Brückentag

Gestern war Feiertag, heute ist Brückentag. Am Morgen habe ich trainiert, heute war Laufen dran, ich war im Polvoranca. Jetzt bin ich alleine zu Hause, Carol, Mom und Paul sind mit den Abuelos in der Sierra. Ich habe am Küchentisch meinen Kaffee getrunken und in Sloterdijks Heften gelesen („Hefte”, so sollte dieses Zeilen und Tage-Buch eigentlich heißen, auch wenn der Begriff des cahier etwas abgegriffen sein mag).

Was ist die Rolle des Tagebuchführenden, des Betrachtenden, des Autors überhaupt? Für mich es in erster Linie die Arbeit des Lesers, der das Gelesene verarbeitet, die Gedanken anderer Menschen den eigenen Mühlen zuführt und das, was unten herauskommt, so gut es geht festzuhalten versucht. Dabei wird einem immer wieder bewusst, wie beschränkt die Kapazität der eigenen Mühle ist. Damit meine ich nicht, ihre Fähigkeit zu mahlen und brauchbares Mehl zu produzieren (auch die ist beschränkt), sondern ihre Durchlaufleistung. Wie vieles hat man noch nicht gelesen. Auch Klassiker, Grundlegendes, Unerlässliches. Bei Sloderdijk stoße ich auf Bruno Latour. Wie viele Stunden müsste man sich mit ihm befassen, um ihn auch nur oberflächlich zu verstehen? Und lohnte sich ein solches Unterfangen überhaupt, wenn man Sartre nur aus dem Gymnasium kennt (sprich: kaum kennt)? – Wer hatte gesagt, dass ein Autor das Lesen sehr ernst nehmen muss? Ian McEwan war’s.

Sloterdijk beginnt seine Laudatio auf Latour mit einem Foto von dessen Eltern. Ein Foto von der Hochzeitsreise in der Zwischenkriegszeit. Dort der Satz: „Der gutaussehende junge Mann, der durch seine Hornbrille gesammelt und leise spöttisch in die Kamera schaut, hat bereits die Luft der Moderne geatmet …”. Dabei scheint Sloterdijk die Moderne nicht als Epoche zu verstehen, sondern eher als die Postmoderne. Als zollte dieser burgundische Gatsby durch die Heirat und die Hochzeitsreise noch sein Tribut an die Tradition, obwohl er die Revolutionen der Nachkriegszeit bereits in der Luft spürte. Dabei ist der noch ein paar Jahrzehnte in der Zukunft liegende gesellschaftliche Wandel der sechziger Jahre wichtiger, als die vor der Tür stehende Katastrophe (die mit ihrer Massenvernichtung die Vorstufe der Postmoderne ist).

Ähnlich der Zwischenkriegszeit ist auch die Zeit, in der wir leben, Vorstufe zu etwas Neuem. Dabei haben wir den Zeithorizont, hinter dem das Unvorhersehbare liegt unmittelbar vor Augen. Vorhölle oder Vorstufe zu einer neuen Ordnung? Vermutlich beides. Man hat das Gefühl, dass im Zeitalter der Technologie beides nebeneinander bestehen wird.

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