Is there no alternative?

Im Rodilla Kafka gelesen. Das Schloss. Über Capitalist Realism bin ich wieder darauf gestoßen. Das Schloss als die Call Center-Erfahrung des Kapitalismus. Die blinde Suche nach dem nichtgreifbaren weil nicht existierenden Zentrum. Die vergebliche Suche nach der zentralen Behörde, die es nicht gibt. Die Verantwortung liegt beim System (manchmal Kapitalismus genannt, als handle es sich um etwas vom Menschen Erdachtes und mit offiziellem Eröffnungsakt ins Leben Gerufene); die Verantwortung liegt also nicht bei den einzelnen Akteuren, und da niemand über das System präsidiert, niemand seine Regeln festlegt (außer im Bereich des Möglichen zu regulieren versucht, was aber immer schwieriger wird, da das System von niemandem verstanden wird, da es neoliberale Experten am Laufmeter ausspuckt, welche eben gerade von Deregulierung sprechen); da eben niemand über das System selbst Macht ausübt, auszuüben fähig wäre, verpufft die Verantwortung im, wie Mark Fisher schreiben würde, Real Existierenden Kapitalismus.

Niemand ist also verantwortlich für, zum Beispiel, die rasante Entwaldung Borneos. Verantwortlichkeiten in einem heute als Naturzustand begriffenen System zu suchen, ist ein Ding der Unmöglichkeit, denn man wird sie nie finden; wie K.’s Schloss ist es undurchdringlich, immer nur von außen zu betrachten; alle Kommunikationsversuche nach Innen verlaufen sich, wie in der Call Center-Erfahrung, im Nichts. Sie versanden. Natürlich integriert das System die Sorge um die Entwaldung Borneos (oder andere, zur Zeit mehr in Mode sich befindende Sorgen). Öko-Label werden angeboten, man nötigt uns zum Recyceln. Mannigfach wird uns die Möglichkeit geboten, unsere Sorgen auch emotional zu integrieren: ein forward auf Whatsapp, ein share auf Facebook.

Das System selbst, durch seine liberalen Medien, den Guardian, den Spiegel, den Pais, will uns glauben machen, die Verantwortung liege nicht bei ihm, sondern bei schlechten Menschen in wichtigen Positionen. Hätten wir bessere Politiker, verantwortungsvollere Großunternehmen, wäre die Arbeiterklasse (von den liberalen Medien nur dem Schein nach vertreten, eigentlich aber nicht verstanden, gehasst gar, Brexiter, Trump-Wähler, im Supermarkt nach Plastiktüten Fragende) nur nicht so ignorant, wäre alles besser. Die Abholzung Borneos und alle anderen Abholzungen und Ausrottungen und Ausscheidungen würden gestoppt werden.

Die Kommunisten und Sozialisten, diese komischen Vögel aus längst vergangenen Zeiten, sind schon von Beginn weg dem gleichen Denkfehler verfallen. Sie taten (und tun zum Teil immer noch) alles, um sich an die Spitze des Systems zu stellen (den Staat zu übernehmen), um das Steuer herumzureißen, Macht über Es auszuüben. Natürlich kann das nie gelingen. Denn vielleicht muss man hier tatsächlich von einem Naturzustand sprechen: Seit wir Menschen nicht mehr in mehr oder weniger autonomen Stämmen unser Leben verbringen, seit wir also Landwirtschaft betreiben, später Städte bauten, ist der positive feedback-Prozess nicht zu stoppen. Wo immer auf die eine oder andere Art gehandelt oder geschaffen wird, entsteht ein Mehrwert, den der Cleverere (oder der Mächtigere) sich unter den Nagel reißt. Das ist das Kapitel (war schon das Kapitel, als das Geld noch nicht erfunden war). Zwei plus zwei sind mehr als vier: das ist der Kapitel-Effekt. Dieser ist tatsächlich ein Naturzustand, nicht auszurotten. Zumindest weiß niemand wie. (Der Vorsitzende Mao, mit dem ich den Geburtstag teile, hatte es auf alle erdenklichen Weisen versucht, hat Millionen von Menschen in der Kulturrevolution dafür geopfert, ist aber spektakulär gescheitert. – Ob er bei einem geisterhaften Spaziergang durch das heutig Shanghai nicht doch ein wenig stolz wäre, bleibt dahingestellt.)

Muss man angesichts dieser Analyse zum Schluss kommen, dass das menschliche Projekt (sprich: die stetige Expansion des Menschen, welche ja eigentlich – falls ich hier nicht einem anthropologischen Egozentrismus verfalle – die Entwicklung des Universums vom Urknall zur Selbstreflektion ist) zum Scheitern verurteilt ist? Ich schreibe dies weil der kapitalistische Naturzustand offenbar unaufhaltbar auf die Zerstörung seiner Grundlagen hinarbeitet. – Allerdings besteht ein Hoffnungsschimmer. Wenn nicht für die Menschheit, so doch für das Selbsterkennungsprojekt des Universums selbst, oder zumindest für das lokale, in unserem Sonnensystem angesiedelte Unterprojekt, welches durch die Vertreibung des ersten Paars aus dem Garten Eden (allegorisch gesprochen, versteht sich) begann. Ich spreche von James Lovelocks Hoffnungsschimmer: Der Mensch als Raupe des Schmetterlings Künstliche Intelligenz. Zugegben, einem Humanist (oder weiter gefasst: einem Mensch) muss dieser Hoffnungsschimmer zynisch vorkommen. Eine unfreiwillige aber scheinbar unaufhaltbare Selbstaufopferung eigentlich.

Oder bleibt sonst noch was? Is there no alternative, lautet der Untertitel zu Mark Fishers Capitalist Realism. Mancher hofft oder glaubt sogar, dass die Lichter tief im Tunnel, bei denen es sich um technologische Utopien handelt, keine Irrlichter sind, sondern das ersehnte Ende des Tunnels. Jenseits der Technologie aber bleibt es stockfinster.

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