Sanse

Gestern habe ich mich in letzter Minute dafür entschieden, den Sanse nicht zu laufen, sondern mit Paul in die Stadt zu fahren, um dem Sylvesterlauf als Zuschauer beizuwohnen. Es war als magisches Erlebnis für ihn gedacht – und dazu wurde es auch. Wir nahmen den Bus ins Zentrum und spazierten von Principe Pío bis zum Paseo del Prado. Es war ein warmer Tag. An der Sonne zogen wir die Jacke aus. Wir setzten uns in eine Cafeteria, tranken einen koffeinfreien con leche und einen Smoothie und warteten auf die ersten Runner. Als es dann soweit war, stellten wir uns genau gegenüber des Prados auf. Es war schnell kalt geworden. Lichter, Läufer, Lärm. Gegenüber die mächtigen Säulen des großen Museums. Tausende von Läufern zogen an uns vorbei. Normalerweise gehöre ich zu diesen Läufern und fand es merkwürdig, wie anders dieser Ort sich gestern anfühlte. Das Klopfen des Herzens, das Fieberhafte, das Mitlaufen in der Masse – dies alles fehlte. Die Perspektive ist das alles Entscheidende. – Das neue Jahr hatten wir dann wie immer auf spanisch begrüßt: mit zwölf Trauben.

Den ersten Morgen des Jahres mit Kaffee, Lektüre und Notizbuch verbracht, später das Neujahrskonzert aus Wien. Comme il faut.

Auch Gedanken zur Hypermodernität. Sie ist eine Zeit des totalen Angebots, des regelrechten Bombardements mit Dingen, Produkten, Eindrücken, Geschichten, real und digital, wertvoll und wertlos. Der Mensch hat die Kontrolle über das totale Angebot verloren, und zwar sowohl als Produzent wie auch als Konsument – die meisten von uns erfüllen gezwungenermassen beide Rollen. So treiben wir im Fluss der Dinge dem Ende entgegen. Mit uns fließt auch immer mehr Müll. Vieles ist bereits zum Zeitpunkt seiner Konzeption Müll; Müll als Nebenprodukt; alles wird einmal zu Müll. – Der Lauf dieses Kanals scheint nicht mehr verlegbar. Systeme und Maschinen mächtiger als Regierungen sind am Werke, vielleicht sogar mächtiger als der kollektive Wille.

Auch an Sam Harris Jordan Peterson Kritik gedacht: Tatsächlich kann man jeden Text, sogar einen bürokratischen oder absurden, allegorisch interpretieren. Auf tausend Arten. So gesehen kann die Exegese nie zu reproduzierbaren Resultaten gelangen. Sie muss immer subjektiv bleiben, auch wenn andere von ihre profitieren können. Im Gegenteil dazu die Wissenschaft, die sich um Tatsachen kümmert. Wir sprechen also von zwei Gebieten, die sich kaum verstehen. Deshalb stimme ich Harris zu: Natürlich ist Petersons psychologische Bibelauslegung keine Wissenschaft. Aber dieser Einwand ist eigentlich bedeutungslos. Er sagt nichts über den Nutzen von Petersons Arbeit aus. Es ist wie zu sagen: Dostojewskis Idiot „ist falsch“ – er hat nie existiert. Diese Aussage stimmt, ist aber bedeutungslos. (Ich verfolge die Gespräche der beiden nicht mehr, weshalb ich nicht weiß, ob sie zu einem ähnlichen Schluss gekommen sind.) Der Unterschied ist vielleicht der: Der Wissenschaftler versteht die Welt immer besser, je länger er forscht; beim Philosophen ist vielleicht das Gegenteil der Fall. Interessante Gedanken in diese Richtung auch in Eine Geschichte des Lesens. Es geht um Kafka und die Kafka-Forschung – ein ständiges Drehen um Texte und immer wieder wird Neues zutage gefördert.

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