Gestern legte ich mich früh ins Bett, las noch ein wenig im Krisentagebuch, dann ein paar Seiten bei YNH, bis mir die Augen zufielen. Carols Heimkehr habe ich nur noch im Halbschlaf mitgekriegt. Verschwommene Erinnerungen an die nächtliche Tiefsee. (Im Krisentagebuch ist zu lesen, wie der Autor mitten in der Nacht wegen eines Bombenalarms aus dem Bett gerissen wurde – es war im Dezember 1944 – und notierte, wie ein paar Traumfetzen ihm noch im Bewusstsein hängen geblieben waren, alsbald aber ins Unbewusste versanken. Er schloss daraus, dass es im Traum unserem Bewusstsein unzugängliche Tiefseegebiete gäbe. Nur wenn wir aus tiefstem Schlaf gerissen, würden uns ein paar wenige Fische aus diesen sonnenlosen Tiefen ins Netz gehen, alsbald aber durch die Maschen schlüpfen und in der Dunkelheit verschwinden.)

Heute Nacht also: Carol und ich gaben ein Fest. In unserem Heim – einem Haus mit Garten, eher einem helvetischen als einem iberischen – war ein Barbecue geplant, aber das Fleisch musste noch besorgt werden. Also machte ich mich auf den Weg. Vor dem Haus sah ich, dass die ersten Gäste bereits eintrudelten: Zwei Freunde mit ihren Kindern kamen über eine grüne Wiese zum Haus hochspaziert. Dann sah ich, dass auf einer Kinderschaukel ein alter Freund aus der Universität saß, der wohl auch zum Fest geladen war. Ich wusste, um wenn es sich handelte, obwohl er das Gesicht einer Frau hatte. Ich ging an ihm vorbei und tat, als sähe ich ihn nicht.

Ich ging in eine spanische Markthalle, wo ich einen Metzger fand, bei dem marinierte Hühnerbeinchen und Chorizos offen und unverpackt zur Selbstbedienung auslagen. Ich griff zu und lud manche davon auf einen großen Teller. Carol, die zwar nicht mitgekommen, aber in diesem Moment trotzdem präsent war, schaute sich die Stücke auf dem Teller stirnrunzelnd an. Die Sache war ihr nicht geheuer. Sie meinte, wir sollten das Fleisch doch besser in einem Supermarkt besorgen. (Das ist ungewöhnlich, denn im richtigen Leben zieht sie den Marktstand dem Supermarkt vor.) Also legte ich das Fleisch wieder zurück, aber nicht alles: Ein Hühnerbeinchen gab ich einem plötzlich aufgetauchten Vater aus Pauls Schule, wies ihn aber an, Carol nichts davon zu sagen. Einen halben Chorizo aß ich selbst, ebenfalls heimlich.

Danach begann einer jener Träume, in denen ich suche und suche, ohne zu finden. Das ist ein wiederkehrendes Traumbild. Es handelt sich dabei immer um unangenehme Träume. – Ich machte mich also auf den Weg in einen großen Supermarkt. Es war kurz vor neun Uhr abends. Bald würde er schließen. Ich befürchtete, man würde mich nicht mehr einlassen, schaffte es aber doch noch, unbemerkt hineinzuschlüpfen. Die Fleischabteilung fand ich aber bereits im Dunkeln vor. Trotzdem wollte ich noch schnell etwas kaufen, fand aber überall nur Hühnerfleisch – es handelte sich um so einen großen Supermarkt, dass er eine eigene Abteilung für Hühnerfleisch hatte! Carol wollte aber kein Hühnerfleisch, so ging ich weiter und suchte die Wurstabteilung, die bestimmt irgendwo existieren musste. Lange ging ich durch die Hallen des Supermarktes, ohne zu finden, wonach ich suchte. Zunehmend verzweifelter, irrte ich durch die leeren Abteilungen und dachte an unsere Gäste, die bestimmt bereits einen Riesenhunger hatten. Wie konnte ich den Einkauf für unser Fest nur bis auf die letzte Minute hinausschieben? Ich muss die Grilladen so schnell wie möglich finden und nach Hause bringen! Aber so sehr ich auch suchte, ich fand einfach nichts Passendes! Dann erhielt ich eine Nachricht von Carol: Wo bleibst du?, schrieb sie. Dass Fest fällt ins Wasser, dachte ich. Ich alleine bin daran schuld! Schließlich erwachte ich, ohne gefunden zu haben, was ich suchte. – Ich dachte, es sei Morgen, stellte aber fest, dass es tiefe Nacht war und ich noch nicht einmal vier Stunden lang geschlafen hatte.

Gedanken auch zu Examensträumen. Neben den Suchträumen (wie den oben beschriebenen) und Träumen von ins Haus eindringenden Insekten, gehören auch Examensträume zu meinen unangenehmen aber wiederkehrenden Träumen. In diesen habe ich ein Universitätsexamen abzulegen, stelle aber fest, dass mir zu wenig Zeit für die Vorbereitung bleibt. Angsterfüllt beginne ich zu lernen, weiß aber, dass ich durchfallen werde. Ich bereue es, in den Vorlesungen oder sogar in den Schulstunden, nicht besser aufgepasst zu haben. – Im Krisentagebuch lese ich, dass auch der Autor solche Träume gehabt hatte. Er wundert sich darüber, da ihm die Examensangst kaum in Erinnerung geblieben ist. Einen viel stärkeren Eindruck hatten die Jahre der Grabenkämpfe im Ersten Weltkrieg auf ihn gemacht. Diese aber tauchen kaum in seinen Träumen auf. Er folgert daraus, dass Examensträume tiefere Wurzeln haben müssen. Vielleicht handelt es sich dabei nicht um persönliche, erinnerte Ängste, sondern um Erinnerungen der Menschheit. Auch ich erinnere mich nicht an echte Examensängste – solche bestehen in meinen Träumen, nicht aber in meiner Erinnerung. Die Ursprünge solcher Träume im kollektiven Unbewussten, müssen aber anderswo liegen, da nur die wenigsten Menschen, je ein Examen abgelegt haben.

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