Der Autor des Krisentagebuchs wird kurz nach dem 8. Mai von zwei amerikanischen Journalisten besucht. Sie waren bereits in den Konzentrationslagern; ihre Berichte überstiegen des Autors schlimmste Befürchtungen. Während er und die Journalisten sich in der Bibliothek besprechen, herrscht rundherum noch Chaos. Das Haus ist voller Flüchtlinge, bewirtet täglich heimkehrende Soldaten und Vertriebene. Am Vortag wollten ehemalige polnische Gefangene den Nachbarn umbringen, der ihnen die Herausgabe von Schlachtvieh verweigert hatte; dessen achtzigerjähriger Vater kommt dem Sohn mit einer Axt in der Hand zu Hilfe. Dem Autor gelingt es, einen vorbeifahrenden amerikanischen Kommandanten anzuhalten, der die Situation mit Hilfe seines Gefreiten und dessen Maschinenpistole unter Kontrolle bringt. Man hat das Glück, an einer von einrückenden Alliiertentruppen benutzten Durchgangsstraße zu wohnen, wo das amerikanische Militär bereits am Tag des Kriegsendes eine gewisse polizeiliche Gewalt ausübt (im Osten, wo die Russen ihre Rache nehmen, herrscht tiefe Nacht).

Das Gespräch in der Bibliothek dauert lange an. Oft scheint man sich nicht zu verstehen. Dem Autor, der den Krieg als apokalyptisches Drama von biblischem Ausmaß erlebt hat, ist der Pragmatismus der Amerikaner suspekt. Mythen sind ihnen fremd, sie denken bereits technologisch und technokratisch – sie sind „die neuen Menschen“; der Autor ist vom alten Schlag. Sein Menschentyp ist dem Untergang geweiht. Er schreibt: „An den beiden fiel mir die Sicherheit des Urteils auf, das völlige Durchtränktsein mit common sense, neuartig für jemand, der sich bisher nur mit jungen Deutschen und Franzosen unterhalten hat.“

Dann ein ungewöhnlicher Eintrag. Immer noch im Gespräch mit den Amerikanern: „Ich erwähnte die Erfahrung, die ich, seitdem ich in den Schützengräben [des Ersten Weltkriegs] die ersten Tagebücher schrieb, hinsichtlich der Anarchie gemacht habe, die mit der Sicherheit zugleich den Druck vermindert, mit dem der Staat wie ein Gebirge auf uns liegt.“ [S. 449] Also die alte Frage Freiheit vs Sicherheit. Das starke, furchtlose, unabhängige Individuum neigt zur Präferenz der Freiheit. Den Amerikanern kommt diese Bemerkung genauso merkwürdig vor wie uns heute.

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