Jünger/Sloterdijk

Gestern noch … oder eigentlich am Donnerstag, denn oft hinke ich hier den privaten Notizen hinterher … Gestern noch mehr als hundert Seiten in den beiden neu eingetroffenen Büchern von Sloterdijk und Jünger gelesen. Über die beiden habe ich gestern schon ein paar Worte verloren. Was gefällt mir an diesem Jünger, dem Antimodernen, den auch seriöse Leser heute entweder nicht mehr kennen, oder belächeln, oder gar verachten? (Ich erinnere mich daran, wie Jonas Lüscher sich in Kraft über die Marmorklippen lustig machte. Das Buch wird als Literatur für hyperventilierende und gleichzeitig altväterliche Neoliberale dargestellt.) Was gefällt mir an ihm, der der Gefahr und gar dem Tod nie ausgewichen ist, aber immer überlebt hat? Der mit 91 nach Malaysia und Indonesien reist, zum Zweck der subtilen Jagd durch den Urwald streift und sich jeden Morgen um fünf Uhr wecken läßt, um den Kometen wiederzusehen. Nie scheint ihn die vor ihm liegende Linie – der Tod – zu bedrücken. Obwohl er selten über ihn, den Tod, und gar nie über „das Leben” nach diesem schreibt, wird doch klar, dass er ihn wirklich nur als Linie sieht. Als das Ende einer Etappe. Und natürlich liegt jedes Etappenende auf einer Straße, die immer weiter geht. Ein Glaube oder auch nur ein spirituelles, mehr oder weniger geschlossenes Denksystem ist bei Jünger nicht auszumachen. Noch mit 91 sieht er sich nicht als Christ, obwohl das Gerücht geht, er soll kurz vor seinem Tod Katholik geworden sein. Es ist wohl dieses anarchische, das mir an ihm gefällt. Dieses furchtlose Leben, sich jedem Dogma verweigernd, nicht einmal das eigene Denken in einen Systemmantel zwingen wollend, und trotzdem alles betrachtend und bedenkend. Und natürlich auch diese Worte:

„Einen Tag ohne Lektüre kann ich mir kaum vorstellen, und ich frage mich oft, ob ich nicht im Grunde als Leser gelebt habe. Die Welt der Bücher wäre dann die eigentliche, zu der das Erlebnis nur die erhoffte Bestätigung darstellte – und diese Hoffnung würde stets enttäuscht.” [Am 19. April 1986 in Malaysia geschrieben. Beim Lesen des Büchleins Zwei Mal Halley, ein Buch, wie es mir vorkam, aus längst vergangener Zeit, fiel mir plötzlich ein, dass ich nur sieben Jahre nach Jünger in Medan, auf Sumatra, selbst zum ersten Mal indonesischen Boden betrat.]

Gäbe es ein Kontinuum Mystik-Muse-Philosophie, wobei mit Philosophie rigoroses Denken gemeint ist, mit Muse die Kunst (Denken mit anderen Mitteln) und mit Mystik innerlich Erlebtes, steht Jünger zwischen der Mystik und der Muse und Sloterdijk zwischen der Muse und der Philosophie. Es soll nur wenige große Philosophen geben, welche mit ihrem Werk auch musisch brillieren; Sloterdijk erwähnt in seinen Tagebuchaufzeichnungen Zeilen und Tage Nietzsche und Sartre. Er selbst gehört vielleicht selbst auch zu dieser exklusiven Gruppe. Seine Tagebücher (seine „Hefte”) sind recht dichte Philosophie, aber leichter verständlich als die beiden Bücher, die ich von ihm gelesen haben (Nach Gott, und Was geschah im 20. Jahrhundert?). Nur ab und zu schafft es etwas nicht-Philosophisches, sich in Sloterdijks Heft zu schmuggeln. Oft handelt es sich dann um Banales, denn offensichtlich ist auch ein Mensch vom Schlage Sloterdijks nur ein Affe, den die Evolution mit dem zufälligen Nebenprodukt Bewusstsein belohnt (oder bestraft) hat. So oder ähnlich sieht Sloterdijk selbst das Bewusstsein. (Ob das wirklich so ist, bleibt dahingestellt.) Gänzlich banal wird es, wenn der Philosoph über die eigenen Triebe schreibt, so als er einer jungen Frau am Amsterdamer Bahnhof nachschaut und sich mit Konfuzius wünscht, siebzig Jahre alt zu sein, damit sich „nichts in ihm rege”. Das aber verringert den Genuss der Lektüre seiner Hefte nicht im Geringsten. Im Gegenteil: Es tut durchaus wohl, sich vor Augen zu führen, dass der große Philosoph im Grunde genauso ein Affe ist, wie die semi-depressiven Proleten, welche beim FC Basel Fußball spielen (so beschreibt sie Sloterdijk, als er ihnen in einem Luxushotel in Sils Maria über den Weg läuft).

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