London IV

Zurück in Madrid. Auch hier ist es Winter aber, im Gegensatz zu London, wo die tiefen, drückenden Wolken den Tag zur Nacht machten, ist der zentralspanische Himmel blau und offen. Noch kurz zu den restlichen zwei Tagen in London: Am Freitag waren wir bei Angela und Martin zum Mittagessen eingeladen. Angela ist im letzten Monat schwanger; Martin hat gekocht. Da es in Südlondon kaum breite Durchgangsstraßen, geschweige denn Stadtautobahnen gibt, waren wir neunzig Minuten lang unterwegs. Vorbei an den immer gleichen Häuserreihen, hier etwas größer und gepflegter, dort etwas heruntergekommener (obwohl die „schlechten Quartiere“ in London immer seltener werden). Viele Gegenden sind mir aus früherer Zeit vertraut. Obwohl wir bereits um drei Uhr zur Rückfahrt aufbrachen, gerieten wir in den Feierabendverkehr. Zweieinhalb Stunden dauerte die Fahrt durch die südlichen Quartiere der Stadt von Südost- nach Südwest-London. Paul fragte zwar immer wieder, ob es noch lange daure, sang aber sonst zufrieden spanische Weihnachtslieder. Am Abend: Take-out fish and chips.

Am Samstag dann Atuls Geburtstagfest. Es fand in einem Cricket-Club statt. Dieser war von indischen Einwanderern gegründet worden und präsentierte sich deshalb als Mischung aus britischen und asiatischen Elementen. So bestand er aus einem gemütlichen Pub, wo zu den obligaten Pints indisches Essen serviert wurde. Auf großen Bildschirmen lief das samstägliche Premier League-Spiel. Wir pendelten zwischen dem Pub und einem anderen Raum hin und her, wo uns an runden, weiß gedeckten Tischen indische Köstlichkeiten aufgetragen wurden. Die meisten Gäste hielten die Vorspeise für den Hauptgang, weshalb das Hauptgang-Buffet trotz verlockender Düfte kaum mehr angetastet wurde. Ich traf einige alte Freunde und Familienmitglieder von Atul wieder; andere, von denen ich schon oft gehört, die ich aber noch nie kennengelernt hatte, traf ich zum ersten Mal.

Lektüre in diesen Tagen: Immer noch Gary Smiths AI Delusion und weiter in Jüngers Krisentagebuch. In AI Delusion geht es vor allem um die Gefahr in der Datenmenge, zufällig vorkommende Muster als signifikant zu beurteilen. AI (wie heute auch viele Sozialwissenschaftler) braucht die Daten nicht, um eine These zu überprüfen, sondern sucht in der Datenmenge nach Thesen. Und so eine findet man immer, schreibt Smith. „If you torture the data long enough, it will eventually confess.“ Im Krisentagebuch befinde ich mich nun im März 1944. Der Kreis wird enger, die “Katastrophe” ist absehbar. So nennt Jünger die Niederlage, die er aber auch herbeisehnt. Attentatspläne auf den Führer werden an Jünger herangetragen. Wir wissen, dass sie fehlschlugen. Auch hier (2018) Krisen: In Großbritannien wird die Politik zum Theater; in Katalonien liebäugelt der „Präsident“ der „slowenischen Lösung“ (sprich: ein kleiner Bürgerkrieg). Sonderbar, wie zwei der wohlhabendsten und freisten Städte der Welt, London und Barcelona, ihr eigenes, kleines Chaos kreieren. Aus Langeweile und vielleicht aus dem unbewusst schwellenden Gefühl, dass „etwas nicht stimmt“.

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