Heiliger Abend

Den Vierundzwanzigsten hatten wir angenehm verbracht. Am Morgen im dichten Nebel gelaufen, so dicht, dass man ihn für feinen Regen hielt. Pfützen bildeten sich auf den Straßen. Schon beim Dehnen auf der Plaza Ondareta zeigte sich dann der blaue Himmel über den tiefhängenden Wolken. Später sollte es sehr sonnig werden. Man stand in Gruppen zusammen und trank Bier – es gehört hier zur Tradition sich leicht angetrunken zum großen Weihnachtsschmaus an den Tisch zu setzen. Zum Frühstück kam Gonzalo. Ein erfolgreicher Sohn des Quartiers, ehemaliger Mitschüler von Carol, heute Architekt in London. Er arbeitet für ein bedeutendes Studio, baut keine Einfamilienhäuser sondern große, im Auge der Öffentlichkeit stehende Gebäude, so zum Beispiel zur Zeit eine Erweiterung des Bahnhofs Euston. Er ist ein sehr kultivierter Mensch, obwohl seine Bildung hinter einer stillen Fassade sich versteckt hält. Seine Seele ist die eines klassischen Linken – vor vielen Jahren trafen wir ihn einmal an der damals winzig kleinen, aus ein paar hundert Menschen bestehenden 1. Mai-Demo in Madrid, wo er zwischen roten Fahnen und alten Gewerkschaftlern stand. Heute weiß man nicht, wo er politisch steht; immer noch weit links ahnt man. Aber er weicht entsprechenden Provokationen mit einem Lächeln aus.

Später haben wir auf der Straße einen idealen Arbeitstisch für Paul gefunden. Dann habe ich Hemden gebügelt, zum ersten Mal im Leben. Carol meinte, man solle seine Hemden selber bügeln (außerdem ist der Reinigungsservice hier im Arbeiterquartier, wo, außer vor Hochzeiten, niemand seine Hemden waschen und bügeln lässt, drei oder sogar vier Mal teurer als in gehobenen Quartieren des Stadtzentrums). Tatsächlich ist das Bügeln eine entspannende Angelegenheit.

Am Heiligen Abend, nach unzähligen Vorspeisen, Lamm aus dem Ofen, hausgemachtem Milchreis, Marzipan, Turrón, Polvorones, Rotwein und Kräuterschnaps zur Verdauung (Orujo de Hierba Rua Vieja), im kleinen Stübli mit der Bibellektüre begonnen, während in der großen Stube gegen Mitternacht der Fernseher angestellt wurde, wo soeben das Weihnachtsprogramm begonnen hatte, welches die ganze Nacht lang dauern sollte – sämtliche spanischen Musikstars würden darin auftreten. Leidenschaftliche Töne drangen leise zu mir herüber. Die Bibellektüre von Genesis bis Offenbarung habe ich mir für das neue Jahr vorgenommen.

Zunächst also das Vorwort der deutschen Einheitsübersetzung, überarbeitet im Jahre 2016. Es ist vom jüdischen Volk die Rede. Natürlich: das Alte Testament ist sein heiliges Buch; das Neue Testament ist die Erinnerung an einen Juden. Vor tausenden von Jahren bereits hatten sich die Juden als Gottes erwähltes Volk gesehen – und diese Rolle ist bis heute an ihnen hängen geblieben. Steht nicht Jerusalem im Zentrum des Weltkonfliktes? Jener alte Tempel, der schon in der Bibel eine zentrale Rolle spielte. Hat nicht der Holocaust eine Grenzlinie gezogen, die moderne Weltgeschichte in ein Vorher und ein Nachher getrennt. Die zeitgenössische westliche Politik wurzelt im Holocaust. Sind nicht die Vertreter dieser winzigen Minderheit überall präsent, wo die Räder der Welt sich drehen? Nicht wegen irgendwelcher Verschwörungen, wie die Antisemiten es gerne sehen würden, sondern wegen der unglaublichen Intelligenz der jüdischen Kultur. Die Augen der Welt ruhen auch heute noch auf dem Volk Gottes.

Dann die Erschaffung der Welt, das Paradies und der Fall. Fulminante erste Kapitel, die zu lesen man nie müde wird. Metapher auf vielen Ebenen: für das Leben eines Individuums: der Auszug aus dem Paradies (dem Mutterleib oder der Kindheit), dann das Leben „im Schweiße deines Angesichts“; auch: das Erwachen des Bewusstseins. Das sonderbare Tier Mensch, dass sich Fragen nach seiner Herkunft und der Bedeutung des Lebens stellt, sich seiner Endlichkeit bewusst ist und von dieser ausgehend denkt und lebt (oder wohl eher: so lebt, um diese zu vergessen). Die ersten Abschnitte der Tora als metaphorische Beschreibung der menschlichen Kondition. Durch das Bewusstsein (die Frucht des Baums der Erkenntnis von Gut und Böse) vom Unendlichen, vom Logos, der Wahrheit getrennt. So wird der Mensch endlich – das Paradies mit dem Baum des Lebens ist ihm unzugänglich. Dies ein wiederkehrendes Bild in den Mythen und Sagen: auch Herkules zum Beispiel versuchte durch Mut und Stärke zu seinem Vater (Zeus) ins Paradies zurückzukehren. Er wird es nicht schaffen. – Heute haben wir es geschafft, dass Paradies wieder aufzubauen, wie Herkules durch Mut und Stärke und Intelligenz. Wir haben Supermärkte gebaut, Krankenkassen und funktionierende Staaten – aber der Vater ist abwesend. Der Baum des Lebens (die Unsterblichkeit) haben wir in unserem Paradies noch nicht gefunden. Doch auch daran arbeiten wir: The Singularity is Near! Doch es ist eine technologische, vaterlose Unsterblichkeit, die uns vorschwebt. God is out of the picture, wie Nietzsche es vorausgesehen hatte.

Noch zu den Träumen: Zwischen Weihnachten und Neujahr soll man seine Träume aufschreiben, da sie von besonderer Bedeutung sein sollen. Leider kann ich mich kaum an heute Nacht erinnern. Lange (so kommt es mir vor) träumte ich sehr abstrakt von Übergängen, von Zustandswechseln. Ich erwachte mitten in der Nacht und dachte an diese Träume und überlegte mir, wie ich sie in Worten beschreiben könnte. Es kam mir aber nur ein einziger Satz in den Sinn. Ich schlief aber wieder ein, bevor ich ihn aufschrieb, so dass ich ihn jetzt wieder vergessen habe. Kein einziges Bild mehr habe ich vor Augen, außer der „Erkenntnis“, dass es „verschiedene Arten des Übergangs gebe“, einige davon recht kompliziert. In den Morgenstunden dann träumte ich von meiner Arbeit. Ich führte ein Arbeitsgespräch mit Martin Brown. Ich saß bei ihm im Auto (ich glaube in London). Wir fuhren auf eine Brücke zu. Kurz vor der Brücke aber vollzog Martin ein seltsames Manöver, so dass wir sie schlussendlich nicht überquerten. Martin ist Brite. Wir sprachen vom Brexit. Es ging darum, dass man auch für den Brexit sein könne, wenn man intelligent ist. – Also wieder Übergänge: eine Brücke, der Brexit, komplizierte Zustandswechsel.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.