Hermeneutik

Nochmals zum Kapitel Die Fehlende erste Seite im Manguel (Eine Geschichte des Lesens). Im zweiten Teil dieses Kapitels geht es um Kafka. Dieser steht in verborgener Verwandtschaft mit den Talmudisten. Der Talmudist, der sich sein ganzes Leben lang mit der Thora beschäftigt, ohne je an ein Ende zu gelangen. „Die aschkenasische Richtung in Frankreich, Polen und den deutschen Ländern analysiert jede Zeile und jedes Wort, um ihre Bedeutung möglichst umfassend auszuschöpfen. Dieser Tradition gehört Kafka an.“ Er liest Goethe, Mann, Hesse, Dickens, Flaubert, Kierkegaard und Dostojewski. „Wie ein Talmugelehrter, der sich von Auslegung zu Auslegung arbeitet, träumte er sich vom Urtext fort, um sich immer tiefer in ihn zu versenken.“ In einem Brief schrieb der Prager Schriftsteller: „Ein Buch muss die Axt sein, für das gefrorene Meer in uns. Das glaube ich.“

Der Text als Spiegel unser selbst – und da die Seele nie in ihrer Gänze erfasst werden kann, dringt man auch im Text stets in neue Tiefen vor. Jede Leseart ist also ein persönliches Unternehmen. Trotzdem stoßen wir dort, wo das kollektive Unbewusste am Werk ist, auch auf Gemeinsames. So wird die Textauslegung, das Lesen überhaupt, auch in einer von Algorithmen gesteuerten Welt, eine Domäne des Menschen bleiben.

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