Capitalist Realism

In der Nacht: Ich fahre in der Bahn durch ein unheimliches Land. Es scheint sich um Nordkorea zu handeln. Mir gegenüber sitzt ein junger, dicklicher Mann. Wir unterhalten uns, worüber weiß ich nicht mehr. Bei einem Halt steigt ein anderer junger Mann hinzu, der sich neben mich setzt. Alles deutet darauf hin, dass es sich bei diesem zweiten Reisegefährten um den Sohn eines hohen Beamten oder gar eines Ministers handelt. Er steht über dem Gesetz und scheucht meinen ersten Gesprächspartner mit einer Handbewegung fort. Später lädt mich der mächtige junge Mann, der mich wie einen Freund behandelt, zu sich ins Büro ein. Mir ist nicht ganz wohl dabei; ich bemühe mich, nichts Falsches zu sagen. Auch als er mir mitteilt, mein erster Reisegefährte sei nun tot oder im Konzentrationslager, nicke ich nur. „Wir hatten drei großartige Präsidenten”, sagt der junge Mann, „deshalb funktioniert hier alles so gut. Ich verstehe nicht, wie Leute wie dieser andere sich über alles beschweren können.” Die drei Kims fallen mir ein: Il-sung, Jong-il und Jong-un, die Herrlichen. – Später begegne ich aber dem ersten, angeblich verschwundenen oder verstorbenen jungen Mann wieder. Er ist nervös aber bei guter Gesundheit, sagt, er habe Glück gehabt, ein anderer Mächtiger hätte ihn mit einem Dokument ausgestattet, das ihn vor dem Zugriff böser Elemente im Staat schütze. Er zeigt mir das Dokument, eine Art Pass. Darin sehe ich tatsächlich den lebensrettenden Stempel.

Dieser Traum mag zweierlei Ursachen haben: Zum einen zirkuliert in der Presse diese Tag ein Bericht aus dem Irrenhaus Nordkorea, demzufolge sexuelle Gewalt im Reich der Kims zum Alltag gehöre. Die führende Klasse, welche die klassenlose Gesellschaft verwaltet, aber auch schon Polizisten und mittlere Beamte, hätten bei Übergriffen keine Konsequenzen zu fürchten. Es scheint sich um ein Land zu handeln, in welchem die Macht total mit der Hierarchie verwoben ist. Nach unten tut und lässt man, wie einem beliebt; nach oben ist man vogelfrei. Ganz sicher ist nur der Oberste, aber wohl auch nur theoretisch. Auch der Große Führer, oder wie auch immer der jüngste Kim sich nennt, fürchtet immer um sein Leben. Ständige Säuberungen sind die Folge.

Zum anderen habe ich die Lektüre an Mark Fishers Kapitalismuskritik Capitalist Realism wieder aufgenommen. Fishers These: Der Kapitalismus hat es geschafft, sich als Realität zu verkaufen. Der Kapitalismus nicht als aufgezwungenes Ordnungssystem, sondern als wahrgenommener Naturzustand. Aus diesem Grund braucht er, im Gegensatz zum Faschismus oder Kommunismus, keine Propaganda. Im Gegenteil: Er integriert die Kapitalismuskritik. So ist es heute in vielen Kreisen üblich, sich kritisch zum Kapitalismus zu äußern; damit ist den eigenen Bedenken aber Genüge getan – man kann sorgenlos partizipieren. Sogar die großen Akteure und Profiteure des Kapitalismus, beteiligen sich an der Kapitalismuskritik. In wie vielen Hollywood-Filmen, produziert von Studios, die riesigen Konglomeraten angehören, stellt sich der Bösewicht als multinationale Firma heraus? (Fishers Beispiel: Im Film Wall-E produziert von Pixar, welches The Walt Disney Company gehört, die letztes Jahr 55 Miliarden Dollar Gewinn gemacht hatte, ist der Bösewicht ein Amazon-ähnliches Großunternehmen namens Buy n Large.)

Fisher aber schreibt, dass hinter dem Real des Kapitalismus (dem wahrgenommenen Naturzustand, welcher uns weismacht Kapitalismus = Realität, sprich: es gibt keine Alternative), die Reality steht, also der echte Naturzustand. Diese durchschimmernde Reality, Anzeichen dafür, dass der Kapitalismus eben nicht das Real ist, lässt sich an verschiedenen Phänomenen erkennen. Fisher nennt drei Beispiele: Die Zerstörung der Umwelt, die mental health crisis, und der Bürokratismus. Zum dritten bin ich im Text noch nicht vorgestoßen, das erste sieht Fisher als verlorenes Feld, da der Kapitalismus das Problem der Umweltzerstörung bereits weitgehend integriert hat (Öko-Label, CO2-Abgaben, Naturschutz als willkommenes Werbemittel, etc.). Er schreibt über das zweite Phänomen, die Krise der geistigen Gesundheit in der westlichen Bevölkerung. Fisher sieht die heutige, westliche Gesellschaft nicht mehr als von oben diszipliniert, sondern als von innen heraus kontrolliert. Das heißt, dass kein Sklaventreiber mit Peitsche uns mehr zur Arbeit nötigt, wie es bis vor wenigen Jahrzehnten zumindest metaphorisch noch der Fall war, sondern dass wir uns die Regeln verinnerlicht haben, sprich Disziplin durch Selbstkontrolle. Da wir unser System als Naturzustand wahrnehmen, können wir gar nicht anders, als mitzuspielen. Um die hypermoderne Bedeutungslosigkeit des Lebens auszuhalten, werden wir dazu angehalten, uns ununterbrochen durch Unterhaltung und Konsum abzulenken. Dies macht süchtig. Wir sind nicht mehr worker-prisoners, sondern debtor-addicts. Süchtig nach Diversion, unfähig uns zu konzentrieren; nur der Kapitalismus ist als Realität vorstellbar. Dies gilt natürlich auf für diejenigen, die sich gegen das System stellen, Globalisierungsgegner oder Antifa. Ich sehe sie als Gelangweilte, welche sich nur durch gelegentliche extreme Zirkusspiele geistig einigermaßen gesund halten. Würden sie sich nicht ab und zu vermummen, würde das Grau der Langeweile sie einhüllen wie eine Spinne das Insekt. Wer sich also nicht für die Spiele des Systems interessiert, erfindet selbst welche. Brot und Spiele, wie eh und je. Es passt zur Hypermodernität, dass die Spiele nicht mehr im Colliseum, oder am Samstagabend um Viertel nach acht im Fernsehen stattfinden, sondern im kleinen Rahmen, auf tausend verschiedenen Platformen.

Aber ist die „Krise der mentalen Gesundheit” wirklich ein Hinweis auf die Reality hinter dem Real? Oder ist Fishers Reality, ein Zustand in dem es „allen gut geht”, nicht eher eine Utopia, vergleichbar den Hoffnungen mancher Grundeinkommen-Initianten, dass, abgesichert durch ein Grundeinkommen, auch noch der letzte Spießer künstlerische Ambitionen entwickeln würde? Vom Staate organisiertes Glück also. Sind es nach Abdeckung der Grundbedürfnisse (und diese sind im Westen abgedeckt, wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit) nicht vielmehr die inneren Zustände und nicht so sehr die äußeren Umstände, die für das Befinden des Menschen verantwortlich sind? Fisher zieht als Beispiel die Studenten der Universität, an der er lehrte, heran. Er nahm diese als gelangweilte, junge Menschen war, ohne Visionen und süchtig nach Ablenkung und fand die Erklärung dafür im hypermodernen, akzelerierenden Kapitalismus. Damit mag er teilweise Recht haben, doch es gibt nicht nur den Ausweg des Systemwechsels (der unmöglich scheint), oder gar der Revolution (die nie kommt, und wenn sie kommt, wie wir wissen, im Desater enden wird). Es gibt auch den inneren Ausweg. Den Ausweg des Waldgängers, den Ausweg Thoreau, den Ausweg jedes Künstlers, jedes Unternehmers, jedes selbstbestimmten Lebens. Die Umwelt hat dem Menschen zu allen Zeiten, in allen System, Hindernisse in den Weg geworfen. Früher waren es Mangel und Mittellosigkeit, heute ist es der Überfluss und die schwindelerregende Akzeleration. Definiert man Reality als der Zustand, in dem die Massen sich nicht mehr langweilen, meint man nicht die Realität, sondern eine Utopia.

In einem anderen Punkt gebe ich Fisher recht, und zwar in dem, den er erwähnt und dann liegengelassen lässt: Die Umweltzerstörung. Wir nehmen diese zur Kenntnis und nehmen sie in Kauf. Die meisten von uns haben sie (wie Fisher richtig feststellt) in unser tägliches Verhalten integriert. Wir sharen einen Artikel über die Überfischung auf Facebook, achten beim Fischkauf auf beruhigende Label. Der Kapitalismus ist auf dem Weg, alles platt zu walzen und wir suchen nach kapitalistischen Mitteln, dieses Planieren zu stoppen. Dass dies nicht möglich sein wird, da ja ständiges Wachstum die Conditio-sine-qua-non des Kapitalismus ist, ahnen wir, partizipieren aber trotzdem wie Herdenschafe, da der Kapitalismus ja die einzige Realität ist. Natürlich gibt es Verweigerer, sich-an-Bäume-Binder, aber der Kapitalismus hat sie als Zirkusclowns integriert. Dabei müsste uns die Umweltzerstörung doch eins vor Augen führen: Es muss tatsächlich eine Realität jenseits des Kapitalismus geben. Und ist der Mensch nicht zum Erforschen des Unbekannten prädestiniert? Müssten wir uns nicht auf die Suche, nach dieser Realität machen? Weshalb stehen wir in dieser Sache vor einer Wand?

Natürlich ist vielen von uns bewusst: Die Gefahr, die von anti-kapitalistischen Experimenten ausgeht, ist groß. Die Mehrheit fürchtet die Revolution. Nur eine Minderheit ist ihr geneigt, sei es aus Langweile oder Verzweiflung. Eher wohl aus Langeweile, denn Langeweile ist im Westen ein viel größeres Problem als Verzweiflung. Aber eben: Die Langeweile lässt sich integrieren, sei es durch Netflix oder im Schwarzen Block.

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