Venus

Der Blick vom Balkon am Morgen: Ein dicke, dunkle Wolkenschicht hockt am Horizont, darüber schweben lange, helle Streifenwolken. Das noch dunkle Himmelszelt ist wolkenfrei. Als einziger sofort erkennbarer Himmelskörper strahlt dort die Venus. – Eine halbe Stunde später, während ich untenstehenden Traum aufschreibe, ruft mich Tan, um mich auf den Himmel aufmerksam zu machen. Er hat sich verändert. Jetzt bedeckt eine dunkle Wolkenschichte das Himmelszelt. Die Venus ist dahinter verschwunden. Die lockeren Streifenwolken sind jetzt der einzige Ausblick zwischen dem drückenden Himmel und dem dunklen, schweren Horizont. Irgendwo dahinter strahlt die noch unsichtbare Morgensonne. Die Streifenwolken glühen orange. Ein ausgesprochen schöner Anblick. Ein Hoffnungsschimmer.

Heute Nacht im Traum Spaziergang im Park mit Carol. Noch jemand ist dabei. Früher hätte man diesen Begleiter vielleicht einen Engel genannt, oder im Schamanismus ein Spirit Animal, denn er ist präsent aber unsichtbar. Obwohl der Park nass und voller Pfützen ist, trägt Carol dünne Turnschuhe. Ich frage sie, warum sie nicht ihre Gore-Tex-Schuhe trage. Sie antwortet: „Weil deine Mutter mir gesagt hat, ich sollte öfters die Schuhe wechseln, nicht immer dieselben tragen, so bleiben sie länger schön.“ – „Ja“, sage ich, „das stimmt schon, aber man muss auch flexibel sein. Man kann nicht wegen eines höheren Prinzips an einem Regentag dünne Turnschuhe tragen.“ Dann mache ich mich ein wenig über sie lustig. Zur Demonstration meines Punktes, stehe ich mit meinem Gore-Tex-Wanderschuh in eine Pfütze. Carol entfernt sich, lässt sich fallen und gleitet plötzlich bäuchlings über einen dreckigen, nassen Pfad. Wie ein Curlingstein auf Eis gleitet sie dahin. Typisch  denke ich, das macht sie nur, um mir zu zeigen, dass meine Kritik sie einen Dreck angeht. Als ihr Dahingleiten an Momentum verliert und sie zum Stillstand kommt, dreht sie sich zu mir um. Ich bleibe stehen und schaue sie an. Der unsichtbare Begleiter neben mir ebenso. Da sehe ich plötzlich, dass sie wütend ist. Vielleicht weint sie sogar. Ich laufe zu ihr hin, um mich zu erkundigen, was los ist. Sie wirft mir vor, ihr nicht geholfen zu haben. Sie sei umgefallen und dahingeschliddert und ich sei einfach stehengeblieben und hätte sie dumm angeschaut. Sogar als sie sich zu mir umdrehte, sei ich noch bewegungslos dagestanden. Ich versuche ihr zu erklären, dass ich gedacht hätte, sie sei absichtlich über den dreckigen Pfad geschliddert. Sie schüttelt über diesen dummen Kommentar nur den Kopf.

Der Spaziergang im Park geht weiter. Aus dem Engel ist jetzt Paul geworden. Carol scheint nicht mehr wütend zu sein, ist aber still geworden. Ich weiß jetzt, dass wir uns in Madrid befinden. Auf einer Brücke überqueren wir einen Fluss. Es muss sich um den Manzanares handeln, obwohl er ganz anders aussieht. Er führt nicht viel Wasser, ist aber breit. Er erinnert mich eher an die Aare in Bern, als an den Manzanares, aber es ist trotzdem klar, dass wir in Madrid sind. Auf dem Fluss sehen wir ein rotes Kanu mit Schweizerkreuz. Darin vier junge Menschen, zwei Männer und zwei Frauen. Obwohl es Winter ist, tragen sie Badehosen oder Bikini. Ich denke mir: Diese Schweizer reisen von Stadt zu Stadt. Überall hin nehmen sie ihr Kanu mit und treiben in den Gewässern. Das ist eine tolle Art, die europäischen Städte kennenzulernen. Ich würde das auch gerne machen, jung müsste man sein! Als wir auf der anderen Seite der Brücke sind, sehen wir, dass der Fluss in einen kleinen See mündet. Dahinter Schleusen, die nun plötzlich geöffnet werden. Ich erschrecke. Was passiert jetzt mit den Schweizern im Kanu, frage ich? „Diese Schleusen sind nicht direkt mit dem Fluss verbunden“, sagt Carol. Dann geht sie nach Hause und ich bleibe mit Paul alleine zurück. Jetzt geht’s aber richtig los. Carol hatte unrecht: Die Schleusen bringen den See und den Fluss in unheimliche Wallung; das sich vor meinen Augen darbietende Bild erinnert mich an ein riesiges Wellenbad – ein gefährliches Wellenbad, wie ich solche als Kind empfunden hatte. Viele Schiffe befinden sich nun auf ihm. Das Schweizer Kanu sehe ich nicht mehr, dafür andere Ruderboote, Motorboote, sogar zwei große Segelschiffe. Alle versuchen sich ans Ufer zu retten. Es kommt zu mehreren Beinahe-Kollisionen. Paul und ich sind schockiert, aber ich ertappe mich dabei, zu hoffen, dass wir Zeugen einer Kollision würden. Weshalb? Vielleicht weil das ein wenig Aufregung in den Tag bringen würde? Dann geschieht es tatsächlich. Ein Segelboot rammt das andere; dieses kentert. Oh Gott, ertrinken die Leute?, denke ich. Ich sehe wie der Kapitän das untergehende Boot verlässt und denke: Müsste der nicht als Letzter von Bord gehen? An dieser Stelle erwache ich, oder zumindest habe ich keine Erinnerungen an den weiteren Verlauf des Traums. – Mit diesem Traum also, beginne ich die Adventszeit. Und als ich aufstehe und über den Traum nachdenke, sehe ich die Venus am Himmel. Die Venus: sie steht für die Liebe, die Passion, Weiblichkeit, Beziehungen … Eine halbe Stunde später trinke ich Kaffee und schreibe den Traum auf. Die Venus ist nun verschwunden. Ich weiß sie hinter der Wolkendecke. Dafür glüht der Himmel hoffnungsvoll (– kein Alpenglühen, aber immerhin ein Vorstadtglühen).

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