbst gegenüber verantwortlich, lässt sich nicht abschrecken. Sein Vater, ein Bauer mit eigenem Gehöft, hatte in einer Wirtschaftskrise alles verloren und starb dann früh. Die Familie war arm. Seume war aber mit viel Talent und Intelligenz gesegnet, weshalb er dank der Sponsorschaft eines Adeligen gute Schulen besuchen durfte. Dann wurde er aber zum Studium der Theologie gezwungen, das Interesse an derselben er sich aber durch die Lektüre von aufklärerischen Autoren verdarb. Er brannte durch, fiel unzimperlichen Soldatenwerbern in die Hände und wurde an die britische Armee verkauft, die ihn zur Bekämpfung der amerikanischen Revolutionäre nach Halifax verschiffte. Später diente er einem russischen General im besetzen Polen. Der „Spaziergang“ nach Sizilien war also das erste Unternehmen, das er ganz aus freien Stücken unternahm und er ließ es sich von niemandem verderben. Lieber Räubern in die Hände fallen, als die Reise abzubrechen. Was hatte er schon zu verlieren? Seinen Homer und ein paar andere Bücher, nicht mehr. – Er schaffte es problemlos nach Graz. Unterwegs begegnet er vielen vom vor Kurzem beendeten Krieg mit Napoleon heimkehrenden Soldaten, die sich in den Wirtshäusern der Steiermark betranken, immer bereit, einen Streit vom Zaum zu brechen.

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