Akzelerationismus

Gestern Abend Omas Zimmer aufgeräumt. Dazu habe ich mir eine Diskussion von Justin Murphy mit Nick Land angehört; heute im Auto auf der Fahrt zum und vom Büro weitergehört. Nick Land ist einer der Vordenker des Akzelerationismus (accelerationism). Diese politische Philosophie, welche auch Gesellschafts- und Kulturkritik umfasst, wird vor allem online diskutiert; Justin Murphy (der erst ungefähr 1,100 followers auf Youtube hat) ist zwar associate professor an einer englischen Universität, aber der Akzelerationismus ist noch nicht an die politischen Fakultäten vorgedrungen. Trotzdem bildet er die Speerspitze der politischen Zukunftsphilosophie. Zum ersten Mal hat sich Nick Land in den Neunziger Jahren, damals selbst noch akademisch tätig, mit Technologie, Politik und Zukunft auseinandergesetzt. Was hat zur gleichen Zeit den Lehr- und Diskussionsplan in St. Gallen dominiert? Lob der EU, Kritik von Huntingtons Kampf der Kulturen. Mehr Küng (Weltethos) als Huntington, hatte Professor Riklin damals gefordert. Professor Kley hatte ein Büchlein zum demokratischen Frieden geschrieben. These: Unter Demokratien brechen keine Kriege aus. Alles sehr idealistisch. Natürlich: das waren noch andere Zeiten und nur wenige blicken über den Rand der Zeit hinaus. Und es wäre auch falsch zu behaupten, der Zyniker oder zumindest Fatalist (Nick Land) sei dem Idealisten automatisch überlegen. Aber Nick Land war unserem Institut für Politikwissenschaften eben doch weit voraus. Akzelerationsimus: Die Lehre der stetigen technologischen, gesellschaftlichen und politischen Beschleunigung. Bereits heute scheint es klar, dass dem Menschen die Kontrolle über die Technologie und ihre Folgen zu entgleiten droht. Er kann nicht anders als die Sache weiter zu treiben. Bald werden wir uns höheren, von uns selbst geschaffenen Intelligenzen gegenüber sehen.

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Heute ist es bedeckt; für einmal kein blauer Himmel über Spanien. Ein sehr angenehmer Tag, wie ich sie in den vergangenen vier Monaten nur ganz selten erlebt habe.

Frühstück con los padres de la puerta. Wir sprachen über Bullying: Was gehört einfach zum Kindsein, wann muss man eingreifen? Natürlich neigen die heutigen Eltern dazu, ständig Bullying am Werk zu sehen, wo die Kinder sich doch seit eh und je aneinander reiben und testen.

Bevor die anderen auftauchten, saß ich alleine in der Cafetería und las Emanuel Carrère: D’autres vies que la mienne (seit langem wieder einmal etwa auf französisch, inspiriert von meinem Parisbesuch). Wie Houllebecq ist auch Carrère ein deprimierender Autor; wie H ist auch C liebesunfähig, zumindest attestiert er sich dies selbst. Gehört das zum guten Ton in der französischen Literaturszene? Trotzdem ist er einer meiner drei französischen Lieblingsautoren (der dritte ist Modiano, den ich schon, wie zu betonen ich nicht müde werde, fast zwanzig Jahre vor seinem Nobelpreis gelesen habe, als er noch weitgehend unbekannt war).

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