Gestern Morgen gearbeitet, dann ein kurzer Lauf im Polvoranca-Park. Am Nachmittag mit Paul spaziert, schließlich zur Merienda bei Mercedes, Manuel und Sara.

Am Abend in Madrid. Unglaublich viele Menschen bevölkerten das weihnachtlich geschmückte Zentrum. Die letzten Tage des Jahres sind nicht mehr dunkel wie seit eh und je, im Gegenteil: überall strahlt und glitzert es. Dagegen ist nichts einzuwenden. Der leuchtende Weihnachtsbaum war schon immer ein Symbol der Hoffnung in den düsteren, kalten Tagen, in welchen die Natur wie tot ruht und des Wiedererwachens harrt. Der Weihnachtsbaum steht aber heute nicht mehr nur in der Stube, sondern hat den ganzen öffentlichen Raum eingenommen. Die Stadtzentren selbst sind zu riesigen Weihnachtsbäumen geworden. Mit dem Licht im Dunkeln aber haben sie nichts am Hut; im Gegenteil: es dominiert der Lärm, auch der visuelle: leuchtende Plakate, flackernde Großbildschirme; auch Dinge und Sachen: es ist als übergebe sich das System, als ergieße es sich über uns, und als verwechselten wir den unverbaubaren Schleim, der durch unsere Straßen treibt mit einem goldenen Fluss im Garten Eden. – Trotzdem: Ich liebe die Großstadt, die totale Akzeleration; ich liebe es, in dieser einmaligen Zeit zu leben, in der kein Stein auf dem anderen bleibt. Wann hat diese Akzeleration begonnen? Wohl zunächst noch recht gemächlich mit der industriellen Revolution. Der Autor des Krisentagebuchs hat seine Lage 1945, nach der Katastrophe, so beschrieben: „Andererseits wird es immer schwieriger, sich der Anzapfung zu entziehen. Wo die Dinge überhaupt das Maß verlieren, ‚chinesisch‘ werden, liegt einer der möglichen Auswege des Künstlers, der sich weder zum Barden noch zum Märtyrer berufen fühlt, in der Versagung der inneren Anteilnahme unter Wahrung der Zeremonien. Er wird seinen Garten bestellen und Kotau machen.“ – Weder zum Barden noch zum Märtyrer: also weder Lobgesang noch die erhobene Faust. Stattdessen: formale Partizipation und Waldgang.

Schließlich beim Renoir gelandet, wo ich mich für die 22:20-Uhr-Vorstellung von The Guilty entschieden habe. Ein dänischer Thriller. Erstling, low-budget, von der alles-spielt-sich-in-einem-Raum ab Variante. Gut gemacht. Ich mochte den Schauspieler, Jakob Cedergren. Er stellte die unnahbare, harte, aber auch verunsicherte skandinavische Männlichkeit dar. Das Wikingergen, welches gegen die ins Extreme getriebene Zähmung rebelliert. – Über die Rolle des Thrillers nachgedacht: Das emotionale Durchspielen von Extremsituationen. Er kann sogar ein mystisches Erlebnis sein, wie so vieles, dem man sich existentialistisch annähert. Ein Ruf sich bereit zu halten zum Kampf gegen die Kräfte der Dunkelheit. Die innere und die äußere Dunkelheit, welche zwei Seiten derselben Münze sind, was in diesem Film schön gezeigt wurde – recht konventionell zwar, aber gegen das Konventionelle ist nichts einzuwenden, wenn es an der richtigen Stelle gräbt; es hebt so eine Grube aus, einen Kanal, durch den kollektive Emotionen fließen, welche aus tiefer Urzeit zu uns sprechen.

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