Gossau II

Tief geschlafen, dann Kaffee. Der Kaffee an der T2, seit Jahren aus derselben Tasse getrunken, ist einer meiner Lieblingskaffees. Zuerst das Kreischen der Mühle, dann fließt ein kräftiger Strahl in die wartende, heiße Milch. Er hat genau die richtige Länge, welche so schwer zu finden ist, wenn man den Kaffee nicht selber macht. Natürlich trank ich den Kaffee lesend, anders geht es nicht.

Gang zum WinWin, vorbei an meinem Kindergarten, an einem Haus, über das ich in Lichter schreibe. Noch bevor ich die Secondhand-Buchhandlung betrete, wundere ich mich wieder einmal über die Breite und Qualität ihres Sortiments. Ich kenne keine qualitativ vergleichbare Secondhand-Buchhandlung. Auch nicht in Zürich oder Berlin oder London oder Madrid. Vielleicht liegt das daran, dass sich in den Großstädten mehr Suchende herumtreiben, auf der Lauer liegend, schnell zugreifend, und so die Entstehung eines Sortiments verhindernd. Es mag auch daran liegen, dass eben auch in der Provinz bürgerliche Haushalte mit entsprechenden Bibliotheken bestehen, welche bei der Auflösung dem WinWin zufließen. Die Nachkommen haben kein Interesse mehr an diesen verstaubten Werken. Natürlich hat das Sortiment aufgrund seiner landbürgerlichen Herkunft einen etwas konservativen Bias, manchmal sogar etwas bieder. So schien es früher in Gossau viele Liebhaber Teilhard de Chardins gegeben zu haben … Auch Hesse war natürlich sehr beliebt. (Ich schreibe „war“, weil das Klassikersortiment des WinWin ein Blick zurück in die sechziger und siebziger Jahren ist – die Bücher sind älter, aber die Auflagen stammen aus jener Zeit.) Ich kaufte ungefähr zwanzig Bücher.

Nach dem Mittagessen, zu dem auch die Onkel Walter und Hans eingeladen waren, Bahnfahrt nach Zürich. Dabei mit den Tagebuchaufzeichnungen Ernst Jüngers aus Paris begonnen, wo er als Offizier bei der besetzenden Truppe diente. Erstaunlicherweise besteht sein Freundeskreis zu einem großen Teil aus Franzosen. Auch über Hitler schreibt er, den er Kniébolo nennt, wohl zum eigenen Schutz, falls die Tagebücher gefunden und beschlagnahmt würden. Genützt hätte es nichts. Es war klar, wen er meinte. Kniébolo ist der vor dem Teufel (diablo) kniende.

Zürich ist festlich geschmückt. Es ist kalt. Überall Weihnachtsmärkte.Viele Menschen. Allen scheint es gut zu gehen. An der Bahnhofstraße treffe ich Jouni, etwas später stößt Cheng dazu. Jouni und ich trinken einen Glühwein, während Cheng von einem Laden in den nächsten geht. Wir müssten schnell ein Lokal finden, meint Jouni, sonst stünden wir noch lange wartend vor irgendwelchen Luxusläden und Drogerien. So landen wir im Oliver Twist, das ich schon seit mehr als zwanzig Jahren kenne. Es hat sich in dieser Zeit nicht verändert. Wir trinken zwei Guinness und gehen danach spanisch essen. Wir sprechen über seine neue Firma (zu deren Aufbau ich einen kleinen Beitrag leistete) und darüber, was seit Mai, als wir uns in Berlin getroffen hatten, alles so passiert war. Jouni und seine Familie sind von Helsinki in die Schweiz gezogen.– Ich war dabei, als in ihm der Wunsch, Geschäfte zu machen und zu reisen spross und wuchs. Das war 1999 in Bangalore. Wir hatten jeden Tag zusammen zMittag gegessen und über die Zukunft gesprochen. Die Namen der Restaurants habe ich vergessen: Zwei, drei Inder, ein Chinese, ein Europäer, eine Straßenküche. Egg Biryani, Gobi Manchurian. Ich weiß nicht mehr, ob wir dazu jeden Tag Bier tranken oder nur am Freitag. Neunzehn Jahre später ist Jouni reich. Ansonsten unterhalten wir uns, als sei keine Zeit vergangen.

Jounis Fahrer, welcher mit der wenig vertrauenserweckenden Nachricht “I’m drinking” eine kleine Verspätung meldete, bringt mich zum Bahnhof. (Es stellt sich heraus, dass er “I’m driving” schreiben wollte.) Im Zug nach Hause lese ich wieder in den Tagebüchern Jüngers.

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