Gossau I

Es gilt von meiner kurzen Reise in die Schweiz zu berichten, wobei ich mich kurz zu fassen versuche. Ich nahm die 19.40 Uhr Swiss von Madrid nach Kloten. Neben mir saß ein junger, großer, schwerer Mann, dessen Wurzeln wohl im mittleren Osten liegen. Er war gut gekleidet, wie ein Banker, und spielte die ganze Zeit über ein Spiel auf seinem Handy. Er sprach Schweizerdeutsch mit der Flugbegleiterin, sie aber antwortete ihm auf Englisch, wohl wegen seines unhelvetischen Aussehens. Nach ein paar Sätzen aber bemerkte sie ihren Fehler und entschuldigte sich: „Ah, sie haben ja Schweizerdeutsch gesprochen!“ Der junge Mann im Streifenanzug nahm den Fauxpas emotionslos zur Kenntnis. Kurz vor der Landung legte er das Handy beiseite und sackte zusammen: Er war erstaunlich beweglich. Sein Oberkörper lag beinahe auf seinen Knien. Den Kopf streckte er in den Gang hinaus. So schlief er, bis der Pilot die Landung ankündigte. Ich las während des Flugs in Sloterdijks Zeilen und Tage, trank dazu ein Bier und tat mich am typisch-trockenen Swiss-Brötchen gütlich.

Im auch zu später Stunde noch überfüllten Zug nach Gossau saß ein junges Mädchen neben mir; sie sprach schweizerdeutsch mit Balkan-Akzent. Gerade achtzehn war sie geworden, wie ich durch einen Blick auf ihre Bahncard sah. Sie unterhielt sich über Facetime oder sonst eine Video-App mit allerlei Typen, einem Besram, einem Leo, und mit einer Freundin. Das Mädchen gab sich nonchalant, war aber äußerst erregt, weil sie seit neustem „400 bis 800 Franken“ pro Nacht verdienen würde, in einem Zürcher Klub, wo sie gerade angestellt worden war, ich glaube von Besram, der einen Bart trug und sich ebenfalls recht wichtig vorkam. Das Mädchen sagte ihm, er solle anständig bleiben, sie sitze im Zug. Sie drehte das Telefon zu mir. Ich winkte Besram zu; Besram winkte höflich zurück. Dann arrangierte das Mädchen durch mehrere Telefonate, dass sie nicht bis nach St. Gallen fahren musste, wo sie „in den Ausgang“ ging, sondern, dass sie bereits in Gossau aussteigen konnte, wo sie abgeholt werden würde (weder von Besram – „nimm doch ein Taxi, zahl ich“, sagte der, was sie aber ablehnte – noch von Leo, sondern von einem dritten Typen). Sie kam sich recht high-society vor, umschwärmt und reich. Mit diesem jungen Selbstbild kontrastierte dann aber, dass sie in Gossau von einem Typen abgeholt wurde, der einen kleinen Firmenwagen fuhr, welcher üblicherweise wohl dem Ausliefern mexikanischen Essens dient. Auf der Kühlerhaube prangte ein großer, lachender Esel.

Ich ging durch die ruhige, kalte, nasse Stadt nach Hause. Auf der Oberwattstraße sah ich Jesus am Kreuz. Schon seit Jahrzehnten hängt er dort, seit ich mich erinnern kann; er wirkt aber immer frisch und neu. Das Haus meiner Oma stand ruhig da wie seit ewigen Zeiten. Immer wenn ich daran vorbeigehe, sehe ich meine Oma im obersten Stock im Küchenfenster stehen. Sie wirft mir etwas Süßes hinunter. Manchmal sehe ich mich auch selbst, als kleiner Bub auf dem Eckbalkon stehen. Dann das Elternhaus. Solide stand es da. Im Esszimmer brannte Licht. Es sah aus, als hätte es schon immer existiert und als würde es bis zum Ende der Welt dort stehen.
Im Esszimmer saß Pablo, der gerade vom Blutwurstessen zurückgekehrt war. Wir sprachen unter anderem von Rasperry-Computern.

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