London III

Ich schreibe dies wieder zur gleichen Zeit wie schon gestern und vorgestern, am selben Ort. Ich bin heute aber noch früher aufgestanden und habe in The AI Delusion weitergelesen. Es ist das Buch eines College Professors herausgegeben von Oxford University Press. Zwar ist es kein Lehrbuch, aber trotzdem nüchterner als das normale englische (oder amerikanische) Non-Fiction-Buch, das voller Ambitionen im Meer der Sachbücher schwimmt. Die überquellenden Tische englischer Buchhandlungen erinnern mich an einen Start zum Iron Man: Tausende stürzen sich ins Wasser versuchen sich auf Biegen und Brechen nach vorne abzusetzen. Ein Dinge beinahe der Unmöglichkeit angesichts der unglaublichen Konkurrenz. Um zu einem Sachbuch Weltbestseller zu werden braucht man zweierlei: eine außergewöhnliche, neue Perspektive und einen verbissenen Mitstreiter, der das Geschäft der Promotion beherrscht. Sowohl Autor als auch Manager müssen ihr Handwerk zur Perfektion beherrschen. Das Paradebeispiel der letzten Jahre ist Yuval Noah Harari. Der außergewöhnliche Denker mit seinem außergewöhnlichen Manager (YNH’s Ehemann). Gary Smith, der Autor von The AI Delusion, agiert hier viel bescheidener. Sein Buch ist gründlich recherchiert, durchdacht, aber unspektakulär. Es gefällt mir gut, obwohl der Autor einen Denkfehler macht. Er glaubt, dass AI die in sie gesetzten Hoffnungen (und Befürchtungen) noch lange nicht erfüllen können wird, weil sie sich zur Zeit auf die Big Data-Analyse konzentriert und weit davon entfernt ist, die neurale Arbeitsweise des menschlichen Gehirns zu imitieren. Ich glaube aber nicht, dass AI den Menschen imitieren muss, um die in sie gesetzte Utopie-Hoffnungen (und Dystopie-Befürchtungen) zu erfüllen. Ihre Macht geht von ihrer Fähigkeit aus, uns zu beeinflussen – zu hacken. Die Aussage: „Die AI ist weit davon entfernt, das menschliche Gehirn zu imitieren“ sagt nur sehr wenig über ihr Potential (und sogar ihren Willen) zur Macht aus. Es ist gerade die Andersheit von AI, die sie so unvorhersehbar und mächtig macht. Allerdings stecke ich erst im vierten von zwölf Kapiteln … – Trotzdem gefällt mir das Buch gut. Eine nüchterne Stimme in der allgemeinen AI-Hysterie.

Gestern: Fahrt nach Central London. Dort gehen wir unter anderem zu Foyles, den großen Indie-Buchladen. Mir fällt auf, wie sehr das quengelige Social Justice Movement solche Läden zu invadieren beginnt. Stapeln von Büchern, welche sich über Ungerechtigkeiten beschweren. Dogmatisch und selbstverliebt schmollen sie vor sich hin. Interessant aber zu sehen, wie der Kapitalismus die Systemkritik integriert hat. Fröhlich werden diese säuerlichen Bücher als Prestigeprodukte feilgeboten.

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