Krisentagebuch

Am Morgen Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt, doch es scheint die Sonne. Paul geht mit seiner Klasse auf einen Ausflug in die Sierra. Ich lese vor der Arbeit im Café in Jüngers zweitem Pariser Kriegstagebuch. Es ist antimodern und trotzdem von großer Aktualität; nicht aber so, dass sich das Antimoderne in sein Gegenteil verkehrte, also nicht hochmodern, sondern zeitlos – über der Moderne schwebend. Vielleicht könnte man mit dem Neuen Testament sogar schreiben: In der Welt, aber nicht aus der Welt. Das Kriegstagebuch ist ein Krisentagebuch – wie könnte es anders sein? Das Ritual des täglichen Notierens als gangbarer Weg durch die Trümmer der Zeit. Das Tagebuch zur Abwehr gegen das Chaos, welches wie Dauerregen auf die nur kläglich geschützten Menschen niederprasselt. Jünger beschreibt seine Zeit weniger als Teilnehmer sondern mehr als Beobachter. Natürlich können wir Nachgeborenen dies kritisieren. Hätte man nicht flüchten müssen wie Thomas Mann, gar zugrunde gehen wie Joseph Roth? Aber Jünger ist nicht passiv. Es ist nicht die Furcht, die ihn zurückhält. Als Besatzungsoffizier spaziert er täglich in der gefährlichen Dunkelheit des Stadtwaldes. Am Fenster seines Zimmer stehend, beobachtet er die ersten Bombengeschwader über Paris. Er setzt sich für Bekannte ein, die in Gefängnissen verschwinden wie in schwarzen Löchern. Er weiß, dass auch ihn dasselbe Schicksal treffen könnte. Trotzdem beginnt er die Arbeit an der Schrift Der Friede.

Seine Verankerung in der Muse, der Philosophie und der Ästhetik sorgt dafür, dass er auch in der vom Wirrwarr des Alltags aufgewühlten See, nicht untergeht. Er weiß, dass der Sturm nur an der Oberfläche rührt. Das Tieferliegende, das Tragende bleibt Jünger wichtig. So etwa am 17. August 1943: Ein Paragraph über die Zerstörung Hamburgs. „Die Standesämter sind unfähig mitzuteilen, wieviele Menschen umkamen“; dann im nächsten Paragraphen Stilgedanken zur deutschen Sprache.

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