Sloterdijk/Jünger

Sloterdijk schafft für seine Hefte den Begriff “Datierte Notizen”. Das ist schon fast prahlerisch, so nichtssagend (nichts sein wollend) ist dieser Ausdruck. Der Verlag nannte das Buch: Zeilen und Tage. Im Vorwort dazu hatte der Philosoph noch angekündigt, es seien keine weiteren Editionen zu befürchten. Das war 2014. Nun, vier Jahre später, hat der Suhrkamp-Verlag die Neuen Zeilen und Tage herausgegeben. Mehr datierte Notizen. Wenn dieser Begriff tatsächlich prahlerisch ist, dann hat der Autor allen Grund zum prahlen. Man wird von diesen, jeden Morgen in ein Heft gekritzelten Notizen, am Ärmel hineingezogen.

Im gleichen Paket, das mir die Sloterdijkschen Hefte bescherte, kam auch Jüngers Zwei Mal Halley ins Haus geflogen. Oder besser gesagt: ins Büro, wohin ich nun alles Bestellte schicken lasse. (Ich habe nämlich endlich ein Büro außer Haus, was meine Arbeitsproduktivität um eine zweistellige Prozentzahl steigert. Ein solches wurde mir schon lange angemahnt, aber erst im Sommer in Berlin, bin ich auf den Geschmack gekommen). Ich hatte mich, als ich es im Internet suchte, gewundert, weshalb dieses Jünger-Reisetagebuch in einer schönen, gebundenen Ausgabe zu bestellen war, wo doch viel von Jüngers Werk nur in der Taschenbuch-Ausgabe im Rahmen der Sämtlichen Werk zu haben ist. Jetzt also halte ich dieses Buch in der Hand und sehe, dass es sich, obwohl ich es neu und nicht gebraucht gekauft habe, um die vierte Auflage aus dem Jahre 1988 handelt. Die im Buche geschilderten Erfahrungen spielten sich 1986 ab; 1987 erschien der Text in erster Auflage. Drei Auflagen ließen sich also schnell an den Mann (wohl wirklich vorwiegend an diesen) bringen; bei der vierten muss der Absatz dann gestockt haben. Davon profitiere ich. (Ich besitze auch zwei andere Jünger-Bücher aus der gleichen Zeit, im Antiquariat erworben, aber ebenso schön.)

Das Umschlagbild von Zwei Mal Halley: Ein schwarzes Viereck; oben rechts und unten links je zwei weiße, gebogene Striche: zwei fallende Kometen. Sehr gelungen, findet Carol. Ich pflichte ihr bei.

Die ersten Eintragungen habe ich gelesen, in der Pause am Morgen, später im Auto auf das Aus des Kindergartens wartend. Wie so oft bei Jünger, geht es um zwei Pole. Oben das Ewige und Wahre, Hinweise darauf sind in der Natur und in der Kunst zu finden; unten die Beschleunigung des Fortschritts (das Zeitalter des Arbeiters). Haben sich die Pole umgekehrt? Steht der Arbeiter nun oben und wirft seinen Schatten auf das Ewige, welches vom gewöhnlichen Menschen kaum mehr erkannt wird? Jünger hält sich natürlich am richtigen Pol auf. Dabei mag er im Fortschritt untergehen (die immer noch erhältlichen Bücher der 1988er-Auflage deuten darauf hin; wer interessiert sich heute noch für ihn?), doch es sind die Massen, die eigentlich ahnungslos auf den Untergang zutreiben. Der Waldgänger ist sich des kommenden Wasserfalls zumindest bewusst. Er hört ihn rauschen, sieht ihm mit offenen Augen entgegen. Kein Wunder ist Jünger heute nicht mehr modern. Er war es noch nie.

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