Unfall

Heute Hinweise auf einen großen Unfall auf der A6. Marisa kommt zu spät, sie steht im Stau. Der Parkplatz der Schule ist noch fast leer. In der Cafeteria sind die Lichter aus. „Ich weiß nicht, was passiert ist, aber der Wagen hat schlimm ausgesehen“, sagt eine Putzfrau. Paul ist heute der erste im Kindergarten, gleich danach kommen Celine und Dodo. Paul hängt an den Beinen kopfüber an einer zwischen zwei Bäumen gespannten Holzleiter. Er kletterte auf einen Ast. Das Leben geht für uns weiter, für jemanden anderen ist vielleicht das ganze Universum, welches seit Milliarden von Jahren pulsiert, zum Stillstand gekommen.

Ich habe gestern den Radetzkymarsch zu Ende gelesen. Wie immer lese ich die letzten Seiten wie im Rausch, will das Buch bezwingen. Die letzten Szenen tragen zu diesem Rauschgefühl bei … Die Zeit drehte sich immer schneller im zerfallenden Habsburgerreich … Es ist, als bräche ein Fieber aus, welches die alte, bunte Monarchie schließlich dahinrafft. Zunächst ein Fest an der Grenze, ein Fest von kubrikschem Ausmaß, Eyes Wide Shut tief im Osten. Carl Jospeh von Trotta desertiert, versucht sich ein paar Wochen lang in einem klandestinen Zivilleben, dass er aber nicht zu meistern vermag. Mit sieben Jahren begann seine militärische Laufbahn und ohne Uniform ist er niemand. Dann die ersten Gerüchte von den Ereignissen in Sarajevo. Tatsächlich: Franz Ferdinand wurde erschossen. Der Krieg bricht aus. Chaos, vor allem in den Randzonen, wo die Österreichische Armee sich bereits in Auflösung befindet. Carl Joseph kehrt in die Kaserne zurück. Bald darauf fällt er. Als er versucht an einem Fluss Wasser für seine Truppe zu besorgen, wird er von einer Kugel getroffen. Das war ein Schock für mich, weil ich glaubte, im zweiten Buch über die Familie Trotta (Die Kapuzinergruft) gehe es ebenfalls um Carl Joseph. Aber ich nehme dieses zweite Buch sogleich zur Hand und beginne es abends um zehn zu lesen. Es stellt sich heraus, dass die Hauptfigur des Nachfolgebüchleins ein anderer Trotta ist. Ein Vetter zweiten Grades von Carl Joseph. Es ist ganz anders geschrieben, kurze Kapitel, ein Ich-Erzähler. Man treibt im Fluss der Worte und spürt, dass Joseph Roth diese Bücher im Rausch geschrieben hatte; ganz wörtlich auch im Alkoholrausch, denn in den dreißiger Jahren war er bereits Alkoholiker.

Jetzt habe ich gerade meinen Kaffee im Rodilla in Las Rozas fertig getrunken. Draußen ist der Himmel bedeckt. In der Nacht hat es geregnet. Ein richtiger Herbsttag. Ich höre einen Presslufthammer und das pressende Geräusch des Dampfhahns an der Kaffeemaschine, mit welcher die Milch erhitzt wird. Ich höre die Stammgäste, die sich kurz mit den jungen Frauen an der Theke unterhalten. Hinter mir sitzt eine Frau, die ihrer Freundin erzählt, man hätte ihr diesen Monat den Lohn nicht ausbezahlt.

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