Nizon

[Mittwoch] Die Tropfen, oder die Wasserfäden, sind heute Morgen so fein, dass man sich zunächst nicht sicher ist, ob es regnet oder nicht. Noch unter dem Portal fragt man sich, wieso denn dort jemand mit Schirm und gesenketem Kopf durch die Dunkelheit stapft? Nach ein paar Schritten aber fühlt man wie Haare und Gesicht nass werden und schlägt selbst die Kapuze hoch. Im Auto arbeiten die Scheibenwischer auf hoher Stufe. In der Luft bleiben die Tropfen, oder Wasserfäden, fast unsichtbar, die Windschutzscheibe aber trüben sie in Windeseile. Es ist eine gemütliche Fahrt. Ein sanftes, warmes Blasen aus der Klimaanlage, leise klassische Musik aus dem Radio. Dichter Verkehr, wie immer.

Bei diesem Wetter habe ich keine Lust auf den üblichen gemeinsamen Mittwochskaffee. Anderen geht es ebenso; sie verziehen sich nach dem Abladen der Fracht schnell wieder in ihre Autos. Ich fahre zum Büro, trinke vorher aber noch einen cortado im Rodilla. Dort beginne ich mit der Lektüre des Büchleins Aber wo ist das Leben von Paul Nizon. Ich habe es schon einmal gelesen, oder zumindest darin gelesen, denn es handelt sich um eine Geschichten- und Essaysammlung. Texte die eben davon handeln, was der Titel suggeriert. Nizon nennt es Lebenssuche, Lebendigkeitssuche, Lebensqualität. (Wobei sich dieses letzte Wort merkwürdig neoliberal anhört. Lebensqualität … ist das nicht etwas für Büroangestellte, etwas, das man sich kauft? Neoliberal war 1983 wohl noch kein Begriff.) Die erste Geschichte im Buch heißt Aufgewachsen in Bern.

Auf Nizon bin ich bereits in den frühen neunziger Jahren als Student oder sogar noch als Schüler gestoßen. Damals schon hat mich der Einsiedler, der Höhlenbewohner, der Sammler und Jäger aus Paris fasziniert. Mein Zugang zu seinen Texten war damals noch beschränkt, aber die Figur des Autors selbst faszinierte mich. Um diese drehen sich die Texte, zumindest ist sie mit ihnen verwoben, denn Nizons Thema ist Nizon. Das war noch zu einer Zeit, als man Autoren nur durch ihre Bücher kannte; ich wusste nicht, wie Nizon sprach, sein Aussehen kannte ich nur aus ein paar Zeitungsberichten. Heute besteht die Versuchung, jeden der etwas veröffentlicht hat, gleich auf Youtube zu suchen. Auch beim Lesen von Aufgewachsen in Bern, komme ich nicht darum herum, mir das Langäss-Quartier in Bern, von dem die Rede ist, auf Streetview anzusehen, ebenso den Bremgartenwald, „kein Wäldchen, sondern ein ausgedehntes Waldgebiet“. Ich hatte damals, Anfang der Neunzigerjahre, noch keinen anderen Schriftsteller gelesen, der schrieb wie Nizon. Auch Hemingway, meiner erster literarischer Held, schrieb über sich selbst, aber er wickelte die Lebensbetrachtung in Geschichten; ebenso Hesse, der andere Klassiker für junge Leser. Nizon war anders. Er schrieb um des Schreibens Willen. Nizon schrieb über Nizon, ein Faden in Form einer Geschichte war nicht auszumachen. Das gilt zumindest für alle Bücher ab seiner Paris-Phase. Die Schweizer Bücher, vor allem Canto und Stolz, habe ich immer noch nicht gelesen.

Dann vergaß ich Nizon für eine lange Zeit. Schon als ich selbst in Paris studierte, war er in den Tiefen meines Gedächtnisses versunken. Dann Bangalore, Madrid, Paris, London, Berlin – Nizon blieb ein Untergetauchter. Doch irgendwann, vor ein paar Jahren (wieder in Madrid), begann er sich wieder bemerkbar zu machen. An den ersten Kontakt, den Beginn der Wiederaufnahme des Kontaktes, kann ich mich nicht mehr erinnern. Vermutlich hatte ich in der Gossauer Gebrauchtbuchhandlung seine Journale entdeckt. Ich las seine Journale. Ich las ein paar Texte im Buch, dass ich jetzt wieder lese. Ich las Das Jahr der Liebe.

Nizon ist ein außergewöhnlicher Schriftsteller. Vielleicht der wichtigste lebende deutschsprachige Autor. Sicher mein Lieblingsschriftsteller, obwohl mir das erst heute Morgen bewusst wurde. Mein Lieblingsschriftsteller zusammen mit W.G. Sebald, einem anderen großen Unbekannten der deutschen Literatur. Ich bewundere Schriftsteller, die keine Geschichten brauchen, um zu erzählen. Nizon webt einen Sprachteppich. Zunächst heften sich die Augen ans Material, den Stoff, die Farben, die Qualität desselben, noch weiß man nicht, was da entsteht, aber mit der Zeit wird ein Teppich sichtbar, bis er plötzlich in seiner ganzen Perfektion vor einem liegt, ein wertvoller Perser, nicht groß aber dicht, für ein ganzes Leben gewoben, sogar die Erben werden sich um ihn reißen. So gesehen, schreibt Nizon keine Bücher, sondern an seinem Werk. (Immer noch arbeitet er daran, bald 89-jährig, nach wie vor in Paris).

*

[Heute] Ein neues Buch von Nizon ist eingetroffen: Über den Tag und durch die Jahre. Untertitel: Essays, Nachrichten und Depeschen. Wieder im Rodilla mit einem Cortado lese ich vor der Arbeit darin die erste Geschichte: Brief aus Rom.

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