London I

Isleworth, Middlesex, London. Kurz nach sechs Uhr am Morgen sitze ich in Atuls neuem Büro. Draußen ist es noch dunkel; das Haus liegt in ruhigem Schlaf. Ein leichter Regen fällt – sanfte, unregelmäßige Schläge aufs Dach.

Zunächst einmal mein Traum, der mich bedrückte. Ich bin in St. Gallen, aber ein St. Gallen, das in Spanien liegt. Carol und Paul sind bei mir. Morgen ist mein letztes Universitätsexamen. Es handelt sich um die früher Lic-II genannte Abschlussprüfung. In einer stundenlangen Sitzung werden zehn oder zwölf Fächer geprüft. Dies ist unbedingte Voraussetzung zum Erlangen meines Hochschulabschlusses; danach werde ich nur noch die Diplomarbeit zu schreiben haben. Wie bereits erwähnt, handelt es sich um meine Uni in St. Gallen, die sich aber in Spanien befindet. Ich muss diese Prüfung nur machen, weil ich jetzt in Spanien wohne (weshalb dies so sein soll, bleibt, wie in Träumen üblich, ohne Erklärung). Carol, Paul und ich übernachten in einer Art Studentenunterkunft auf dem Rosenberg. Am Morgen machen wir uns ein paar Minuten vor Prüfungsbeginn auf den Weg – Carol und Paul kommen wie überallhin mit. Bald stellt sich aber heraus, dass der Ort, wo das Examen stattfinden soll, schwieriger zu finden ist, als angenommen. Wir irren durch die Stadt; ich versuche auf dem Handy die Adresse zu lesen, kann die Buchstaben aber, wie immer in Träumen, nicht entziffern. Dazu kommt, dass Paul Angst vor einem Hund hat, dem wir begegnen – das hält uns weiter zurück. Carol wirft mir vor, mich gestern Abend nicht gut genug vorbereitet zu haben … Schließlich finden wir ein Lokal, aber das falsche. Ein junger Mann (ein auf Roald Dahl spezialisierter Assistent) weist mich freundlich darauf hin, dass die Prüfung gleich gegenüber der Studentenunterkunft, wo wir übernachtet hatten, stattfindet. Es ist jetzt aber zu spät, um noch anzutreten. Wehmütig betrachte ich die vielen Schachteln und Kisten, welche aus unerfindlichen Gründen in der Bibliothek herumstehen und in die ich die Examensergebnisse hätte legen sollen (darunter scheinbar viele Handarbeiten). Kurz vor dem Erwachen sitze ich dann doch noch an der Prüfung, habe aber so viel Krams in meinem Rucksack mitgeschleppt, dass ich nicht einmal einen Kugelschreiber finde. Wieso hatte ich mich gestern nur nicht besser darauf vorbereitet?, denke ich. Sonst plane ich doch immer alles bis in Detail. Na gut, geht es mir weiter durch den Kopf, dann muss ich halt nächstes Jahr antreten. Oder soll ich es bleiben lassen? Brauche ich diese Prüfung überhaupt? Ich verdiene doch auch so – ohne Universitätsabschluss – schon genug Geld. – Als ich erwache, dauert es eine Weile, bis mir einfällt, dass ich ja eigentlich bereits über ein Lizentiat verfüge.

Deutung: Jeder Traum hat viele Lesearten. Hier geht es um meine Ausbildung, meinen Beruf und im weiteren Sinne auch, um meine Aufgabe im Leben. Ich bin kurz vor dem Ziel – noch ein Examen bleibt mir, auf das ich mich eigentlich freue, und eine Diplomarbeit – aber weil ich in Spanien lebe und weil ich eine Familie habe, werde ich vom Ablegen desselben zurückgehalten. – Das Examen sind meine ersten zwei Bücher, die ich endlich veröffentlichen will; die Diplomarbeit ist Lichter, mein drittes Buch. – Nachdem ich erwacht bin, schlafe ich nochmals ein. Ein weiteres Traumbild: Ich steige in einen tiefen, düsteren Keller, um das Examen doch noch abzulegen. Diese Treppe also muss ich hinunter. Natürlich handelt es sich um ein tiefes Eintauchen in mein Unterbewusstes.

Nach diesen Traumbildern noch ein paar Worte über die Reise und die Ankunft. Am Morgen geht Paul noch in den Kindergarten; ein paar Stunden später steigen wir in eine Boeing 777-300, eines der größten Flugzeuge überhaupt. Ein schneller, ruhiger Flug. Der Landeanflug von Osten her, über London, das als unendliches Lichtermeer unter uns liegt. Zwischen den hell-leuchtenden Adern, dem Netz von Durchgangs- und Verbindungsstraßen, liegen ruhig die Quartiere mit ihren Häuschen. Leichte Nostalgie – so, here we are again: diese Stadt, die einmal meine war, prädestiniert immer die meine zu bleiben, die sich dann aber doch aus meinem Leben zurückzog; unterdessen, durch den Brexit, auch hart und konkret. Werde ich an der UK Border bald wieder so einen Visazettel ausfüllen müssen? Am Südausgang des Terminal 5 wartet ein Fahrer, den Atul uns geschickt hat. Eine ruhige, halbstündige Fahrt durch die westlichen Außenquartiere der Stadt. Dort liegt Staines, hier geht’s nach Hounslow. Am Straßenrand kleine Restaurants: Mr. Singh’s Place, Piri Piri, ein Steak-Haus (tatsächlich Haus, nicht house). Off-licenses und greasy spoons. Menschen aller Hautfarben gehen geduckt durch den Regen. Das Empire hat sich auf diese eine Stadt zusammengezogen. Im Parlament findet gleichzeitig die Debatte statt, in welcher der endgültige Rückzug Englands von der Weltbühne diskutiert wird. Kein Reich in dem die Sonne nie untergeht mehr, sondern eine halbe Insel. Trotzdem: London wird the greatest city in the world bleiben, und die Briten, mit ihrer Musik, ihrem Humor, ihrer Sprache mit ihren Nuancen und Dialekten, werden vielen ein unbewusstes Vorbild bleiben. Sogar mit ihrem Stil.

Atuls Haus, dass ich noch als kleines three-bedroom erlebt hatte, ist unterdessen zu einer Mansion geworden. Organisch ist es gewachsen, Schicht um Schicht kam hinzu. Unterdessen sind es oben fünf Schlafzimmer; unten ein Gym, ein Play Room (jetzt unser Zimmer), das Esszimmer, die Bibliothek, die Küche, die gute Stube, ein großer offener Raum mit drei Sofas und einem pyramidenförmigen Dachfenster darüber, welches an den Louvre erinnert. Draußen im Garten das geräumige Büro, das auch Kunst- und Musikraum ist, in dem ich nun sitze. – Die Mädchen sind mit dem Haus gewachsen. Gestern war Aryas fünfzehnter Geburtstag; zum ersten Mal sehe ich sie nicht mehr als Kind. Shambu fragt mich: „So Andreas, how are you?“ – Nicht mehr „uncle Andreas“, wie noch vor einem Jahr. In der Art wie sie es ausspricht, eine sehr erwachsene, britische Frage. Ana sagt:.„Paul is my little brother!“ Monica macht hervorragend Fajitas. Paul isst kaum etwas. Er hustet und will ins Bett. Es war ein langer Tag für ihn.

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