YNH bei Sam Harris

Mir mögen fünfzig Jahre bleiben. Paul weitere vierzig . Das ist mein Zeithorizont. Von hier bis 2113, wenn Paul hundert Jahr alt sein wird. Wie wird sich die Welt in dieser Zeit verändern? Gestern habe ich mir auf dem Weg ins Büro und zurück einen Podcast von Sam Harris mit Yuval Noah Harari, diesem neuen non-fiction Superstar, angehört. Ein paar Gedanken aus diesem Podcast, die ich im Hinterkopf behalten will:

Die drei größten Probleme der Menschheit, gemäß YNH, sind erstens die Gefahr eines Atomkriegs, zweitens der Klimawandel, und drittens die Gefahr, die von künstlicher Intelligenz ausgeht. Mit dieser Gefahr meint er nicht general intelligence (turning on the lights, wie Sam Harris es nennt, also bewusste künstliche Intelligenz, welche sich bewusst gegen den Menschen wendet), sondern die Manipulation des Menschen durch Maschinen. Schon heute werden wir durch Algorithmen manipuliert, und zwar von Algorithmen, die gar nicht sehr komplex sein müssen, weit entfernt von genereller künstlicher Intelligenz. Die Quintessenz ist die: we are now prone to hacking.

Ich bin mit allen drei Punkten einverstanden, glaube aber, dass YNH mit Problem Nummer zwei (Klimawandel) dieses zu eng definiert. Es geht nicht nur um den Klimawandel, sondern um die Zerstörung der Umwelt in einem viel umfassenderen Sinn. Nicht alles lässt sich auf den Klimawandel reduzieren. Es geht genauso um die Überfischung, um die Zerstörung des natürlichen Lebensraums, um die Überbevölkerung, den Verlust der Biodiversität. Problem eins (Atomkrieg) ist das überraschendste. Kaum jemand denkt heute mehr an nuklearen Krieg; doch laut Sam Harris sind Experten, die sich tagein tagaus mit dem Thema befassen, davon überzeugt, dass die Gefahr eines solchen heute nicht kleiner ist, als während der Kubakrise.

Ungewöhnliches von YNH zum Patriotismus und Nationalismus. Dass er ein unabhängiger, origineller Denker ist, zeigt sich schon daran, dass er dem Nationalismus Positives abgewinnt, was heute unter den liberalen Demokratien entstammenden Denkern keine populäre Meinung ist, eigentlich sogar eine verbotene Meinung. YNH sagt, dass die natürliche Größe einer Gruppe, welche das engere soziale Umfeld eines Menschen bildet, aus nicht mehr als hundertfünfzig Menschen besteht. Das ist der Stamm. Das ist die Anzahl der Menschen, mit der man eine mehr oder weniger enge Beziehung haben kann, oder vielleicht sollte man besser sagen: deren Charakter man kennen kann. Die Nationalstaaten und der mit ihnen verbundene Patriotismus aber haben es geschafft, dass ein einzelner Mensch eine emotionale Bindung, oder zumindest ein Gefühl der Verantwortlichkeit, Millionen von Menschen gegenüber entwickelt hat. Das verleiht Hoffnung. Die oben beschriebenen drei Probleme erfordern globale Lösungen, wofür aber eine Art Erd- oder Menschheitspatriotismus von Nöten sein wird. YNH sagt, dass der Sprung von Loyalität zum Stamm (hundertfünfzig Menschen) zur Staats-Loyalität (Millionen von Menschen) viel schwieriger zu vollziehen war, als der Sprung von Millionen zu Milliarden von Menschen es sein wird. Allerdings scheint mir, dass er dabei vergisst, dass der Patriotismus immer im Kriegesfeuer geschmiedet wurde. In Europe entstanden die Nationalstaaten in der Abgrenzung und im Kampfe gegen andere Nationalstaaten. Wem gegenüber grenzt der Menschheitspatriotismus sich ab? Auch haben es die westlichen Nationalstaaten geschafft, gemeinsame kulturelle Basen zu schaffen. So kann sich ein Mittelklasseamerikaner aus seinem Suburb an der Ostküste mit einem Mittelklasseamerikaner aus einem Suburb an der Westküste unterhalten, ohne vorher die Grundlagen der Diskussion definieren zu müssen, ohne um gemeinsame Begrifflichkeiten ringen zu müssen. Das ist auf der Weltebene noch unmöglich, oder nur in Subgruppen möglich. Allerdings ist hier eine Weltmittelklasse am entstehen, zu welcher aber natürlich nur ein sehr kleiner Teil der Menschheit Zugang hat.

Weitere Gedanken: 1) Das Problem der Massen wird nicht mehr die Ausbeutung, sondern die Irrelevanz sein. 2) Liberale Demokratie (liberal democracy, vielleicht besser als freiheitliche Demokratie übersetzt) funktioniert nur unter bestimmten Bedingungen. Eine dieser Bedingungen ist, dass man sich über Grundsätzliches einig ist. Dazu gehören natürlich die Regeln dieser Demokratie, aber auch die Regeln des demokratischen Diskurses. (Für einen Staat, in dem dies funktionierte, gibt es kaum ein besseres Beispiel als die Schweiz, vor allem die Schweiz meiner Kindheit und Jugend, einer Zeit, die mit dem oppositionellen Auftreten der SVP und dem Bruch der Zauberformel zwar nicht endete, aber zumindest Risse bekam.) Heute stellt sich die Frage, wie lang die freiheitliche Demokratie noch funktionieren kann. Ein Hauptgrund für die möglichen Erschütterungen, die auf uns zukommen werden, sind social media. Platformen wie Facebook sorgen dafür, dass wir mit den Nachrichten gefüttert werden, welche unser Weltbild bestätigen, was heißt, dass das Gemeinsame im Staat immer kleiner wird und der Diskurs immer weniger existiert, und wo er existiert verstehen sich die Diskutierenden immer weniger. Die politische Korrektheit und die outrage culture tragen das ihre dazu bei. Mit wem darf man reden und worüber? Welcher Meinung darf man sein und welcher nicht? Der New Yorker hatte Steve Bannon zu einer öffentliche Diskussion zunächst eingeladen und dann, aufgrund von allgemeiner Empörung (in der eigenen Redaktion, der eigenen Leser) wieder ausgeladen. Eine Diskussion zwischen den liberal media und dem ehemaligen Chefvordenker der aktuellen US-Regierung scheint also bereits nicht mehr möglich zu sein. Keine guten Aussichten für die USA.

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