Sonntag

An einem Sonntagmorgen fahren Paul und ich mit der Metro bis Lago. Wir treffen genau rechtzeitig ein, um eine Herde von ungefähr 600 Schafen und ein paar Dutzend Ziegen samt Hirten und Hirtenhunden bei ihrem Zug durch Madrid, der jährlichen Fiesta de la Trashumancia, zu begleiten. Trashumancia heißt Weidenwechsel. Ich bin mit der Geschichte hinter diesem Fest nicht vertraut, aber es handelt sich um eine alte Tradition. Hirten haben in Spanien ein uraltes Recht auf die Benutzung bestimmter Viehpfade, welche durch das ganze Land führen. Mehr als 100’000 Kilometer weit soll das Netzwerk  sein. Einer davon führt mitten durch Madrid. Einmal im Jahr wird er gebraucht. Das ist die Fiesta de la Transhumancia.

Die Schafe stehen dicht zusammengedrängt auf einer Wiese im Park, fressen die Büsche kahl. Ihr Geruch hüllte die ganze Umgebung ein. Zwischen den viele weißen Schafen treiben sich ein paar dunkle Ziegen herum. Im Gegensatz zu den Schafen, die sich zusammendrängten und auf keinem Fall auffallen wollten, stellen sich die Ziegen immer wieder auf ihre Hinterbeine, oder drängeln sich nach vorn. Es kommt einem vor, als warteten sie unruhig auf den Beginn der ungewöhnlichen Prozession. Auch einige Schafsböcke sind zu sehen. Sie haben kein Interesse daran, auf eigene Faust etwas zu unternehmen. Mir ihren eindrücklichen, mehrfach gewundenen Hörner sehen sie stark und dominant aus, aber sie fügen sich in die Herde ein, wie ihre weiblichen Artgenossen.

Als es losgeht, begleiten wir die Herde ein Stück weit auf ihrem Weg. Bei der Kathedrale Almudena stossen dann auch noch traditionell gekleidete Musikgruppen, sowie von Ochsen gezogene Wagen und auch anti-Agrarindustrie-Demonstranten zum Zug hinzu. Auf eigene Initiative berührte Paul zwei Mal einen der großen Schäferhunde und auch einmal das struppige, nasse Fell der Schafe. Kurz vor Sol trennen wir uns von der Herde und fahren mit der Metro zurück. Am Nachmittag haben wir etwas Anderes vor.

*

Sieben Tage später, wieder am Sonntag, sind wir in Toledo. Die alte Hauptstadt ist ganz in der Hand sogenannter Touristen. Einige Kulturtouristen mögen darunter sein, die meisten hat’s wohl einfach irgendwie hierhin verschlagen. Sie spazieren durch die Stadt, schießen ein paar Fotos, stehen vor der Kathedrale an, kaufen Souvenirs. Die Massen sind an der Macht (zumindest glauben wir das).

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