Drei Träume

Eine Nacht der Träume. An drei kann ich mich erinnern.

Ein Flugzeugabsturz. Wie immer erlebe ich diesen als staunender Beobachter vom Boden aus. Das Schaudern des unbeteiligten Zuschauers, nicht der Schrecken des Betroffenen. Der Traum beginnt aber damit, dass ich ein UFO am Himmel sehe. Es sieht nicht wie eine Untertasse aus, sondern ist eigentlich ein VW-Bus. Ich mache Carol darauf aufmerksam, aber sie scheint das VW-Bus-ähnliche Flugobjekt gar nicht zu sehen; sie glaubt, ich meine den IKEA, der in einiger Entfernung zu sehen ist; er sieht aus wie eine riesige Mondlandefähre. Das ist doch kein UFO, denke ich, UFOs sind unbekannt und unheimlich; das ist eine menschliche Mondlandefähre. Die Mondlandefähre ist ein Symbol des Technischen, des Funktionierenden par excellence. Die Spitzenleistung der westlichen Zivilisation. UFO hingegen sind das unbekannte Andere. Ich sage aber nichts.

Später mit den Banerjees. Wir beobachten merkwürdige Flugbewegungen am Himmel. Zwei Abfangjäger tauchen auf. „These are two (…). What’s going on up there?“, sagt Atul. Dann fällt plötzlich ein Wrackteil vom Himmel, eine Art Reifen, der zu einer Turbine gehören könnte. Ich sage: „In Filmen folgt auf das erste, kleine Wrackteil immer ein größeres!“ Die anderen sehen das ein. Wir kriechen unter eine Bank. Nur für Atul bleibt kein Platz; er liegt in gefährlicher Position neben der Bank.

Der zweite Traum gleicht der Handlung des Haneke-Films Funny Games, ist also eine Art Albtraum, obwohl meine Albträume immer sehr milde ausfallen, mich in eine gewisse Unruhe, nie aber in eine Stimmung der echten Panik versetzen. Merkwürdig ist noch, dass mir der Traum im Traum vorangekündigt wird. Ich glaube es ist Nezim, der mir sagt: „Dieser Traum ist wie ein Haneke-Traum!“ Nezim als der Chor des griechischen Dramas. Erst nach dieser kurzen Ankündigung geht’s los: Wir sind in einem Airbnb, einer schönen Wohnung (die sich später in unser Haus an der T2 verwandelt). Die Besitzerin der Wohnung ist eine junge Frau. Carol und ich bringen Unordnung in die Wohnung; irgendetwas geht in Brüche; wir stellen die vollen Abfallsäcke in eine Ecke, anstatt sie zu entsorgen, usw. Dann klingelt es. Schnell noch will ich ein wenig Ordnung schaffen, aber es ist zu spät. Ein lachender, oberflächlich freundlicher aber eigentlich sehr bedrohlich wirkender junger Mann steht auf der Matte und betritt die Wohnung. Der Besuch wird, wie in Funny Games, bald zum Alptraum. Es stoßen Freunde des jungen Mannes hinzu, später auch die Besitzerin der Wohnung. Irgendwann sind wir alle nackt. Da wir jetzt nicht mehr im Airbnb, sondern in Gossau sind, rufe ich die Polizei an. Ich sehe sie als meine Verbündete, schließlich befinde ich mich auf heimischem Territorium, während die bedrohlichen, nackten Eindringlinge Fremde sind. Noch bevor dem Eintreffen der Streife endet der Traum.

Aus dem dritten Traum, erinnere ich mich nur noch an das wichtigste Bild: Ein offenes Güllenloch mitten in der Stadt. Ein Kind soll reingefallen sein. Erschrocken denke ich daran, dass in diesen Straßen gestern noch Paul gespielt hat! Was würde ich tun, wenn er reinfallen würde. Ich müsste dann wohl selbst in die Gülle springen, wo wir bestimmt beide ertrinken würden.

*

Bei der Traumdeutung muss ich zwischen Stoff und Bedeutung unterscheiden, genauso wie in der realen Welt zwischen Materie und Meaning unterschieden werden sollte (was heute, in Zeiten des Primats der Materie, allerdings nicht mehr modern ist). Der Stoff kommt aus dem Alltag und der Erinnerung; die Bedeutung ist eine ganz andere Sache.
Katastrophen am Himmel: Die Angst vor dem Defekt der Maschine; die Maschine ist unsere Gesellschaft; die Angst vor dem gesellschaftlichen Zusammenbruch also. Immer erlebe ich diese aus der Distanz, vom Boden aus, schaue fasziniert hin, bin aber selbst nicht betroffen (außer durch herunterfallende Wrackteile – aber davon träume ich eigentlich selten).
Und die UFOs? Auch sie sind seltene Gäste in meinen Träumen. Und es war heute Nacht auch kein Angsttraum: das UFO war ja nur ein VW-Bus! Trotzdem deuten sie wohl auf den Einbruch des Anderen in unsere Gesellschaft oder unser Leben hin. Träume von ins Haus eindringenden Käfern, die ich recht oft habe, schlagen in die gleiche Bresche.
Der Haneke-Traum. Auch hier geht es um die Gefahr, die vom bedrohlichen anderen ausgeht. Nur bin ich in diesem Traum selbst der Gast im Raum, zumindest am Anfang (Airbnb), und die Eindringlinge die eigentlichen Besitzer.
Güllenloch-Traum. Die Deutung fällt hier nicht schwer. Es geht um den stinkenden, ja tödlichen gesellschaftlichen Untergrund. Oben die civitas – die Stadt, die Zivilisation, vielleicht auch einfach das geordnete Leben – darunter die Gülle. Man muss sich vor diesen Löchern in acht nehmen, vor allem aber auch die Kinder vor ihnen schützen. Wenn sie klein sind ganz direkt, durch Kontrolle, später durch anerzogene Selbstdisziplin.

*

Ich denke in letzter Zeit oft an mein Leben im karmischen Kontext. Solche Gedanken sind natürlich esoterische Hirngespinste. Ich verlasse den Raum des materialistisch-rational abgesicherten und des in der liberalen civitas erlaubten. Aber wer sich Bedeutungsfragen stellt, verlässt nun einmal das das Physische und betritt metaphysischen Boden, und dort, im Metaphysischen, sind die Gedanken, im Gegensatz zum Physischen, frei. Von Nöten ist natürlich eine klare Trennungslinie zwischen den Bedeutungs- und Deutungsphantasien und einigermaßen gesicherten Wissen. In diesem Sinne erinnert das Metaphysische an einen Roman, das Physische an eine gut recherchierte Biographie.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.