Paris III

Man kennt die Figur des langen, schmalen Mannes von Alberto Giacometti. Auch das Gesicht des Künstlers ist vielen vertraut: markante Züge, ungebändigte Haare; ein Mann, den seine Arbeit, oder was er mit dieser zu verstehen suchte, mehr interessiert, als sein Äußeres. Ein Gesicht aus den Alpen.

Giacometti stammt aus dem italienischsprachigen Graubünden, verbrachte aber fast sein ganzes Arbeitsleben in Paris. Die ganze Zeit über in einem kleinen, komfortlosen Atelier in Montparnasse, mit Ausnahme des Zweiten Weltkriegs, den er in Genf aussaß. Alberto muss nicht reisen, sagte sein Bruder Diego, er hat alles was er braucht in seinem Atelier und in Paris. Natürlich war Paris vor allem in der Zeit zwischen den Weltkriegen, aber auch nach überstandener Okkupation, ein einmaliger Ort. Hemingway, Picasso, Satre, usw.; ein paar Jahrzehnte später Focault, Godard, Tinguely (noch zwei Schweizer) und viele andere – sie alle lebten in Paris auf wenigen Quadratkilometern, frequentierten dieselben Orte.

Giacometti gehörte zu den Pariser Surrealisten, experimentierte kurz mit dem Kubismus, kehrte dann aber zur naturgetreuen Darstellung des menschlichen Körpers zurück. Schließlich entwickelt er die Form der langen, schmalen Figuren, für die er bekannt ist. Vor allem die Augen haben ihn interessiert. Wenn man die Kurve der Augen richtig hinkriege, wachse der ganze Kopf daraus hinaus, sagte er. Der menschliche Körper aber war für ihn kein Objekt, das ihm als Vorlage für seine Kunst diente. Er suchte den Menschen zu verstehen, dass heißt: das Leben zu verstehen. „Der Schreitende“, sein Hauptwerk, stellt die Bewegung eines Menschen dar. Er ist ganz auf seine Essenz reduziert; lang, hager, beinahe zerbrechlich und trotzdem nach vorne strebend. Er stellt die ganze Menschheit dar, wie sie durch einen unbekannten Kosmos vorwärts schreitet. Ohne anders zu können, denn auch wenn wir stehen bleiben, schreitet die Zeit voran, und wir mit ihr, ob will wollen oder nicht.

Ich sah eine Ausstellung von Giacometti im Musée Maillol. Nachher setzte ich mich an einen dieser kleinen, runden Tische vor einer Brasserie und schrieb ungefähr eine Stunde lang allerlei, kaum zusammenhängende Gedanken in ein Notizbuch.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s