Wien II

Am Freitagmorgen hatte ich vor der Arbeit noch eine Stunde Zeit, weshalb ich mit dem Taxi direkt in eine Buchhandlung nahe dem Konferenzzentrum fuhr. Der Taxifahrer hatte einen lustigen Akzent: einen slawischen, osteuropäischen Grundton gemischt mit breitem Wienerisch. Wir sprachen kaum, aber er verfluchte murmelnd die Wiener Verkehrsbehörden und andere, langsamere, Autofahrer. Wir fuhren an den Wiener Wiesen und dem Prater vorbei, wo ich erst einmal war, auf einer Velotour von Passau nach Wien mit meinen Eltern und Schwester; ich glaube es war 1985. Damals hatte ich mich während der ganzen Fahrt auf Wien gefreut; ich liebte große Städte und Wien würde die größte sein, in die je einen Fuß gesetzt haben würde.

Die Buchhandlung, die ich vorher ausgesucht hatte, hatte gute Google-Reviews, war aber enttäuschend klein. Die Auswahl war eigentlich nicht schlecht: recht viele Klassiker, Philosophie, ein paar zeitgenössische Romane, doch es war keine Konzept zu erkennen und sie war mir auch etwas zu ungepflegt; die Bücher waren achtlos und zufällig eingeordnet; zum Teil sah man ihnen an, dass sie schon seit Jahren im Gestellt standen. Ich kaufte etwas Wienerisches: Den Radetzkymarsch und Die Kapuzinergruft von Joseph Roth, dessen Werk ich noch nicht kannte. Ich erinnere mich, dass ich seine Bücher jeweils in der winzigen Literaturabteilung der HSG-Universitätsbibliothek habe stehen sehen; vielleicht hatte ich sogar einmal eins ausgeliehen, ohne es aber zu lesen.

Unterdessen habe ich die ersten Kapitel des Radetzkymarsch gelesen. Es handelt sich um die Geschichte einer Familie in einer Zeit der Umwälzungen; in einer zu Ende gehenden Ära, in einem Land, dass bald nicht mehr existieren würde. Das Buch beginnt mit dem kaiserlichen Beamten Franz von Trotta. Sein Urgroßvater war Bauer in Galizien, jenem Gebiet in der heutigen Ukraine, wo damals auch viele Deutsch und Juden wohnten; sein Großvater war bereits Wachtmeister; sein Vater Leutnant, später Major in der Armee des Kaisers; er hatte Kaiser Franz Joseph in der Schlacht von Solferino das Leben gerettet und wurde daraufhin geadelt. Vor allem ist es aber die Geschichte von Franzens Sohn: Joseph von Trotta, dessen Jugendjahre, von denen ich zur Zeit lese, mit den letzten Jahren der Donaumonarchie zusammenfallen. Noch ist von derer baldiger Auflösung nicht viel zu spüren. Einzig die steifen Umgangsformen und die strikten gesellschaftlichen Hierarchien mögen, zumindest in der Retrospektive, darauf hindeuten, dass man sich an das Bekannte, Allhergebrachte klammert, weil man vielleicht, zumindest unbewusst, das Heranrollen der Katastrophe spürt. Immerhin reicht die Linie der Habsburg-Monarchie bis ins Heilige Römische Reich zurück, und dieses wiederum bezieht sich die klassische Zivilisation, die es im Namen trägt. Das all dies zusammenbrechen könnte und sich Wien im Verlaufe zweier Weltkrieg in die Hauptstadt eines Alpenländchens verwandeln würde, hätten sich die Trottas und später die von Trottas niemals träumen lassen.

Joseph Roth schreibt in der melancholischen Sprache von einem, dessen Kindheit ausgelöscht worden ist. Das Land, in dem er aufgewachsen ist, existiert nicht mehr. Alle Strukturen sind gefallen. Auf den Trümmern aber wurde noch nichts Neues aufgebaut. (Natürlich haben auch heute wegen der sich immer rasanter drehenden Zeit, viele Menschen ein ähnliches Gefühl.) Auf Roth aber wartete die wahre Katastrophe. Er schrieb den Roman in den dreißiger Jahren. Die Nazis zogen bereits lärmend durch die chaotischen Straßen; ein Jahr nach der Veröffentlichung des Buches sollten sie die Macht übernehmen. Roth, Jude, floh nach Paris, wo er immer mehr dem Alkohol verfiel und schließlich an diesem zugrunde ging. Er soll im Armenhaus gestorben sein.

Von Wien, im Radetzkymarsch noch als die Hauptstadt eines großen Reiches beschrieben, habe ich leider aufgrund anderer Verpflichtungen nicht viel gesehen. Aufgefallen ist mir aber das Verschwinden des Wienerischen Akzents. In der U-Bahn habe ich vor allem Hochdeutsch mit ganz leichtem österreichischem Einschlag gehört. Einzig der osteuropäische Taxifahrer hatte richtig gewienert. Der alte von Trotta würde sich darüber ärgern. Schon im Radetzkymarsch stößt ihm das Hochdeutscheln einer Hausdame sauer auf.

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