London II

Nachdem ich es endlich geschafft habe, die Lichter im Haus wieder zu löschen, sitze ich im Gartenhaus-Büro. Wie gestern ist es kurz nach sechs Uhr. Über mir dröhnen im Halbminutentakt die Flugzeuge vorüber. Heathrow ist sieben Meilen entfernt. Die Nachbarin meint, dass sie kurz nach dem zweiten Weltkrieg noch freie Sicht auf die Landebahnen gehabt habe. Immer wenn ich hier wohne, erfreut mich das leise Rauschen, mit dem sich das erste Flugzeug des Tages ankündigt. Weshalb mir dieses eigentlich störende Geräusch gefällt, bleibt rätselhaft. Vielleicht weil die Turbinen davon künden, dass die Maschinenwelt nach wie vor funktioniert. Nur scheinbar hat sie in der Nacht geruht. In Wahrheit aber haben sich in jeder Ecke der Welt riesige, blecherne Vögel in die Lüfte erhoben, um dann nach sechs Uhr morgens in einer langen Reihe gemütlich über Isleworth zu schweben. Minuten später werden sie auf Heathrow landen und ihre Fracht in das Netzwerk der Großstadt entlassen. Und noch ein Wort zu Maschinenwelt: Das Banerjeesche Hause wird von einem Gerät namens Control-4 gesteuert. Eine Smart Home Hard- und Software, welche in einem Kühlschrank-großen Blechkasten hockt und dort blinkt und leuchtet wie ein Computer in einem futuristischen Film der achtziger Jahre. Was genau C-4 alles kontrolliert, bleibt unklar.

Gestern: Es ist ein dunkler, nasser Tag. Die Mädchen sind in der Schule, Monica in der Praxis. Ich arbeite am Morgen. Da Paul leichtes Fieber hat, gehen wir nicht in die Stadt, sondern fahren am Nachmittag nach Kingston, wo Atul einen Geburtstagkuchen bestellt. Eine halbstündige Fahrt durch Südwest-London. Teddington, Hampton, Richmond, Kingston: alles gehobene Quartiere, welche sich an diesem dunklen, regnerischen Nachmittag aber in einem grauen Einheitsbrei auflösen. Auch in Madrid hatten wir wochenlang schlechtes Wetter. Dort aber stehen die Wolken meistens hoch am Himmel und bilden eindrückliche Formationen wie aus klassischen holländischen Bildern. Und immer wieder vermag der blaue iberische Himmel das Wolkenzelt aufzureißen, um uns an seine ewige Präsenz zu erinnern. Hier aber wird der Tag zur Nacht. Der Himmel drückt schwer und dunkel auf die Stadt. Das allgegenwärtige Grau läßt auch bei einer Fahrt durch wohlhabende Quartiere dystopische Zukunftsvisionen auftauchen.

In Kingston kaufe ich bei Waterstones drei Bücher. Dabei lasse ich mich von meinem Lektüren-Vorsatz für das Jahre 2019 leiten: Klassiker, Maschinenwelt und Zukunft, Science Fiction. Ich kaufe The AI Delusion von Gary Smith, das neue Buch von YNH und einen chinesischen Science Fiction Beststeller: The Three-Body Problem. Merkwürdig, wie sehr mich in einer englischen Buchhandlung alles anzieht, während in einer deutschen ich mich nur auf die Klassiker stürze und das Zeitgenössische fast nicht wahrnehme.

Am Abend macht Atul eine Paella mit Chorizo!

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