1. Januar 1945

Aus dem Krisentagebuch. Geschrieben am ersten Januar 1945. Jeden Tag Überflüge, Bombardierungen. Feuer am Himmel. Chaos in den Straßen. Der Autor sieht das Ende vor sich.

“Wir nähern uns dem innersten Wirbel des Malstroms, dem fast gewissen Tod. Ich muss mich daher bereithalten, innerlich rüsten, hinüberzutreten auf die andere, leuchtende Seite des Seins, und zwar nicht unfrei, gezwungen, sondern mit innerer Zustimmung, mit ruhiger Erwartung vorm dunklen Tor. Mein Gepäck, meine Schätze muss ich ohne Schmerz zurücklassen. Sie sind ja auch nur wertvoll, insofern ihnen Beziehung zur anderen Seite innewohnt. Die Menge von Manuskripten, die Arbeiten reifender Jahre – ich muss mich an den Gedanken gewöhnen, sie in Flammen aufgehn zu sehen. Dann bleibt nur, was ich nicht für Menschen erdachte und niederschreib: der Kern der Autorschaft. Er bleibt für die große Wanderung jenseits der Zeit. Das gleiche ist mit den Menschen und Dinge, die ich verlasse – ganz unzerstörbar ist das Wirkliche, das Göttliche meines Zusammenhanges mit ihnen: die Schicht, in der ich sie geliebt habe . Die innigste Umarmung ist nur das Symbolon, das Gleichnis dieser Untrennbarkeit – dort werden wir im Schosse, der nicht modert, verbunden sein, und unser Auge wird nicht mehr lichthaft, es wird im Lichte sein.”

(Der Autor, der an jenem Sylvestermorgen 49 Jahre alt war, hatte noch 53 Jahre zu leben.)

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.