Midterms

Zwischenwahlen in den USA. Der cultural war ist in vollem Gange und man will sich mit keiner Seite identifizieren. Auf der einen Seite die falschen Bewahrer des Alten; unlautere Konservative, die dem Volk das Bild eines Landes vorgaukeln, das niemals zurückkehren wird, und unter dem Deckmantel dieses Versprechens ein neoliberales, staatsfeindliches Programm durchschleusen. Auf der anderen Seite der Globalismus, der sich ebenfalls unter einem Deckmantel versteckt, nämlich dem der politischen Korrektheit und des Relativismus. Hier nicht das Versprechen eines heilen Amerikas, sondern einer heilen Welt, in der wir alle das Recht auf den Konsum der gleichen Produkte und Unterhaltungsangebote haben. Beide Seiten rekrutieren die Religion für sich. Die einen the old-time religion, die anderen den „wissenschaftlichen Humanismus“, welcher unter verschiedenen Namen daherkommt.

Es sieht nicht gut aus im Land, das einst als der leader of the free world bekannt war. Aber war es wirklich einmal besser? Natürlich erinnert man sich mit etwas Nostalgie an den einen oder anderen Kopf aus den achtziger und neunziger Jahren, aber so wirkt die Zeit. Sie poliert und lackiert, überdeckt und versteckt. Natürlich gibt es Ausschläge nach oben, ebenso nach unten (und Trump ist natürlich ein Extremausschlag), aber das Mittelmaß ist die Regel. Wenn aber das die Analyse ist, muss ich mir die Frage stellen, wie wir es denn geschafft haben, den stabilen, freiheitlichen Westen mit seinen Institutionen aufzubauen? Weshalb ist über die Jahrhunderte immer alles besser geworden, wenn doch meistens das Mediokre regiert? Denn ist es nicht unbestreitbar, dass unser Lebensstandard und unsere Freiheit sich auf einer seit Jahrhunderten, ja Jahrtausenden, nach oben zeigenden Kurve bewegen? Und zwar nicht nur bei uns im Westen, sondern auf der ganzen Welt (nicht überall auf der Welt, aber zumindest auf der Welt insgesamt). Steven Pinker schreibt in Enlightenment Now darüber.

Ich habe keine Antwort auf die Frage, weshalb in einer von mittelmäßigen Politikern regierten Welt, sich die Lage der Menschheit im Großen und Ganzen stets zu verbessern scheint. Weshalb ist nicht überall Somalia?

Und natürlich ist es ein Fortschritt mit einer wachsenden Hypothek. Ein Fortschritt auf Pump. Funktioniert unser gesamtes Gesellschaftssystem nur, weil es auf Wachstum basiert, wobei dieser Wachstum aber nicht gratis ist, sondern sozusagen ein Energietransfer aus der Umwelt in die Welt der Menschen? Eine Übertragung der Kraft der Natur in die Kraft der Maschinen. Wird das Fundament, das uns trägt, zusammenbrechen, sobald der Natur keine transferierbare Energie mehr bleibt? Vielleicht hat Steven Pinker unrecht. Vielleicht ist er mit seiner Analyse im liberalen Geist der Zeit gefangen (wie Fortschritts-Leugner John Gray, einer meiner kontemporären Lieblingsphilosphen, behaupten würde).

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