Alles ist Psychologie

Ich lese Die Möglichkeit einer Insel von Michel Houllebecq. Ich habe bereits über ihn geschrieben; er ist der große Romancier des Pessimismus. Seine Romane sind Essays, welche die moderne Welt analysieren, speziell natürlich die französische Gesellschaft aber auch den Westen im Allgemeinen. Seine Gesellschaftsanalyse ist scharf, sie fasst in Worte und Geschichten, was man beobachtet, was man vielleicht auch nur unbewusst wahrnimmt. Vielleicht sind seine Romane deshalb so spannend, weil man in ihnen vieles klarer dargestellt findet, als man es selbst zu sehen imstande ist. Zweifelsohne viel ehrlicher beschrieben, als in der Presse (ich vermeiden den etwas konspirativen Ausdruck mainstream media, obwohl ich das natürlich mit Presse meine).

Aber alles ist Psychologie. Auch ein Kulturkritiker wie Houllebecq analysiert am Ende nur sich selbst. Seine Beobachtungen sind, wie gesagt, scharf, aber es sind eben Houllebecqs Beobachtungen. Er sieht sich selbst in der Welt. Alles ist Psychologie und geprägt wird diese von unseren frühsten Kindheitserfahrungen. Gemäß seiner Wikipedia-Seite wurde er mit sechs Jahren von seinen Eltern verlassen; von der Insel Réunion zur Großmutter nach Frankreich geschickt. Die Eltern (und vor allem von der Mutter ist die Rede) wollten Spaß haben und haben ihn “aufgegeben”. Wen wundert also die folgende Gesellschaftsanalyse Houllebecqs: Das Gute, Wahrhaft, Standhafte, Standfeste, usw. ist nur Illusion; vor allem ist auch die Liebe Illusion; und weil wir nichts haben, flüchten wir uns in den Spaß; wir wollen im Westen keine Kinder mehr, wollen unsere Alten nicht, wollen selbst nicht alt werden, da die Fähigkeit zum Spaß haben, bereits ab vierzig rapide abnimmt.

In jedem Roman schreibt Houllebecq so über die Gesellschaft, und über sich selbst. Tut er dabei was Jung das Unbewusst realisieren nannte? Ich glaube nicht. Jung sagte: Mache das Unbewusste bewusst, oder es wird dein Leben bestimmen (und du wirst es Schicksal nennen). Houllebecq schein sich sein Unbewusstes nicht bewusst machen zu wollen; er läßt sein düsteres Schreiben von ihm leiten. Interessanterweise wendet er sich in Die Möglichkeit einer Insel gegen die Psychotherapie (gegen Freud, nicht gegen Jung). Er lässt eine der Figuren sagen, dass man das Unbewusst eben nicht bewusst machen, sondern verdrängen sollte, da die ständig wiedergekäuten Erinnerungen ansonsten im Gehirn immer mehr neurologische Knotenpunkte bilden würden, und unsere Erinnerungen so von Software sozusagen zu Hardware werden.

Die Lehre ist aber die: Auch der schärfste Analytiker und der gründlichste Philosoph schreiben am Ende immer nur über ihre frühste Kindheit.

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