Wien I

Den schlafenden Paul berührt, der müden Carol einen Kuss, dann aufs Taxi zum Flughafen. Wie immer funktionierte das Radio Taxi Alcorcón wie am Schnürchen. Nie sind sie zu spät, immer warten sie bereits fünf Minuten vor dem abgemachten Termin vor der Tür. Der Taxifahrer hieß Andrés. Wir sprachen über unseren Namen und ich versuchte ihn davon zu überzeugen, dass der Name aus dem griechischen stamme und Andreas die griechische und deshalb die Originalaussprache des Namen sei. Alles andere: Andrés, Andrew, André sind sprachliche Varianten. Andrés bezweifelte die Sache.

  • „Nein, hier in Spanien kommt der Name von einem Heiligen und der hieß San Andrés.“
  • „Ja, aber San Andrés lebte in Palästina und war ein Grieche namens Andreas.“
  • „Grieche … Das bezweifle ich.“
  • „Du hast Recht, vermutlich war er nicht Grieche, sondern hellenisierter Jude. Sein Name war aber griechisch und auf Griechisch sagt man Andreas nicht Andrés.“
  • „San Andrés Grieche? Ich weiß nicht … Sind ja sowieso alles unverständliche Sprachen.“
  • „Es gibt halt viele Varianten unseres Namens, zum Beispiel André, Andrew, etc.“
  • „Ja, meine Freunde nennen mich oft Andrew, obwohl sie natürlich kein Englisch sprechen.“

An dieser Stelle brachen wir das Gespräch über unseren Namen ab.

Ich bin normalerweise pro-Über und mache mich über die protestierenden Taxifahrer in Madrid und anderswo lustig. Trotzdem interessiert mich, was die Taxifahrer von Über halten. Also frage ich Andrés nach Über: „Wie sieht’s den jetzt aus in Madrid? Sind sie verboten oder nicht?“ (Gestern Abend sah ich auf der App, dass in Alcorcón fünf Über-Fahrer auf Kunden warteten.) Ich stellte diese Frage, als wir auf die M40 auffuhren. Sein darauffolgender, teilweise recht leidenschaftlicher Monolog, größtenteils auf der Überholspur vorgetragen, dauerte genau bis zum Flughafen und endete erst, als er beim Terminal 4 beinahe einen die Straße überquerenden Fußgänger überfahren hätte.

„Siehst du den? Der kommt von da hinten? Da laden nämlich die Über-Fahrer ihre Kunden ab, weil sie nicht reinfahren dürfen. Und schau dir mal das lange Gesicht an, das er zieht. Dem hat der Fahrer im Auto bestimmt kein Wasser angeboten, wie ich dir!“ (Tatsächliche sah der vermeintliche Über-Kunde nicht sehr glücklich aus, was aber auch daran gelegen haben mochte, dass er am frühen Freitagmorgen auf den Flughafen musste …)

Andrés’ Ausführungen waren interessant und zum ersten Mal überhaupt, hat mich ein Taxifahrer mit seiner Meinung zu Über einigermaßen überzeugt. Sein Argumente waren die folgenden: Die Madrider Taxis unterliegen strikten Kontrollen. Drei Mal im Jahr muss er zur ITV um das Auto vorzuführen. Dabei wird auch der versiegelte Taximeter kontrolliert. Überhaupt soll es fünf Siegel in seinem Taxi geben, an welchen er sich nicht selbst zu schaffen machen darf. Der Preis der Taxifahren in Madrid ist genau geregelt und zwar von einem Konsortium, in welchem auch eine Konsumentenschutzgruppe einsitzt. Die Taxifahrer müssen eine „schwierige Prüfung“ ablegen, die man nicht bestehen würde, hätte man „an der Schule nicht zumindest ein bisschen aufgepasst“. Nur wenige Autos sind als Taxis zugelassen, normalerweise SEATS, also in Spanien hergestellte Autos. Er zahlt Steuern und zwar auf jede Fahrt, da alles über den Taximeter abgerechnet werden muss. Die Anzahl der in Madrid zugelassenen Taxis ist geregelt, damit die Stadt nicht überlastet wird. Und 99% der spanischen Taxifahrer sind selbstständig und fahren ihr eigenes Auto.

Über-Fahrer hingegen kann jeder werden. „Da kommt Fulanito [dieser Name wird in Spanien verwendet, um zu sagen: irgendjemand] in einem alten Fiat daher, kennt die Stadt nicht, guckt ständig auf die App und hält sich an keine Regeln. Der Preis wird je nach Nachfrage automatisch angepasst. Wenn also Real Madrid spielt wird alles teurer – auch für einen Atletico-Fan, den Real nicht im geringsten interessiert. Das ist doch ungerecht!“ Und außerdem: Über zahlt in Spanien keine Steuern, sie versteuern alles in Belgien. Und wenn ein Unfall passiert, dann musst den Über-Fahrer verklagen, der sowieso kein Geld hat; die Firma enthält sich im Kleingedruckten jeglicher Verantwortung. Die offiziellen Taxifahrer hingegen müssen eine Haftschutzversicherung abschließen, welche einen Schaden von 600’000 Euro deckt.

„Von mir aus können Sie alles deregulieren, dann kann ich den Preis mit dir direkt verhandeln und weil du Ausländer bist und zum Flughafen fährst, verlange ich natürlich mehr; und wenn deine Schwiegermutter zum Arzt muss, weigere ich mich, sie hinzufahren, da es nur 800 Meter sind und es sich für mich nicht lohnt. Dann machen wir es, wie in Amerika, zahlen kaum Steuern und wenn wir ein Bein brechen und unsere Privatversicherung sagt, im Kleingedruckten stehe aber, nur der Arm sei versichert, humpeln wir halt für den Rest unseres Lebens!“ – An dieser Stelle waren wir bereits am Flughafen und Andrés bremste scharf, um den plötzlich auf die Straße springenden Fußgänger, der vielleicht aus einem Über kam, nicht zu überfahren.

In vielem hatte Andrés recht. Die staatliche Regulierung hat gewiss Nachteile: Sie mag Ressourcen verschlingen und zum Aufbau einer Behörde führen, welche nach einer gewissen Zeit damit beginnt, mehr und mehr Vorschriften zu erlassen, um ihre eigene Existenz zu sichern. Auch sind Regulationen, wie jedes Gesetz, allgemein gefasst und schaffen im Einzelfall nicht immer optimale Zustände. Aber es ist trotzdem so, dass die Regulierung ihren Sinn hat; sie bieten den Anbietern einen gewissen Schutz (in diesem Fall die Taxifahrer zum Beispiel einen geschützten Arbeitsbereich bieten, in welchen nur eintreten kann, wer die entsprechenden Vorschriften erfüllt), verleihen den Konsumenten die Sicherheit ein bestimmte Mindestdienstleistung zu erhalten, und behalten überhaupt das Wohl der ganzen Stadt, des öffentlichen Raumes, im Auge. Bei der Internet-Deregulation (das heißt, bei neuen, dank des Internets entstanden Dienstleistung) fehlen diese von der öffentlichen Hand garantierten Sicherheiten oft. Manchmal treten die Nachteile und Probleme erst nach einer gewissen Zeit ans Tageslicht. Airbnb zum Beispiel war vor einigen Jahren eine tolle Alternative zu Hotels, welche sich oft auf ihren Sternen ausgeruht hatten. Unterdessen aber hat sich Airbnb zu einer richtigen Plage entwickelt: Ganze Wohnhäuser in den Stadtzentren sind zu Ferienwohnungswüsten geworden. Außerdem sind sie viel zu teuer geworden; und natürlich versteuert kaum ein Airbnb-Anbieter seine Einnahmen (und die Firma Airbnb versteuert wohl auch kein Geld in Spanien). Es scheint mir eine gute Entwicklung, dass es die Madrider Stadtregierung der Eigentümerversammlung berlassen will, ob in einem Gebäude Ferienwohnungen erlaubt sind, oder nicht.

*

Im Flugzeug. Beim Einsteigen las ich weiter im Houllebecq, der mich zu deprimieren beginnt. Zum Glück habe ich auch das Winterbuch mitgenommen, in dem ich noch nicht alle Geschichten und Gedicht gelesen habe. Houllebecq essayistisches Buch ist ein Nachdenken über das Altern und den Tod; die Zukunft, das Klonen und das ewige Leben, oder besser gesagt: überleben, den die Zukunft die er beschreibt, macht nicht viel her. Seine Frage ist eigentlich: Wenn die Technik den Menschen zum Neo-Menschen macht und die Leiden und Verletzlichkeit des Körpers immer mehr in den Griff bekommt, was geschieht dann mit demjenigen, der im Körper drin. Oder besser: derjenige, welcher der Körper ist. Denn, so sagt eine Figur des Buches, der Mensch ist sein Körper. Er zeigt sogar einen Zementsack voller Material vor, der die genau gleichen Stoffe enthalten soll, aus denen ein siebzigjähriger Mensch besteht. Vor allem natürlich Wasser. Er sticht hinein und unter dem Sack bildet sich eine Lache. Mit dem Körper lassen sich die Triebe erklären, aber was ist die Liebe? – Ich legte de Houllebecq fast fertig gelesen zur Seite und nahm das Winterbuch zur Hand. Darin las ich, bis wir über den Neusiedlersee flogen und kurz danach in Wien landeten.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s