Radetzkymarsch

Radetzkymarsch von Joseph Roth ist der beste Roman, den ich seit langer Zeit gelesen habe. Vielleicht seit Bekenntnisse eines Bürgers von Sándor Márai. Allerdings war das kein Roman, sondern eine Lebenserinnerung. Beide Bücher spielen aber im selben Raum: In den letzten Jahren der Donaumonarchie und zwar weit im Osten, dort wo nur noch die Kasernen und die Bezirksämter den Kaiser (und die deutsche Sprache) vertreten.

Joseph Roth erzählt die Geschichte der Familie Trotta. Im Mittelpunkt stehen Carl Joseph Trotta und dessen Vater, Franz Trotta. Wie schon der Großvater vor ihnen, stehen beide im Dienst des Kaisers. Der Vater als Bezirkshauptmann, der Sohn als Leutnant. Aber der Kaiser ist alt und über der letzten Inkarnation des Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation kreisen bereits die Geier.

Die Soldaten an der Grenze langweiligen sich, nie wieder, befürchten sie, werden sie gebraucht werden. Allmählich aber, fast unmerklich, beginnt sich ein Gewitter zusammenzubrauen. Fabrikarbeiter streiken. Anstatt des Radetzkymarsches hört man immer öfters die Internationale. Die Völker des Reiches fordern ihre eigenen Nationalstaaten. Hinter dem Horizont lauert bereits der große Krieg, der alles zerstören wird. Man weiß: Die Soldaten werden schon bald zum Einsatz kommen, und die Chancen, dass sie diesen nicht überleben werden, sind groß.

Radetzkymarsch ist spannend wie ein Besteller, obwohl eigentlich nicht viel passiert. Carl Joseph langweilt sich in seinem Dienst als Offizier an der  russischen Grenze. Er beginnt immer mehr zu trinken. Sein Vater, durch den Tod eines alten Dieners aus der Bahn geworfen, beginnt die Anzeichen der Zersetzung der alten Ordnung zu bemerken.

Die Sprache Joseph Roths ist spielerisch, manchmal sogar rau und ungestüm; als Erzähler hält er sich nicht an die Regeln, taucht bald in diesen und bald in jenen Kopf ein, um dann wieder hoch über seinen Figuren zu schweben. Trotzdem ist es der Stil eines großen Könners. Man wird mitgenommen, als treibe man in der Donau.

Der Kern des Werkes ist die Stimmung des Untergangs. Die Welt wie sie immer war, beginnt abzubröckeln. Vater Trotta beginnt den Halt zu verlieren; Sohn Trotta, der nie glücklich war in seiner militärischen Karriere, sehnt sich nach einem neuen Leben. Es fehlt ihm aber die Erfahrung, selbst Entscheidungen zu treffen. Er kennt die Freiheit nicht.

Es ist ein nostalgisches Buch, dass einer untergegangen Welt nachtrauert, obwohl diese alte Welt keineswegs als idyllisch, sondern als steif und unbeweglich beschrieben wird. Joseph Roth schrieb es in den dreißiger Jahren in Berlin, als die Katastrophe sich bereits abzeichnete. Angesichts der Braunhemden, die durch die Straßen marschierten, sehnte er sich zurück ins Habsburgerreich seiner Jugend. Es ist ein typisches Buch für jene Zeit, die Jahrzehnte des Übergangs von der alten in die moderne Welt.

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